Pressestatement | Sexualisierte Gewalt mit Hilfe von K.o.-Tropfen: Bundestag berät heute über Gesetzesänderungen: „Damit die Scham die Seite wechselt, muss Sichtbarkeit hergestellt werden, aber nicht von den Betroffenen, sondern von uns allen.“
Berlin, 23.09.2026. Am gestrigen Prozesstag gegen Frank S. saßen im Gerichtssaal in Berlin-Moabit höchstens zehn Zuschauende. Dabei hat der Fall ein erschütterndes Ausmaß – auf den Festplatten in der Wohnung des Angeklagten wurde Bildmaterial von 59 Frauen gefunden, die betäubt, vergewaltigt und gefilmt worden waren, über Jahre hinweg. Frank S. hat die Vergewaltigungen bereits gestanden. Über Chatforen tauschte er sich mit anderen Tätern aus, so kam auch die Polizei auf seine Spur.
Frank S. ist nicht der Einzige – seit dem Prozess gegen den Mann von Gisèle Pelicot sind in Deutschland mehrere Fälle vergleichbaren Ausmaßes bekannt geworden, zuletzt auch in Österreich und in Großbritannien. Immer gab es Videos, die mit anderen Männern geteilt wurden, in Chatgruppen, Foren oder auf Pornoseiten. Die betroffenen Frauen waren Partnerinnen, Dates oder Bekannte der Täter. Sie tragen die Folgen der Gewalt möglicherweise ein Leben lang.
Heute wird im Bundestag in erster Lesung über eine Änderung im Strafgesetz zu K.o.-Tropfen beraten.
„Jetzt müssen auch die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, um Täter und ihre Mitwisser in Chatgruppen zur Rechenschaft zu ziehen, Betroffenen adäquat beizustehen und vor allem zukünftig diese Verbrechen zu verhindern“, sagt Sina Tonk, Bereichsleiterin Referate bei TERRE DES FEMMES.
„Wir dürfen den Blick nicht abwenden, auch wenn vieles daran uns erschüttert: die Brutalität, die Skrupellosigkeit, die Menge von Mitwissern und Gleichgesinnten, die offenbar problemlos zu finden waren, die scheinbar harmlose Fassade.
Täter und ihre Netzwerke müssen in den Blick und in die Verantwortung genommen werden. Im Gerichtssaal, in den Medien, in Gesellschaft und Politik. Gisèle Pelicot und Claudia Wuttke sind Ausnahmen – nicht die Gewalttaten, die ihnen angetan wurden, sondern ihr öffentlicher Umgang damit ist außergewöhnlich, und verdient höchsten Respekt. Die meisten Betroffenen können und wollen nicht öffentlich auftreten, und es ist auch nicht ihre Aufgabe. Damit die Scham die Seite wechselt, muss Sichtbarkeit hergestellt werden, aber nicht von den Betroffenen, sondern von uns allen.“
TERRE DES FEMMES beobachtet den Prozess gegen Frank S. und ist am 6. Oktober vor Ort
Am 6. Oktober ist im Berliner Landgericht in Moabit ein Prozesstag, an dem voraussichtlich die Öffentlichkeit zugelassen ist. TERRE DES FEMMES wird an diesem Tag ab 08:30 Uhr vor Ort sein – vor dem Gerichtsgebäude und wenn möglich im Saal.
(Hinweis: Auf der Seite des Landgerichts Berlin ist öffentlich einsehbar, wann Prozesstage stattfinden. Das Aktenzeichen lautet 501 KLs 14/26. Die Öffentlichkeit ist nicht durchgehend zugelassen zum Schutz der Betroffenen, es kann sein, dass die Öffentlichkeit nach wenigen Minuten den Saal wieder verlassen muss.)
Forderungen von TERRE DES FEMMES zum Thema Chemische Unterwerfung
- Beweise sichern, bevor sie verschwinden -Vertrauliche Spurensicherung bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt und toxikologische Untersuchungen bundesweit schnell und kostenlos anbieten.
- Vergewaltigung verjährt nicht: Frist auf mindestens 20 Jahre verlängern
- Bewusstlosigkeit kann nie Zustimmung sein: „Nur Ja heißt Ja“ muss endlich im deutschen Sexualstrafrecht gelten.
- Glasklar Bescheid wissen: Aufklärung und Prävention gegen K.o.-Tropfen
- Tatvideos sind keine Trophäen: Fotos und Videos der sexualisierten Gewalt dürfen weder hergestellt noch verbreitet werden. TDF fordert zudem: Der Besitz solcher Videos muss ebenfalls strafbar sein.
- Wer wegschaut, macht sich schuldig: Wer in Chatgruppen mitliest und nichts dagegen unternimmt, wenn sexualisierte Gewalt geplant wird, muss zur Rechenschaft gezogen werden
TDF-Aktion am 25. November zum Thema Chemische Unterwerfung
Am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen wird TERRE DES FEMMES unter dem Hashtag #GlasklarGegenGewalt mit einer Aktion am Brandenburger Tor auf diese schwere Form von sexualisierter Gewalt aufmerksam machen, Forderungen an die Politik stellen und ein Zeichen für Solidarität mit Betroffenen setzen. Mehr Infos zur Aktion LAUTSTARK gegen Gewalt an Frauen hier.
Weiterführende Links
Stellungnahme von TERRE DES FEMMES zum Referentenentwurf des Bundesjustzministeriums zum Thema K.o.-Tropfen vom 18.12.2025
TDF-Forderungen zu Sexualisierter Gewalt