Erfolgreicher TERRE DES FEMMES Themenabend „Patriarchatskritische Aktivistinnen aus islamischen Gesellschaften: Ihr Engagement und unser Beitrag“

v.l.n.r.: Jasmina Prpic, Mina Ahadi, Nina Coenen, Saida Keller-Messahli und Necla Kelek. Foto: © TERRE DES FEMMESv.l.n.r.: Jasmina Prpic, Mina Ahadi, Nina Coenen, Saida Keller-Messahli und Necla Kelek. Foto: © TERRE DES FEMMESTERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. hat am 19. Mai 2017 zum öffentlichen Abend in die Urania e.V. Berlin eingeladen. Als Auftakt zur jährlichen Mitfrauenversammlung diskutierten Podiumsgäste und Publikum zum Thema „Patriarchatskritische Aktivistinnen aus islamischen Gesellschaften: Ihr Engagement und unser Beitrag“.

Mit einem Grußwort eröffnete TERRE DES FEMMES Vorstandsfrau Prof. Dr. Godula Kosack den interessanten Abend und erinnerte an die Anfänge der Frauenbewegung in Deutschland und ihre Errungenschaften, welche es bis heute zu verteidigen gilt. Gerade im Angesicht derzeitiger politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen dürfe man sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. Die Frauenbewegung stehe heute wieder vor ungeahnten Herausforderungen und auch inneren Konflikten, die unter dem Begriff des "Kulturrelativismus" zu fassen seien.

Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, führte mit einem kurzen Vortrag zu Islamverbänden in das Thema ein und gab einen Überblick über die Situation in Deutschland: Vier Millionen Muslime lebten hier, rund 10 bis 15 Prozent davon seien in Verbänden organisiert. Die große Mehrheit sei also unorganisiert. Trotzdem arbeite die Regierung Deutschlands vor allem mit den Islamverbänden zusammen, die nur eine Minderheit der muslimischen Gemeinschaft darstellten. Keller-Messahli führte vor Augen, dass die Islamverbände oft mit Saudi-Arabien verbunden seien. Einem Land, in dem ein radikaler Islam gelebt und Menschenrechte missachtet würden. Eben diese Verbände sind bisher für den Islamunterricht, die Seelsorge und die Flüchtlingsbetreuung in Deutschland zuständig, erklärte Keller-Messahli. Darüber hinaus verpasse sich die Regierung Deutschlands selbst einen Maulkorb, wenn sie bei lukrativen Geschäften mit Saudi-Arabien die Augen vor Menschenrechtsverletzungen verschließe. Kritiken erschienen dann unglaubwürdig.

Vor allem eins wurde aus dem einführenden Kurzvortrag ersichtlich: Säkulare Muslime sowie MenschenrechtsaktivistInnen können und sollten von der gut funktionierenden Vernetzung, Organisation und Finanzierung der Islamverbände lernen.

 

Im Anschluss daran eröffnete die Moderatorin Nina Coenen die Podiumsdiskussion. Mit dem Zitat von Margaret Thatcher „If you want something done, ask a woman“ leitete sie über zu den starken Frauen in der Podiumsrunde. Darunter Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, die von ihren Erfahrungen mit dem politischen Islam und ihrem Kampf gegen Steinigungen und die Todesstrafe erzählte. Gegen das islamische Regime im Iran sowie als Partisanin in Kurdistan habe sie für Gleichberechtigung gekämpft. In der Welt ließe sich etwas verändern, wenn man es erreichen würde Weltöffentlichkeit zu schaffen, ermutigte sie die Anwesenden. So gebe es unter anderem dank ihres unermüdlichen Einsatzes seit 2010 keine Steinigungen mehr im Iran.

Jasmina Prpic, Vorsitzende der Anwältinnen ohne Grenzen e.V., erzählte aus ihrer ehemaligen Heimat Bosnien und Herzegowina, in dem sich vor dem Krieg 85 Prozent der Menschen als religionsfrei bezeichneten. Nach dem Krieg hingegen fühlten sich 90 Prozent religionsgebunden, erklärte Prpic. Ein Wandel, der durch das geschickte Eingreifen der muslimischen Verbände gefördert würde und das Leben nachhaltig verändert hätte. Sie merkte an, dass das Kopftuch keinesfalls ein fester Bestandteil der muslimischen Religion sei. Gerade im aktuellen Diskurs ständen sich die beiden im Grundgesetz verankerten Prinzipien der Religionsfreiheit und das Recht auf freie Entfaltung entgegen. Als Anwältin setzt sie sich besonders für Frauen ein und macht auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. So geht sie gegen Vergewaltigungen als Kriegstaktik vor und steht den Betroffenen bei.

TERRE DES FEMMES Vorstandsfrau Necla Kelek berichtete von ihren Erfahrungen aus der Türkei. Sie zog dort im Kindesalter mit ihrer Familie vom Land nach Istanbul. Zunächst hätte sie dies als freies Leben empfunden, doch auch dieses Bild hätte sich verändert. Jede dritte Frau in der Türkei werde zwangsverheiratet. Eltern verfügten über das Leben ihrer Kinder. In diesem Kontext machte sie auf die Position von TERRE DES FEMMES zu Zwangsheirat und Frühehen sowie die aktuelle Situation in Deutschland aufmerksam. Die Hoffnung bestehe, dass der Gesetzesentwurf zur Bekämpfung von Frühehen durchgesetzt und Frühehen von Kindern unter 16 Jahren in Deutschland annulliert werden. Es müssten klare Zeichen gesetzt werden, dass eine Werteorientierung, in denen Frauen keine Rechte haben, nicht geduldet werde.

Frau Keller-Messahli, die selbst aus Tunesien stammt und nun in der Schweiz lebt, wies darauf hin, dass es oft schwierig sei von einer außenstehenden Perspektive den Unterschied zwischen einem politischen und einem fortschrittlichen Islam zu erkennen. Forderungen und Vorstellungen müssten daher genau unter die Lupe genommen werden. Beim politischen Islam herrsche ein sozialer Druck in den Communities. Individuelles habe keinen Platz. Stattdessen werde die Gemeinschaft über alles gestellt und von der Herrschaft letztlich instrumentalisiert. Säkulare Muslime würden auch von Islamisten angegriffen und als islamophob bezeichnet werden. Dies sei ein weiterer Versuch kritische Stimmen aus dem Diskurs zu verbannen.

Nach dem spannenden Podiumsgespräch gab es zahlreiche Wortmeldungen. Besonders interessierte die Anwesenden wie man die Parteien nun unter Druck setzen könne, sich gegen einen politischen Islam zu positionieren und sich für Neutralität in öffentlichen Institutionen einzusetzen. Die Sorge, dass durch das fehlende Handeln rechtspopulistische Kräfte erstarken, wurde geäußert. Necla Kelek empfahl daher, die Abgeordneten einzeln zu gewinnen, um sich so eine Lobby zu schaffen.

Neben Kritik am Vorgehen der deutschen Politik wurde eine Forderung des Abends immer wieder deutlich: Religion müsse Privatsache bleiben. Mina Ahadi forderte zudem Kindern keine spezifische Religion zu lehren. Um Kindern eine freie Entfaltung zu ermöglichen, sei es darüber hinaus wichtig, das Kopftuch gesetzlich zu verbieten. Jasmina Prpic mahnte an, nicht nur das Kopftuch in den Vordergrund der Unterdrückung von Frauen zu stellen. So würde man in eine Falle geraten. Mädchen und Frauen würden viele Rechte versagt, die Männern zustünden, wie etwa der Zugang zu Bildung. Es dürfe jedoch nie vergessen werden, dass Gleichstellung kein Privileg sei, sondern ein Grundrecht. Deswegen müssten säkulare Muslime ins Boot geholt werden, um den islamischen Verbänden die Stirn zu bieten. Denn bis jetzt haben sie keine Lobby und sind nicht in das politische Geschehen miteingebunden, sagte Ahadi.

In einem Punkt waren sich die Frauen einig. Politik solle durch Parteien gemacht werden und nicht durch Religion. Religion sollte nie die Hauptidentität von Menschen sein. Daher sollte die Regierung nicht mit reaktionären Islamverbänden zusammenarbeiten.

TERRE DES FEMMES bedankt sich bei allen Beteiligten für diesen gelungenen Abend.

 

 

Text: Annika Mohr

Stand: 05/2017

 

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