Emina Saric: Ehre, Scham und Schande

Warum wird Frauen Gewalt angetan?

Passagen Verlag, Wien 2021, 137 Seiten, 17,40 €2021 Cover Saric Ehre Scham

Kultur, so Saric, manifestiert sich in Werten, Helden, Ritualen und Symbolen. Sie begreift Kultur als gesellschaftliches System, welches wichtige Orientierungspunkte für das menschliche Zusammenleben liefert. Aus den Sozialisierungsmerkmalen einer Kultur lasse sich ein Geschlechterverhältnis ableiten, „welches früh wahrgenommen, internalisiert und auch von Generation zu Generation“ vererbt werde.  

Die Autorin unterscheidet zwischen individualistischen und kollektivistischen Kulturen: Kulturen kollektivistischer Natur stellen demnach die Wahrung des sozialen Zusammenhalts über das Individuum und seine Interessen und Bedürfnisse. Persönliche Meinungen hätten darin einen geringen Stellenwert, Widerspruch zeuge sogar eher von einem schlechten Charakter.Schon Kinder lernen sich in diesen Kulturen eher als „Wir“ zu begreifen, ihre Meinungen an Familienmitgliedern zu orientieren und Bedeutung von Loyalität und der Wahrung von Harmonie innerhalb der familiären Strukturen zu internalisieren“.

Meist seien die Werte dieser Kulturen androzentrisch orientiert, denen sich das weibliche Geschlecht unterordnen müsse.
Patriarchale Kulturen förderten Geschlechtersegration und umgekehrt.

Saric nennt „Ehrkulturen“ als eine Form von kollektivistisch-patriarchalischen Kulturen, die überwiegend hierarchisch organisiert sind. Sie beschreibt treffend, wie diese Milieus Ehre ritualisieren und als patriarchale Macht benutzen. Frauen würden enthumanisiert und objektiviert; Männer hätten die ihnen zugeschriebenen Männlichkeitsrollen zu erfüllen. Saric arbeitet die Dynamik dieser Milieus heraus und deckt auf, wie sie Gewalt legitimieren.

Somit führt Saric vor, wie traditionsbedingte Gewalt und Gewalt im Namen der Ehre auf kollektivistischen ehrkulturellen Milieus gedeihen, wie das patriarchalisch kulturelle Gedächtnis und die Tradierung von Geschlechtersegration „unentwegt an die nächsten Generationen weitergegeben werden, die diese reproduzieren und so eine Gewaltspirale entstehen lassen“.

 

Dadurch, dass Migration und Globalisierung Kulturen und Werte durchmischen, lassen sich diese Milieus auch zweifellos in westlichen Gesellschaften finden. „Ehren“-Morde (und auch andere Formen traditionsbedingter Gewalt oder Gewalt in Namen der Ehre), wie die an Hatun Sürücü oder Arzu Özmen, offenbaren die Notwendigkeit westlicher individualistischer Gesellschaften, sich mit traditionell-patriarchalischen Kulturen auseinanderzusetzen. 

Die Autorin, seit 2017 Leiterin des Projektes „Heroes – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ in der Steiermark, belässt es nicht bei der ihrer Analyse. Sie liefert auch Handlungsperspektiven und Handlungsfelder für Schulen, um diese Gewaltstrukturen und die postulierte Geschlechterungleichheit aufzulösen.

Um Unterdrückungsmechanismen nicht weiter zu tradieren, sondern aufzubrechen, müssten diese innerhalb der Kulturen bewusst gemacht werden; auch müsse das kulturelle Gedächtnis um weibliche Narrative ergänzt werden. Präventive (Sensibilisierung-) Arbeit ist für sie unerlässlich, um traditionsbedingter Gewalt und Gewalt im Namen der Ehre ein Ende zu setzen.