Hatun Sürücü: der mutigen Frau gedachten Veranstaltungen in Tempelhof und Neukölln

Am 7. Februar jährte sich der Todestag von Hatun Sürücü. Die junge Frau war 23 Jahr alt, als sie vor 12 Jahren Opfer eines sogenannten Ehrenmordes wurde. Auf offener Straße wurde Hatun Sürücü von ihrem jüngeren Bruder erschossen. Hatun Sürücü steht mit ihrem Schicksal stellvertretend für all jene Mädchen und Frauen, denen aufgrund ihrer Entscheidung für ein selbstbestimmtes und freies Leben ebendieses genommen wurde. Der Todestag von Hatun Sürücü mahnt deswegen nicht nur, null Toleranz zu zeigen gegenüber patriarchalen Wertvorstellungen, die sich in einer vermeintlichen Ehre und überkommenen Traditionen artikulieren. Gleichzeitig ist das Gedenken Hatun Sürücüs eine Aufforderung an alle, jeglicher Gewalt gegen Frauen ein klares „Nein“ entgegenzusetzen und für ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung lautstark einzutreten.

Bei der Kranzniederlegung am Tatort verliest TDF-Referentin Monika Michell die Bei der Kranzniederlegung am Tatort verliest TDF-Referentin Monika Michell die "Ehren"-Mordopfer aus dem Jahr 2016.
Foto: © TERRE DES FEMMES

Dieses Jahr gedachten erstmals zwei Veranstaltungen an Hatun Sürücü, bei denen auch TERRE DES FEMMES vertreten war. Neben der alljährlichen Kranzniederlegung am Tatort in der Oberlandstraße in Berlin-Tempelhof, hissten über hundert Menschen gemeinsam mit der Neuköllner Gleichstellungsbeauftragten Sylvia Edler und der Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD) eine Fahne auf dem Rathausplatz.

Hatun Sürücü entschied sich für ein Leben entgegen den Vorstellungen ihrer Familie. Mit 16 Jahren wurde sie in der Türkei mit ihrem Cousin zwangsverheiratet. Nach der Geburt ihres Sohnes kehrt Hatun Sürücü zurück nach Deutschland. Sie beginnt eine Ausbildung, will ihren Schulabschluss nachholen. „Hatun Sürücüs Ermordung ist die tragische Folge falsch verstandener und traditionell-patriarchalischer Ehrvorstellungen. Ihrem Tod ging dabei ein langer Leidensweg voraus,“ erinnert die Tempelhofer Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) bei der Kranzniederlegung am Tatort. Um Schicksale wie das von Hatun Sürücü zu verhindern, müssen junge Menschen, die von Gewalt im Namen der Ehre bedroht sind, noch besser geschützt werden. Staatssekretärin Barbara König betonte in diesem Zusammenhang die Wichtig- und Notwendigkeit entsprechender Aufklärungs- und Präventionsangebote sowie Beratungs- und Zufluchtsstellen.

Hatun Sürücü ist kein Einzelfall! TERRE DES FEMMES verlas aus diesem Grund die Namen derjenigen Frauen und Männer, die im vergangenen Jahr im Namen der Ehre ermordet wurden: acht Schicksale, versuchte Tötungen nicht mitgezählt. Eine vollständige Liste finden sie hier. Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs, von einer sehr viel größeren Dunkelziffer ist auszugehen. Hatun Sürücü verdeutliche exemplarisch und auf grausamste Weise die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern. Dieser wollen die jungen Männer des Jugendprojekts Heroes mit ihrer Arbeit entgegen wirken. : es gehe darum bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen, um einen Denkanstoß zu bewirken.

Bei der Fahnenhissung in Neukölln v.l.r. Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD), Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler, TDF-Referentin Myria Böhmecke. Foto: © TERRE DES FEMMESBei der Fahnenhissung in Neukölln v.l.r. Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD), Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler, TDF-Referentin Myria Böhmecke. Foto: © TERRE DES FEMMESÜber hundert UnterstützerInnen kamen unter dem Motto „Selbstbestimmt – Leben ohne Gewalt“ zur Fahnenhissung auf dem Rathausplatz des Bezirks. Den Zeigefinger lebenslustig und kämpferisch erhoben, ziert die Silhouette einer jungen Frau die eigens für diesen Tag entworfene Fahne. Die Botschaft Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung, das sei es, was Hatun Sürücü zum Vorbild für alle Mädchen und jungen Frauen macht, sie ermutigt, ihren eigenen Lebensweg zu wählen und nach ihren Träumen zu gestalten. Freiheit, dafür stehe Hatun Sürücü. Gleichzeitig sei es die Vielfalt Neuköllns, die Unterschiedlichkeit der Menschen, deren Bewahrung ein tolerantes Miteinander in gegenseitiger Freiheit erfordere. In diesem Sinne legten die Frauenbeauftragte Sylvia Edler und die Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD) gemeinsam mit den BesucherInnen jeden Alters Blumen nieder. Die Botschaft der Fahne weht nun bis zum weltweiten One Billion Rising am 14. Februar, wenn weltweit Millionen Frauen gemeinsam gegen Gewalt an Frauen tanzen. TERRE DES FEMMES war hier mit einem Infotisch vertreten. Zahlreiche interessierte Mädchen und Jungen, Frauen sowie Männer deckten sich mit Materialien zu Gewalt im Namen der Ehre ein.

Der heute 37-jährige Täter wurde nach seiner neunjährigen Haftstrafe in die Türkei abgeschoben. In Istanbul wird der Prozess zur Aufklärung des Tathergangs fortgesetzt. Wegen einer erschwerten Zeugenlage, wird der Prozess immer wieder unterbrochen. Am 16. Februar soll die Ex-Freundin des Täters vernommen werden. Diese lebt mittlerweile in einem Zeugenschutzprogramm.

Im Interview erklärt TDF-Referentin Monika Michell die von der Politik benötigten Maßnahmen, um Gewalt im Namen der Ehre abzuschaffen.

Stand: 02/2017

 

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