Stellungnahme von TERRE DES FEMMES zur Situation Afghanistan
04. Juni 2026 Stellungnahme von TERRE DES FEMMES zur menschenunwürdigen und frauenverachtenden Situation in Afghanistan – ein Appell an die Europäische Union und die Bundesregierung: Beenden Sie die Gespräche mit den Taliban – Jetzt
Die Realität in Afghanistan: Ein Albtraum für Mädchen und Frauen
Fast fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban hat sich die Lage von Mädchen und Frauen in Afghanistan zu einer der schwersten Menschenrechtskrisen unserer Zeit entwickelt. Die systematische Entrechtung, Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist kein Einzelschicksal, sondern staatlich verordnete Gender Apartheid:
- Bildungsverbot: Mädchen dürfen seit Dezember 2022 keine weiterführenden Schulen oder Universitäten mehr besuchen. Frauen ist der Zugang zu höherer Bildung vollständig verwehrt. Dies verstößt gegen das Recht auf Bildung, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der UN-Frauenrechtskonvention (CEDAW) verankert ist.
- Berufsverbot und wirtschaftliche Ausgrenzung: Frauen sind von fast allen Berufen ausgeschlossen. Selbst in humanitären Organisationen dürfen sie nicht mehr arbeiten. Dies verschärft die Abhängigkeit von männlichen Familienmitgliedern und vertieft die Armut.
- Rechtlose Stellung: Durch das neue Strafgesetzbuch der Taliban (Januar 2026) wurde die Gleichheit vor dem Gesetz abgeschafft. Frauen müssen Misshandlungen vollverschleiert und in Anwesenheit eines männlichen Begleiters beweisen. Häusliche Gewalt wird damit faktisch legalisiert. Frauenrechtsorganisationen warnen vor einem steigenden Gewaltrisiko und der Zunahme von Kinderehen, seit mit Dekret N° 18 (Mai 2026) das Mindestheiratsalter abgeschafft wurde und das Schweigen eines Mädchens als Zustimmung zu einer arrangierten Ehe gilt.
- Bewegungseinschränkungen: Frauen dürfen sich nur in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds („Mahram“) in der Öffentlichkeit bewegen und müssen ihren Körper vollständig verhüllen, inkl. Gesicht und Haar. Bei „Verstößen“ gegen die Verhüllungsvorschrift nimmt die Sittenpolizei Frauen fest, weshalb sich immer weniger Frauen auf die Straße trauen. Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist extrem erschwert, Rechtsschutz und humanitäre Hilfe sind fast unmöglich.
- Systematischer Ausschluss aus Öffentlichkeit und Politik: Frauen dürfen keine Büros der Vereinten Nationen betreten, keine öffentlichen Ämter bekleiden und werden von allen politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen.
Die Taliban haben Afghanistan in einen „Friedhof für Menschenrechte“ verwandelt (Volker Türk, UN-Hochkommissar für Menschenrechte). Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat im Juli 2025 Haftbefehle gegen den Taliban-Führer Hibatullah Akhundzada und den Obersten Richter Abdul Hakim Haqqani wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit – insbesondere der Verfolgung von Frauen und Mädchen – erlassen.
Das Verhalten der EU und Deutschland ist heuchlerisch: Gespräche mit den Taliban sind inakzeptabel
Trotz dieser eklatanten Menschenrechtsverletzungen plant die Europäische Union, Vertreter der Taliban nach Brüssel einzuladen, um über Abschiebungen afghanischer Asylsuchender zu verhandeln. Deutschland hat bereits technische Gespräche mit den Taliban geführt, Taliban-Vertreter als Botschaftsmitarbeiter in Bonn akkreditiert und seit 2024 über hundert Afghanen abgeschoben – obwohl die Bundesregierung die Taliban nicht als legitime Regierung anerkennt.
Diese Gespräche sind:
- Ein Schlag ins Gesicht aller afghanischen Mädchen und Frauen, die unter dem Taliban-Regime leiden. Jede Form der Zusammenarbeit – selbst auf „technischer Ebene“ – legitimiert ein Regime, das Frauen zu Menschen zweiter Klasse degradiert.
- Ein Verstoß gegen die eigenen Werte der EU: Die Europäische Union beruft sich auf die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit sowie die Wahrung der Menschenrechte (Art. 2 EUV). Wie kann sie diese Werte glaubwürdig vertreten, wenn sie gleichzeitig mit einer Terrororganisation verhandelt, die diese Werte systematisch mit Füßen tritt?
- Ein gefährlicher Präzedenzfall: Die Taliban nutzen solche Gespräche, um internationale Anerkennung zu erlangen. Schon jetzt fordern sie, dass EU-Staaten Taliban-Vertreter in ihren Botschaften akzeptieren – als Gegenleistung für Abschiebungen. Dies untergräbt die völkerrechtliche Isolation der Taliban und sendet das falsche Signal: Menschenrechtsverletzungen spielen keine Rolle.
- Ein Verrat an den Opfern: Der UN-Menschenrechtsrat hat im Oktober 2025 einen unabhängigen Untersuchungsmechanismus für Afghanistan eingerichtet, um Beweise für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sammeln. Die EU selbst hat diese Resolution mitgetragen. Wie kann sie nun mit den Tätern verhandeln, deren Verbrechen sie gerade erst verurteilt hat?
Unsere Forderungen: Konsequentes Handeln statt Lippenbekenntnisse
- Sofortiger Stopp aller Gespräche mit den Taliban – auf jeder Ebene. Jede Form der Zusammenarbeit, selbst „technische“, untergräbt die Glaubwürdigkeit der Nicht-Anerkennungspolitik und legitimiert das Regime.
- Keine Abschiebungen nach Afghanistan: Abschiebungen in ein Land, in dem Mädchen und Frauen systematisch verfolgt werden, verstoßen gegen das Völkerrecht (Art. 3 EMRK, Art. 33 Genfer Flüchtlingskonvention). Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat bereits bestätigt, dass die Taliban-Maßnahmen gegen Frauen als Verfolgungshandlungen einzustufen sind.
- Verschärfung von Sanktionen: Die EU muss alle verfügbaren Mittel einsetzen, um die Taliban zu isolieren – einschließlich Reiseverboten und das Einfrieren von Vermögen von Verantwortlichen.
- Unterstützung für afghanische Mädchen und Frauen: Die EU und Deutschland müssen Schutzprogramme für geflüchtete Afghaninnen ausbauen, finanzielle Unterstützung für Frauenrechtsorganisationen vor Ort sichern und die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen stärken.
- Glaubwürdige Menschenrechtspolitik: Die EU muss ihre Führungsrolle bei der Durchsetzung von Menschenrechten zurückgewinnen. Das bedeutet: Keine Kompromisse mit Terrororganisationen, keine Aufweichung von Standards aus migrationspolitischen Gründen.
Die Geschichte wird uns fragen, auf welcher Seite wir standen. Unsere Antwort ist klar: Nicht mit den Taliban verhandeln, sondern sich mit Menschen solidarisieren, die diesem Terror-Regime ausgesetzt sind, allen voran Mädchen und Frauen!
Gesa Birkmann
Bundesgeschäftsführerin Politik und Themen
TERRE DES FEMMES e.V.