Grußwort von Dr. Massouda Jalal

Für die Kundgebung „Solidarität mit afghanischen Frauen und Mädchen“, organisiert von Terre des Femmes am 24.9.2021 in Berlin 

Wir erheben heute unsere Stimme aufgrund der beunruhigenden politischen Entwicklungen in Afghanistan. Der Zusammenbruch der afghanischen Regierung wurde nach dem Abzug der Amerikaner erwartet. Unsere Armee konnte ohne die Hilfe der Amerikaner im Krieg gegen die Taliban keinen Widerstand mehr leisten, und die afghanische Regierung war nicht stark genug, um allein zu überleben und den Krieg gegen die Taliban erfolgreich zu führen.Foto Massouda Jalal

Diese Entwicklung war unvermeidlich, nachdem die Verhandlungen mit den Taliban in Doha abgeschlossen wurden. Nach der Flucht von Präsident Ghani nutzten die Taliban das Machtgefälle und übernahmen die Kontrolle über Kabul.

Bereits nach der ersten Machtübernahme der Taliban im Jahr 1996 waren die afghanischen Frauen nicht mehr als Bürgerinnen ersten Grades betrachtet worden. Ihnen wurde die Teilnahme am sozioökonomischen und politischen Leben verwehrt. Frauen waren in die eigenen vier Wände eingesperrt und lebten auf dem allerniedrigsten Niveau im Vergleich zu Frauen in anderen Gesellschaften.

Wir als afghanische Frauenaktivistinnen glauben dennoch an den Erfolg. Auch wenn wir von einem Misserfolg im Jahr 1996 zu einem weiteren Misserfolg im Jahr 2021 wechseln, verlieren wir nicht die Motivation, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Wir werden weiter für unsere Rechte kämpfen, für Freiheit und Gerechtigkeit, so wie in der Vergangenheit, um den positiven Wandel herbeizuführen, den wir erreichen wollen. Dabei sind wir zu jedem Opfer bereit!

Dies ist unser Versprechen an die Welt: Wir werden diese Mission nicht unvollendet lassen! Die afghanische Frauenbewegung wird diese Mission in Richtung Freiheit und Gleichberechtigung sicher zu Ende führen! Wir Frauen Afghanistans haben diesen Kampf seit Jahrzehnten gemeinsam geführt und wir werden ihn auch weiterhin führen. Wir werden nicht kapitulieren vor der Dunkelheit der uns aufgezwungenen Ideologien und Politik, die vor uns liegt.

Als afghanische Frauen wollen wir die Kultur der Rückständigkeit, die Kultur der Unterdrückung, die Kultur der Diskriminierung und der Gewalt bekämpfen. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, die sich uns durch die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft bietet – wir wollen die Demokratie in Afghanistan, und Freiheit von Extremismus, Unterdrückung und Diktatur.

Besonders wichtig ist dabei die Befreiung der Frauen. Der Status der afghanischen Frauen hängt nach zwei Jahrzehnten internationaler Unterstützung noch immer am seidenen Faden. Es geht jetzt darum, dass nicht alle hart erkämpften Errungenschaften verloren gehen, während die internationale Gemeinschaft abzieht.

Seit die Taliban auf tragische Weise erneut die Macht übernommen haben, vertreten sie eine radikale und frauenfeindliche Politik. Die Taliban sollten daran erinnert werden, dass sie in den späten neunziger Jahren schon einmal gescheitert sind. Die Taliban müssen begreifen, dass der Kampf der afghanischen Frauen nur eine Richtung kennt, nämlich VORWÄRTS!

Es wäre richtig, die Vereinten Nationen aufzufordern, dass sie Maßnahmen ergreifen, um Afghanistan auf Wahlen und eine inklusive Regierung vorzubereiten, damit sich alle sozialen und ethnischen Gruppen in der Regierung wiederfinden, insbesondere aber die Frauen, die die Hälfte der Gesellschaft ausmachen. Die Menschen in Afghanistan haben das Recht, ihr Schicksal und ihre Zukunft selbst zu bestimmen, und diese Chance sollte ihnen gegeben werden.

Gleichzeitig gilt: Die Welt darf die Taliban-Regierung nicht anerkennen. Ihnen darf aus der EU keine Legitimation gegeben werden! Die internationale Gemeinschaft sollte Afghanistan nicht im Stich lassen. Sie sollte die Menschen in Afghanistan direkt mit wirtschaftlicher und humanitärer Hilfe unterstützen. Gleichzeitig sollte die Bildung einer repräsentativen, demokratischen und integrativen Regierung unterstützen, die die grundlegenden Menschenrechte achtet und gemeinsame und nachhaltige Ziele in Bezug auf Frieden, Sicherheit, Stabilität und Schutz erreicht.


Greeting by Dr. Massouda Jalal

For the rally "Solidarity with Afghan women and girls", organized by Terre des Femmes in Berlin on 24.9.2021 

We are raising our voices today because of the disturbing political developments in Afghanistan. The collapse of the Afghan government was expected after the withdrawal of the Americans. Our army could no longer resist without American help in the war against the Taliban, and the Afghan government was not strong enough to survive on its own and successfully wage war against the Taliban.

This development was inevitable after negotiations with the Taliban were concluded in Doha. After President Ghani fled, the Taliban took advantage of the power imbalance and took control of Kabul.
When Taliban first took power in 1996, Afghan women were no longer considered first-degree citizens. They were denied participation in socioeconomic and political life. Women were confined to their homes and lived at the very lowest level compared to women in other societies.

Nevertheless, we as Afghan women activists believe in success. Even if we go from failure in 1996 to another failure in 2021, we will not lose our motivation to fight for freedom and equity. We will continue to fight for our rights, for freedom and equity, as we have in the past, to bring about the positive change we want to achieve. In doing so, we are ready to make any sacrifice!

This is our promise to the world: we will not leave this mission unfinished! The Afghan women’s movement will surely complete this mission towards freedom and equity! We women of Afghanistan have waged this struggle together for decades and we will continue to do so. We will not capitulate to the darkness of ideologies and policies imposed on us ahead.

United we will face any enemies, we will succeed and the golden pages our our white history will be the legacy for generations of women to come. As Afghan women, we want to fight the culture of backwardness, the culture of oppression, the culture of discrimination and violence. We want to take advantage of the opportunity provided by the support of the international community - we want democracy in Afghanistan, and freedom from extremism, oppression and dictatorship. The liberation of women is particularly important in this regard. The status of Afghan women is still hanging by a thread after two decades of international support. The issue now is to ensure that all hard-won gains are not lost as the international community pulls away.

Since the Taliban tragically retook power, they have advocated radical and anti-women policies. The Taliban should be reminded that they failed once before in the late 1990s. The Taliban must understand that the struggle of Afghan women knows only one direction, FORWARD!

It would be right to ask the United Nations to take action to prepare Afghanistan for elections and an inclusive government so that all social and ethnic groups are reflected in the government, but especially the women who make up half of society. The people of Afghanistan have the right to determine their own destiny and future, and they should be given this opportunity.

At the same time, the world should not recognize the Taliban government. They must not be given legitimacy from the EU! The international community should not abandon Afghanistan. It should directly support the people of Afghanistan with economic and humanitarian aid. At the same time, it should support the formation of a representative, democratic and inclusive government that respects basic human rights and achieves common and sustainable goals of peace, security, stability and protection.