„Sagen, was ist“ - ein Gespräch zu Menschen- und Frauenrechten zwischen Alice Schwarzer und Inge Bell am TERRE DES FEMMES Stiftungsabend

Der TERRE DES FEMMES-Vorstand mit Alice Schwarzer (3. v. links). Foto: © Stefan BaumgarthDer TERRE DES FEMMES-Vorstand mit Alice Schwarzer (3. v. links). Foto: © Stefan BaumgarthAm 20. Oktober 2018 fand der Stiftungsabend von TERRE DES FEMMES statt. Hauptgast und Hauptrednerin des Abends war Alice Schwarzer, die mit Inge Bell, Vorstandsfrau von TERRE DES FEMMES, ein Gespräch über den Kampf für Gleichberechtigung und Menschenrechte und gegen patriarchalische Ideologien führte.

In die baden-württembergische Landesvertretung kommen an diesem Abend zweihundert Gäste. Ein volles Haus für einen besonderen Gast: Frau Alice Schwarzer, die bekannteste Protagonistin der neuen deutschen Frauenbewegung und Herausgeberin der feministischen Zeitschrift EMMA, ist der Einladung der TERRE DES FEMMES Stiftung gefolgt und hat sich bereit erklärt, über den Stand der Frauenrechte und Emanzipation von Frauen mit der stellvertretenden Vorsitzenden der TERRE DES FEMMES Stiftung und Journalistin, Inge Bell, zu diskutieren.

Nach einem Grußwort des Dienststellenleiters Andreas Schulze von der baden-württembergischen Landesvertretung eröffnet Frau Prof Dr. Godula Kosack, Vorstandsvorsitzende der TERRE DES FEMMES Stiftung, die Veranstaltung mit ein paar einleitenden Worten zum Zweck der Förderstiftung von TERRE DES FEMMES. Seit ihrer Gründung im Jahre 2004, erhält der Verein TERRE DES FEMMES für seine Arbeit die Erträge des langangelegten Kapitals der ZustifterInnen. Von den ursprünglichen 9 ErststifterInnen sind nun 29 „an Bord“ und die Erträge des aktuellen Kapitals von 910.000 Euro finanzierten schon den Schwerpunkt „STOP Frühehen“ des Referats „Gewalt im Namen der Ehre“. Die Stiftung und die StifterInnen helfen die Arbeit von TERRE DES FEMMES nachhaltig zu garantieren und Frau Prof Dr. Kosack appelliert an alle Gäste, sich an diesem Unterfangen zu beteiligen und durch weitere Zustiftungen den Erwerb einer Immobilie in Berlin zu ermöglichen. Denn das ist der große Plan von TERRE DES FEMMES: durch den Einzug in ein eigenes Haus, die ständig steigende Miete zu sparen. 

Nach einem kurzen Auftritt der A-cappella-Band Berlin Lights, werden Alice Schwarzer und Inge Bell unter viel Applaus auf die Bühne gebeten.

Der Einstieg in das weitgefasste Thema des Stiftungsabends ist für Inge Bell schnell gefunden: als „Synonym auf zwei Beinen“ wird Alice Schwarzer einem Publikum bestehend aus Stifterinnen, FörderInnen, Mitgliedern und InteressentInnen an diesem Samstagabend vorgestellt: „Frau Schwarzer ist das Synonym für Feminismus und den konsequenten Kampf für gelebte Gleichberechtigung“. Die Gäste stimmen mit lautem Applaus zu. Der Abend kann beginnen.

Schon in den ersten Minuten des Gesprächs werden die Parallelen zwischen Gast und Gastgeber deutlich: Sowohl TERRE DES FEMMES als auch die EMMA sind Institutionen des heutigen Feminismus, die sich nicht einschüchtern lassen. Sie kämpfen - teilweise gleichzeitig - für die Bewahrung von harterrungenen (Frauen-)Rechten, wie zum Beispiel das Recht auf ein gleichberechtigtes, selbstbestimmtes und freies Leben von Mädchen und Frauen.

Kinderkopftuch und politischer Islam

Konkret vereint sie aktuell der Kampf gegen einen heutzutage sehr präsenten, schwer zu greifenden und oft kaum öffentlich erwähnten Gegner: Den politischen Islam, der an diesem Abend sehr klar und deutlich definiert wird und messerscharf-konsequent von der Religion des Islams getrennt wird.

Dieser politische Islam sei eine Ideologie und politische Strategie, die „den Glauben in Geiselhaft nimmt“, so Schwarzer. Hier müsse man „argumentativ in die Offensive gehen“, ohne sich einschüchtern zu lassen: „Religionsfreiheit ja, aber nicht Religion als politische Ideologie und Strategie“, sagt Schwarzer. Denn bereits heute seien die Folgen der islamischen Propaganda zum Beispiel an Schulen konkret zu erkennen. Es passiere nicht selten, dass sich junge muslimische Kinder in Schulen weigern, von Frauen unterrichtet zu werden, wenn diese beispielsweise unverheiratet sind. Mädchen würden in jungem Alter bereits angewiesen, ein Kopftuch zu tragen, um sich vor den Blicken der Männer zu schützen. Die Gefahr sei hier, dass die rechtliche Gleichberechtigung der Geschlechter in Deutschland unter dem Deckmantel der Toleranz und der Angst des Rassismus-Vorwurfs langsam ausgehebelt wird. Jungen und Mädchen kennten zwar eine theoretische, jedoch keine gelebte Gleichberechtigung, so die beiden Rednerinnen.

„Genau diesem Thema hat sich auch TERRE DES FEMMES - entgegen aller Vorwürfe und politischen Gegenwinde - angenommen und eine Petition für das Verbot eines Kinderkopftuches gestartet“, unterstreicht Inge Bell. Diese Petition fordert das gesetzliche Verbot des Kopftuches für Kinder (unter 18 Jahren) in Schulen und im öffentlichen Dienst.

Als das Gespräch später für Publikumsfragen geöffnet wird, berichten u.a. drei Frauen - zwei Lehrerinnen und eine Familiengutachterin - von ihrem Engagement, Kinder vor patriarchalischen, teils gewalttätigen Strukturen zu schützen. Sie untermauern so Schwarzers Aussagen mit Beispielen aus ihrer Berufspraxis.

Eine Welt ohne Prostitution

Doch nicht nur beim Thema Kinderkopftuch ecken die heutigen Feministinnen an. Auch das „zweite heiße Eisen“, das TERRE DES FEMMES auf die politische Agenda bringen möchte, ist stark umstritten. Wie die EMMA es schon seit Mitte der 70er Jahre tat und heute noch tut, kämpft TERRE DES FEMMES für eine Welt ohne Prostitution und für die Einführung eines sog. „nordischen Modells“ (wie es seit 1999 in Schweden praktiziert wird). Hier sei es essentiell zu verstehen, dass das nordische Modell auf drei (Forderungs-)Säulen basiere, betont Inge Bell. Erstens, auf der Anerkennung von Prostitution als Gewaltakt, zweitens auf der Einführung von reellen Ausstiegshilfen für Prosituierte und drittens auf der Bestrafung der Freier, nicht der Prostituierten. Dieser Forderung der Abschaffung von Prostitution werde oft das Argument entgegengehalten, dass ein Verbot von Prostitution die Freiheit der Frau, sich zu vermarkten, beschränke, erwähnt Alice Schwarzer. Doch hier werde oft außer Acht gelassen, dass in dem Geschäft mit der Prostitution nicht die Erotik zähle, sondern die Macht, die ein Mann hat, sich eine Frau zu erkaufen. Ein Gesetz, dass Prostitution als Menschenhandel einstuft, würde also für Betroffene das Ende einer sexualisierten Sklaverei bedeuten aber auch und vor allem, eine neue gesellschaftliche Moralvorstellung ausdrücken. Dies könne auch nur durch flankierende Bildungs-, Informations- und Aufklärungsarbeit gelingen.

Abtreibung als „Auftragsmord“

Generell seien Frauenrechte nicht als selbstverständlich zu betrachten, so Alice Schwarzer. Es werde zwar oft keine offene juristische Infragestellung von Frauenrechten gemacht, jedoch werden Diskussionen - wie zum Beispiel die um das Abtreibungsrecht- auf die psychologische Ebene gebracht. Wenn der Papst eine Abtreibung als „Auftragsmord“ bezeichnet, werde ganz klar versucht, Frauen ein schlechtes Gewissen zu machen. Auch wenn Ärzte über Schwangerschaftsabbrüche informieren, wie kürzlich im Fall Hänel, werde daraus eine Straftat gemacht.

Das Gespräch endet mit Fragen aus dem Publikum, die unter anderem aktuelle Themen wie die #MeToo-Debatte und die #unteilbar-Demonstration aufgreifen. Anhand des Austauschs mit den Gästen im Saal wird über die Rolle der Medien in demokratischen Veränderungsprozessen diskutiert. „Man muss etwas ansprechen, damit man sich auch demgegenüber verhalten kann“, meint Alice Schwarzer. Für sie entstehe aktuell eine Kluft zwischen Medien und Menschen. Letztere dürften medial nicht mehr aussprechen, dass „etwas schief läuft“. Dieser Frust führe sie geradewegs in die Hände extremer Parteien wie der AfD.

„Man muss aber immer ‚sagen was ist‘“, sagt Alice Schwarzer und zitiert damit Rudolph Augstein. „Und sich nicht einschüchtern lassen. Und weitermachen.“

Am Ende des Gesprächs wird Alice Schwarzer mit Standing-Ovations von der Bühne verabschiedet.

„Schön, unter Gleichgesinnten zu sein“

Während des Empfangs in den wunderschönen Räumlichkeiten der baden-württembergischen Landesvertretung kann man die Begeisterung über die Worte Alice Schwarzers förmlich in der Luft spüren. Die Gäste (überwiegend junge und ältere Frauen, aber nicht ausschließlich) fühlen sich teils in ihren Ansichten, teils in ihrem feministischen Engagement bestätigt: „Der Vortrag von Alice Schwarzer motiviert mich noch mehr für meine Arbeit bei TERRE DES FEMMES und hilft mir, selbstbewusster meinen Standpunkt zu vertreten“, verrät Angela Griesser. „Frau Schwarzer hat es geschafft, Themen auf den Punkt zu bringen und zu sagen, was Sache ist.“, sagt Andreas Dreissger. „Das Gespräch hat auf erfrischende Weise „alte“ Forderungen wiederbelebt.“, ergänzt Sabine Wortmann.

Und auch Frau Prof. Dr. Irina Gruschewaja schließt sich dem generellen Gefühl im Raum an: „Es ist sehr schön, heute unter Gleichgesinnten zu sein“.

 

Fotos 1-11: © Stefan Baumgarth, Foto 12: © TERRE DES FEMMES, Fotos: 13-18: © Andreas Dreissger

Text: Nastassja Lutz-Sorg, TERRE DES FEMMES

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