25 Jahre vor #MeToo steht TERRE DES FEMMES belästigten Studentinnen bei

Skizze von Monika Gerstendörfer zum
Skizze von Monika Gerstendörfer zum "System" Sexuelle Gewalt. © TDF-Dokumentationsstelle

“Die „Bettscheinaffäre“ wurde mangels hinreichenden Tatverdachts von der Fuldaer Staatsanwaltschaft juristisch zu den Akten gelegt“, heißt es im Artikel der Fuldaer Zeitung vom 18. März 1993.

Die Darstellungen der einzigen Belastungszeugin und des beschuldigten Dozenten gingen auseinander. Die Zeugin, eine Studentin, hatte diesem vorgeworfen, während eines studienbedingten Treffens zudringlich geworden zu sein, „sexuelles Entgegenkommen“ erwartet zu haben. Dieses werde sich positiv für die weitere Zusammenarbeit auswirken. Vertraulich hatten auch andere Frauen von solchen Erfahrungen mit Lehrenden an der FH Fulda berichtet, aber die Aussage vor der Staatsanwaltschaft gescheut.

Frauenfeindliches Klima an der Fachhochschule?

TERRE DES FEMMES stellt sich von Beginn an auf die Seite der betroffenen Frauen. In einer Ausgabe des TDF-Rundbriefes von 1992 werden die sexistischen Vorfälle an der FH aufgerollt: Bereits im Mai 1985 seien „verbal-sexuelle Attacken“ eines Professors öffentlich gemacht worden: „Demnächst mache ich mit Ihnen allein Statistik – wir beide allein, das wäre doch was“. Der gleiche Dozent wird übergriffig und demütigend: „Sie mit Ihrem Menstruationsgeruch können sowieso gleich nach hinten gehen.“ Nicht nur das Frauenplenum der FH sah durch solche Äußerungen die Würde der Frauen verletzt. Als der Name des Dozenten in einer Zeitung des Fachbereichs Sozialpädagogik genannt wird, verwahrt sich der Fachbereichsrat gegen die Diffamierung eines seiner Mitglieder

Im März 1992 machen AStA-Referentinnen auf die sogenannten „Bettscheine“ aufmerksam: Lehrende würden einzelnen Studentinnen Scheine für sexuelle Leistungen anbieten. Eine der Professorinnen der FH ist nicht überrascht: Das Problem sei seit Jahren im Kollegium bekannt. Ein Dozent räumt auf einer öffentlichen Veranstaltung ein, er habe von speziellen Fällen gehört, um dann sein Bekenntnis der Fuldaer Zeitung gegenüber prompt zurück zu ziehen.

Von den betroffenen Studentinnen wagt „aus Scham und Angst“ keine den Schritt an die Öffentlichkeit. Um sie zu schützen, weigern sich die AStA-Referentinnen, ihre Namen preiszugeben. Zermürbt durch den auf sie lastenden Druck treten sie im Juli ab. Kein Wunder: Hochschulangehörige sprechen von einer „öffentlichen Kampagne dieser sektenartigen Gruppierung“. Monika Gerstendörfer im TDF-Rundbrief: „Die Stigmatisierung der sich wehrenden StudentInnen mit dem Namenstäfelchen ‚Sekte‘ … erfüllt den Zweck, die Ziele aktiver Frauen und Frauenbewegungen zu diffamieren.“

„Sex für Scheine: Studentinnen und Prostitution“

Eine Journalistin versucht, sich in die Lage der Studentinnen, die vor einer Aussage vor der Staatsanwaltschaft zurückschrecken, zu versetzen: „Gleichzeitig laufen die betroffenen Frauen Gefahr, selbst zu Täterinnen gemacht zu werden. Schließlich waren sie ja beteiligt, haben sich darauf eingelassen, sich in den Augen der Öffentlichkeit vielleicht schon prostituiert.“
Mit dieser Einschätzung steht sie nicht allein da. TDF berichtet in einem Rundbriefbeitrag über einen Artikel in der Zeitschrift unicum (2/94), mit dem sprechenden Titel: „Sex für Scheine: Studentinnen und Prostitution“. In diesem ist eine Befragte fest davon überzeugt, dass sich „jede dritte Studentin prostituiert, ob professionell oder für `nen Schein.“

Haben die Studentinnen sexuelle Belästigung provoziert?

„Blaming the victim“ – dieses Argumentationsmuster wurde schon Jahre vor #MeToo erfolgreich angewandt: Frauen, die sich in einem Abhängigkeitsverhältnis den herrschenden Machtstrukturen gebeugt haben, wird Prostitution unterstellt. Diejenigen, die sich auf die Seite der Betroffenen stellen, gehören kleinen Sekten an. Völlig aus dem Blick geraten dabei diejenigen, die das Abhängigkeitsverhältnis ausnutzen, um auf ihre Kosten zu kommen. Zwei Jahre nach der „Bettscheinaffäre“ untersuchten die Professorinnen Hiltrud Schmidt-Waldherr und Ursula Müller im Auftrag der Gleichstellungskommission der FH Fulda das Ausmaß sexueller Belästigung an der Fachhochschule. Dafür verschickten sie an alle 3680 Hochschulmitglieder Fragebögen. 783 Fragebögen kamen zurück. 35 wiesen auf strafrechtlich relevante Delikte hin, bei denen es sich um „Versprechen von Vorteilen bei sexuellem Entgegenkommen, das Androhen von Nachteilen bei dessen Verweigerung sowie tätlicher Bedrohung“ handelte.

Die 2017 durch #MeToo ins Rollen gebrachte Bewegung hat solche Erklärungsmuster, die die Schuld in erster Linie bei den sexuell Belästigten verorten, offengelegt. Betroffene Frauen trauen sich mit den erlebten Demütigungen an die Öffentlichkeit, sie klagen an.

Einer empirischen Studie von 2015 zufolge wurden 54,7% der befragten Studentinnen – also jede zweite – während der Zeit des Studiums sexuell belästigt.

 

Quellen

Susanne Hübel und Monika Gerstendörfer: Ein Stich ins Wespennest: „Bettschein-Affäre“.

Sexuelle Belästigung an der FH Fulda. In: TERRE DES FEMMES-Rundbrief 3/4 1992, S. 47

Monika Gerstendörfer: Zweites Feedback zur Fragebogenaktion: „Studentinnen: Sexuelle ‚Belästigung‘ durch Lehrende“. In: TERRE DES FEMMES: Rundbrief 1/1994, 21f

Monika Gerstendörfer: Sexuelle „Belästigung“ von Studentinnen durch Lehrende. In: Konsens 2/1993, S.22f

Ellen Petry: Bettscheine in Fulda? In: EMMA Nr. 8/August 1992, S. 4

Ina Joop: „Bettschein-Affäre“. Die Mauer des Schweigens. In: HNA, Nr. 34, 23.08.1992, S.21

Justiz stellte Ermittlungen ein. Fuldaer Zeitung, Nr. 65, 18.03.1993

Stephan Börnecke: Vom Po-Kniff bis zur Nötigung. Befragung über sexuelle Belästigung an der FH Fulda. Frankfurter Rundschau vom 17.12.1994

Sexuelle Belästigung im Hochschulkontext – Schutzlücken und Empfehlungen. Expertise von Prof. Dr. Eva Kocher/Stefanie PorscheEuropa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder) 2015

 

 

Stand: Februar 2020