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Weibliche Genitalverstümmelung

Die Menschenrechtsverletzung weibliche Genitalverstümmelung (female genital mutilation; FGM) ist ein komplexes und noch längst nicht vollständig erforschtes Thema. Sie kann z.B. unter medizinischen, entwicklungspolitischen, religiösen, soziökonomischen, (post)kolonialen und feministischen Gesichtspunkten diskutiert werden. Je nach Sichtweise kann FGM für einen Menschen den Normalfall darstellen und für ihr Gegenüber ein Verbrechen.

TERRE DES FEMMES setzt sich für die weltweite Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung ein. Wir verstehen die Verstümmelung weiblicher Genitalien als extremen und endgültige Ausprägung eines frauenfeindlichen Systems und damit als Menschenrechtsverletzung.

Extrem, weil fundamentale Rechte der Frau, wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit, verletzt werden.

Endgültig, weil nur ein Teil der Betroffenen Therapien und Wiederherstellungsoperationen nutzen kann, aber auch dies die Tat und ggf. die Folgen nicht ungeschehen macht.

Frauenfeindlich, weil diese Praxis das Potenzial von Mädchen hemmt, indem sie eng mit Bildungslosigkeit, Frühehen, Vielehen und häuslicher Gewalt verknüpft ist.

System, weil soziale Vorteile wie höheres Brautgeld, soziale Akzeptanz und ästhetische Ideale sowie mythische Wirkungen, wie bessere Hygiene, höhere Fruchtbarkeit und ein ausgeglichener Charakter unter BefürworterInnen mit FGM verbunden werden.

Damit alle Mädchen unversehrt aufwachsen und Betroffene ohne zusätzliche Einschränkung leben können, engagieren wir uns vielfältig bei PolitikerInnen, in den Medien, durch Vorträge, Ausstellungen und Publikationen. Auf dieser Homepage haben wir Informationen aufbereitet, die Ihnen Aufschluss über die globale Verbreitung dieser Praxis, über die Ursachen für und Argumente gegen FGM, über aktuelle Entwicklungen und Ereignisse, über Möglichkeiten des zivilgesellschaftlichen Engagements und über unsere Aktivitäten zur Abschaffung geben.

 

Wissenswertes zum Weiterlesen:

 

Wortwahl und Sprechempfehlung

Neuerscheinungen und Klassiker zur weiblichen Genitalverstümmelung werden von vielen Buchhandlungen rund um den 6. Februar präsentiert. Foto: © Cynthia MatuszewskiNeuerscheinungen und Klassiker zur weiblichen Genitalverstümmelung werden von vielen Buchhandlungen rund um den 6. Februar präsentiert.
Foto: © Cynthia Matuszewski
Sicherlich ist Ihnen aufgefallen, dass wir den Begriff „weibliche Genitalverstümmelung“ statt „Mädchenbeschneidung“ o.ä. verwenden. Hier finden Sie unsere Stellungnahme dazu:

Wenn Sie mit Betroffenen und Gefährdeten sprechen, empfehlen wir, dass Sie die Wortwahl Ihres Gegenübers annehmen. Mitunter wird weibliche Genitalverstümmelung „brutal“, „barbarisch“ und „herzlos“ genannt. Diese Attribute tragen dazu bei, dass die praktizierenden Kulturen abgewertet werden und ihren VertreterInnen ein Teil ihrer Menschlichkeit abgesprochen wird, während den Lesenden die Illusion vermittelt wird, sie dürften nicht nur über die Handlung sondern auch über die Motivation urteilen. Diese Sichtweise produziert rassistische Stereotype und zeugt von einer eurozentrischen Sichtweise.

Des Weiteren ist weibliche Genitalverstümmelung Ausdruck eines frauenfeindlichen Systems in dem Mädchen und Frauen auf vielfältige Art geschädigt, diskriminiert und gefährdet werden. Allein die Körperverletzung als Problem darzustellen und dabei z.B. die zugrunde liegenden Mythen und die frauenfeindlichen Mechanismen zu ignorieren, greift zu kurz und kann sogar die Abschaffungsbemühungen behindern.  

Ein Wort zum Thema „Genitalverstümmelung und Sexualität“:

Die weibliche Genitalverstümmelung wird meist durchgeführt, um den Frauen ihre Lust, ihr Begehren und ihre Freude am Sex zu nehmen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass die weibliche Sexualität mächtiger ist als der Wille der Frauen, dass sich eine unversehrte Frau jedem Mann anbieten würde und dass der Wunsch nach erfüllender Sexualität Frauen nicht zusteht. Durch das abweichende Frauenbild der EuropäerInnen entstand das Gerücht, dass genitalverstümmelte Frauen grundsätzlich keinen Orgasmus haben und keinen sexuellen Genuss kennen könnten. Diese Aussage ist 1) kontraproduktiv, da es die „Zweckmäßigkeit“ der Genitalverstümmelung zu unterstützen scheint und 2) falsch, da der weibliche Orgasmus zwar durch die Klitorisspitze in vielen Fällen erleichtert wird, aber nicht von ihr abhängig ist. Dies heißt wiederum auch nicht, dass jede Betroffene „kommen“ kann, wenn sie nur will: Einfühlungsvermögen, Kreativität und Großzügigkeit des Partners oder der Partnerin sind unerlässlich und auch das anerzogene Verhältnis zu Sexualität und dem Image einer lustvollen Frau kann nachhaltig beeinflussen und das Körperempfinden prägen.

Abschaffung und Prävention

Engagement von TERRE DES FEMMES

In Netzwerken, auf politischer Ebene, durch Schulungen, Vorträge, Ausstellungen usw. engagieren sich die Mitfrauen des Vereins TERRE DES FEMMES u.a. gegen weibliche Genitalverstümmelung. Foto: © TERRE DES FEMMESIn Netzwerken, auf politischer Ebene, durch Schulungen, Vorträge, Ausstellungen usw. engagieren sich die Mitfrauen des Vereins TERRE DES FEMMES u.a. gegen weibliche Genitalverstümmelung.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Seit 1983 widmet sich der Verein inhaltlich und finanziell der Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung. Seit 1995 arbeitet eine ehrenamtliche Arbeitsgemeinschaft zu diesem Thema und seit 1998 existiert das Referat in der Bundesgeschäftsstelle.

In Deutschland haben die jeweiligen Referentinnen Studien unter ÄrztInnen und EntwicklungshelferInnen durchgeführt, Schulungen für Fachpersonal angeboten, durch Kampagnen wie „Kein Schnitt ins Leben“ und „STOP FGM NOW“ die Öffentlichkeit auf dieses Thema aufmerksam gemacht und durch Broschüren wie „Wir schützen unsere Töchter“ (erschienen in sechs Sprachen) sowohl potentiell befürwortende Familien als auch deren Kontaktpersonen in pädagogischen, medizinischen und sozialen Berufen über Präventionsmöglichkeiten, Gesetzeslage und Gefahren aufgeklärt. Durch Publikationen, Aktionen (Unterschriftensammlungen, Konferenzen, Filmförderungen) und Projekte (z.B. CHANGE, gefördert durch die Europäische Union) trug und trägt TERRE DES FEMMES erheblich dazu bei, dass grundlegende Kenntnisse über weibliche Genitalverstümmelung heute in Deutschland als Allgemeinwissen gelten.

Die Forderungen von TERRE DES FEMMES nach Beratungsstellen für Betroffene, dem Ruhen der Verjährungsfrist bis zur Volljährigkeit des Opfers, geschlechtsspezifischem Asyl bei drohender Genitalverstümmelung, der Übernahme von Behandlungskosten nach einer Genitalverstümmelung durch die Krankenkassen und nicht zuletzt das Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung (§226a) wurden erfüllt.

TERRE DES FEMMES unterstützt derzeit zwei lokale Initiativen gegen weibliche Genitalverstümmelung in Sierra Leone und in Burkina Faso.

Netzwerke in Deutschland und der EU

Neben TERRE DES FEMMES widmen sich viele weitere Nichtregierungsorganisationen, staatliche Institutionen und internationale Netzwerke der Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung. In Deutschland ist das Netzwerk Integra aktiv. Die Mitgliedsorganisationen engagieren sich in der Einzelfallberatung, Öffentlichkeitsarbeit, Lobbyarbeit, mit Projekten im Ausland, durch Studien und Wissensaustausch gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Seit 2014 ist die Bund-Länder-NRO Arbeitsgruppe gegen FGM wieder aktiv, in der sich TERRE DES FEMMES einbringt, um sich für die Beendigung von FGM einzusetzen. 

Auch in europäischen Netzwerken gegen weibliche Genitalverstümmelung ist TERRE DES FEMMES aktiv und arbeitet bereits mehrjährig mit EIGE (European Institut for Gender Equality) zusammen um die Kenntnis über weibliche Genitalverstümmelung in der EU zu verbessern. Wenn es einem konkreten Anliegen dienlich ist, wenden wir uns auch direkt an die Weltgesundheitsorganisation oder die Vereinten Nationen. So tragen wir aktiv dazu bei, dass das globale Problem weibliche Genitalverstümmelung auch weltweit beachtet und ständig reduziert wird.

Individuelles Engagement

Damit eine mögliche Gefährdung schnell entdeckt und das Mädchen vor Genitalverstümmelung geschützt wird und damit Betroffene auf Verständnis, Unterstützung und Interesse stoßen, haben wir einen Leitfaden für Menschen in sozialen, medizinischen und pädagogischen Berufen (PDF-Datei) erstellt. Bitte lesen Sie diese Broschüre auch, wenn Sie sich berufsunabhängig auf mögliche Kontakte mit Gefährdeten und Betroffenen vorbereiten möchten!

Gefährdete Mädchen erkennen – diese Liste enthält Indizien, mit denen man den Verdacht auf eine drohende weibliche Genitalverstümmelung begründen kann:

  • Stammt die Familie aus einer Gesellschaft, die weibliche Genitalverstümmelung praktiziert?
  • Hat die Familie wenig Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft?
  • Steht eine Reise zu den Großeltern bevor? Wurde in diesem Zusammenhang von Festlichkeiten gesprochen?
  • Sind der Familie Tradition und Riten wichtig? Werden gegensätzliche Geschlechterrollenbilder gepflegt und haben die Söhne mehr Freiheiten als die Töchter?
  • Hat sich jemand aus der Familie positiv zur weibliche Genitalverstümmelung oder negativ über unbeschnittene Frauen geäußert?
  • Sind Frauen der Familie genitalverstümmelt?

Je mehr Fragen Sie mit „Ja“ beantworten können, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Mädchen konkret gefährdet ist. Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Verdacht ausreicht, um sich einzumischen, melden Sie sich bei uns. Gemeinsam überlegen wir, welche Reaktion sinnvoll und für das Mädchen am Besten ist. Wenn Sie einen konkreten Verdacht haben, sprechen Sie mit dem örtlichen Jugendamt und fordern Sie, dass eine kompetente Mitarbeiterin die Familie besucht! Wenn Sie von einer drohenden weiblichen Genitalverstümmelung wissen, müssen Sie die Polizei einschalten!

Sollten Sie sich in Ihrer Freizeit gegen weibliche Genitalverstümmelung engagieren wollen, sind Sie herzlich eingeladen, der AG oder einer unserer Städtegruppen beizutreten. Wenn Ihnen die Zeit dafür fehlt, helfen Spenden, damit sich andere in Ihrem Interesse engagieren können.

Verbreitung weltweit und in Deutschland

In dem deutschlandweiten Netzwerk Integra bündeln Fachkräfte und Vereine ihr Engagement und ihr Wissen rund um weibliche Geniatlverstümmelung. Foto ©: Lioba KeuckIn dem deutschlandweiten Netzwerk Integra bündeln Fachkräfte und Vereine ihr Engagement und ihr Wissen rund um weibliche Geniatlverstümmelung.
Foto ©: Lioba Keuck
Weibliche Genitalverstümmelung ist ein weltweites Problem, das nicht aufgrund von einem Geburts- oder Wohnort gefährdet, sondern aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit und dem kulturellen Erbe. Bei den Ethnien, die weibliche Genitalverstümmelung praktizieren, wird üblicherweise erwartet, dass jedes Mädchen „beschnitten“ wird. Durch Staatsgrenzen, die Gebiete praktizierender Ethnien und Gebiete von Ethnien, die ihre Töchter unversehrt aufwachsen lassen, gleichermaßen umschließen und zu „einer Nation“ zusammenfassen, kommt es zu unterschiedlichen Verbreitungs-Prozentzahlen für die einzelnen Länder.

Auch die Abschaffungsbemühungen in den Verbreitungsländern zeigen Erfolge und führen dazu, dass z.B. ganze Dorfgemeinschaften beschließen, weibliche Genitalverstümmelung nicht länger zu praktizieren.
 

Bisher ist dokumentiert, dass die weibliche Genitalverstümmelung traditionellerweise in 29 Ländern Afrikas, auf der Arabischen Halbinsel und in einigen Ländern Asiens ausgeübt wird.

Durch Migration wird weibliche Genitalverstümmelung weltweit und auch in Deutschland praktiziert. Von Diaspora-Gemeinden (Familien mit dem selben Identitätshintergrund, die im Ausland gut miteinander vernetzt leben) weiß man, dass sie Traditionen und Bräuche wahren und auch bei Veränderungen im Herkunftsland aufrecht erhalten. Da die weibliche Genitalverstümmelung für die Zugehörigkeit der Töchter zur Gemeinschaft und für die Geschlechterrollenbilder (und dadurch für Familiengründung und Fortbestehen der eigenen Gruppe) wichtig scheint, wird sie weiter praktiziert. Die soziale Akzeptanz innerhalb der praktizierenden Gruppe, die oft mangelnde Integration bis hin zur jüngsten Generation in die Mehrheitsgesellschaft und die Tabuisierung, schützen vor Entdeckung und Strafverfolgung.

In einer Studie von TERRE DES FEMMES (PDF-Datei) gaben 43% der GynäkologInnen an, schon mit Betroffenen gearbeitet zu haben. Die Vereinten Nationen haben im Dezember 2012 alle Mitgliedsstaaten verpflichtet, Gesetze gegen weibliche Genitalverstümmelung zu erlassen und zur Abschaffung beizutragen. Im September 2013 ist Deutschland dieser Pflicht mit §226a StGB nachgekommen und im November 2013 hat die EU beschlossen, sich alljährlich über die Fortschritte bei der Prävention und Unterstützung der Betroffenen in ihren Mitgliedsstaaten zu informieren.

TERRE DES FEMMES erstellt regelmäßig eine aktuelle Statistik (PDF-Datei) zur Dunkelziffer der Betroffenen und Gefährdeten in Deutschland welche auf den verfügbaren Zahlen basiert. Wir weisen darauf hin, dass sich Schwankungen durch Faktoren wie Migrationsströme, Prävalenzzahlen, Angaben der UN oder andere Gründe ergeben und keinesfalls einen Rückgang oder eine Steigerung der Gefährdung in Deutschland bedeuten.

Beweggründe und Risiken

Maimouna Ouédraogo von unserem Kooperationsprojekt Bangr Nooma fährt in Dörfer, sucht den Dialog und lebt dort bis sich alle gegen weibliche Genitalverstümmelung aussprechen. Foto: © Ulrike SülzleMaimouna Ouédraogo von unserem Kooperationsprojekt Bangr Nooma fährt in Dörfer, sucht den Dialog und lebt dort bis sich alle gegen weibliche Genitalverstümmelung aussprechen.
Foto: © Ulrike Sülzle
Weibliche Genitalverstümmelung ist eine Menschenrechtsverletzung und Ausdruck von Unterdrückung, Demütigung, Inbesitznahme und ökonomischer Verwertung von Mädchen und Frauen. Wer als Kind seine Klitoris herausgeschnitten bekommt, lernt, dass der eigene Körper fehlerhaft sei. Weil die Verstümmelung praktiziert wird, um das Lustempfinden von Mädchen zu reduzieren, lernen sie, dass ihre Wünsche, Fantasien und Bedürfnisse verwerflich und sie aufgrund ihres Geschlechts minderwertig seien.

Weibliche Genitalverstümmelung ist die Manifestation eines frauenfeindlichen Systems, in dem Mädchen und Frauen nicht gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei sind, sondern dazu verpflichtet und gezwungen, ihrer Familie zu dienen.

Vier Gründe für weibliche Genitalverstümmelung

Die BefürworterInnen beurteilen weibliche Genitalverstümmelung innerhalb ihrer Kultur und sehen genug vermeintliche Vorteile, um diese Praxis fortzusetzen. Grob lassen sich die Beweggründe in Tradition, Religion, medizinische Mythen und ökonomische Gründe unterteilen.

Der Tradition zu folgen ist Ausdruck des Respekts gegenüber älteren Generationen und Zeichen der Dankbarkeit für die eigene Herkunft. Mit einem uralten Brauch zu brechen, kann als Affront gegenüber der ganzen (Groß-)Familie und allen Vorfahren verstanden werden. Die Reaktionen darauf können sehr emotional und dadurch sogar lebensbedrohlich ausfallen.

Die Religion und ihre Verknüpfung zwischen Hygiene und (spiritueller) Reinheit ist für viele Menschen Anlass zur Genitalverstümmelung ihrer Töchter. Keine religiöse Schrift ruft zur weiblichen Genitalverstümmelung auf. Trotzdem sind Angehörige verschiedener Religionen überzeugt, dass Genitalverstümmelung Einklang zwischen Mensch und dem Willen eines spirituellen Wesens schaffen kann.

Medizinische Mythen besagen, dass eine beschnittene Vulva hygienischer und Kontakt mit der Klitoris tödlich sei oder zu Impotenz führe, dass Organe aus der Vulva fallen können und vieles mehr. Zudem werden gesundheitliche Probleme oft nicht mit der Genitalverstümmelung in Verbindung gebracht sondern anderweitig erklärt. Da die Analphabetenrate in einigen Verbreitungsregionen sehr hoch ist, während Mediendeckung und Infrastruktur ausbaufähig sind, geht die Aufklärung und Überzeugung der Bevölkerung oft nur langsam voran.

Ökonomische Gründe für die weibliche Genitalverstümmelung sind das höhere Brautgeld und die besseren Heiratschancen für beschnittene Mädchen und Frauen. Nur wenige Kulturen weltweit haben Strukturen geschaffen, in denen eine alleinstehende und ggf. alleinerziehende Frau allein überleben kann. Wo Genitalverstümmelung praktiziert wird, ist der Status der Frau in der Regel von ihrem Ehemann abhängig und ohne „Beschneidung“ bleibt man nicht nur allein, sondern wird auch ausgeschlossen und geächtet.  

Folgen und Risiken

Ca. 25% der betroffenen Mädchen und Frauen sterben entweder während der Genitalverstümmelung oder an den Folgen. Je nach Typ und Praktik sind verschiedene Komplikationen und Risiken verbreitet: wie z.B. Blutverlust, Infektionen (z.B. HIV/AIDS), Wucherungen, Fistelbildung, chronische Schmerzen, Schwierigkeiten beim Wasserlassen und Menstruieren, Inkontinenz, Unfruchtbarkeit, hohes Geburtsrisiko für Mutter und Kind und weitere gynäkologische Probleme. Zu den möglichen psychischen Folgen gehören Angststörungen, Schlaflosigkeit, Posttraumatische Störungen, Konzentrationsschwäche, Depressionen und weitere Symptome. Besonders die Infibulation (Zunähen nach der Beschneidung) hat schwerwiegende Konsequenzen, da das Abheilen der Wunde hier nur für kurze Zeit erwünscht ist und das Mädchen sowohl zu Beginn ihrer Ehe als auch bei und nach jeder Geburt "geöffnet“ werden und neu verheilen muss.

Vier Formen der weiblichen Genitalverstümmelung

„Weibliche Genitalverstümmelung“, englisch „Female Genital Mutilation“ (FGM), bezeichnet das vollständige oder teilweise Abschneiden und/oder schädigen des äußeren weiblichen Genitals.

Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet vier Formen:

Typ I - Entfernung oder Beschädigung der Klitoris und/oder Klitorisvorhaut

TYP 1 heißt „Klitoridektomie“. Hier werden Klitoris und/oder Klitorisvorhaut abgeschnitten. Wenn von der „milden Sunna-Beschneidung“ (sunna: arabisch für „empfohlen) zu lesen ist, ist ein Eingriff in diesem Spektrum gemeint. Oft bezeichnet dies einen keinen Schnitt in der Klitoris, so dass ein Bluttropfen fließt. Mitunter werden auch Eingriffe als „sunna“ bezeichnet, bei denen Gewebe entfernt wird. Typ I wird regelmäßig praktiziert, wenn die Gesellschaft Mädchen für unrein hält und weil einige Religionsgelehrte dies als verpflichtend bezeichnen. Dabei empfiehlt keine heilige Schrift die weibliche Genitalverstümmelung und auch vermeintlich harmlose Eingriffe schädigen die Nerven und die Gesundheit des Mädchens (z.B. durch Infektionsrisiken), was in allen Weltreligionen verboten ist.

Typ II - zusätzlich zu TYP 1 werden die inneren Schamlippen gekürzt oder komplett entfernt

TYP II heißt „Exzision“. Hier werden zusätzlich zur Klitoridektomie auch die inneren Labien gekürzt oder komplett entfernt. Diese Form wird bei Genitalverstümmelungen zum Zwecke der Initiation häufig praktiziert. Teil des Rituals ist es, dass das Mädchen weder weint noch schreit. Dadurch soll sie ihren erwachsenen Charakter beweisen und zeigen, dass sie würdig ist, in der Gesellschaft die für sie bestimmte Rolle zu erfüllen. Verweigert ein Mädchen diesen Übergang vom Mädchen zur Frau, kommt es vor, dass sie so stark ausgegrenzt und diskriminiert wird, dass ihr ein normales Leben nicht möglich ist.

Typ III - komplettes äußeres Genital wird entfernt und bis auf ein kleines Loch zugenäht

TYP III heißt „Infibulation“: Diese Form ist die schwerste, da nicht nur das gesamte äußere Genital (Labien und Klitoris(-vorhaut)) entfernt werden sondern die Wunde auch bis auf ein kleines Loch vernäht wird. Durch dieses kleine Loch sollen Urin und Menstruationsblut abfließen, aber keine Penetration möglich sein. Diese Form wird vor allem dort praktiziert, wo der Wert einer Frau allein durch Jungfräulichkeit und eheliche Treue bestimmt wird. Die „Öffnung“ der Frau in der Hochzeitsnacht und bei der Geburt kann den Schmerz und das Trauma der Genitalverstümmelung noch übertreffen.

Typ IV - jegliche andere Praktiken die teilweise physische und/oder psychische Schäden hinterlassen

TYP IV  bezeichnet andere Formen. Alle Eingriffe, die die Vulva und Klitoris nachhaltig schädigen, fallen unter diese Kategorie, die laut ihrer Definition durch die Weltgesundheitsorganisation auch Intim-OPs und -Piercings umfasst. Ätzen, Brennen, Scheuern und das Auftragen von nervenschädigenden/betäubenden Substanzen sind ebenfalls verbreitet. Die Grenzen zu Praktiken, die keinen physischen Schaden hinterlassen (Räuchern, Tupfen, magische Gegenstände auflegen) aber dennoch in der Absicht ausgeübt werden, die Sexualität des Mädchens zu kontrollieren (z.B. Räuchern, Tupfen, magische Gegenstände auflegen) sind fließend.

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