Aktuelles

Nachrichten und Berichte zu TERRE DES FEMMES-Themen.

 

07.05.2010: AIM-Gründerin Rugiatu Turay bekommt den Alice-Salomon-Award

Dieses Jahr hat die Gründerin der Frauenrechtsorganisation AIM (Amazonian Initiative Movement), Rugiatu Neneh Turay am 07.05.2010 den Alice-Salomon Award für Ihre Arbeit im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Ihrem Heimatland Sierra Leone, verliehen bekommen.

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04.02.2010: TERRE DES FEMMES unterstützt die Kampagne 'STOP FGM NOW!'

Waris Dirie startet internationale Kampagne "STOP FGM NOW!" in Berlin - Organisationen bündeln Kräfte im Kampf gegen Genitalverstümmelung

Gruppenfoto; Quelle: Heymann Brandt de Gelmini
Quelle: Heymann Brandt de Gelmini

Alle elf Sekunden wird auf der Welt ein Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt. Um ihrer Forderung "STOP FGM NOW!" (Stoppt Genitalverstümmelung jetzt!) weiter Nachdruck zu verleihen, startet Waris Dirie am 6. Februar 2010 - dem internationalen Tag "Null Toleranz gegen Genitalverstümmelung" - eine internationale Kampagne. Unterstützt wird die mehrfach ausgezeichnete Menschenrechtsaktivistin dabei von führenden Organisationen, die sich im Kampf gegen FGM (Female Genital Mutilation) engagieren. Ziel des gemeinsamen Engagements ist es, die aktuelle Situation betroffener Frauen in Deutschland zu beleuchten, einen Durchbruch für den Schutz bedrohter Mädchen zu erzielen, politischen Forderungen Ausdruck zu verleihen und Interessierten konkrete Möglichkeiten zur Förderung und Unterstützung von Projekten zu geben.

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Aufruf zur Unterschriftenaktion für Aylin Korkmaz

Der Countdown läuft... Unterschriftenaktion für Aylin Korkmaz nur noch bis 08.12.2010!

Laut Absehungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Baden-Baden vom 2.6.2009 und der ausländerrechtlichen Ausweisungsverfügung vom 23.09.2009 wird der Täter nach weniger als 7 Jahren aus der Haft entlassen und in die Türkei abgeschoben. In der Türkei wäre er nach §456a StPO ein freier Mann.

Mit Ihrer Unterschrift fordern Sie die Staatsanwaltschaft Baden-Baden auf:

  • den Täter Mehmet K. nicht vorzeitig zu entlassen, sondern ihn die gesamte Haftzeit in Deutschland verbüßen zu lassen
  • den Tätern von "Ehrverbrechen" keinen Strafnachlass aus "kulturellen Gründen" zu gewähren
  • Täter, die eine Gefahr für Dritte darstellen, nicht vorzeitig aus der Haft zu entlassen.

Die Unterschriften werden voraussichtlich im Dezember 2010 der Staatsanwaltschaft Baden-Baden überreicht.

18.09.2008: Offener Brief zur Kopftuch-Broschüre der Berliner Senatorin Dr. Heidi Knake-Werner

An die
Senatsverwaltung für Integration, Arbeit
und Soziales
Frau Dr. Heidi Knake-Werner
Oranienstr. 106
10969 BERLIN


Tübingen, 18.09.08

Offener Brief zu Ihrer Broschüre "Mit Kopftuch außen vor?"

Sehr geehrte Frau Dr. Knake-Werner,

vor wenigen Tagen haben wir die Broschüre "Mit Kopftuch außen vor?" von Ihnen erhalten, die wir mit großem Befremden gelesen haben. Uns ist unverständlich, wie sich eine staatliche Institution wie die Berliner Senatsverwaltung für eine religiöse Auslegung einsetzen kann, die der im Grundgesetz verankerten Gleichstellung der Geschlechter diametral entgegen steht. Eine solche Positionierung von staatlicher Seite fördert nicht etwa die Integration, sondern verschärft die bereits bestehenden Parallelgesellschaften.

In unserer täglichen Arbeit sind wir häufig mit Frauen konfrontiert, die sich bewusst gegen das Tragen eines Kopftuches entschieden haben und deshalb diskriminiert werden. Gerade Mädchen und junge Frauen werden vermehrt von Mitschüler/-innen, Familie und Community unter Druck gesetzt und als "Hure" beschimpft, wenn sie das Kopftuch nicht tragen. Die Anhänger der Kopftuch-Ideologie unterscheiden so zwischen ehrbaren und nicht ehrbaren Frauen. Dies kann nicht im Sinne einer aufgeklärten und emanzipatorischen Gesellschaft sein und ist mit Werten wie Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung nicht vereinbar.

TERRE DES FEMMES sieht im Kopftuch das Symbol einer patriarchalisch fundierten Geschlechterhierarchie, d.h. der Vormundschaft des Mannes über die Frau. Diese wird sowohl von Männern als auch von Frauen aufrechterhalten. Damit ist das Kopftuch kein religiöses Symbol - wohlwissend dass es u.a. auch aus persönlicher religiös begründeter Motivation oder als modisches Accessoire getragen wird.

Wir waren in diesem Zusammenhang erstaunt zu lesen, dass die in der Broschüre genannten Empfehlungen aufgrund von Gesprächen mit lediglich 30 Muslimen, einer Leiterin einer Erziehungsschule und einem Vertreter einer islamischen Religionsgemeinschaft zustande kamen. Wie Sie selbst schreiben, sind die Einstellungen der befragten Personen keineswegs repräsentativ.
Wir fragen uns deshalb, warum Geld für eine solche Broschüre ausgegeben wird, anstelle es in den Opferschutz und in die Beratung von Opfern dieser Strukturen zu investieren.

Aus den genannten Gründen möchten wir Sie dringend bitten, die Broschüre zurückzuziehen und diejenigen zu schützen, die im Namen einer Religion daran gehindert werden, frei und selbst bestimmt zu leben. Wir werden diesen Brief auf unserer Homepage veröffentlichen, um unsere BesucherInnen und unsere Mitglieder über unsere Position zu informieren.

Mit freundlichen Grüßen

Christa Stolle
Bundesgeschäftsführerin

 

21.02.2008: Offener Brief an Christa Müller zu Ihrem Interview

Christa Müller ist Vorsitzende von (I)NTACT und familienpolitische Sprecherin der Partei DIE LINKEN im Saarland.

Sehr geehrte Frau Müller,

seit vielen Jahren schätzen wir Ihr großes persönliches Engagement gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Darum hat es uns entsetzt, dass Sie als Vorsitzende des Vereins (I)NTACT im Spiegel-Interview die Betreuung von Kindern in Krippen attackieren und sogar so weit gehen, die Verletzungen, die Kinder angeblich durch Fremdbetreuung erlitten, mit denen der weiblichen Genitalverstümmelung zu vergleichen.

Dieses halten wir für absolut unverantwortlich - es ist eine Verhöhnung der Opfer von massiver körperlicher Gewalt, denen durch die Genitalverstümmelung ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung  genommen wird. Dieses trifft in keiner Weise auf Kinder zu, die in Krippen durch Fachpersonal betreut werden!

Seit über 20 Jahren setzt sich TERRE DES FEMMES mit Öffentlichkeitsarbeit und Projektunterstützung für ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung ein. Immer noch wird diese schwere Menschenrechtsverletzung, von der weltweit 150 Millionen Mädchen und Frauen betroffen sind, in ihren Ausmaßen und Auswirkungen unterschätzt. Viele Betroffene leiden ihr Leben lang unter den massiven körperlichen und seelischen Folgen - auch in Deutschland. Wir können daher nicht hinnehmen, dass Sie mit Ihrer Aussage Genitalverstümmelung verharmlosen.

Wir hoffen, Sie können unseren Protest, mit dem wir für viele Frauen sprechen, nachvollziehen und würden uns über eine Stellungnahme von Ihnen freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Christa Stolle                     Franziska Gruber
Bundesgeschäftsführerin     Referentin gegen weibliche Genitalverstümmelung


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Für Nachfragen und Interviews stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.
Bitte wenden Sie sich an TERRE DES FEMMES,
Franziska Gruber (Referentin gegen weibliche Genitalverstümmelung),
Tel. 07071/7973-0 oder per Mail an genitalverstuemmelung@frauenrechte.de

04.07.2007: Brief von TERRE DES FEMMES an die Abgordneten des Europaparlaments

Dringend: Frauenmorde in Mexiko und Zentralamerika, Behandlung im Ausschuss Rechte der Frau und Gleichstellung der Geschlechter, Europäisches Parlament

Sehr geehrte Abgeordnete,

TERRE DES FEMMES, gemeinnütziger Verein aus Deutschland, der sich für die Menschenrechte von Frauen und Mädchen einsetzt, verfolgt mit großer Besorgnis seit Jahren die unaufgeklärten, ungesühnten Frauenmorde in Ciudad Juárez, Mexiko. Ebenso verfolgen wir die seit Jahren andauernden Versuche der internationalen Gemeinschaft, die Aufklärung und Verfolgung dieser Verbrechen und die Achtung der Menschenrechte der Frauen in Chihuahua einzuklagen.

Gerade darin scheint uns die Dringlichkeit von Initiativen im Europäischen Parlament, wie vom Berichterstatter Raul Romeva im Ausschuss FEMM am 25. Juni 2007 vorgelegt, zu liegen. Wir möchten den "Bericht über Frauenmorde in Mittelamerika und in Mexiko und die Rolle der EU bei der Bekämpfung diese Phänomens" (2007/2025(INI)) in seiner Gesamtheit unterstützen und stimmen den Forderungen in diesem Bericht zu (s.u. zitiert: die uns zentral erscheinenden Passagen aus dem Bericht).

Seit 1993 sind  viele Hunderte von Frauen in Ciudad Juárez und der Umgebung verschwunden. In über 400 Fällen ist ihre Ermordung erwiesen, nachdem sie grausamst gefoltert, sexuell missbraucht und verstümmelt wurden. Die Opfer sind meist junge Frauen aus bescheidenen Verhältnissen, die in den Montagefabriken - Maquiladoras - im Norden Mexikos arbeiten. Trotz der hohen Anzahl von Opfern und der besonderen Grausamkeit der Verbrechen wurden die Täter unzureichend verfolgt, Beweismittel unterschlagen und verfälscht, und sogar Inhaftierte gefoltert, um falsche Selbstbeschuldigungen des Mordes zu erpressen.

Diese unakzeptable Situation ist seit einigen Jahren verstärkt in der Öffentlichkeit dargestellt worden. An keinem anderen Ort sind so zahlreiche internationale Institutionen von Rang und Namen seit über zehn Jahren aktiv: verschiedene UN-Kommissionen, die Interamerikanische Menschenrechtskommission und der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof, amnesty international und viele mehr haben umfassend über die Frauenmorde recherchiert und konkrete Maßnahmen zur Wahrung der Menschenrechte eingefordert. Leider hat es in keiner Weise dazu geführt, dass die schrecklichen Morde aufgehört haben.

Vor einem Jahr hatte TERRE DES FEMMES die Gelegenheit, die von der mexikanischen Zentralregierung für die Frauenmorde von Ciudad Juárez eingesetzte Sonderbeauftragte Guadalupe Morfin bei einer Anhörung im Europäischen Parlament zu hören. Guadalupe Morfin erklärte, dass ein Drittel der Morde auf das organisierte Verbrechen zurückzuführen sei, und dass von diesen Morden kein einziger aufgeklärt und niemand zur Rechenschaft gezogen worden sei, da zu mächtige Kreise im Hintergrund dagegen wirken würden. Klarer und deutlicher kann nicht ausgedrückt werden, was das wichtigste Hindernis für die Einhaltung der Menschenrechte der Frauen von Ciudad Juárez ist: die Straflosigkeit. Und wer würde die Einschätzung der kompetenten mexikanischen Sonderbeauftragten in Frage stellen wollen?

Das ist die besondere Bedeutung von Ciudad Juárez: es stellt einen Prüfstein dar - hier wird sich erweisen, ob die internationale Gemeinschaft mit vereinten Kräften fähig ist, solch menschenverachtende Gewalt gegen Frauen Einhalt zu gebieten, die auch in anderen Ländern auf dem Vormarsch ist.

Deshalb meinen wir, die Zeit für Erklärungen und Anklagen ist vorbei, es muss gehandelt werden. In diesem Sinne hat das Europäische Parlament eine enorme Verantwortung, aber auch vielseitige Handlungsmöglichkeiten (s.u. zitierte Passagen des Berichts).
Aus diesen Gründen unterstützen wir den Bericht über Frauenmorde in Mexiko und Zentralamerika in der Gänze und begrüßen insbesondere, dass der Bericht deutlich die Straflosigkeit, die zurzeit in Bezug auf die Frauenmorde in Ciudad Juárez herrscht, hervorhebt. So bitten wir Sie inständig, dieser Problematik im FEMM die größtmögliche Aufmerksamkeit und Unterstützung zukommen zu lassen, und aktiv dazu beizutragen, dass ein Bericht zu den Frauenmorden mit Handlungsperspektiven abgestimmt wird, der es hoffentlich ermöglichen wird, dass Frauen in Ciudad Juárez, Chihuahua, aber auch in anderen Ländern, ein Leben ohne Gewalt führen können.

Mit freundlichen Grüßen

Christa Stolle
Geschäftsführerin
TERRE DES FEMMES
Menschenrechte für die Frau e.V.

 

ANHANG:
Ausgewählte Extrakte des Berichts, die uns äußerst wichtig erscheinen:
- EUROPÄISCHES PARLAMENT
  Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter
- ENTWURF EINES BERICHTS über die Frauenmorde (Feminizide) in Mittelamerika und in Mexiko und
  die Rolle der Europäischen Union bei der Bekämpfung dieses Phänomens
  Berichterstatter: Raül Romeva i Rueda

Der allgemeine Hintergrund:

Straflosigkeit: Straflosigkeit ist das Ergebnis der Bestechlichkeit und Ineffizienz der Justizorgane; sie geht mit Komplizenschaft mit den Schuldigen und deren (direktem oder indirektem) Schutz einher. Sie liefert Anreize zu weiteren Verbrechen, das lässt ein Klima der kollektiven Unsicherheit entstehen. Die speziell gegen Frauen begangenen Verbrechen gehen gewöhnlich häufiger straffrei aus als andere Straftaten. Darauf wurde vom UNO-Generalsekretär in der anlässlich der Feier zum 8. März 2007 aufgelegten Kampagne zur Abschaffung der Gewalt gegen Frauen hingewiesen.
Schwächen in der jeweiligen nationalen Gesetzgebung und bei der Ratifizierung internationaler Dokumente: In Mexiko und Mittelamerika gibt es Gesetze und nationale Pläne zur Verhinderung und Ausmerzung der Gewalt gegen Frauen, den Kampf gegen Frauenmorde eingeschlossen, doch werden die meisten von ihnen aus unterschiedlichen Gründen nicht wirksam umgesetzt.
Nach Auffassung des Berichterstatters zwingen der Charakter der Beziehungen zwischen der EU und Mexiko bzw. Mittelamerika und die Verpflichtung aller Beteiligten zur uneingeschränkten Achtung der Menschenrechte die Europäische Union zum Handeln
Die Abkommen zwischen den Partnern bieten eine ausreichende Handlungsgrundlage. Die (Wieder)Herstellung des Rechtsstaates, in dem der Justizapparat so umgestaltet wird, dass er ohne Korruption funktioniert und allen Bürgern und Bürgerinnen Zugang bietet, muss in der Zusammenarbeit und im Politischen Dialog für die Europäische Union an erster Stelle stehen.
Dieses Ziel muss auch wegweisend für die dritte Säule der Beziehungen sein: für den Handel, insbesondere wenn dabei Firmen mit europäischem Kapital beteiligt sind

Konkret wird der Europäischen Union vorgeschlagen:
- konkrete Verantwortlichkeiten zuzuweisen, etwa durch Einführung der Funktion eines Koordinators/einer Koordinatorin für Gleichstellungsfragen und Frauenmorde; Berichte über die Fortschritte und Probleme zu diesem Sachverhalt zu verfassen und an Kommission, Rat und Parlament zu übermitteln;
- in die Tagesordnung der verschiedenen Ebenen des politischen Dialogs, beispielsweise im Gemischten Ausschuss und im Gemeinsamen Ausschuss, zwingend das Thema Frauenmorde und Straflosigkeit aufzunehmen;
- einen ständigen Runden Tisch zu Frauenmorden einzurichten, im Falle Mexikos in Zusammenarbeit mit der OECD, speziell mit der Nationalen Kontaktstelle der OECD, die sich für die Einhaltung der Leitlinien für multinationale Unternehmen stark macht;
- bei der Verhandlung über das Assoziierungsabkommen mit Mittelamerika verdient das Thema einen herausragenden Platz;
- auch sollte es in die "inbuilt agenda" des Assoziierungsabkommens mit Mexiko aufgenommen werden, insbesondere in das damit verbundene Investitionsabkommen.

 

13.02.2006: Vorbild für junge Migrantinnen - Rahel Volz/TDF verteidigt die Soziologin Necla Kelek

Hintergrund:
Necla Kelek setzt sich in ihrem Buch "Die fremde Braut" gegen Zwangsheiraten im türkisch/islamischen Milieu ein. Migrationsforscher warfen ihr deshalb vor, sie verbreite "billige Klischees". Rahel Volz verteidigt Kelek in einem offenen Brief an die Forscher.

Erschienen am 14.02.2006 in der Frankfurter Rundschau.

 

Sehr geehrte Frau Karakasoglu,
sehr geehrter Herr Terkessidis,

es hat mich bestürzt und verärgert, Ihren Aufruf "Gerechtigkeit für die Muslime!" in der Wochenzeitung Die Zeit vom 3. Februar zu lesen. Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES, die ich als Leiterin der Kampagne "Stoppt Zwangsheirat" vertrete, setzt sich seit Jahren gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde ein. Zwar weisen auch wir in Veröffentlichungen darauf hin, dass Zwangsehen in allen stark traditionell geprägten Gesellschaften vorkommen. Beispielsweise auch bei jungen Frauen der christlichen Minderheiten in der Türkei. Fakt ist aber auch, dass in Deutschland vor allem muslimische Migrantinnen davon betroffen sind. Der Islam wird dabei leider allzu oft benutzt, um patriarchale Strukturen zu festigen. Er wird - wie Necla Kelek sich ausdrückt - "als Waffe eingesetzt, um verloren geglaubte Söhne und Töchter zu disziplinieren."

Besonders betroffen hat mich gemacht, auf welch zynische Art und Weise Sie über die Schicksale einzelner Frauen schreiben. Sie sprechen von "reißerischen Pamphleten". Doch hinter jeder "Boulevardstory" (wie Sie sich ausdrücken) stehen Frauen, die den Mut aufgebracht haben, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit ihren Büchern wollen sie jungen Frauen in derselben Situation Mut machen und verhindern, dass anderen dasselbe Unrecht geschieht. Was muss noch passieren, bis diese Frauen auch von Ihnen die Unterstützung erfahren, die sie verdienen?

Es gibt keine genauen Zahlen über das Ausmaß von Zwangsehen. Die Arbeit von Terre des Femmes macht jedoch deutlich, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt. Es ist an der Zeit, dass auch die Migrationsforschung diese Problematik anerkennt und nicht damit abtut, dass es dafür "bekanntlich Gesetze gibt." In unserer Arbeit mit der Polizei hat sich gezeigt, dass Gesetze oft wirkungslos sind. Erst vor kurzem hat ein Polizist von einem kurdischen Mädchen berichtet, das mit ihrem Freund vor drohender Zwangsheirat geflohen war. Die Eltern des jungen Mannes wurden massiv von der Familie des Mädchens unter Druck gesetzt, den Aufenthaltsort des Paares preis zu geben. Hier kommen wir an die Grenzen unserer Gesetze, denn so lange nichts Schlimmeres passiert, kann die Polizei nicht eingreifen. Wenn aber etwas passiert, ist es zu spät. Um Zwangsehen und Ehrenmorde zu verhindern, müssen wir in Aufklärung und Präventionsarbeit investieren. Dazu trägt Necla Kelek in beispielhafter Weise bei.

TERRE DES FEMMES teilt nicht alle Positionen, die Necla Kelek vertritt. So ist ihr Eintreten für den Gesetzentwurf des Innenministeriums, der eine Anhebung des Ehegattennachzugs auf 21 Jahre vorsieht, in unseren Augen kein geeignetes Mittel, um Zwangsehen zu verhindern. Aber wir sehen sehr wohl den großen Verdienst von Frauen wie Necla Kelek oder Seyran Ates. Die unerschrockene Art, ihre Anliegen vorzubringen, hat bewirkt, dass diese Themen in der Öffentlichkeit und in der Politik diskutiert werden.

Es reicht eben nicht, nur Argumente abzuwägen und Motive zu verstehen. Wir brauchen auch Frauen, die sich leidenschaftlich gegen Menschenrechtsverletzungen an Frauen einsetzen und öffentlich machen, welch unglaubliches Unrecht diesen Mädchen widerfährt. Es ist unsere Pflicht, diese Frauen zu unterstützen, die nicht den Mund halten, obwohl sie selbst massiv bedroht werden. Wer sonst kann ein Vorbild sein für die jungen Migrantinnen, die frei und selbstbestimmt leben wollen?

Necla Kelek, Seyran Ates und Serap Cileli haben die ungeschriebenen Regeln der türkischen Community in Deutschland gebrochen, seit sie Tabuthemen wie Zwangsverheiratung und Ehrenmorde öffentlich anprangern. Sie werden als "Nestbeschmutzerinnen" gesehen. Mit einer Schmutzkampagne gegen die drei Frauen hat die türkische Zeitung Hürriyet Anfang vergangenen Jahres darauf geantwortet. Das Resultat war, dass die Frauen massiv bedroht wurden, Seyran Ates erhielt sogar Polizeischutz.

Es ist traurig, dass Sie mit Ihrer Petition in die gleiche Kerbe schlagen. Necla Kelek vorzuwerfen, dass sie nur einen Erfolg auf dem Buchmarkt landen wollte, ist zutiefst unlauter. War ihr Fehler vielleicht eher, dass sie gegen die jahrelange stillschweigende Übereinkunft der bundesdeutschen Migrationsforschung verstoßen hat, die Schuld für gescheiterte Integration nur auf Seiten der deutschen Gesellschaft zu sehen?

Sie werfen Kelek vor, dass sie noch vor fünf Jahren in ihrer Forschung zu völlig anderen Ergebnissen kam. Sie übersehen dabei, dass sich die Situation stark verändert hat. Das belegt eine Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien. Darin befürworteten im Jahr 2000 nur 27 Prozent der befragten türkischstämmigen Migrant/-innen das Tragen eines Kopftuches in der Öffentlichkeit, im Juni 2005 waren es bereits 47 Prozent. 

Zu einem offenen Miteinander gehört auch, Veränderungen wahr zu nehmen, Wunschdenken von Tatsachen zu trennen und Probleme mit den politisch Verantwortlichen zu diskutieren, um Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Wir bitten Sie, sich an die Seite der türkischstämmigen Aktivistinnen zu stellen, die nicht zuschauen, wenn die Rechte von Frauen mit Füßen getreten werden.

 

Zur Autorin
Rahel Volz ist Politikwissenschaftlerin und Leiterin der Kampagne "Stoppt Zwangsheirat" bei der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES. Der exklusiv für die FR verfasste offene Brief ist eine Reaktion auf eine "Petition", die unter dem Titel "Gerechtigkeit für die Muslime" in der "Zeit" abgedruckt war. Diese war von 60 als "Migrationsforschern" bezeichneten Persönlichkeiten unterzeichnet. Darin wurde Necla Kelek vorgeworfen, sie habe "unwissenschaftlich" gearbeitet.

 

25.11.2005: Offener Brief von TDF an die Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel

Der folgende Offener Brief wurde am Samstag 26.11.2005 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht:

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

am 22. November wurden Sie als erste Frau in Deutschland zur Bundeskanzlerin gewählt. Dazu gratuliere ich Ihnen im Namen von TERRE DES FEMMES ganz herzlich. Wir hoffen, dass Anliegen von Frauen unter Ihrer Regierung eine besondere Aufmerksamkeit erfahren.

Drei Tage nach Ihrer Wahl, am 25. November, fand der Internationale Tag "NEIN zu Gewalt an Frauen!" statt, der schwerwiegende frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen wie Genitalverstümmelung, Vergewaltigung, Häusliche Gewalt, Frauenhandel und Ehrverbrechen anprangert. Millionen von Frauen und Mädchen in aller Welt gingen auf die Straße oder informierten sich auf Diskussionsveranstaltungen.

TERRE DES FEMMES hat diesen Tag in Deutschland bekannt gemacht, denn Misshandlungen durch Ehemänner, Freunde oder Lebenspartner gehören für viele Frauen und ihre Kinder auch hier zum Alltag. Rund 25 Prozent aller Frauen in Deutschland sind oder waren davon betroffen. Häusliche Gewalt ist die häufigste Ursache für Verletzungen von Frauen. Jährlich fliehen rund 45 000 Frauen mit ihren Kindern in Frauenhäuser.

Die aktuelle Kampagne zum 25. November trägt das Motto: "NEIN zu Verbrechen im Namen der Ehre". Damit berühren wir eines der großen Tabus unserer Gesellschaft. Die Grundlage von Ehrverbrechen bildet ein strenger Ehrenkodex, der häufig in Familien mit Migrationshintergrund anzutreffen ist. Den weiblichen Familienangehörigen werden dabei ganz enge Rollen zugewiesen. Verletzen Frauen und Mädchen diese Normen, wehren sie sich gegen eine arrangierte Ehe oder werden sie unehelich schwanger, droht ihnen der Ausschluss aus der Familie und nicht selten der Tod, denn die Familienehre ist verletzt.

Genaue Zahlen über das Ausmaß der Ehrverbrechen existieren nicht, doch unbestritten ist, dass gegen derartige Praktiken entschiedener als bisher vorgegangen werden muss.

Notwendig sind dabei der Ausbau von Zufluchtstellen, eine verbesserte Aufklärung von Multiplikatoren, ein effizienterer Opferschutz, der auch das Aufenthaltsrecht berührt, eine verstärkte empirische Forschung sowie Präventionsarbeit.

Wir hoffen, mit diesen Anliegen bei Ihnen auf offene Ohren zu stoßen und wünschen Ihnen für die vor Ihnen liegenden Aufgaben viel Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen,

Christa Stolle
Geschäftsführerin von TERRE DES FEMMES