Elif Shafak: Ehre

Roman

Kein & Aber, Zürich - Berlin, 2014. 528 Seiten, 14,00 €2015 Shafak Ehre TB

Sechs Mädchen hat die kurdische Familie bereits als die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila 1945 zur Welt kommen. Die Trauer darüber, auch dieses Mal keinen Sohn entbunden zu haben, lässt die Mutter für Tage verstummen. Die Schwestern werden ihre Kindheit in dem kargen, abgelegenen Dorf im Südosten der Türkei verbringen. Pembe wird einen Mann aus Istanbul heiraten und mit ihm nach London auswandern. Jamila wird nie heiraten können, denn sie wurde als Jugendliche entführt und hat womöglich ihre Keuschheit verloren, das unabdingbare Gut einer ehrbaren Frau auf dem Heiratsmarkt in ihrer Kultur.

ber auch Pembe wird in London das ersehnte Glück nicht finden: Ihr Mann verfällt der Spielsucht. Für eine Tänzerin verlässt er seine Frau und die drei Kinder. Iskender, der Älteste, gerade 16 Jahre alt, wird zum Oberhaupt der Familie. Als die Mutter sich in den weltoffenen Koch Elias verliebt, sieht sich der Sohn gezwungen zu handeln.

Shafak erzählt die Familientragödie aus den unterschiedlichsten Perspektiven, baut Spannung durch Zeitspünge auf. Der Roman beginnt in der Gegenwart - Esma, Pembes Tochter schickt sich an, ihren Bruder aus dem Gefängnis abzuholen, springt im nächsten Kapitel zu der Geburt der Zwillinge in Anatolien, schlägt dann die Brücke nach London, wo wir Pembes Mann in eine Spielhölle begleiten. Iskenders Aufzeichnungen aus dem Gefängnis geben Einblick in die Gedankenwelt eines Jungen, der seine Mutter erstochen hat.

In ihrem Sittengemälde deckt die Autorin die Dynamik (vermeintlicher) gesellschaftlicher Zwänge auf, ohne die Beteiligten bloß zu stellen. Eine berührend lebendige Familiensaga. Bitte lesen.