Burkina Faso

Fallbeispiele

Adjaratou ist 11 Jahre alt, als sie von ihrem Vater mit einem 37-jährigen Mann verheiratet wird. Ihr Ehemann verbietet ihr trotz herausragender Noten die Grundschule abzuschließen mit der Begründung, dass ihr Platz zuhause am Herd sei. Um die Ehre der Familie zu wahren, wird von ihr erwartet, seinem Willen zu folgen. Ihrer Tante ist es zu verdanken, dass sie der Situation entkommen kann. Sie nimmt Ajaratou zu sich und schickt sie zur Großmutter des Mädchens, einer respektierten Frau mit gutem Status in der Community. Dort ist sie sicher vor einer Vergeltung ihres Vaters und kann ihre Schulbildung fortsetzen. [1]

Maria wird mit 13 Jahren von ihrem Vater zur Eheschließung mit einem 70-jährigen Mann gezwungen. Sie versucht sich zu wehren. Ihr Vater droht ihr jedoch, sie zu töten, sollte sie sich verweigern, die sechste Ehefrau des Mannes zu werden. Ihre vier älteren Schwestern werden ebenfalls zwangsverheiratet. Von allen Töchtern wird erwartet, ihr Leben als Hausfrauen und Mütter zu leben. Maria zieht zuerst in das Haus ihrer Mit-Ehefrauen, es gelingt ihr aber die Flucht. Sie legt 170 Kilometer zu Fuß zurück, bevor sie zu einer Schutzeinrichtung für Mädchen gelangt. [2]

 

Statistik

  • Bevölkerung: 17,6 Millionen EinwohnerInnen (Auswärtiges Amt 2015) [3]
  • Human Development Index der Vereinten Nationen: Platz 183 von 188 Ländern (2014) [4]
  • 71% der Bevölkerung ab 15 Jahren sind AnalphabetInnen (UNICEF 2015) [5]
  • 45% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von US$1,25 am Tag (UNICEF 2015) [5]
  • 52% der 20- bis 24 jährigen Frauen waren bei ihrer Hochzeit unter 18 Jahre alt. (UNICEF 2015) [5]

 

Landesüberblick

Burkina Faso gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Bei einem BIP von 12,5 Milliarden US-Dollar im Jahre 2014 beruht die Wirtschaft neben dem Bergbau und Baumwollanbau primär auf Subsistenzwirtschaft. Damit ist die wirtschaftliche Situation des Landes abhängig von klimatischen Bedingungen und den Weltmarktpreisen. Außerdem spielt die geographische Lage als Binnenland ökonomisch eine benachteiligende Rolle. Ein großer Anteil der Bevölkerung ist von Armut betroffen. So leben 45% der Bevölkerung von weniger als US$1,25 am Tag und das Land weist einen der schlechtesten Werte des menschlichen Entwicklungsindexes auf. Mehr als 80% der Menschen leben auf dem Land und betreiben Subsistenzwirtschaft. Der kulturelle Hintergrund der Bevölkerung ist divers mit ca. 60 verschiedenen ethnisierten Bevölkerungsgruppen. Über 50% der Bevölkerung bekennt sich zum Islam. Seit [6, 7]

Burkina Fasos politisches System ist eine parlamentarische Demokratie nach französischem Vorbild. 2015 fanden seit 55 Jahren zum ersten Mal freie Wahlen statt. Mit der Wahl Roch Marc Christian Kaborés kommt der Präsident des Landes erstmalig nicht aus den Reihen der Militärs. [8, 9]

Anfang 2015 hat die Regierung von Burkina Faso offiziell die Kampagne der Afrikanischen Union zu einer Beendigung der Praxis von Frühehen aufgegriffen und das Thema damit auf die politische Agenda gesetzt. [10]

 

Vorkommen

West- und Zentralafrika ist nach Südasien die Weltregion mit dem höchsten Vorkommen von Frühehen. Burkina Faso bildet darin keine Ausnahme. Einer UNICEF-Studie zufolge, die Daten zwischen 2005 und 2013 erhob, waren 10% bzw. 52% der 20- bis 24-jährigen Frauen vor ihrem 15. bzw. ihrem 18. Geburtstag verheiratet oder lebten in einer eheähnlichen Gemeinschaft. Damit steht Burkina Faso an sechster Stelle der Länder mit den höchsten Raten von Frühehen. Wenn die aktuelle Dynamik weiter anhält, wird sich aufgrund des schnellen Bevölkerungsanstiegs die Anzahl von minderjährigen Ehefrauen bis 2050 verdoppeln. Eine weitere UNICEF-Studie zeigt außerdem, dass Burkina Faso zwischen 2000 und 2011 einen negativen Trend in Richtung eines früheren durchschnittlichen Heiratsalters aufwies. [5, 11]

Neben Frühverheiratungen erfahren zahlreiche Mädchen und Frauen in Burkina Faso auch anderen Formen geschlechtsbasierter Gewalt. Von weiblicher Genitalverstümmelung etwa sind einem UNICEF-Bericht von 2013 zufolge 76% der Mädchen und Frauen betroffen. Gesetzlich ist die Praxis seit 1996 verboten. [12]

Obwohl die frühe Verheiratung von Mädchen im ganzen Land hoch ist, gibt es regionale Unterschiede. Beispielsweise weist die Sahelregion im Norden des Landes die höchsten Raten von Frühverheiratungen auf. Des Weiteren sind am meisten Mädchen mit geringem Bildungshintergrund, die von Armut betroffen sind und aus ländlichen Regionen stammen, von Frühehen betroffen. Die Mehrheit der minderjährigen Ehefrauen lebt außerdem in einer polygenen Vereinigung, bei denen eine Hierarchie unter den Ehefrauen vorhanden sein kann. Ein späteres Heiratsalter wurde in Zusammenhang mit dem Innehaben eines Jobs und städtischem Wohnsitz gebracht.

Eine Folge der Vielzahl an Frühverheiratungen in Burkina Faso, sind frühe Schwangerschaften. Die Hälfte der Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet sind, wird im ersten Ehejahr schwanger. Eine Schwangerschaft in jungem Alter birgt hohe physische Risiken für die Mädchen. [13, 14]

 

Beweggründe

Ein Beweggrund für Eltern, ihre Töchter im Kinder- und Jugendalter zu verheiraten, kann deren ökonomisch prekäre Situation sein. Dies kann bedeuten, dass die Schulgebühren nicht bezahlt, Töchter nicht ausreichend ernährt werden können oder durch ihre Verheiratung eine Mitgift erhalten wird. Außerdem werden Ehen geschlossen, um Beziehungen zwischen Familien zu festigen. Des Weiteren spielen kulturelle Traditionen in einem Kontext aus mangelnden Bildungschancen und der Überforderung von Eltern mit einer hohen Kinderanzahl eine Rolle. Um die Familienehre zu wahren, gilt es, eine außereheliche Schwangerschaft der Töchter zu verhindern. Eine frühe Verheiratung bietet die Möglichkeit, dies zu gewährleisten. Da Polygynie weit verbreitet ist, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Mädchen zu verheiraten. Außerdem werden Frühehen im öffentlichen Diskurs selten für problematisch erklärt. Dies wird in einer Studie als Hauptgrund für das hohe Vorkommen und Fortbestehen der Praxis erkannt. [14, 15]

 

Gesetzliche Lage

In Burkina Faso regelt § 238 des Personen- und Familienrechts die Voraussetzungen für eine Eheschließung. So dürfen Frauen ab 17 Jahren und Männer ab 20 Jahren heiraten. Ausnahmen von diesem Gesetz können von einem Gericht erteilt werden. Außerdem ist es zivilrechtlich geregelt, dass Frauen das Recht haben, ihren Partner selbst zu wählen. [16]

Problematisch ist, dass die gesetzliche Lage nicht konsequent durchgesetzt wird und auch nur für zivile Eheschließungen gilt. Religiöse und traditionelle Eheschließungen kommen häufig vor, sind aber nicht registriert und daher nicht von den gesetzlichen Bestimmungen betroffen. Frühehen werden meist durch religiöse und rituelle Zeremonien geschlossen. [17]

                                                                              

Interventionsbeispiel

  • Die Organisation Mwangaza Action leistet in Kooperation mit dem Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen Aufklärungsarbeit in den Gebieten des Landes, in denen Frühehen weit verbreitet sind. Die Strategie ist, lokale Autoritäten zu MultiplikatorInnen auszubilden, die sich für die Abschaffung von Frühehen und für die Bildung von Mädchen aussprechen. Ungefähr 2500 Mädchen sollen bislang durch das Programm erreicht worden sein. [18, 19]
  • 2013 hat EngenderHealth zusammen mit der US-amerikanischen Agentur für internationale Entwicklung in Westafrika das Projekt „Agir pour la Planification Familiale“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, den Zugang zu Familienplanungsangeboten zu erhöhen und die Risiken früher Schwangerschaften zu verringern. Dabei wird Aufklärungsarbeit über Verhütungsmöglichkeiten geleistet, der Zugang zu Verhütungsmittel ausgebaut sowie die Qualität der vorhandenen Verhütungsmittel verbessert. [20]
  • Die Association Bangr Nooma (ABN), hat 2015 eine Schutzeinrichtung und Beratungszentrum für von Gewalt betroffene Mädchen und Frauen in Ouagadougou eröffnet. ABN ist Partnerorganisation von TERRE DES FEMMES und wurde mit Vereinsmitteln und Mitteln des BMZ bezuschusst. ABN setzt sich seit 1998 durch Aufklärungsarbeit v.a. für von weiblicher Genitalverstümmelung Betroffene ein. An die neu eröffnete Beratungsstelle können sich Mädchen Frauen wenden, die von jeglicher Form von geschlechtsbasierter Gewalt, u.a. Zwangsverheiratung betroffen sind und erhalten dort Unterstützung und Schutz. [21]

 

Quellen

  1. http://www.unicef.org/bfa/english/reallives_10015.html
  2. http://www.news.com.au/lifestyle/real-life/true-stories/go-to-your-husband-teenage-girls-forced-to-wed-in-burkina-faso/news-story/45a9abc028d17c56b7f006c8f93f70b8
  3. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/BurkinaFaso_node.html
  4. http://hdr.undp.org/en/composite/HDI
  5. http://www.unicef.org/publications/files/SOWC_2015_Summary_and_Tables.pdf
  6. https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/burkinafaso-node/wirtschaft/212338
  7. https://www.liportal.de/burkina-faso/wirtschaft-entwicklung/
  8. https://www.liportal.de/burkina-faso/geschichte-staat/#c58715
  9. https://www.tagesschau.de/ausland/burkina-faso-wahl-101.html
  10. https://au.int/en/newsevents/27020/burkina-faso-launches-au-campaign-end-child-marriage-africa
  11. http://www.unicef.org/media/files/Child_Marriage_Report_7_17_LR..pdf
  12. http://www.childinfo.org/files/FGCM_Lo_res.pdf
  13. https://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/burkina-faso/
    UNFPA (2012): Fact Sheet zu Frühehen in Burkina Faso
  14. http://www.girlsnotbrides.org/wp-content/uploads/2013/10/Ford-Foundation-CM-West-Africa-2013_09.pdf
  15. https://www.amnesty.org/en/press-releases/2016/04/burkina-faso-forced-early-marriage-facts/
  16. http://www.girlsnotbrides.org/wp-content/uploads/2013/04/Minimum-age-of-marriage-in-Africa-March-2013.pdf
  17. https://www.amnesty.org.uk/sites/default/files/youth_group_action_pack_-_burkina_faso_0.pdf
  18. http://www.unfpa.org/news/child-marriage-%E2%80%9Cshatters%E2%80%9D-future-girls-communities
  19. http://www.mwangaza-action.org/
  20. https://www.engenderhealth.org/our-countries/africa/burkina-faso.php
  21. https://www.dandc.eu/de/article/die-organisation-bangr-nooma-kaempft-gegen-weibliche-genitalverstuemmelung-burkina-faso

 

Stand: 03/2016

 

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