Afghanistan: Neuer Tiefpunkt für Frauenrechte
„Heute hat in Kabul eine Katze mehr Freiheiten als eine Frau. Eine Katze kann sich auf die Eingangstreppe setzen und die Sonne im Gesicht spüren, sie kann im Park einem Eichhörnchen hinterherjagen“, schrieb die Schauspielerin Meryl Streep über die zunehmende Unterdrückung afghanischer Frauen unter dem Taliban-Regime.
Fast fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban an die Macht sind Frauen und Mädchen in Afghanistan zunehmend schwerwiegender geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. Der systematische Ausschluss aus Bildung, Arbeit und dem öffentlichen Leben, der ihre Menschenrechte aufs Schärfste verletzt und ihnen die Selbstbestimmung in fast allen Lebensbereichen nimmt, hat weltweit zu massiver Kritik und - mit Ausnahme von Russland - zur völkerrechtlichen Isolation der de facto Regierung geführt.
Neues Dekret erleichtert Frühehen und erschwert Scheidungen
Besondere Besorgnis löste das im Mai 2026 erlassene Dekret Nr. 18 zu Ehe und Scheidung aus. Menschenrechtsorganisationen wie TERRE DES FEMMES warnen, dass die Verheiratung von Kindern damit weiter erleichtert wird. Frühere Regelungen, die ein Mindestheiratsalter von 16 Jahren vorsahen, wurden abgeschafft. Stattdessen gelten arrangierte Ehen mit minderjährigen Mädchen nun per se und können frühestens mit dem Eintritt in die Pubertät ggf. aufgelöst werden.
Die Pubertät als rechtlichen Bezugspunkt für die eventuelle Auflösung einer Ehe festzulegen, setzt die körperliche Entwicklung junger Frauen mit ihrer rechtlichen und psychologischen Entscheidungsfähigkeit gleich. Zudem kann der Beginn der Pubertät individuell stark variieren – sie tritt meist zwischen dem 8. und 15. Lebensjahr ein -, so dass höchst unklar ist, ab wann Betroffene tatsächlich rechtlich handlungsfähig sind, was den Anforderungen an eine freie und informierte Einwilligung zuwiderläuft.
Auch ein möglicher schützender Einfluss der Eltern betroffener Mädchen ist bedingt durch soziale Normen, Abhängigkeitsverhältnisse und rechtliche Unklarheiten gering. Oft sind es zudem die Eltern selbst, die die Ehe arrangiert haben und entsprechend befürworten.
Besonders schlimm ist, dass das Schweigen junger Betroffener nach dem neuen Dekret als Zustimmung zur Eheschließung gewertet wird. Dies blendet bestehende Machtverhältnisse, soziale Erwartungen und die Angst vor Konsequenzen vollständig aus.
All das zeigt: die Möglichkeit einer Scheidung wird nach außen hin suggeriert, in der Praxis bleibt sie für die Mehrzahl der Betroffenen jedoch zweifelsfrei unerreichbar. Die rechtliche Struktur ist dabei stark asymmetrisch, denn Männer verfügen unverändert über erweiterte Scheidungsrechte, während Frauen auf die Zustimmung des Ehemannes oder gerichtliche Verfahren angewiesen sind. Zudem ist der Zugang zur Justiz für Frauen oft eingeschränkt und kann Hürden wie das Erfordernis eines männlichen Vormunds beinhalten.
Noch weniger Schutz vor häuslicher Gewalt
Parallel weitet das neue Strafgesetzbuch der Taliban die systematische Entrechtung von Frauen aus: zum einen müssen Frauen häusliche Gewalt nun - voll verschleiert und in Anwesenheit eines Mahram (eines männlichen Begleiters aus der Familie, meist des eigenen Ehemanns) - vor Gericht beweisen können. Zum anderen werden Männer ermächtigt, „ihre“ Frauen und andere weibliche Familienmitglieder unter dem Deckmantel der „Erziehung“ zu züchtigen. Eine Strafbarkeit ist erst gegeben, wenn es zu schweren oder dauerhaft sichtbaren Verletzungen kommt und die betroffene Frau selbst eine Klage vor Gericht einreicht. Diese hochgradig problematischen Regelungen schwächen den Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt zusätzlich und machen es in der Praxis nahezu unmöglich, dass sie sich aus gewaltvollen oder anderweitig belastenden Beziehungen befreien können.
Widerstand trotz aller Repression
Trotz aller Repression leisten afghanische Frauen Widerstand und setzen sich unter äußerst schwierigen Bedingungen für Bildung, Teilhabe und ihre grundlegenden Rechte ein. Wenn auch der sichtbare Widerstand mit öffentlichen Demonstrationen in Kabul aufgrund von Inhaftierungen und anderen gewaltvollen Reaktionen darauf zurückgegangen ist, entstehen weiterhin Unterstützungsnetzwerke im Untergrund, in denen Frauen Bildungsangebote organisieren und Mädchen unterrichten. Zudem leisten sie finanzielle, psychologische und rechtliche Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen.
Auch das von TERRE DES FEMMES und der Deutsch-Afghanischen Initiative geförderte Bildungszentrum afghanischer Frauen setzt sich weiter täglich für die Bildung und berufliche Förderung von Frauen und Mädchen ein. Unterstützen auch Sie diese mutige Arbeit, die einer anderen, einer besseren Zukunft für Frauen und Mädchen in Afghanistan gilt. Vielen Dank!