Stellungnahme von TERRE DES FEMMES zur neuen Studie zu Zwangsverheiratungen in Berlin
Zwangsverheiratungen verhindern heißt hinschauen, bevor es zu spät ist – Schulen und Hilfesysteme müssen endlich konsequent gestärkt werden
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Die neue „Studie zu Zwangsverheiratungen in Berlin und zu Präventionsmaßnahmen“ des Forschungsinstituts Camino zeigt: Zwangsverheiratungen sind weiterhin ein relevantes Gewalt- und Menschenrechtsproblem. Besonders betroffen sind Mädchen und junge Frauen. Zugleich macht die Studie, die vom Berliner Senat in Auftrag gegeben wurde, deutlich, dass das tatsächliche Ausmaß nur unzureichend erfasst wird. Die vergleichsweise niedrigen Fallzahlen dürfen daher keinesfalls als Entwarnung verstanden werden.
Zentrale Ergebnisse der Studie
Für 2023 wurden aus Schul- und Einrichtungsbefragungen insgesamt 186 Fälle, für 2024 207 Fälle zusammengetragen. Aufgrund methodischer Einschränkungen sind diese Zahlen allerdings nur begrenzt aussagekräftig und nicht mit früheren Erhebungen vergleichbar. Mehrere befragte Fachkräfte gehen zudem von einer tatsächlichen Zunahme der Fälle aus.
Besonders deutlich wird die Bedeutung der Schulen: Von den 52 teilnehmenden Schulen berichteten 15 von Fällen von Zwangsverheiratung. Für 2023 wurden 25, für 2024 26 Fälle genannt. Rund zwei Drittel wurden als vermutet, etwa ein Drittel als gesichert eingestuft. Die hohe Zahl vermuteter Fälle verweist auf Unsicherheiten bei der Erkennung und Dokumentation. Gleichzeitig zeigt die Studie: Wenn das Thema an Schulen aktiv aufgegriffen und das Personal sensibilisiert wird, werden mehr Fälle erkannt. Schulen sind damit ein zentraler Ort für Prävention und Früherkennung – und für viele betroffene Mädchen der wichtigste oder einzige erreichbare Schutzraum.
Die Aussagekraft der erhobenen Fallzahlen wird durch den geringen Rücklauf erheblich eingeschränkt. Von 328 angeschriebenen öffentlichen weiterführenden Schulen antworteten lediglich 52 (rund 16 Prozent). Auch bei den Einrichtungen war der Rücklauf mit 160 von 931 angeschriebenen Einrichtungen gering. Hinzu kommen Verzögerungen beim Genehmigungsverfahren der Schulbefragung, die erst kurz vor Ende der Studienlaufzeit durchgeführt werden konnte. Damit blieb kaum Zeit für Erinnerungen oder eine Verlängerung der Befragung. Weitere Daten, unter anderem berlinbezogene Daten des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“, wurden nicht zur Verfügung gestellt.
Die Studie macht damit ein grundlegendes Problem sichtbar: Wenige gemeldete Fälle bedeuten nicht wenige Betroffene. Zwangsverheiratungen sind von Angst, Scham, familiärer Kontrolle und Abhängigkeiten geprägt. Betroffene vertrauen sich häufig niemandem an; auch Verdachtsfälle werden nicht immer erkannt oder dokumentiert. Das Dunkelfeld wird daher als hoch eingeschätzt. Die Studie kommt selbst zu dem Schluss, dass Zwangsverheiratungen statistisch nur begrenzt sichtbar sind, in der Praxis aber ein relevantes und vielschichtiges Problem darstellen.
Betroffen sind insbesondere Mädchen und junge Frauen: Nach der Einrichtungsbefragung machten sie in beiden Jahren mehr als 90 Prozent der Fälle aus, nach der Schulbefragung 84 Prozent (2023) bzw. 76,9 Prozent (2024). Besonders häufig waren 14- bis 17-Jährige betroffen, gefolgt von den 18- bis 21-Jährigen. Gleichzeitig sind auch Jungen, Männer und queere Menschen betroffen. Die meisten Fälle wurden bereits im Vorfeld einer geplanten Zwangsverheiratung bekannt; etwa ein Drittel war zum Zeitpunkt der Meldung bereits vollzogen. 10% der geplanten oder vollzogenen Zwangsheiraten fanden in Deutschland statt oder sollten dort stattfinden, ein Drittel (2023) bzw. ein Viertel (2024) im Ausland. In der Mehrzahl der Fälle war der Ort der Zwangsheirat nicht bekannt.
Die Studie beschreibt zudem vielfältige Formen familiärer Gewalt und Kontrolle – darunter psychischen Druck, körperliche Gewalt, Einsperren, Isolation, Bedrohungen und wirtschaftliche Kontrolle. Dahinter stehen häufig patriarchalische Normen, traditionelle Rollenvorstellungen und ein Verständnis von familiärer „Ehre“, denen sich einzelne Familienmitglieder unterordnen müssen. Risikofaktoren sind unter anderem fehlende Bildungsperspektiven, Behinderung, mangelnde außerfamiliäre Netzwerke sowie fehlender Zugang zu Informationen und Hilfsangeboten.
Gleichzeitig bestehen Lücken im Hilfesystem. Fachkräfte in Jugendämtern, Schulen und Polizei fühlen sich teilweise nicht ausreichend geschult. Gefährdungen werden nicht immer richtig erkannt bzw. als Kindeswohlgefährdung eingestuft. Weiterhin bestehen Unsicherheiten, das Thema überhaupt anzusprechen bzw. in einer konkreten Situation zu handeln. Es fehlen Präventionsangebote v. a. in Schulen, Schulungen von Fachkräften sowie Schutzplätze, spezialisierte Unterbringungsmöglichkeiten und ausreichende Angebote für besonders gefährdete Gruppen, z. B. Hilfe bei der langfristigen Anonymisierung akut gefährdeter Personen.
Die Forderungen von TERRE DES FEMMES
Aus Sicht von TERRE DES FEMMES muss insbesondere die Prävention an Schulen verbindlich und dauerhaft gestärkt werden. Prävention darf nicht vom Engagement einzelner Schulen oder von befristeten Projekten abhängen.
TERRE DES FEMMES fordert:
- verbindliche und kontinuierliche Präventionsangebote an Berliner Schulen zu Zwangsverheiratung, Selbstbestimmung, Rechten und Hilfsangeboten;
- regelmäßige Schulungen für Lehrkräfte, SchulsozialarbeiterInnen und weitere pädagogische Fachkräfte, damit Warnsignale erkannt und Betroffene sicher unterstützt werden können;
- eine deutliche personelle Aufstockung der Schulsozialarbeit;
- aufsuchende, niedrigschwellige Beratung direkt an Schulen, da betroffene Jugendliche externe Beratungsstellen häufig nicht selbstständig erreichen können;
- die dauerhafte Verankerung des Themas Zwangsverheiratung und Frühehen in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften;
- Präventionsangebote, die auch Jungen, Eltern und das familiäre Umfeld einbeziehen.
Prävention muss durch ein verlässliches Schutz- und Beratungssystem ergänzt werden. TERRE DES FEMMES fordert deshalb die dauerhafte Finanzierung und den Ausbau spezialisierter Beratungs- und Schutzeinrichtungen. Benötigt werden insbesondere spezialisierte Beratungsstellen sowie anonyme Unterbringungsmöglichkeiten und Schutzangebote für Minderjährige, junge Volljährige und weitere besonders gefährdete Gruppen. Notwendig sind zudem schnelle Verfahren bei akuter Gefährdung, eine bessere Zusammenarbeit von Schule, Jugendamt, Polizei und Fachberatungsstellen sowie langfristige Schutzmöglichkeiten sowie Betreuung akut Gefährdeter, auch über die Grenzen Berlins hinaus.
Weiterhin müssen PolizeibeamtInnen regelmäßig geschult werden, um Fälle von Zwangsverheiratung zu erkennen und sensibel adäquaten Opferschutz leisten zu können.
Schließlich braucht es eine verbesserte und regelmäßige Datenerfassung, z. B. in Schulen und Jugendämtern, auf deren Grundlage Präventions- und Schutzmaßnahmen bedarfsgerecht umgesetzt werden können.
Jetzt handeln!
Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse – vor allem aber zeigt sie, dass die bestehenden Zahlen das Problem nicht vollständig abbilden.
Wir wissen genug, um zu handeln:
Zwangsverheiratung verhindert man nicht durch Wegsehen, sondern durch Aufklärung, frühzeitiges Erkennen, verlässliche Beratung und konsequenten Schutz. Dafür braucht es jetzt politische Verantwortung und dauerhaft gesicherte Ressourcen.
Myria Böhmecke,
Referatsleiterin Referat Gewalt im Namen der Ehre