Nachruf auf Monika Gerstendörfer 26.11.1956 - 18.2.2010

monikagerstendoerferSie bezeichnete sich selbst als "Walross der Feminstinnen" und glaubte stets an den "Flügelschlag des Schmetterlings" als Bild für stetige Anschaukelungsprozesse, die Großes bewirken können.
Am 18. Februar verstarb Monika Gerstendörfer nach schwerer Krankheit im Alter von 54 Jahren.

Ich habe sie Anfang der 90er Jahre kennen gelernt und eng mit ihr bei TERRE DES FEMMES zusammengearbeitet. Von 1994 bis 1996 baute sie das Sachgebiet "Gewalt gegen Frauen in Deutschland" auf, mit den Schwerpunkten sexuelle Belästigung, Gewalt in den Medien, Computerpornographie und Migrantinnen. Ihr größter Erfolg war, dass 1997 Vergewaltigung in der Ehe endlich auch in Deutschland strafbar wurde. Zu verdanken war das ihrem großen persönlichen Engagement und viel Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Auch ein Hearing zum Thema wurde von ihr organisiert. Nachdem die ABM-Förderung auslief, konnte TERRE DES FEMMES sie dank einer Spendenaktion noch einige Zeit als Honorarkraft weiterbeschäftigen.

Das Buch "Sine laude! Sexismus an der Hochschule", welches sie 1994 veröffentlichte, vertreibt TERRE DES FEMMES bis heute. 2008 begann sie Recherchen für eine Neuauflage, in der sie zusätzlich die Problematik von Migrantinnen und ausländischen Studentinnen sowie die Möglichkeiten durch Internet & Co genauer untersuchen wollte. Sie konstatierte, das Problem sei eher schlimmer geworden: "Damals (Anfang der 90er) haben manche Studentinnen und Frauenbeauftragte ja noch freiwillig geredet. Inzwischen bekomme ich von Frauenbeauftragten o.ä. nur noch ‚mir sind keine Fälle bekannt' zu hören." Sie hat viel mit den Opfern korrespondiert, oft noch spätabends. Für ihr Engagement wurde sie stark angefeindet, weil sie damit ein absolutes Tabu berührte.

In 2009, so schreibt sie auf ihrer Website www.gerstendoerfer.de, beging sie ein persönliches Jubiläum. Seit 20 Jahren setzte sie sich für Menschenrechte ein. Dies tat die studierte Psychologin und Sprachwissenschaftlerin mit enormem Einsatz, Mut und Wut. Mit der von ihr gegründeten "Lobby für Menschenrechte" kämpfte sie gegen sexualisierte Gewalt, auf deren sprachliche Verharmlosung sie nachdrücklich aufmerksam machte.

Ihr Engagement war ganzheitlich ausgerichtet - nicht ausschließlich auf Menschenrechte und nicht nur auf Europa beschränkt. So sah sie Tier- und Menschenrechtsschutz als eng zusammenhängend und berief sich damit auf Mahatma Gandhi als eines ihrer Vorbilder: "Die Größe einer Nation und ihr moralischer Fortschritt lassen sich daran bemessen, wie sie mit den Tieren umgeht." Das Schicksal Tibets hat sie lange beschäftigt und sie äußerte sich zu den Olympischen Spielen in Peking 2008 deutlich: "Ich bin übrigens für einen absoluten Boykott der Olympiade. Alle Argumente dafür halte ich für scheinheilig und verlogen."

Oft erfuhr sie mit ihrer Arbeit Angriffe, häufiger noch Ignoranz. Umso wertvoller war für sie die Anerkennung, die sie durch die Nominierung für den Friedensnobelpreis 2005 mit den "1000 Women for Peace" erhielt. Unter http://www.gerstendoerfer.de/1000frauen.html findet sich ihr Portrait mit einer Beschreibung ihres vielfältigen Engagements.

Auch die finanzielle Anerkennung ihrer Tätigkeit war sehr gering. Es war ihr großer Wunsch, mit Büchern und Lesungen ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Sie schrieb neben wissenschaftlichen Artikeln auch Krimis, Sachbücher, Märchen und Lyrik und veröffentlichte unter Pseudonymen wie Tara Tamon, Sigi Sengespeck und Franziska Kelly. Die Existenzängste bezeichnete sie in einem Interview als "ekelhaft".

Ihre Tatkraft habe ich bewundert und sie schien ungebrochen. Die Welt braucht solche Menschen, die verändern, etwas voran bringen. Nun hat ihr Körper den Dienst versagt. Ihr Tod hinterlässt eine große Lücke in der Menschenrechtsarbeit.

Christa Stolle, Geschäftsführerin TERRE DES FEMMES

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