Beiträge

Amazonian Initiative Movement (AIM), Sierra Leone – Schutz vor weiblicher Genitalverstümmelung

  • Übersicht

  • Hintergrund

  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

„Menschen bilden heißt sie stärken. Nur über ihre Denkweise können wir das Handeln der Menschen verändern.“ Rugiatu Turay, Gründerin und Leiterin von AIM Foto: ©TERRE DES FEMMES ArchivMenschen bilden heißt sie stärken. Nur über ihre Denkweise können wir das Handeln der Menschen verändern.“
Rugiatu Turay, Gründerin und Leiterin von AIM
Foto: © TERRE DES FEMMES Archiv
Interventionsgebiete: Die Stadt Lunsar, 80km nordöstlich der Hauptstadt Freetown und die umliegende Region

Wird von TDF unterstützt seit: 2009

Zielgruppe: Mädchen und junge Frauen, die von Genitalverstümmelung bedroht sind

Projektaktivitäten:

  • Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit gegen FGM
  • Zusammenarbeit mit Beschneiderinnen, die ihrem Beruf abschwören und sich als Aktivistinnen engagieren
  • die vor der drohenden Verstümmelung und dem Druck ihrer Familie fliehen
  • Betreuung der Mädchen durch Sozialarbeiterinnen und Rechtsberaterinnen, Mediationsgespräche mit den Eltern
  • Ermöglichung von Schulbesuch, Ausbildung oder Studium  

Projektgründerin/Leiterin: Rugiatu Turay

Kontakt TDF:
Ehrenamtliche Projektkoordinatorin Veronika Kirschner (Sierra-leone@frauenrechte.de) oder
TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit iz@frauenrechte.de

Projektflyer: Informationsflyer AIM (PDF-Datei)

 

Hintergründe und Projektbeschreibung

Weibliche Genitalverstümmelung in Sierra Leone

 

Im westafrikanischen Sierra Leone sind nach Angaben von UNICEF aus dem Jahr 2016 etwa 90% der Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren von Weiblicher Genitalverstümmelung (englisch: Female Genital Mutilation, kurz: FGM) betroffen. Es wird geschätzt, dass im Land bis zu 50.000 Beschneiderinnen tätig sind. Die meisten von ihnen sind in Geheimbünden landesweit organisiert. Weibliche Genitalverstümmelung ist Teil der Aufnahmerituale in den Frauengeheimbund. In der Öffentlichkeit werden Genitalverstümmelung und ihre lebensgefährlichen Folgen immer noch größtenteils tabuisiert. PolitikerInnen in Sierra Leone fürchten den starken gesellschaftlichen Einfluss der Geheimbünde und befürworten FGM daher häufig. Bis heute gibt es kein gesetzliches Verbot gegen FGM in Sierra Leone. Das Maputo-Protokoll (Protokoll für die Rechte von Frauen in Afrika) wurde erst 2015 und nur unter Vorbehalt ratifiziert: Die Forderung, FGM abzuschaffen, wurde durch ein Mindestalter von 18 Jahren bei der Beschneidung ersetzt – für AIM ein klares Zeichen, dass die Regierung nicht gewillt ist, gegen FGM vorzugehen. Auch eine nationale Strategie zur Eindämmung von FGM lässt seit 2015 auf sich warten.

 

Amazonian Initiative Movement (AIM)

In diesem Kontext arbeitet die Organisation Amazonian Initiative Movement (AIM), eine unabhängige Frauenrechtsorganisation, deren Arbeitsschwerpunkt auf der Überwindung der Weiblichen Genitalverstümmelung liegt. Darüber hinaus engagiert sich AIM auch gegen Zwangsverheiratung und sexualisierte Gewalt. Ihren Hauptsitz hat die Organisation in Lunsar, etwa 80 km nordöstlich von der Hauptstadt Freetown. Dies ist auch der Heimatort der Frauenrechtsaktivistin Rugiatu Turay. Nach ihrer Rückkehr aus dem Bürgerkriegsexil im Nachbarland Guinea im Jahr 2003 gründete Turay dort zusammen mit Gleichgesinnten die Organisation Amazonian Initiative Movement, um FGM in Sierra Leone den Kampf anzusagen.

Als der Verein seine Arbeit aufnahm, brach er mit der öffentlichen Thematisierung von Genitalverstümmelung ein Tabu. Mittlerweile ist das Wissen um die negativen Konsequenzen von FGM in der Bevölkerung von Lunsar und Umgebung weiter verbreitet. Der Name „Amazonen“ bleibt dennoch aktuell, denn ein Engagement bei AIM erfordert nach wie vor Mut und Durchhaltevermögen. Drohungen gegen Anti-FGM-AktivistInnen und ihre öffentliche Bloßstellung sind immer noch üblich.

Gegenwärtig arbeiten für die Organisation ca. 30 Frauen und Männer in Teil- und Vollzeitbeschäftigung. Daneben gibt es zahlreiche ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Rugiatu Turay ist durch ihre engagierte Arbeit bei AIM und auch durch kirchliches und politisches Engagement weit über Lunsar hinaus als Frauenrechtlerin bekannt. 2016 wurde sie zur stellvertretenden Ministerin für Soziales, Gender und Kinder ernannt.

AIM verfolgt einen integrativen Ansatz und versucht, alle an der Genitalverstümmelung beteiligten AkteurInnen, wie Beschneiderinnen, Kinder und Jugendliche, Eltern und LehrerInnen, Gesundheitspersonal, sowie politische, traditionelle und religiöse Führungspersonen in die Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit mit einzubeziehen.

 

Projektaktivitäten von AIM

Ein Schutzhaus für Mädchen

Das Schutzhaus für Mädchen von AIM. Foto: © AIMDas Schutzhaus für Mädchen von AIM. Foto: © AIM

Ein Ergebnis der Aktivitäten von AIM ist, dass immer mehr Mädchen über die verheerenden Folgen der Genitalverstümmelung Bescheid wissen. Sie erfahren von ihren Rechten und der Möglichkeit, NEIN! zu sagen. Da sie aber gegen die Macht der lokalen Behörden, Autoritäten und Beschneiderinnen, sowie gegen den Druck ihrer Familien kaum etwas ausrichten können, bleibt vielen Mädchen nur die Flucht, um der Genitalverstümmelung zu entgehen. Die meisten dieser Mädchen wissen nicht wohin. Für sie hat AIM, mit der Unterstützung von TERRE DES FEMMES, ein Schutzhaus gebaut:

Das Schutzhaus liegt eineinhalb Kilometer  von Lunsar entfernt. Es bietet momentan 20 und häufig noch mehr Mädchen und jungen Frauen im Alter von acht bis 20 Jahren ein sicheres Zuhause. Sie suchen nicht nur Schutz vor einer drohenden Genitalver­stüm­melung, sondern häufig auch vor Zwangsver­heiratung, sexualisierter Gewalt oder Kinderarbeit.

 

 

Rugiatu Turay, Gründerin von AIM, mit Mädchen aus dem Schutzhaus. Foto: © AIMRugiatu Turay, Gründerin von AIM, mit Mädchen aus dem Schutzhaus. Foto: © AIM

Die Mädchen und jungen Frauen werden von einer Sozialarbeiterin betreut, von einer Köchin versorgt und in der Nacht von einem Wachmann beschützt. Mit der Fortsetzung von Schulbesuch, Ausbildung oder Studiums erhalten sich die Mädchen eine Zukunftsperspektive. AIM übernahm 2016 das Schulgeld für 15 der Bewohnerinnen. Außerdem führt AIM Mediationsgespräche mit den Familien. In mehreren Fällen wirkte die Überzeugungsarbeit: Die Mädchen konnten in ihre Familien zurückkehren.

In Gesprächen mit der Sozialarbeiterin des Schutzhauses setzen sich die Mädchen u.a. mit FGM, Zwangsverheiratung, reproduktiver Gesundheit und der Wichtigkeit von Bildung auseinander. Die individuelle Betreuung und Orientierungshilfe soll ihr Selbstwertgefühl stärken und ihnen ermöglichen, in Ruhe und Sicherheit ihr volles Potential zu entfalten. Das gemeinschaftliche Leben im Schutzhaus ist sehr vielfältig: In ihrer Freizeit organisieren die Mädchen kleine Geburtstagsfeiern, erzählen sich Geschichten, singen oder tanzen zusammen.

Durch eine noch laufende Spendenaktion auf dem Online-Portal betterplace.org werden 2018 u.a. notwendige Reparaturarbeiten am Schutzhaus vorgenommen und zusätzliche Stockbetten beschafft, um der großen Nachfrage noch besser gerecht werden zu können.

Eine neue Perspektive für BeschneiderInnen

(Ehemalige) Beschneiderinnen im Kampf gegen Ebola. Foto: © AIM(Ehemalige) Beschneiderinnen im Kampf gegen Ebola.
Foto: © AIM

AIM möchte die Beschneiderinnen nicht durch öffentliche Bloßstellung und Stigmatisierung von der Genitalverstümmelung abbringen, sondern klärt sie über die gefährlichen und lebensbedrohlichen Folgen für die betroffenen Mädchen und Frauen während und nach dem Eingriff auf.

Durch Bildungsmaßnahmen bietet AIM den ehemaligen Beschneiderinnen eine Einkommensalternative. Etliche Frauen nahmen zum Beispiel an einem sechsmonatigen Alphabetisierungs- und Landwirtschaftskundekurs teil, der von der örtlichen Berufsschule St. Joseph Vocational Institute durchgeführt wurde. Während der Ebola-Epidemie wurden Beschneiderinnen als Multiplikatorinnen im Kampf gegen die Infektion ausgebildet und konnten wichtige Aufklärungsarbeit leisten, da sie in ihren Dorfgemeinschaften als Respektpersonen hohes Ansehen genießen.

Bildung und Aufklärung für Kinder

AIM engagiert sich verstärkt in der politischen Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche, denn sie sind besonders stark von Menschenrechtsverletzungen betroffen und gleichzeitig die wichtigsten AkteurInnen des sozialen Wandels. So wurde ein Menschenrechtsseminar entwickelt, das zunächst in zwei Sekundarschulen in Lunsar eingeführt wurde und mittlerweile bereits in mehr als 15 Schulen interaktiv gelehrt wird. Dort erfahren die SchülerInnen, was Menschen- und Kinderrechte sind und dass sie ein Recht darauf haben, unversehrt aufzuwachsen.

Gerade SchülerInnen sind für AIM wichtige AkteurInnen sozialen Wandels. Foto: © TERRE DES FEMMESGerade SchülerInnen sind für AIM wichtige AkteurInnen sozialen Wandels. Foto: © TERRE DES FEMMESIm Anschluss daran organisiert AIM sowohl in den beteiligten Schulen als auch außerhalb so genannte „Menschenrechtsclubs“, die dabei helfen sollen, MitschülerInnen und die weitere Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren, zum Beispiel durch Radiosendungen und Theaterprojekte.

AIM unterhält selbst zwei Schulen, eine in Rolal und eine weitere in Mamusa, an denen 20 LehrerInnen angestellt sind. Welch einen guten Ruf die Schulen haben und wie groß der Bedarf ist, wird daran sichtbar, dass eine Schule, die für 150 SchülerInnen ausgelegt war, mit 350 an den Start ging! Ein zweites Gebäude ist deshalb dringend erforderlich.

Seit Sommer 2017 setzt AIM mit Unterstützung von Sternstunden und TERRE DES FEMMES ein Projekt zur Ausbildung von JugendbotschafterInnen gegen FGM im Distrikt Port Loko um. 144 SchülerInnen und Begleitpersonen an 20 Schulen, vier Ausbildungsstätten und zwei Jugendclubs werden über Menschenrechte und Menschenrechtsverletzungen aufgeklärt und unterstützt, Botschaften für ein unversehrtes und selbstbestimmtes Leben an ihren Schulen und in ihren Gemeinden zu verbreiten. Dafür machen die JugendbotschafterInnen z.B. Radiosendungen, eine CD und einen Kurzfilm. Für ihr Engagement erhalten sie das Schul- oder Ausbildungsgeld für ein Jahr oder einen Zuschuss zur Gründung eines Kleinunternehmens.

Notfallhilfe während der Ebola-Epidemie

Die Ebola-Epidemie, die 2014 in mehreren westafrikanischen Ländern ausbrach, versetzte auch Sierra Leone in einen absoluten Ausnahmezustand. AIM setzte sich mit aller Kraft für die Versorgung der Bevölkerung und gegen die Ausbreitung des Virus ein und involvierte dabei auch (Ex-)Beschneiderinnen. Durch das hohe Infektionsrisiko wurde die Sensibilisierung zu Ebola von Anfang an mit Aufklärungskampagnen zu FGM verbunden. Die Organisation leistete unermüdlich praktische Hilfe und Aufklärungsarbeit, was ihren Bekanntheitsgrad über die Grenzen des Port Loko-Distrikts hinaus erweiterte.

Auch die Schule in Rolal hat auf die Ausnahmesituation durch Ebola reagiert: Sie betreibt jetzt ein Waisenhaus für 26 Kinder, die durch die Epidemie zu Waisen geworden sind.

Seit September 2014 unterstützte TDF AIM immer wieder gezielt mit Hilfsaktionen im Kampf gegen Ebola, verbunden mit Aktivitäten gegen FGM.

Erfolge des Projekts

Die Mädchen spielen vor dem Schutzhaus. Foto: © Veronika KirschnerDie Mädchen spielen vor dem Schutzhaus. Foto: © Veronika KirschnerAIM bietet derzeit ca. 20-25 Mädchen im Schutzhaus eine sichere Unterkunft. Alle Bewohnerinnen blieben bisher vor FGM bewahrt. Dies ist ein großer Erfolg für die Organisation.

„Ich bin glücklich und zufrieden, dass ich im Schutzhaus sein kann. Meine Eltern finden es mittlerweile auch gut, dass ich hier lebe – da sie sehen, wie sich mein Leben verbessert hat."
Ramatu Bangura, Bewohnerin des Schutzhauses

„Unsere Arbeit mit Jugendlichen zeigt große Wirkung. Kinder sprechen frei und regen Diskussionen mit Gleichaltrigen und ihren Familien an. Es ist ein großer Fortschritt, dass sie keine Angst mehr haben, über Beschneidung zu sprechen. Das Schweigen wurde gebrochen.“
Margaret Harding, langjährige Mitarbeiterin von AIM

Bisher hat AIM durch Bildungsmaßnahmen insgesamt etwa 60 Beschneiderinnen davon überzeugt, der Weiblichen Genitalverstümmelung abzuschwören.

Etwa die Hälfte der ehemaligen Beschneiderinnen sind mittlerweile AIM-Aktivistinnen, die in ihrem Umfeld als Multiplikatorinnen gegen FGM wirken. Mindestens zwei der Frauen begleiten AIM bei jeder Sensibilisierungskampagne.
 

Aktiv werden & Spenden

Mädchen aus dem Schutzhaus von AIM. Foto: © AIMMädchen aus dem Schutzhaus von AIM.
Foto: © AIM
Auch in Zukunft benötigt AIM finanzielle Unterstützung für

  • die laufenden Kosten des Schutzhauses.
  • die Instandhaltung und den Ausbau des Schutzhauses.
  • die dort stattfindende Rechtsberatung und psychologische Unterstützung.
  • die Gehälter für die Sozialarbeiterin, die Köchin und den Wachmann, die die Mädchen betreuen.
  • die Verpflegung und das Schulgeld für die Mädchen im Schutzhaus.
  • Mediationsgespräche mit den Eltern der Mädchen
  • die Durchführung von Workshops über FGM und andere schädliche traditionelle Praktiken.
  • die Einrichtung eines Netzwerks von ehemaligen Beschneiderinnen.
  • die Bildung von Menschenrechtsclubs an Schulen.

Unterstützen Sie AIM mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

Selbstbestimmt und unversehrt Teenager sein - das ist im Schutzhaus von AIM möglich. Foto: © Veronika KirschnerSelbstbestimmt und unversehrt Teenager sein - das ist im Schutzhaus von AIM möglich. Foto: © Veronika KirschnerSie können auch mit dem Stichwort „SIERRA LEONE“ auf folgendes Konto spenden:

EthikBank
BIC GENODEF1ETK
IBAN DE35 8309 4495 0103 1160 00

Online-Alternativen:

Unkompliziert und direkt: Spenden Sie für AIM auf der Spendenplattform betterplace.org

Ein Handytarif für Frauenrechte: Spenden Sie 10% Ihrer monatlichen Grundgebühr bei goood.de an AIM

 

Weitere Informationen

Flyer

Jahresberichte

Jährlich veröffentlicht Veronika Kirschner, ehrenamtliche Projektkoordinatorin, einen Bericht für die Mitfrauenversammlung von TERRE DES FEMMES über die AIM-Projektaktivitäten:

Reiseberichte

Interviews

Öffentlichkeitsarbeit für AIM in Deutschland

 

Rugiatu Turay im November 2011 beim Speakers' Corner vor dem Brandenburger Tor über ihren Einsatz gegen weibliche Genitalverstümmelung in Sierra Leone.

 

Weitere Informationen erhalten Sie bei

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

Logo Transparenzinitiative