Sexualisierte Gewalt – Ein Jahr nach der Reform

Wie sehr die Themen sexualisierte Gewalt und sexualisierte Belästigung die Menschen weltweit bewegen, zeigt sich in diesen Tagen sehr deutlich durch die millionenfachen Beiträge im Internet unter #MeToo. Ausgehend von den Veröffentlichungen der Belästigungen des Filmregisseurs Harvey Weinstein in der Filmbranche haben Millionen von Frauen deutlich gemacht: sexuelle Belästigung – und auch sexualisierte Gewalt – sind trauriger Alltag der meisten Frauen und Mädchen weltweit.

Wir feiern die Reform! Foto: © Deutscher FrauenratWir feiern die Reform! Foto: © Deutscher FrauenratSo erschütternd die Beiträge teilweise auch sind, zeigen sie doch auf, wie wichtig die Reform des Sexualstrafrechts vor einem Jahr gewesen ist. Denn – kaum zu glauben – bis dato galt die sexuelle Belästigung nicht als Straftat. Dies hat sich mit der Reform geändert. Zudem wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ im Strafrecht verankert, wodurch mehr Fälle von Vergewaltigungen unter Strafe gestellt wurden.

Das Gute an der Diskussion um #MeToo ist nicht nur, dass der Mantel des Schweigens um sexualisierte Gewalt gelüftet wird, sondern auch, dass die ganze Bandbreite von sexualisierter Gewalt aufgezeigt wird – vom „einfachen“ Sexismus bis hin zur Vergewaltigung. Dies geschieht erfreulicherweise ohne einen rassistischen Unterton, wie es zuletzt im Bundestagswahlkampf der Fall war.

Verstörende Zahlen aus Bayern

So wurden in Bayern kurz vor den Bundestagswahlen Zahlen zu sexualisierter Gewalt für das erste Halbjahr 2017 präsentiert. Die Auswertung zeigt einen deutlichen Anstieg von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung an, insbesondere von tatverdächtigen Zuwanderern. Doch wie lassen sich diese Zahlen einordnen? Sind sie lediglich reine Stimmungsmache gegen Geflüchtete oder zeigen sie eine besorgniserregende Entwicklung auf?

Als die Zahlen präsentiert wurden, war eine der Aussagen, dass es im Vergleich zu 2016 in Bayern fast 50 Prozent mehr angezeigte Sexualdelikte gegeben habe und die Anzahl der verdächtigen Asylbewerber, Geduldete und Flüchtlinge um 91 Prozent gestiegen sei. Nun lassen sich Zahlen aus 2016 und 2017 jedoch schwer vergleichen, weil – wie oben erwähnt – das Sexualstrafrecht verschärft wurde und nun viel mehr Fälle von sexualisierter Gewalt strafbar sind.

Junge Männer als Tatverdächtige

Aussagekräftiger ist momentan ein Vergleich der Zahlen von 2015 und 2016, da bei ihnen das gleiche Sexualstrafrecht zugrunde gelegt werden kann. Auch hier ist ein deutlicher Anstieg der Straftaten zu sehen, und zwar um 12,8 Prozent. Auch hier lässt sich feststellen, dass der Anteil der Nichtdeutschen bei den Tatverdächtigen von 33 (2015) auf 38 Prozent gestiegen ist.

Ob tatsächlich mehr Delikte stattfinden, oder lediglich die Anzeigenbereitschaft gestiegen ist, lässt sich aus der Kriminalstatistik nicht ablesen. Die höhere Anzeigenbereitschaft ließe sich jedoch durch die Sexualstrafrechtsreform erklären. Denn schon lange vor ihrem Inkrafttreten im November 2016 wurde das Thema stark medial diskutiert, was zu einer neuen Sensibilisierung in der Bevölkerung geführt haben könnte. Insbesondere wenn die Tat durch einen Unbekannten ausgeübt wird, ist die Anzeigebereitschaft höher. Wird die Tat durch einen Nichtdeutschen ausgeübt, ist die Anzeigenbereitschaft noch größer, „weil man sich von den Fremden stärker bedroht fühle“, erläutert der Kriminologe Christian Pfeiffer in einem Interview mit dem Südkurier.

Ein weiterer Faktor für den hohen Anteil der Nichtdeutschen bei den Tatverdächtigen ist das Alter. Junge Männer unter 40 Jahren sind die größte Tätergruppe, egal welcher Herkunft. Da die Zuwanderung durch diese Personengruppe überproportional gestiegen ist, stieg auch die Zahl der Tatverdächtigen überproportional an. Und noch weitere Faktoren müssen bei dieser Personengruppe berücksichtigt werden, ohne diese als Ausrede gelten zu lassen: die jungen Männer haben hier oft geringe Perspektiven, keine Beschäftigung und keinen (familiären) Halt, aber meistens traumatische Flucht- und Gewalterfahrungen im Gepäck. Hier muss also angesetzt werden: Durch verbesserte Integrationskurse, Beschäftigungsmöglichkeiten, Therapieangebote und nicht zuletzt durch die Möglichkeiten des Familiennachzugs.

Die Sexualstrafrechtsreform war ein wichtiger Schritt. Ihr müssen nun nächste Schritte folgen – sowohl für die Prävention, als auch für die Versorgung von Betroffenen.  

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