Syrien

Fallbeispiele

Maha ist erst 13 Jahre alt, aber bereits verheiratet und schwanger. Ihr Ehemann ist zehn Jahre älter als sie. „Ich wollte nicht heiraten, ich wollte die Schule abschließen und Ärztin werden. Aber meine Eltern zwangen mich zur Heirat. Mein Vater war besorgt wegen der sexuellen Belästigungen hier.“[1]

Salma, die mit ihrer Stiefmutter aus Syrien in ein Flüchtlingscamp in Jordanien floh, wurde im Alter von 13 Jahren das erste Mal gegen ihren Willen verheiratet. Während der Ehe wurde sie mehrfach vom Cousin ihres Ehemannes vergewaltigt, ohne dass dieser einschritt. Nachdem sie wegen schweren Blutungen ins Krankenhaus gebracht wurde, wurden ihr Ehemann und sein Cousin verhaftet und die Ehe geschieden. Kurz nach der Rückkehr zu ihrer Familie wurde Salma an einen 20 Jahre älteren Mann verheiratet, um die durch die gescheiterte Ehe beschmutzte Familienehre wiederherzustellen. Heute ist sie 16 Jahre alt, hat ein 9 Monate altes Baby und ist mit Zwillingen schwanger.[2]

Statistik

  • Bevölkerung: ca. 22 Millionen (Stand 2011)
  • Seit März 2011 hat der UNHCR in den Nachbarländern circa 4,8 Millionen syrische Flüchtlinge erfasst, die Zahl der Binnenflüchtlinge wird auf 6,5 Millionen geschätzt
  • 13,5 Millionen Syrer sind auf humanitäre Hilfe angewiesen[3]
  • Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen: Platz 134 von 188 (2015)[4]

Landesüberblick

Im Jahr 2011 entwickelte sich aus friedlichen Protesten gegen die Diktatur von Baschar al-Assad ein grausamer Bürgerkrieg. Die Zivilisten erleiden seitdem nicht nur Angriffe seitens der syrischen Regierung sondern auch seitens des „Islamischen Staates“ und verschiedener Rebellenmilizen. Seit September 2014 greifen die USA gemeinsam mit mehreren arabischen Staaten in den Konflikt ein, seit September 2015 auch Russland.[5] Rund 45% der Bevölkerung sind vertrieben, circa 470.000 Menschen getötet worden, geht aus einer Studie des Syrian Center for Policy Research hervor. Die Lebenserwartung ist von 70,5 Jahren (2010) auf 55,4 Jahre (2015) gefallen. Etwa 45,2% der Kinder im Schulalter besuchen keine Schule (mehr).[6]

Vorkommen

Vor Ausbruch des Krieges wurden 13% der Mädchen vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet und 3% bereits vor ihrem 15. Geburtstag. Neuere Zahlen zum Aufkommen von Frühehen in Syrien stehen uns wegen der chaotischen Situation im Land nicht zur Verfügung.[7] Wir gehen aber davon aus, dass sich das Aufkommen von Frühehen in Syrien verstärkt hat, da sich einige Auslöser von Frühehen durch den Konflikt verschärft haben und gleichzeitig neue hinzugekommen sind. Genauere Informationen gibt es zu syrischen Flüchtlingen, die in die Nachbarländer geflohen sind. Die SOS-Kinderdörfer geben den Anteil der syrischen Flüchtlingsmädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden, mit 51% an. Besonders betroffen seien Mädchen aus Flüchtlingscamps in Jordanien, Libanon, Irak und Türkei.[8]

Syrische Flüchtlinge in Jordanien

In Jordanien lag das Aufkommen von Frühehen unter den registrierten Ehen syrischer Flüchtlinge im Jahr 2013 bei 25% und im ersten Quartal 2014 bereits bei 31,7%. Von den syrischen Mädchen, die im Alter zwischen 15 und 17 Jahren verheiratet wurden, wurden 2012 16,2% an einen mindestens 15 Jahre älteren Mann und 48% an einen mindestens 10 Jahre älteren Mann verheiratet. Da syrische Flüchtlinge ihre religiös geschlossenen Ehen häufig gar nicht oder erst später registrieren lassen, ist das genaue Aufkommen von Frühehen unbekannt. Außerdem besteht ohne Registrierung kein Schutz für die Ehefrau sowie für die aus der Ehe hervorgehenden Kinder.[9]

Eine weitere Bedrohung für junge Mädchen in syrischen Flüchtlingsgemeinschaften sind befristete Ehen, also vertraglich zeitlich beschränkte Ehen, die oft mit einer einmaligen Zahlung eines Brautpreises an den männlichen Vormund des Mädchens einhergehen. Die Mädchen müssen bei dieser Form der Ehe auf rechtliche Ansprüche gegenüber dem Ehemann verzichten und geraten so in eine prekäre Lage. Da befristete Ehen in Jordanien illegal sind und oft für eine Form von Prostitution gehalten werden, werden sie oft im Geheimen geschlossen um soziale wie gesetzliche Sanktionen zu umgehen.[10] Daher sind uns keine Zahlen zum Aufkommen von befristeten Ehen bekannt.

Beweggründe

Frühehen waren auch vor dem Krieg ein Problem in Syrien, aber der andauernde Konflikt hat zu einem drastischen Anstieg der Frühehen in Syrien und in Syrischen Flüchtlingsgemeinden geführt.[11] Viele Eltern handeln in dem Glauben, dass die Heirat den Mädchen einen Schutz, sowohl vor sexuellen Übergriffen als auch vor anderen Gefahren auf der Flucht, bietet. Die Verheiratung von Mädchen zum Schutz vor sexuellen Übergriffen ist eng verbunden mit traditionellen Geschlechterrollen und Ungleichheiten, bei denen der Wert eines Mädchens durch den Erhalt der Familienehre und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter bestimmt wird.[12] In einer Umfrage unter syrischen Flüchtlingen in Jordanien stimmten 39,3% der Befragten der Aussage zu, dass die Verheiratung von Mädchen unter 18 Jahren dem Schutz der Familienehre dienen kann. 44,2 % der Befragten gaben an, die Verheiratung von Mädchen unter 18 Jahren sei Teil ihrer Gebräuche und Traditionen.[13] Frühehen verstetigen die Geschlechterungleichheiten weiter, da sie den Mädchen die Chance auf Bildung und ökonomische Unabhängigkeit durch eine eigene Berufstätigkeit nehmen.[14]

Andere Eltern handeln aus durch den Konflikt (und durch ihre Flucht) intensivierten ökonomischen Notlagen heraus. Die Familien sehen in der Verheiratung der Tochter eine Möglichkeit, die finanzielle Belastung zu vermindern, denn die Familie erhält häufig einen Brautpreis und sie muss mit dem Übergang der Tochter in den Haushalt der Familie des Ehemannes eine Person weniger versorgen.[15]

Bildung gilt als einer der wichtigsten Faktoren zur Vermeidung von Frühehen, schließlich werden Mädchen, die sich noch in einer Schulausbildung befinden, seltener verheiratet als Mädchen, die nicht (mehr) zur Schule gehen. Seit Beginn des Syrien-Konfliktes sind die Einschulungsraten von fast 100% auf rund 50%, in manchen Regionen, wie zum Beispiel in Aleppo, sogar auf 6% gefallen. Fehlende Bildung erhöht das Risiko für Mädchen, früh verheiratet zu werden.[16]

Gesetzliche Lage

In Syrien liegt das gesetzliche Mindestheiratsalter für Mädchen bei 17 und für Jungen bei 18 Jahren. Mit Genehmigung des männlichen Vormunds und der Zustimmung eines Richters können Mädchen bereits ab 13 und Jungen ab 15 Jahren heiraten.

In Jordanien beträgt das Mindestheiratsalter 18 Jahre, aber mit Genehmigung eines Gerichtes dürfen schon 15-Jährige heiraten.[17]

Im Libanon besteht kein einheitliches Mindestheiratsalter.[18]

Interventionsbeispiele

  • UNHCR Jordanien betreibt mehrere Aufklärungsprogramme für syrische Flüchtlinge über die Konsequenzen von Frühehen[19]
  • Seit 2013 betreibt Al Dar im Libanon drei Frauenhäuser, in denen von Gewalt betroffene Mädchen Schutz finden. Rund ein Drittel der Frauen, die das Angebot in Anspruch nehmen, sind syrisch. Al Dar bietet Kriseninterventionsgespräche, Therapiesitzungen, Rechtsberatung und sensibilisiert zu den Themen häusliche und sexuelle Gewalt und Frühehen. Unterstützt wird das Projekt von UNHCR, UNICEF und der österreichischen Caritas.[20]
  • Im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari kämpft die 15-jährige Omaima Hoshan gegen Frühehen. Nachdem sie im Alter von 11 Jahren aus Syrien geflohen war, bemerkte sie, dass viele Mitschülerinnen verheiratet wurden und danach nicht mehr in die Schule kamen. Da sie selbst dieses Schicksal nicht teilen und auch andere Mädchen davor bewahren wollte, recherchierte sie die Risiken von Frühen Ehen und drängte ihre Klassenkameraden, diese Informationen mit ihren Eltern zu teilen. Außerdem organisiert sie Kunst, Musik und Theater Workshops im Camp, um die Praxis zu schwächen.[21]

 

Stand: 09/2016

 

Quellen:

[1] http://www.savethechildren.org/atf/cf/%7B9def2ebe-10ae-432c-9bd0-df91d2eba74a%7D/TOO_YOUNG_TO_WED_REPORT_0714.PDF

[2] http://www.jordantimes.com/news/local/child-marriage-rise-among-syrian-refugees

[3] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Syrien_node.html

[4] http://hdr.undp.org/sites/default/files/2015_human_development_report.pdf

[5] http://www.zeit.de/thema/syrien

[6] http://scpr-syria.org/publications/confronting-fragmentation/

[7] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/syrian-arab-republic/

[8] http://www.sos-kinderdoerfer.de/presse/pressemitteilungen/immer-mehr-zwangsheiraten-kinderehen-syrische-fluc

[9] https://www.unicef.org/media/files/UNICEFJordan_EarlyMarriageStudy2014-email.pdf

[10] http://jordan.unwomen.org/en/digital-library/publications/2013/7/gender-based-violence-and-child-protection-among-syrian-refugees-in-jordan

[11] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage-and-the-syrian-conflict-7-things-you-need-to-know/

[12] https://www.savethechildren.org.uk/content/dam/global/reports/education-and-child-protection/too-young-to-wed.pdf

[13] http://jordan.unwomen.org/en/digital-library/publications/2013/7/gender-based-violence-and-child-protection-among-syrian-refugees-in-jordan

[14] https://www.savethechildren.org.uk/content/dam/global/reports/education-and-child-protection/too-young-to-wed.pdf

[15] https://www.savethechildren.org.uk/content/dam/global/reports/education-and-child-protection/too-young-to-wed.pdf

[16] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage-and-the-syrian-conflict-7-things-you-need-to-know/

[17] https://www.unicef.org/media/files/UNICEFJordan_EarlyMarriageStudy2014-email.pdf

[18] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/lebanon/

[19] http://www.jordantimes.com/news/local/child-marriage-rise-among-syrian-refugees

[20] http://www.fr-online.de/politik/fluechtlinge-aus-syrien-zuflucht-vor-erzwungenem-sex-und-gewalt,1472596,34177806.html

[21] http://www.huffingtonpost.com/entry/meet-the-syrian-malala_us_571fb9fde4b01a5ebde3a8ed

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