• 23.06.2026

Pressemitteilung | „In jeder Klasse sitzt mindestens eine Betroffene“ – Erkenntnisse und Zitate aus den Schul-Workshops zum Thema Zwangsheirat

Filmstill aus "der letzte Schultag" von Yana Ivakhnenko - ein Mädchen im Brautkleid sitzt in einer Schulklasse

Berlin, 23.06.2026. Die „Weiße Woche“ 2026 ist zu Ende. Die Schulworkshops, die TERRE DES FEMMES mit der Berliner Polizei zur Prävention von Zwangsheirat durchführt, zeigen jedes Jahr wieder, wie dringend notwendig Aufklärung und Sensibilisierung zu dem Thema sind – denn „in jeder Klasse sitzt mindestens eine Betroffene oder ein Betroffener“, so die Einschätzung von Myria Böhmecke nach den 40 Workshops in der letzten Woche. TERRE DES FEMMES führt die Workshops inzwischen im fünften Jahr durch, die Nachfrage ist groß.

In ganz Deutschland beginnen in diesen Wochen die Sommerferien. Für viele Mädchen ist der letzte Schultag auch tatsächlich der letzte: Sie werden im Ausland gegen ihren Willen verheiratet – das Ende von Freiheit, von Ausbildung, von Selbstbestimmung.

Die Zitate von SchülerInnen, Lehrkräften und SchulsozialarbeiterInnen, die TDF anonymisiert gesammelt hat, zeigen ganz klar: In den Schulklassen ist Zwangsheirat schon längst Thema – oft verbunden mit einem starken Gefühl von Ausweglosigkeit. Genau dort setzen die Workshops an – damit Mädchen und junge Frauen, aber auch Jungen und junge Männer, sich frühzeitig Hilfe und Beratung holen können – und damit diese auch wirkt. 

Myria Böhmecke, Referatsleiterin zu Gewalt im Namen der Ehre bei TERRE DES FEMMES: Was antworten die Jugendlichen auf die Frage, warum viele Betroffene sich keine Hilfe holen?

„In den Workshops werden uns immer wieder diese drei Gründe genannt:

Angst vor der FamilieAngst, die Familie zu verlierenAngst, dass ihnen nicht geglaubt wird und dann alles noch schlimmer wird.“

Ist Zwangsheirat wirklich so ein zentrales Thema für die Jugendlichen?

„Das Thema ist immer schon bekannt, oft aus der eigenen Familie, etwa durch die Mutter. Das Thema ist bei den jungen Menschen sehr präsent, aber häufig gibt es nicht genug Wissen: zu Hilfsmöglichkeiten und zur Rechtslage.“

Sind Mädchen und Jungen betroffen – gibt es Unterschiede?

„Wir sehen auch, dass nicht nur Mädchen und junge Frauen, sondern auch Jungen betroffen sind, auch sie können dann nicht frei entscheiden, ob, wann und wen sie heiraten. Die Unterschiede liegen dabei eher in den Folgen für das zukünftige Leben. Frauen haben auch nach der Hochzeit viel weniger Freiheiten als Männer, und sie erfahren viel häufiger Gewalt.“

Warum ist mehr Aufklärung und ein sensibles Umfeld so wichtig?

Über die Situation der Betroffenen im Vorfeld einer Verheiratung, etwa vor den Sommerferien, sagt Myria Böhmecke: “Viele Mädchen haben schon eine Ahnung, möchten das Risiko aber nicht wahrhaben. Eine solche Situation ist eine enorme Belastung, und es ist wichtig, dass die Jugendlichen besser über ihre Rechte und mögliche Anlaufstellen informiert sind. Aber auch für die Erwachsenen im Umfeld gilt: Um sensibel zu reagieren und das Richtige tun zu können, braucht es Wissen und Verständnis. Denn nicht wenige SchülerInnen haben sich schon einmal an eine erwachsene Person gewandt und wurden nicht ernst genommen. Umso wichtiger sind Schulungen und Sensiblisierungen von Fachpersonen, die mit potentiell Betroffenen in Berührung kommen, wie MitarbeiterInnen des Jugendamtes, Polizei und Schule.”

 

Zitate der SchülerInnen:

„Ich persönlich kenne mehrere, die unter 18 Jahren nicht-standesamtlich geheiratet haben.“ (Schülerin)

„In meinem Heimatland betrifft das so viele Mädchen, aber auch hier... meine Freundin hat mit 16/17 geheiratet, sie dachte, ihr geht es danach besser, aber das ist nicht so.“

„Wenn meine Mutter mich zwangsverheiraten möchte, kann ich nichts dagegen machen.“ (Schüler)

„Ich kannte mal ein Mädchen, die ist dann verheiratet worden, ich habe nichts mehr von ihr gehört, sie war auch auf Social Media nicht mehr zu erreichen“. (Schüler)

„Ich würde sofort einen Anwalt einschalten, wenn ich betroffen wäre, nicht, dass die Ältesten in der Familie mir erzählen, es wäre rechtlich möglich, mich gegen meinen Willen zu verheiraten“ (Schülerin)

„Meine Großeltern wurden zwangsverheiratet. Meine Mutter auch. Also sie wusste, dass sie ja sagen muss. (…) Meine Eltern sind jetzt geschieden und meine Mutter sagt, mein Vater war schon ok, aber sie hätte lieber jemand anderen genommen.“

„Woran erkennt man denn, ob ein Mann zu Gewalt neigt?“ (Schülerin an Polizist)

 

Zitate einer Schulsozialarbeiterin:

„Wir haben ganz viele, die nach den Ferien nicht zurückkommen.“

„Wir hatten jetzt eine Schülerin, die wurde mit 16 an ihren 60jährigen Cousin verheiratet.“

 

Zitat einer Lehrkraft:

„Ich war früher an einer Schule, da ist das Mädchen aus den Ferien nicht mehr wiedergekommen, wahrscheinlich wurde sie zwangsverheiratet. Ich hätte aber gar nicht gewusst, was ich machen kann oder was die Warnsignale sind.“


Weiterführende Links

Mehr über die Arbeit von TDF zum Thema Zwangsheirat

Webseite mit Hilfsangeboten bundesweit – für Betroffene und Menschen, die helfen möchten

Aktuelle Pressemitteilung zur 5. Weißen Woche 2026

Alles über die „Weiße Woche“

Video „Der letzte Schultag“ (YouTube)

Forderungen von TERRE DES FEMMES zum Thema Zwangsheirat

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