• 25.03.2026

„Wenn Mädchen „Kinderkopftuch“ tragen" – Ein Theaterstück, das zum Nachdenken anregt

Nach der erfolgreichen Berlin-Premiere im vergangenen Jahr war es am 11. Februar 2026 wieder so weit: Das Figurentheater für Erwachsene von Künstlerin Gießelmann-Goetze wurde in den Räumen der Bundesstiftung Gleichstellung aufgeführt – und sorgte erneut für lebhafte Debatten zum Mädchenschutz, Religionsfreiheit und Selbstbestimmung.

Die Veranstaltung schuf Raum für fachlichen Austausch und eine angeregte Diskussion. Nach der Aufführung diskutierten die Künstlerin, Stephanie Walter von TERRE DES FEMMES und Kathrin Michel, MdB und Sprecherin für Säkularität und Humanismus der SPD-Bundestagsfraktion. Ein Sektempfang mit intensiven Gesprächen und Erfahrungsaustausch rundete die Veranstaltung ab.

Gleichberechtigung beginnt im Klassenzimmer

Gießelmann-Goetze, studierte Juristin und bis zu ihrer Pensionierung Richterin in Berlin und Stendal, sagt: Lange Zeit hatte sie sich kaum mit Fragen der Gleichberechtigung beschäftigt. Gleichberechtigung und Religionsfreiheit galten ihr als selbstverständlich. Das Kopftuch bei Musliminnen sah sie als mutigen Ausdruck gelebter Religion.

Das änderte sich 2020, als sie zunehmend Mädchen im Grundschulalter mit „Kinderkopftuch“ wahrnahm. Seitdem ist für sie klar: Gleichberechtigung und Emanzipation sind demokratische Errungenschaften – keine Selbstverständlichkeiten. Gerade im schulischen Kontext müssen sie aktiv geschützt und vermittelt werden.

Die Figur der Großmutter in ihrem Stück ist ihr Alter Ego. Bewusst hat sie sich gegen einen reinen Monolog entschieden: Einseitige Perspektiven verhindern echten Erkenntnisgewinn. Stattdessen setzt sie auf Dialog – respektvoll, offen und mit dem Mut, auch zu irren.

Frauenrechte sind Menschenrechte – ohne Ausnahme

Eröffnet wurde der Abend von Sina Tonk, Bereichsleiterin bei TERRE DES FEMMES. Sie erklärte, warum die Organisation seit Jahren für eine bundeseinheitliche Regelung des „Kinderkopftuchs" in öffentlichen Bildungseinrichtungen (Kitas und Schulen) für alle Mädchen bis 14 Jahre eintritt.

Die Position von TERRE DES FEMMES ist klar: Alle Geschlechter sind gleichberechtigt – ohne Wenn und Aber. Patriarchale Strukturen werden abgelehnt, egal ob sie kulturell oder religiös begründet werden. Denn Frauenrechte sind Menschenrechte, und die gelten universal.

Kulturrelativismus – also die Ansicht, dass Menschenrechte je nach kulturellem Hintergrund unterschiedlich gelten dürften – widerspricht diesem Grundsatz. Konkret bedeutet das: Es ist nicht akzeptabel, wenn Mädchen nicht an Klassenfahrten oder am Schwimmunterricht teilnehmen dürfen oder früh in traditionelle Rollenbilder gedrängt werden. Kulturelle Identität und Religionsfreiheit bleiben dabei selbstverständlich gewahrt – aber sie enden dort, wo Grund- und Frauenrechte beschnitten werden. Religionsfreiheit beinhaltet auch das Recht auf negative Religionsfreiheit.

Das Theaterstück: Wo beginnt Selbstbestimmung?

Im Mittelpunkt des Theaterstücks steht ein kontroverses Gespräch zwischen der Großmutter und ihrer Enkelin Tine. Auslöser ist Aida-Abir – Drittklässlerin, jüngere Schwester von Tines Freundin Fatima, und sie trägt ein „Kinderkopftuch“.

Die Großmutter ist überzeugt: Ein „Kinderkopftuch“ im Grundschulalter kann kein Ausdruck von Religionsfreiheit sein. Sie ermutigt Tine, selbst theologisch nachzufragen – und weist darauf hin, dass der Koran selbst für erwachsene Frauen keine eindeutige Grundlage für das Kopftuch liefere.

Tine sieht das anders: Für sie steht das „Kinderkopftuch“ für kulturelle Vielfalt und Selbstbestimmung. Kritik daran, findet sie, riskiere, muslimfeindliche Ressentiments zu schüren und die kulturelle Identität der Mädchen in Frage zu stellen.

Das Streitgespräch der beiden spiegelt eine gesamtgesellschaftliche Debatte – und macht sie auf der persönlichen Ebene zwischen Großmutter und Enkelin greifbar.

„Anträge der AfD folgen nie wohlwollender Absicht"

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde von Sina Tonk moderiert. Ein zentrales Thema: der Umgang mit der AfD – der bisher einzigen Partei, die zweimal einen Antrag auf ein Verbot des „Kinderkopftuchs“ im Bundestag gestellt hat.

Gießelmann-Goetze appellierte: „Wir sollten uns das Thema nicht wegnehmen lassen, nur weil eine rechtspopulistische Partei es für sich vereinnahmt hat." Sie wünschte sich mehr Engagement der demokratischen Parteien – schließlich gehe es nicht um ein allgemeines Verbot, sondern konkret um das „Kinderkopftuch“.

Für Kathrin Michel ist eine Zusammenarbeit mit der AfD keine Option: „Anträge der AfD folgen nie wohlwollender Absicht." Gleichzeitig gab sie zu bedenken, dass das Thema in der breiten Öffentlichkeit noch nicht angekommen sei. In ihrem Wahlkreis Bautzen stehe der Kampf gegen Rechts im Vordergrund. Ihre Überzeugung: Die Debatte zum „Kinderkopftuch“ gehört in die Länderparlamente – nicht in den Bundestag.

Michel stellte sich selbst als „Lernende" vor. Trotz des Elternrechts auf religiöse Erziehung zieht sie die Linie dort, wo Druck auf Kinder entsteht. Langfristig setzt sie sich für einen Ethikunterricht ein, der Religionsunterricht ergänzt oder ersetzt – als Beitrag zur Stärkung der Säkularität in Schulen.

Publikum mit klarem Appell

In der Fragerunde meldeten sich engagierte Stimmen aus dem Publikum. Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: Es geht beim „Kinderkopftuch“ nicht darum, Kindern „etwas wegzunehmen" – sondern darum, sie vor Entscheidungen zu schützen, die sie in diesem Alter nicht frei treffen können.

An Frau Michel wurde die Frage gerichtet, warum es bisher keinen demokratischen Alternativantrag zu denen der AfD gebe. Michel erklärte, das Thema falle in die Zuständigkeit der Länder und gehöre nicht originär zu ihrem bisherigen Aufgabenbereich. Sie wolle sich aber künftig stärker damit befassen.

Der abschließende Appell des Publikums war deutlich: Das „Kinderkopftuch“ ist keine Privatangelegenheit. Es ist Teil einer systematischen geschlechtsspezifischen Diskriminierung – und verdient politische Aufmerksamkeit auf allen Ebenen.

Der Stehempfang im Anschluss bot Raum zum Vernetzen. Gäste aus verschiedenen Berufs- und Lebensbereichen kamen miteinander ins Gespräch – über Schulalltag, persönliche Erfahrungen und die großen Fragen des Abends.

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