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Amazonian Initiative Movement (AIM), Sierra Leone – Arbeit gegen Genitalverstümmelung

„Menschen bilden heißt sie stärken. Nur über ihre Denkweise können wir das Handeln der Menschen verändern.“ Rugiatu Turay, Gründerin und Leiterin von AIM Foto: ©TERRE DES FEMMES ArchivMenschen bilden heißt sie stärken. Nur über ihre Denkweise können wir das Handeln der Menschen verändern.“
Rugiatu Turay, Gründerin und Leiterin von AIM
Foto: © TERRE DES FEMMES Archiv
Interventionsgebiete: Die Region um die Stadt Lunsar, wo AIM seinen Hauptsitz hat

Wird von TDF unterstützt seit:
2009

Zielgruppe:
Mädchen, die von Genitalverstümmelung bedroht sind 

Projektaktivitäten:

  • Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit gegen FGM in Dörfern
  • Zusammenarbeit mit Beschneiderinnen, die ihrem Beruf abschwören und als Aktivistinnen arbeiten
  • Ein Schutzhaus für Mädchen, die vor ihrer Familie und der drohenden Verstümmelung fliehen
  • Betreuung der Mädchen durch Sozialarbeiterinnen und Rechtsberaterinnen, Mediationsgespräche mit den Eltern
  • Ermöglichung von Schulbesuch und Studium  

Projektgründerin/Leiterin: Rugiatu Turay

Kontakt TDF:
Ehrenamtliche Projektkoordinatorin Veronika Kirschner (Sierra-leone@frauenrechte.de) oder
TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit  iz@frauenrechte.de

Projektflyer: Informationsflyer AIM (PDF-Datei)

 

 

 

  • Hintergrund

  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

Hintergründe und Projektbeschreibung

Weibliche Genitalverstümmelung in Sierra Leone

Im westafrikanischen Sierra Leone sind nach Angaben von UNICEF aus dem Jahr 2013 etwa 88% der Mädchen und Frauen von Weiblicher Genitalverstümmelung (englisch: Female Genital Mutilation, kurz: FGM) betroffen. Es wird geschätzt, dass im Land bis zu 50.000 Beschneiderinnen tätig sind. Die meisten von ihnen sind in landesweit bestehenden sogenannten Geheimbünden organisiert. Weibliche Genitalverstümmelung ist Teil der Aufnahmerituale in den Frauengeheimbund. In der Öffentlichkeit werden Genitalverstümmelung und ihre lebensgefährlichen Folgen immer noch größtenteils tabuisiert. PolitikerInnen in Sierra Leone fürchten den starken gesellschaftlichen Einfluss der Geheimbünde und befürworten FGM daher häufig. Bis heute gibt es kein gesetzliches Verbot gegen FGM in Sierra Leone. Auch das Maputo-Protokoll (Protokoll für die Rechte von Frauen in Afrika) wurde erst 2015 und nur unter Vorbehalt ratifiziert: die Forderung, das Praktizieren von FGM abzuschaffen, wurde durch ein Mindestalter von 18 Jahren ersetzt - für AIM ein klares Zeichen, dass die Regierung nicht gewillt ist, gegen FGM vorzugehen.

Amazonian Initiative Movement (AIM)

In diesem Umfeld arbeitet die Organisation Amazonian Initiative Movement (AIM), eine unabhängige Frauenrechtsorganisation, deren Arbeitsschwerpunkt in der Überwindung der Weiblichen Genitalverstümmelung liegt. Darüber hinaus engagiert sich AIM auch gegen Zwangsverheiratung und sexualisierte Gewalt. Ihren Hauptsitz hat die Organisation in Lunsar, etwa 80 km nordöstlich von der Hauptstadt Freetown entfernt. Im Jahr 2003 gründete Rugiatu Turay, nach ihrer Rückkehr aus dem Bürgerkriegsexil im Nachbarland Guinea, zusammen mit Gleichgesinnten AIM in ihrem Heimatort. Schon in Guinea konnte sie Erfahrung mit der Arbeit bei einer kleinen Organisation sammeln – allerdings wurde diese von einem Mann geleitet, der vor allem seine Mitarbeiterinnen oft ungerecht behandelte. Daher fasste sie bald den Entschluss eine eigene Organisation zu gründen.

Die Ebola-Epidemie, die 2014 in mehreren westafrikanischen Ländern ausbrach, brachte auch Sierra Leone in einen absoluten Ausnahmezustand. AIM setzte sich mit aller Kraft für die Versorgung der Bevölkerung und gegen die Ausbreitung des Virus ein. Die Organisation  leistete unermüdlich praktische Hilfe und Aufklärungsarbeit, was ihren Bekanntheitsgrad weit über die Grenzen des Port Loko-Distrikts hinaus vergrößerte.

Projektaktivitäten von AIM

Als der Verein im Jahr 2003 seine Arbeit aufnahm, brach er mit der öffentlichen Thematisierung von Genitalverstümmelung ein Tabu. Mittlerweile ist das Wissen um die negativen Konsequenzen von FGM in der Bevölkerung von Lunsar und Umgebung weiter verbreitet. Der Name „Amazonen“ bleibt dennoch aktuell, denn ein Engagement bei AIM erfordert nach wie vor Mut und Durchhaltevermögen.

Gegenwärtig arbeiten für die Organisation ca. 30 Frauen und Männer in Teil- und Vollzeitbeschäftigung. Daneben gibt es zahlreiche ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Rugiatu Turay ist durch ihre engagierte Arbeit bei AIM und auch durch kirchliches und politisches Engagement weit über Lunsar hinaus eine bekannte Frauenrechtlerin.
AIM arbeitet mit einem ganzheitlichen Ansatz und versucht, alle an der Genitalverstümmelung beteiligten AkteurInnen, wie Beschneiderinnen, Kinder und Jugendliche, Eltern und LehrerInnen, Gesundheitspersonal, sowie politische, traditionelle und religiöse Führungspersonen in die Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit mit einzubeziehen.

Ein Schutzhaus für Mädchen

Das Schutzhaus für Mädchen von AIM. Foto: © AIMDas Schutzhaus für Mädchen von AIM.
Foto: © AIM
Ein Ergebnis der AIM-Aktivitäten ist, dass immer mehr Mädchen über die verheerenden Folgen der Genitalverstümmelung Bescheid wissen. Sie erfahren von ihren Rechten und der Möglichkeit, NEIN! zu sagen. Da sie aber gegen die Macht der lokalen Behörden und Autoritäten, den Beschneiderinnen, und den Druck ihrer Familien nichts ausrichten können, bleibt vielen Mädchen nur die Flucht vor ihren Familien und aus ihren eigenen Dörfern, um der Genitalverstümmelung zu entgehen. Die meisten dieser Mädchen wissen nicht wohin. Für sie hat AIM, mit der Unterstützung von TERRE DES FEMMES, ein Schutzhaus gebaut.

Das Schutzhaus liegt etwa eine Meile von Lunsar entfernt. Es bietet 15 bis 20 und häufig noch mehr Mädchen und jungen Frauen, die vor drohender Genitalverstümmelung und sexueller Gewalt fliehen, einen sicheren Raum.

 

Rugiatu Turay, Gründerin von AIM, mit Mädchen aus dem Schutzhaus. Foto: © AIMRugiatu Turay, Gründerin von AIM, mit Mädchen aus dem Schutzhaus.
Foto: © AIM
Die Mädchen und jungen Frauen werden von einer Sozialarbeiterin betreut und in der Nacht von einem Wachmann beschützt. Mit der Ermöglichung eines Schulbesuches, einer Ausbildung oder eines Studiums erhalten die Betroffenen eine Zukunftsperspektive. AIM versucht auch immer in einen Dialog mit den Familien zu treten und in einigen Fällen wirkte die Überzeugungsarbeit: Die Mädchen konnten in ihre Familien zurückkehren.

Im Verlauf der Ebola-Epidemie wurden die Minen geschlossen und aufgrund der folgenden Arbeitslosigkeit kam es zu zahlreichen Diebstählen, von denen auch das Schutzhaus stark betroffen war. Es wurde unter anderem der Generator geraubt. Zwei der Mädchen waren ernsthaft erkrankt, sie konnten aber ihr Examen nach ihrer Genesung während der Ferien nachholen.

 

 

Eine neue Perspektive für BeschneiderInnen

(Ehemalige) Beschneiderinnen im Kampf gegen Ebola. Foto: © AIM(Ehemalige) Beschneiderinnen im Kampf gegen Ebola.
Foto: © AIM
AIM möchte die Beschneiderinnen nicht durch öffentliche Bloßstellung und Stigmatisierung von der Genitalverstümmelung abbringen, sondern klärt sie über die gefährlichen und lebensbedrohlichen Folgen während und nach der Genitalverstümmelung auf.

Durch Bildungsmaßnahmen bietet AIM den ehemaligen Beschneiderinnen eine Einkommensalternative. Etliche Frauen nahmen zum Beispiel an einem sechsmonatigen Alphabetisierungs- und Landwirtschaftskundekurs teil, der von der örtlichen Berufsschule St. Joseph Vocational Institute durchgeführt wurde. Während der Ebola-Epidemie wurden noch aktive und ehemalige Beschneiderinnen als Multiplikatorinnen im Kampf gegen die Infektion ausgebildet und konnten wichtige Aufklärungsarbeit leisten, da sie in ihren Dorfgemeinschaften als Respektspersonen hohes Ansehen genießen.

Bildung und Aufklärung für Kinder

AIM engagiert sich verstärkt in der politischen Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche, denn sie sind besonders stark von Menschenrechtsverletzungen betroffen und gleichzeitig die wichtigsten AkteurInnen des sozialen Wandels. So wurde ein Menschenrechtsseminar entwickelt, welches zunächst in zwei Sekundarschulen in Lunsar eingeführt wurde und mittlerweile bereits in mehr als 15 Schulen durchgeführt wird. Dort erfahren die SchülerInnen, was Menschen- und Kinderrechte sind und dass sie ein Recht darauf haben, unversehrt aufzuwachsen.

Im Anschluss daran organisiert AIM sowohl in den beteiligten Schulen als auch außerhalb so genannte „Menschenrechtsclubs“, die dabei helfen sollen, die MitschülerInnen sowie die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren, zum Beispiel durch Radiosendungen und Theaterprojekte.

AIM unterhält selbst zwei Schulen, eine in Rolal und eine weitere in Mamusa. Welch einen guten Ruf die Schulen haben und wie groß der Bedarf ist, wird dadurch deutlich, dass eine Schule, die für 150 SchülerInnen konzipiert war, mit 350 an den Start ging! Ein zweites Gebäude ist deshalb dringend erforderlich.

Auch die Schule hat auf die Ausnahmesituation durch Ebola reagiert: Sie betreibt jetzt ein Waisenhaus für 25 Kinder, die durch die Epidemie zu Waisen geworden sind.



Erfolge des Projekts

Die Mädchen spielen vor dem Schutzhaus. Foto: © Veronika KirschnerDie Mädchen spielen vor dem Schutzhaus.
Foto: © Veronika Kirschner
AIM bietet derzeit ca. 20-25 Mädchen im Schutzhaus eine sichere Unterkunft und Schutz vor FGM. Dies ist ein großer Erfolg für die Organisation.

„Ich bin glücklich und zufrieden, dass ich im Schutzhaus sein kann. Meine Eltern finden es mittlerweile auch gut, dass ich hier lebe – da sie sehen, wie sich mein Leben verbessert hat."
Ramatu Bangura, Bewohnerin des Schutzhauses

„Unsere Arbeit mit Jugendlichen zeigt große Wirkung. Kinder sprechen frei und regen Diskussionen mit Gleichaltrigen und ihren Familien an. Es ist ein großer Fortschritt, dass sie keine Angst mehr haben, über Beschneidung zu sprechen. Das Schweigen wurde gebrochen.“
Margaret Harding, langjährige Mitarbeiterin von AIM

Bisher hat AIM durch Bildungsmaßnahmen insgesamt etwa 60 Beschneiderinnen davon überzeugt, der Weiblichen Genitalverstümmelung abzuschwören.

Etwa die Hälfte der ehemaligen Beschneiderinnen sind mittlerweile AIM-Aktivistinnen, die in ihrem Umfeld als Multiplikatorinnen gegen FGM wirken. Mindestens zwei der Frauen begleiten AIM bei jeder Sensibilisierungskampagne.
Im Zuge des internationalen Tages „Null Toleranz gegenüber Weiblicher Genitalverstümmelung“ haben im Frühjahr 2011 ca. 20 Beschneiderinnen bei einem von AIM organisierten Festakt öffentlich erklärt, zukünftig keine Mädchen mehr zu verstümmeln.

 

 

Aktiv werden & Spenden

Mädchen aus dem Schutzhaus von AIM. Foto: © AIMMädchen aus dem Schutzhaus von AIM.
Foto: © AIM
Auch in Zukunft benötigt AIM finanzielle Unterstützung für

  • die laufenden Kosten des Schutzhauses
  • die Instandhaltung des Schutzhauses, denn derzeit stehen dringende Renovierungsarbeiten an
  • die Finanzierung der dort stattfindenden Rechtsberatung und psychologischen Unterstützung
  • die Bezahlung einer Sozialarbeiterin, welche die Mädchen betreut
  • die Verpflegung und das Schulgeld für die Mädchen im Schutzhaus
  • das Durchführen von Workshops über Genitalverstümmelung und andere schädliche traditionelle Praktiken für Mädchen
  • die Zusammenführung der ehemaligen Beschneiderinnen mit den Mädchen für Austausch und Diskussionen, sowie mit den Familien der Mädchen für mögliche Konfliktlösungen
  • die Einrichtung eines Netzwerkes von ehemaligen Beschneiderinnen
  • die Bildung von Menschenrechtsclubs an Schulen

Seit September 2014 unterstützen wir AIM gezielt mit Hilfsaktionen im Kampf gegen Ebolaverbunden mit Aktionen im Kampf gegen FGM.

Unterstützen Sie AIM mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

Sie können auch mit dem Stichwort „SIERRA LEONE“ auf folgendes Konto spenden:

EthikBank
Konto 103 116 000
BLZ 830 944 95
BIC GENODEF1ETK
IBAN DE35 8309 4495 0103 1160 00

Weitere Informationen

Flyer

Jahresberichte

Jährlich veröffentlicht Veronika Kirschner, ehrenamtliche Projektkoordinatorin, einen Bericht für die Mitfrauenversammlung von TERRE DES FEMMES über die AIM-Projektaktivitäten:

Reiseberichte

Interviews

Öffentlichkeitsarbeit für AIM in Deutschland

Besuch von Mitgliedern des Bundestagsausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bei AIM

Vom 29. April bis 06. Mai 2012 besuchten Mitglieder des Bundestagsausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Rahmen einer Reise durch Liberia und Sierra Leone AIM. Mehr zu dem Besuch erfahren Sie auf der Homepage von MdB Uwe Kekeritz

Rede von Rugiatu Turay, Gründerin von AIM, vor dem Brandenburger Tor

Zum internationalen Kongress „Mädchenrechte stärken – weltweit“ am 29.10.2011 aus Anlass des 30-jährigen Bestehens von TERRE DES FEMMES war Rugiatu Turay in Berlin. Hier spricht sie am 09.11.2011 beim Speakers’ Corner vor dem Brandenburger Tor über ihren Einsatz gegen Genitalverstümmelung in Sierra Leone.

 

Weitere Informationen erhalten Sie bei

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

oder

bei der TERRE DES FEMMES Projektkoordinatorin
Veronika Kirschner
E-Mail: Veronika.Kirschner@gmx.net

Die ehrenamtliche Projektkoordinatorin Veronika Kirschner bietet Vortragsveranstaltungen an bei denen sie umfassend über die Arbeit von AIM und die Situation von Mädchen und Frauen in der Region informieren kann.

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