Doris Wind: Eine unfassbare Sehnsucht

Autobiographische Erzählung

Christel Göttert Verlag Rüsselsheim, 2021. 221 Seiten, 17,- €2021 DorisWind Unfassbare Sehnsucht

„Die böse Hexe meiner Kindheit hieß ‚mein Großvater‘ und lag nicht unter meinem Bett, sondern ich in seinem.“

Damit ist alles gesagt, was die Lebensqualität einer Frau zerstört – wenn sie nicht die Kraft und die Hilfe findet, sich von ihrem Trauma zu erlösen.

Während ich das Buch von Doris Wind lese, erfahre ich, dass ich kaum etwas über die Qualität eines Traumas weiß. Wie fühlt es sich an, wenn ein Kind völlig gelähmt in Gedanken und Bewegungen, darüber hinaus von der Mutter geschlagen, unfähig zur Gegenwehr zum Spielball erwachsener Libidinisten wird, wenn die zaghaften Versuche sich im Kindergarten der Abholung durch den Großvater zu entziehen als ungezogen getadelt oder in späteren Jahren von der Ungeheuerlichkeit dieser Untaten zu sprechen als bösartige Unterstellung - so unisono die Mutter und die Schwester - auf sie zurückprallt und sie nochmals schändet.

An die ersten zehn Jahre ihres Lebens hat Doris keine Erinnerung. Das wird – trotz psychologischer Gutachten - vom Gericht gegen sie verwendet. Sie wollte eine Entschädigung aus der öffentlichen Hand erwirken, die ihr nach §1 Absatz 1 Satz 1 OEG zustehen würde. Sie erhoffte sich dadurch einen finanziellen Ausgleich für ihren jahrelangen Verdienstausfall und ein wenig Absicherung für die Zukunft. Geborgenheit musste sie als Kind ganz und gar und das Gefühl von Sicherheit nun als Erwachsene immer noch entbehren.

Aber dann: „Opfer zu bleiben ist keine Perspektive für mich“. Mit diesem Grundsatz schafft es Doris Wind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Sie greift zum Stift, sie schreibt. Sie kehrt ihr Innerstes nach außen und teilt sich mit. Davon können alle profitieren: die Traumatisierten und die Nicht-Traumatisierten. Letztere – und dazu zähle ich auch – gewinnen einen Einblick, wie es sich anfühlt, wenn ein Weg zur Arbeit tagtäglich zu einer Mutprobe wird, weil die Angststörung jeden Moment den Boden unter den Füßen wegreißen und einen Abgrund auftun kann und weil jeder Augenblick die Gefahr in sich birgt, orientierungslos geworden wieder zum Spielball äußerer Mächte zu werden. Wie können wir ermessen, welcher Kraftanstrengung es bedarf, einen ersten Weg, einen Spaziergang an der Elbe, ohne Begleitung zu wagen? Was wissen wir von dem Damoklesschwert, das offenbar lebenslänglich über der Traumatisierten schwebt, das soeben mühsam Schritt für Schritt gewonnene Terrain plötzlich wieder zu verlieren? Wenn wir das erkennen, können wir nicht umhin, Traumatisierten voll Bewunderung zu begegnen, wenn sie es geschafft haben, ihr Schicksal nicht nur zu ertragen, sondern auch Wege zu gehen, deren Kraftaufwand einer Gipfelbesteigung gleichkommt.

Traumatisierte erfahren durch die Geschichte von Doris Wind, welche Schritte möglich sind -  durch Freundschaften, durch Therapie, durch Zugehörigkeitsgefühle zu Gruppen, durch stetiges Weitermachen, durch Neuanfänge nach Abstürzen, kurz durch die Entschlossenheit, sich selbst nicht aufzugeben – trotz alledem ein Leben voll Liebe, voll Schönheit, voll Erfüllung, voll Selbstachtung zu finden.

„Ich habe keine Angst mehr, irgendwo nicht hinzukommen, und checke nicht mehr vorab alle Wege in der Planung. Dieses Gehen ist ein ganz neues Freiheitsgefühl.“ Dieser Satz ist ein Sieg über die Gewalt – individuell errungen, aber ein Ziel für alle Geschädigten. „Ich weiß nicht, ob … das von Dauer ist, aber jetzt ist es so“, endet Doris Wind ihre Erzählung. Und das ist auch ein Grundsatz, den sie uns allen nahelegt: nämlich im Hier und Jetzt zu leben und jeden Tag und jede Minute als eine Herausforderung anzunehmen.

TDF-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Godula Kosack Leipzig im Dezember 2021