Julia Wege: Biografische Verläufe von Frauen in der Prostitution

Eine biografische und ethnografische Studie

Springer Fachmedien, Wiesbaden 2021. 292 Seiten, 59,99 € /46,99 € (eBook)2021 Cover JWege BiografischeVerlaufe Prostitution

Das zentrale Anliegen des Buches ist, mit Hilfe von narrativen Interviews mit Frauen, die in der Prostitution tätig sind, Erkenntnisse zu generieren zu folgenden Fragestellungen:

  • Wie gestalten sich die Lebensbiografien von Frauen in der Prostitution?
  • Welche Bedeutung hat die Sozialisation in der Herkunftsfamilie?
  • Welche Erlebnisse und Erfahrungen sind in der Lebensbiografie zu finden, die Hinweise darüber geben können, warum Frauen eine Tätigkeit im Prostitutionsbereich ausüben?
  • Welche Faktoren spielen beim Einstieg in die Prostitution und beim Verbleib in ihr eine wesentliche Rolle?
  • Welche Bedeutung spielt die Prostitutionstätigkeit in der jeweiligen Lebensbiografie und welche zugrundeliegenden Handlungsmuster sind erkennbar?
  • Welchen Beratungsbedarf weisen Frauen in der Prostitution unter dem Aspekt eines Ausstieges auf?

In den ersten Kapiteln bekommen die Leserin und der Leser unter anderem Einblicke in die aktuelle Situation in der Prostitution, die historische Entwicklung und den Stand der Forschung im Feld der Prostitution. Beispielsweise, dass ...

  • ca. 40 bis 42 Millionen Menschen weltweit in der Prostitution tätig sind.
  • drei Viertel von ihnen zwischen 13 und 25 Jahre alt sind.
  • Prostitution erstmalig in der antiken Tempelprostitution beschrieben ist und daher nicht das „älteste Gewerbe der Welt“ ist.
  • der Zusammenhang zwischen Prostitutionsnachfrage, der Stationierung von Soldaten und der sexuellen Ausbeutung von Frauen in Kriegsgebieten eindeutig belegt ist.
  • drei Arbeitsbereiche unterschieden werden: Bordelle inkl. Wohnungsprostitution, Straßenprostitution und Escortservice.
  • viele in der Prostitution arbeitende Frauen aus kinderreichen Familien und aus einem armen- und bildungsfernen Milieu kommen.
  • 68 % der Frauen, die in der Prostitution tätig sind, die Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung (Im Zeitraum vor dem Einstieg in die Prostitution als auch zum Zeitpunkt der Ausübung) erfüllen.
  • 65-95 % (je nach Herkunftsland) als Kind sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren.
  • verschiedene Lebenslagen beim Einstieg in die Prostitution relevant sind: sexualisierte Gewalterfahrungen, Missbrauchserfahrungen, Vernachlässigungen und emotionale oder schwere Bindungsstörungen.
  • je jünger die Frauen, desto größer die Nachfrage der Freier und umso mehr Geld können sie mit ihrem Körper verdienen.
  • während der Tätigkeit 41% körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben und 25 % Suizidgedanken haben.

Die Autorin macht deutlich, dass es wenig wissenschaftliche Forschung im Bereich Prostitution gibt.
Das liegt vor allem an drei Faktoren: am schwer zugänglichen Feld, daran, dass die illegale Prostitution ständig in Bewegung ist (viele Ortswechsel) und dass die finanziellen Mittel in diesem Bereich knapp sind. Wichtig sind „Gatekeeper“, zu denen die Prostituierten Vertrauen haben und die dadurch den Zugang der Forschenden zu den Frauen erst möglich machen.

Im Kernstück des Buches erzählt die Autorin die beispielhaften Lebensgeschichten dreier Frauen.
Diese sind mit wörtlichen Zitaten aus den Interviews bereichert und verdeutlichen die schwierigen Lebenswege der Frauen. Spannende, berührende und eindrucksvolle Geschichten, die einen Einblick geben in die Lebenswelten der Frauen, mit all ihren Herausforderungen, Krisen und familiären Hintergründen. Dabei entsteht ein Bild des Lebens der Frauen und ihres Einstiegs in die Prostitution. Teilweise unterbrechen Interpretationen den Lesefluss z.B. „In diesem bildungsnahen Milieu wächst Liana auf und erlebt vermutlich eine wohlbehütete Kindheit“ oder „Die Großeltern leben im näheren Umfeld und es ist insofern davon auszugehen, dass regelmäßige Besuche stattfinden und man sich gegenseitig unterstützt.“

Die Forscherin nimmt im Anschluss eine Typisierung vor. Sie unterscheidet die Prostituierten, die freiwillig und selbstbestimmt tätig sind und die Prostituierten, die nicht freiwillig tätig sind.
Bei ersteren unterscheidet die Autorin zudem noch in solche, die dazu stehen und sich öffentlich als Prostituierte bekennen und solche, die es verleugnen und im Verborgenen arbeiten. Dabei bleibt offen, wie die prozentuale Verteilung ist. Ebenso schreibt die Autorin an anderer Stelle, wie schwer der Unterschied zu erkennen ist: „Zwangsbedingungen nachzuweisen ist in den meisten Fällen schwierig, unter anderem auch deshalb, weil in der Selbstwahrnehmung der Betroffenen diese Ausbeutung oft nicht als solche wahrgenommen wird“.
Irritierend bleibt in diesem Zusammenhang auch die Aussage der Prostituierten, die als Beispiel für selbstbestimmte Prostitution aufgeführt wird: „Ich bin dreißig Jahre in diesem Dreck“....

Insgesamt gibt das Buch einen sehr guten Überblick und vor allem einen vertieften Einblick in die Biografien von Frauen, die in der Prostitution tätig sind. Die narrativen Interviews sind sehr gut geeignet, um den Frauen „näher“ zu kommen und ihre Motive und ihr Leben besser zu verstehen, daher eine lohnende Lektüre.