Antje Joel: Prügel

Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt

Rowohlt Hamburg, 2020. 336 Seiten, 12,00 €2020 Joel Prugel

„Wenn du dir so was auch bieten lässt“, muss sich die 16-Jährige von ihrer Mutter vorhalten lassen. Damit kommentiert diese lapidar die Schläge, die ihre Tochter von ihrem 10 Jahre älteren Partner regelmäßig bezieht. Selber schuld also. Mit dieser Einstellung, steht die Mutter nicht allein da. Die Gesellschaft sieht in erster Linie das Opfer in der Pflicht für die erlittenen Schmerzen, der Täter* wird aus der Verantwortung entlassen.

Antje Joel hat zwei gewalttätige Beziehungen hinter sich. Dennoch will sie mit „Prügel“ kein „Opferbuch“ schreiben. Ihr Buch ist auch nicht die einmalige Geschichte einer von häuslicher Gewalt geprägten Biografie. Es ist die ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt, die sich ähnlich unendlich oft überall auf der Welt abgespielt haben könnte.

Die Journalistin folgt in ihrem Buch keiner klar umrissenen Chronik der Ereignisse. Sie ergänzt ihre Erlebnisse um Kapitel, die sich mit den gesellschaftlichen Aspekten geschlechtsspezifischer Gewalt auseinandersetzen, sie beschäftigt sich mit Studien, liefert Zahlen. Sie führt Beispiele geschlechtsspezifischer Gewalt in den unterschiedlichsten Kulturkreisen auf.

Von praktischem Nutzen sind sicher die 23 Warnhinweise, die sie der britischen Beratungswebsite (hiddenhurt.co.uk) entnommen hat und ausführlich auflistet.

Ein anderes Kapitel räumt mit den „Mythen“ auf, mit denen die Gesellschaft oft das gewalttätige Verhalten der Männer erklären, ja entschuldigen will. Joel stellt klar: Es ist nicht das geringe Selbstwertgefühl, nicht die mangelnde Mitteilungsfähigkeit der Männer und auch nicht der Alkohol oder die ihn schlecht behandelnde Partnerin, die Männer zur Gefahr für ihre Partnerin werden lassen.

Wie kommt es, dass häusliche Gewalt noch immer als „Frauenproblem“ betrachtet wird, dessen Lösung ihnen auch auferlegt wird?

Wie kann ein Hamburger Richter 2017 Faustschläge ins Gesicht und in den Rücken sowie Morddrohungen als „Beziehungsstreitigkeiten“ abtun? Wie kann der gleiche Richter in seinem Urteilsspruch einen Mord erklären mit der Enttäuschung und Verzweiflung des Täters „weil die Frau ihn nicht heiraten wollte.“

Wieso wird gefragt: „Warum hat er sie geschlagen?“ – Will heißen: Was hat sie angestellt?

Wieso wird nicht gefragt: Warum glauben diese Männer, dass es überhaupt irgendeinen Grund geben kann, der berechtigt, Frauen zu schlagen? Warum glauben es die Frauen?

Die Istanbul-Konvention, die Deutschland 2017 ratifiziert hat, sieht in Gewalt gegen Frauen eine „Manifestation des historischen Ungleichgewichts der Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen, die zu einer Beherrschung der Frau durch den Mann geführt hat.“

Obwohl es kaum Bücher zu häuslicher Gewalt auf dem deutschen Markt gibt, hat die Autorin fünf Jahre gebraucht, um einen Verlag für ihr Thema zu finden. Das Thema beträfe höchstens Minderheiten, es gäbe kein Publikum für so ein Buch, hieß es. Joel wollte das Buch nicht in einem kleinen Frauenverlag veröffentlichen, denn sie hat nicht über ein kleines Problem und nicht über eine Frauenproblem zu berichten. Ihr Buch handelt – in erster Linie über ein Männerproblem.

Die Lektüre dieses Buches kann Anstöße liefern zu dessen Lösung.

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* 82 Prozent der von Gewalt in der Partnerschaft Betroffenen sind Frauen, ist den Zahlen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2018 zu entnehmen