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„Jedes Mädchen lernte bei uns Lesen und Schreiben, aber wenn sie jemand fragte, studierten sie den Koran“ – Aqelah Nazari-Hossain Dad im Interview und zu Besuch bei TDF

Aqelah Nazari. Foto: © TERRE DES FEMMESAqelah Nazari-Hossain Dad, Vorstandsfrau und Mitgründerin der Neswan Social Association: Foto: © TERRE DES FEMMESAuch heute noch zählt Afghanistan zu den gefährlichsten Ländern für Frauen weltweit. Doch der unermüdliche Ruf der Frauen nach Gleichberechtigung und Freiheit wird immer lauter. Unter ihnen befindet sich Aqelah Nazari-Hossain Dad. Als die Taliban an die Macht kamen war sie 11 Jahre alt und durfte plötzlich nicht mehr zur Schule gehen. Kurzerhand gründete sie zusammen mit ihren Schwestern eine Untergrundschule für Mädchen aus der Nachbarschaft, die nach ein paar Jahren schon von mehr als 80 Mädchen besucht wurde. Heute ist Aqelah Nazari-Hossain Dad Vorstandsfrau und Mitgründerin der Neswan Social Association in Herat, Afghanistan, eine langjährige Partnerschaftsorganisation von TERRE DES FEMMES, die sich für Empowerment von Mädchen und Frauen einsetzt. Vom 03.07.-06.07.2018 besuchte sie die TDF-Geschäftsstelle in Berlin und wird ehrenamtliche Projektkoordinatorin von TERRE DES FEMMES für die Kooperation mit der Neswan Social Association. Im Interview spricht sie über ihren faszinierenden und mutigen Lebensweg, über ihre Arbeit im aufgebauten Frauenzentrum der Neswan Social Association, über Feminismus und die Zukunft der Frauen in Afghanistan.

Als Aqelah Nazari zwei Monate alt war floh ihre Familie vor dem Krieg in Afghanistan in den Iran. Sie wuchs dort auf, ging fünf Jahre lang zur Schule, bis ihre Eltern sich dazu entschlossen zurück nach Afghanistan zu kehren. Sie wollten, dass ihre Mädchen zur Schule gehen können, denn im Iran wurde Geflüchteten der Schulbesuch zunehmend verboten. Nur zwei Monate nach ihrer Rückkehr 1996 kamen die Taliban an die Macht. Mädchen durften fortan nicht mehr zur Schule gehen.

TDF: Während des Taliban Regimes haben Du und deine Schwestern eine geheime Schule für Mädchen eröffnet, wann und wie habt ihr den Mut dazu gefunden?

Als die Taliban in Afghanistan an die Macht kamen standen alle Menschen unter Druck, die Wirtschaft war sehr, sehr schlecht und alle waren arm. Unter den Taliban durften Mädchen und Frauen nicht mehr zur Schule, zur Universität oder zur Arbeit gehen. Wir mussten zuhause bleiben. Wir warteten ein Jahr, aber die Taliban waren immer noch in Afghanistan und nichts hatte sich verändert. Wir dachten: Wenn die Taliban nicht aus Afghanistan verschwinden, können wir niemals zur Schule gehen, wir müssen etwas tun. Meine Schwester war im Iran neun Jahre zur Schule gegangen und hatte eine Lehrausbildung begonnen, daher kam die Idee eine kleine Schule für Mädchen zu eröffnen. Am Anfang waren es drei oder vier, aber die Nachbarn fingen an davon zu hören und langsam wuchs die Zahl der Mädchen auf zwanzig, dreißig, vierzig. Wir konnten nicht mehr in unserem Haus bleiben, so zogen wir in einen Keller um und gründeten eine richtige Schule. Jedes Mädchen lernte bei uns Lesen und Schreiben, aber wenn sie jemand fragte, studierten sie den Koran.

Alphabetisierungskurs im Frauenzentrum in Shahrak. Foto: © Neswan Social AssociationAlphabetisierungskurs im Frauenzentrum in Shahrak. Foto: © Neswan Social AssociationNach dem Sturz der Taliban wurden die Schulen für Mädchen wiedereröffnet, jedoch blieb die Situation für Mädchen und Frauen nach wie vor problematisch. Aqelah Nazari-Hossain Dad und ihre Schwestern hören nicht auf, sich für das Empowerment von Mädchen und Frauen einzusetzen- im Gegenteil: In der Folgezeit gründen sie 2003 die Neswan Social Association. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Gründung eines Frauenzentrums in Shahrak.

TDF: Kannst Du mir mehr über den Weg von einer geheimen Schule zur Neswan Social Association und über eure Arbeit erzählen?

Nach dem Sturz der Taliban, die Schule bestand damals schon 5 Jahre, richteten wir einen alten Militärstützpunkt der Taliban her und führten unsere Schule dort fort. Doch es gab weiterhin Probleme in Afghanistan. Mädchen und Frauen gingen nicht zur Schule oder zur Arbeit, denn obwohl die Taliban nicht mehr in Afghanistan waren, sie blieben in den Köpfen der Menschen. Wir mussten etwas dagegen tun und kamen auf die Idee eine Organisation zu gründen. Meine Schwester, Roqia Nazari, war sehr jung. Sie machte sich zusammen mit meinem Vater auf nach Kabul, ein sehr gefährlicher Weg von Herat aus. Sie ging zu allen ausländischen und internationalen Organisationen um mit ihnen über unsere Idee zu reden. Aber niemand hörte auf ein so junges Mädchen. Dann traf sie eine Frau, ihr Name war Rahima Farhatiar. Sie war die Schwester von Farsaneh Farhatiar von der Deutsch-Afghanischen Initiative (DAI) in Freiburg. Farsaneh hörte uns zu. Nach sechs Monaten kam sie wieder, mit Material zum Schneidern, das ihr deutsche Frauen mitgegeben hatten. Damit fingen wir an und gründeten die Neswan Social Association. Und seit sechszehn Jahren funktioniert es immer noch sehr gut.

Seit zwei Jahren lebt Aqelah Nazari-Hossain Dad mit ihrem Mann, der ebenfalls der afghanischen Hasara-Minderheit angehört, in Bologna, Italien. Wir haben sie gefragt, ob liberal, westliche Frauen früher, oder auch noch heute, Vorbilder für sie und für Frauen in Afghanistan sind.

Ja, westliche Frauen sind ein Vorbild für uns, denn ich denke, dass alle Frauen auf der Welt das selbe Problem haben. Sie wollen frei sein. Und westliche Frauen haben diesen Punkt schon überschritten, sie haben ihre Probleme überwunden. Und jetzt sollten wir ihnen auf diesem Weg folgen. Ihre Erfahrungen helfen uns dabei. Westliche Frauen haben in der Vergangenheit sehr viele Bücher über ihre Probleme und Tätigkeiten geschrieben. Als ich ihre Geschichte studiert habe, wusste ich, dass sie früher die selben Probleme hatten wie wir jetzt. Aber sie haben sich verbessert, ihr Ziel erreicht und jetzt sollten wir ihnen folgen, bis auch wir unser Ziel erreichen.

TDF: Würdest Dich als Feministin bezeichnen?

Ja, ganz bestimmt. Ich denke selbst als ich jünger war und von dem Wort Feminismus noch nie etwas gehörte hatte war ich Feministin. Denn ich glaube an die Gleichberechtigung von Mann und Frau und habe mein Leben lang dafür gekämpft. Also ja, ich bin eine Feministin.

Aufgrund der neuesten innerpolitischen Ereignisse hinsichtlich des Umgangs mit Geflüchteten hier bei uns in Deutschland, liegt die Frage nah, wie sicher Afghanistan wirklich ist, sodass eine sogenannte Rückführung oder Zwangsabschiebung von Deutschland nach Afghanistan legitimierbar ist. Abschiebung ist Ländersache, bisher galt jedoch, dass in Einzelfallentscheidungen nur Straftäter, Gefährder und Mitwirkungsverweigerer bei der Identitätsfeststellung nach Afghanistan abgeschoben werden dürfen. Diese Beschränkung wurde Anfang Juni 2018 mündlich von der Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgehoben. Am 03. Juli 2018 startete der 14. Sammelabschiebeflug mit 69 afghanisch stämmigen Geflüchteten an Board nach Kabul. 51 der 69 abgeschoben Personen kamen aus Bayern.

TDF: Wie denkst Du über westliche, insbesondere über deutsche, Abschiebepraktiken nach Afghanistan, ist es sicher für Geflüchtete zurückzukehren? Stehen Frauen vor größeren Herausforderungen als Männer?

Zunächst sollte ich sagen, dass wir in Afghanistan zwei große Probleme haben. Erstens Sicherheit und zweitens die wirtschaftliche Situation. Alle Menschen fliehen aus Afghanistan aufgrund dieser zwei Probleme. Als wir keine Sicherheit hatten, wollte niemand in Afghanistan investieren. Niemand in Afghanistan hatte Arbeit. Menschen sterben jeden Tag, ob in ihrem Haus oder auf offener Straße. Aber ich denke nicht, dass die Leute Afghanistan wegen der Sicherheit verlassen. Sie gehen, weil sie nichts zu essen haben, weil sie keine Arbeit haben. Keiner der jungen Menschen in Afghanistan die ihre Schule, oder ihre Universität abgeschlossen haben, findet Arbeit. Sie haben keine Sicherheit für sich selbst und keine wirtschaftliche Sicherheit. Entweder werden sie von Terroristen, von den Taliban getötet, oder sie verhungern. Sicher, Afghanistan ist nicht wie andere arabische Länder, wir haben keinen Krieg. Es gibt aber nur einen einzigen Unterschied: In anderen arabischen Ländern sterben die Menschen schnell, in Afghanistan langsam. Also nein, es ist nicht sicher für Geflüchtete nach Afghanistan zurückzukehren.

Aqelah Nazari-Hossain Dad mit Christa Stolle/Bundesgeschäftsführerin TDF während ihres Besuchs in Berlin. Foto: © TERRE DES FEMMESAqelah Nazari-Hossain Dad mit Christa Stolle/ Bundesgeschäfts­führerin TDF während ihres Besuchs in Berlin. Foto: © TERRE DES FEMMESDie Lage in Afghanistan hat sich seit dem Sturz der Taliban stark verändert- und doch so wenig. Ihre jahrelange Herrschaft hat Spuren in der Gesellschaft hinterlassen und trotz internationaler Hilfe und Bemühungen scheint sich die Lage für Mädchen und Frauen nur sehr langsam zu verbessern. Noch immer zögern viele Familien ihre Mädchen in die Schule zu geben, die Gesellschaft ist von jeglicher Form von Gewalt gegen Frauen bis hin zu Ehrenmorden geprägt. Auch Früh-und Zwangsehen sind nach wie vor ein großes Problem in Afghanistan.

TDF: Welche Bereiche muss man besonders fördern, um die Situation der Frauen in Afghanistan zu verbessern und was kann von der Regierung, von ausländischen Regierungen und Hilfsorganisationen, aber auch von der Zivilbevölkerung getan werden?

Ich denke, das Wichtigste ist die Wirtschaft. Wenn Frauen wirtschaftlich nicht unabhängig sind, sind sie automatisch auf einen Mann angewiesen. Der Mann hat die Kontrolle, er denkt und entscheidet dann für sie. Wirtschaft ist also sehr wichtig und die Regierung und internationale Organisationen sollten helfen, die Unabhängigkeit für Frauen zu verbessern. Ich kann nicht über die Regierung reden, sie hat viele Probleme und ich habe keine Erwartungen an sie. Sie zeigen ihrer Bevölkerung und der ganzen Welt, dass sie nicht im Stande sind, irgendetwas zu tun. Eine wichtige Verantwortung der Regierung sind die Gesetze. Wenn die afghanischen Gesetze befolgt werden, dann ist alles in Ordnung. Wenn sie aber islamisches Recht mit ins Spiel bringen, dann ist nichts in Ordnung. Denn in der Religion in Afghanistan gibt es keine Gesetze für Frauen und das ist nichts anderes als bei den Taliban.

 

Unterstützen Sie Aqelah Nazari-Hossain Dad und die Neswan Social Association in ihrer Arbeit!

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Stand: 07/2018