Internationale Kooperationen

Internationale Zusammenarbeit

TERRE DES FEMMES unterstützt weltweit Frauenrechtsorganisationen. Unsere Schwerpunkte sind die gleichen wie im Inland: Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung, Frauenhandel und Zwangsprostitution, Zwangsheirat und Gewalt im Namen der Ehre sowie Aktivitäten zur Verbesserung des Gewaltschutzes von Mädchen und Frauen. Derzeit arbeiten wir mit sechs Partnerorganisationen in Lateinamerika, Afrika und Asien zusammen. Regelmäßiger fachlicher Austausch und Projektbesuche vor Ort schaffen Transparenz und Vertrauen. Durch diese enge Kooperation sichern wir die Nachhaltigkeit unserer Projekte.

Ein weiteres Anliegen von TERRE DES FEMMES ist die Unterstützung bedrohter Frauenrechtsaktivistinnen weltweit, z.B. durch Schutzaufenthalte, Netzwerk- und Lobbyarbeit. Ziel ist, das Augenmerk auf die international zunehmenden Angriffe gegen Frauenrechte, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu lenken.

TERRE DES FEMMES macht auch entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Deutschland. Mit Veranstaltungsreihen, Ausstellungen und Bildungsmaterialien klären wir über die internationale frauenrechtliche Lage auf und regen zu eigenem entwicklungspolitischem Engagement an.  

Unser Einsatz folgt dem Motto: Menschenrechte sind Frauenrechte – weltweit! Das Recht auf Freiheit von allen Formen von Gewalt und Diskriminierung ist der Kern und das Ziel unserer internationalen Zusammenarbeit. Informieren Sie sich in unserer Chronik über die Ereignisse und Ergebnisse der vergangenen Jahre.

 

 

-> Beendete Kooperationen

  

APDF, Mali – Gewaltschutzzentrum für Mädchen und Frauen

  • Übersicht

  • Hintergrund

  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

Das Leitungsteam von APDF (2017): Bintou Diawara Coulibaly (rechts) und Aminata Koné Diakité Foto: © TERRE DES FEMMESDas Leitungsteam von APDF (2017): Bintou Diawara Coulibaly (rechts) und Aminata Koné Diakité
Foto: © TERRE DES FEMMES

Projektgebiete: Gewaltschutzzentrum in Bamako und Mopti sowie weitere Projektstandorte in ganz Mali

Wird von TDF unterstützt seit: 2009

Zielgruppe: gewaltbetroffene Mädchen und Frauen

Projektaktivitäten:

  • Gewaltschutz und Notunterkunft für Mädchen und Frauen
  • Medizinische, psychologische und juristische Betreuung betroffener Frauen
  • Aufklärungs- und Lobbyarbeit
  • Unterstützung beim Aufbau ökonomischer Selbstständigkeit durch Schulungen für einkommensschaffende Maßnahmen und die Bereitstellung der benötigten Materialien und Werkzeuge

Projektgründerin: Fatoumata Siré Diakité († Oktober 2016)

Kontakt: TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit(tl-iz@frauenrechte.de)

Projektflyer: Informationsflyer zu APDF (PDF-Datei)

Factsheet: Komprimierte Fakten zu Frauenrechten in Mali (PDF-Datei)

Testen Sie Ihr Wissen: Ein Quiz zu Frauenrechten in Mali!

Hintergrund

Frauen warten vor dem Projektgebäude auf Beratung. Foto: © TERRE DES FEMMESFrauen warten vor dem Projektgebäude auf Beratung. Foto: © TERRE DES FEMMES

Im Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen liegt Mali auf Platz 184 von 189 (Stand 2020), das Land zählt zu den ärmsten in Afrika: Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Zudem gibt es einen Bevölkerungszuwachs von jährlich 3 Prozent, was die Wirtschaft vor große Probleme stellt. Seit dem Militärputsch im März 2012 und der parallel dazu voranschreitenden Besetzung des Nordens des Landes zunächst durch die Tuareg und später durch islamistische Extremisten ist Mali fortwährend politischen Unruhen ausgesetzt. Seit Juli 2013 bemüht sich die UNO-Mission MINUSMA (zu Dt.: Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali) um Sicherheit und Konsolidierung, doch nach wie vor herrscht ein Klima der Instabilität, und besonders die weibliche Bevölkerung leidet unter nicht aufgeklärten und teils noch weiter erfolgenden Kriegsverbrechen.

Im August 2020 putschte das malische Militär gegen die Regierung des demokratisch gewählten Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta, weniger als ein Jahr später folgte im Mai 2021 ein weiterer Putsch gegen die Übergangsregierung unter Bah N’Daw. Als neuer Übergangspräsident wurde Oberst Assimi Goïta vereidigt, der Wiederaufbau stabiler demokratischer Strukturen scheint erneut in weiter Ferne. Zugleich verschärft sich die Sicherheitslage insbesondere im Norden Malis zunehmend: Islamistische Gruppen bauen ihre Präsenz im Land aus und verüben regelmäßig terroristische Angriffe, und auch den malischen Sicherheitskräften selbst werden immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Lage für Frauen und Mädchen

Causerie debat au centre de BamakoEin Gesprächskreis mit Frauen zur Aufklärung über ihre Rechte im Gewaltschutzzentrum Bamako, Bildrecht: APDFDie Situation der weiblichen Bevölkerung ist besonders besorgniserregend. Eine Übersicht von UN OCHA zu den humanitären Bedarfen 2021 zeigt, dass angesichts der prekären Sicherheitslage in Mali, die geprägt ist von bewaffneten Konflikten, Terroranschlägen, Spannungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sowie erhöhten Flucht- und Migrationsbewegungen, ein verstärktes Risiko von sexueller Gewalt für Frauen in den Regionen Kidal, Gao, Timbuktu, Mopti, Ségou, Ménaka und Taoudeni besteht. In ganz Mali wurden allein 2020 insgesamt 6.605 Fälle von geschlechtsbedingter Gewalt dokumentiert. 99 Prozent der Betroffenen waren Frauen, 58 Prozent noch unter 18 Jahren. Darüber hinaus wurden 1.090 Fälle von Gruppenvergewaltigungen in den Regionen Mopti, Gao und Timbuktu gemeldet. Die Dunkelziffer sexueller Übergriffe liegt aller Wahrscheinlichkeit nach noch wesentlich höher.

Das Gewaltschutzhaus in Bamako. Foto: © TERRE DES FEMMESDas Gewaltschutzhaus in Bamako. Foto: © TERRE DES FEMMES

Auch außerhalb der Krisenregionen haben Frauen in Mali einen besonders schwierigen Status. Eine malische Frau bekommt im Durchschnitt 5,8 Kinder. Früh- und Zwangsehen sind weit verbreitet, 54 Prozent der Mädchen heiraten vor Vollendung des 18. Lebensjahrs, 16 Prozent sogar vor ihrem 15. Geburtstag. Ein weiteres Problem ist die unverändert weit verbreitete weibliche Genitalverstümmelung (engl. Female Genital Mutilation - FGM): 89 Prozent der Mädchen und Frauen werden beschnitten, 90 Prozent von ihnen vor ihrem 5. Geburtstag. Als eines der wenigen Länder weltweit hat Mali bis heute kein gesetzliches Verbot gegen FGM erlassen. Zu den Hintergründen zählt vor allem der Fortbestand von Gewohnheitsrecht und traditionellen Praktiken, welche sich an patriarchalen Herrschaftsstrukturen ausrichten und nach wie vor hohe gesellschaftliche Akzeptanz in Mali erfahren. Die Benachteiligung von Mädchen bei der Teilhabe an Bildung ist ebenfalls gravierend. Laut der Internationalen Bewegung ONE zur Bekämpfung extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten bis 2030 liegt Mali auf Platz 6 der Länder, in denen Mädchen die größten Schwierigkeiten haben, zur Schule zu gehen (2017).

Aus all diesen Gründen sind Frauenrechtsinitiativen wie die TDF-Partnerorganisation APDF unverzichtbar.

 

 

Projektaktivitäten von APDF

Eine Frau bedruckt einen Stoff während eines Kurses von APDF. Foto: © TERRE DES FEMMES	Eine Frau bedruckt einen Stoff während eines Kurses von APDF. Foto: © TERRE DES FEMMES

Die "Association pour le Progrès et la Défense des Droits des Femmes" (APDF) ist die einzige Organisation in Mali, die im Bereich Gewaltschutz sowohl Notunterkunft als auch umfassende soziale, medizinische, psychologische und juristische Dienste unter einem Dach anbietet. Mit ihren ca. 30.000 Mitgliedern, die teilweise durch Regionalbüros in den acht Regionen Malis vertreten sind, ist sie Frauenrechtsorganisation und Frauenbewegung zugleich.

Die wesentlichen Ziele von APDF sind:

  • Die fundamentalen Rechte von Mädchen und Frauen zu fördern, zu schützen und zu verteidigen.
  • Frauen über ihre Rechte zu informieren.
  • Gegen alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt einschließlich schädlicher Praktiken und Traditionen zu kämpfen.
  • Auf ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung hinzuarbeiten.
  • Alle Formen der Diskriminierung von Frauen zu bekämpfen.
  • Dafür zu kämpfen, dass Frauen in Entscheidungsgremien auf allen Ebenen und in allen Bereichen eingebunden werden.
  • Die soziale Rolle und ökonomische Teilhabe der malischen Frau zu stärken.
  • Frauen durch Ausbildungen in ihrem Bestreben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu unterstützen.
  • Die korrekte Einhaltung der regionalen und nationalen Rechtstexte und Abkommen gegen Diskriminierung zu überwachen.

Schutz, Beratung und Empowerment

Nähkursteilnehmerinnen. Foto: © TERRE DES FEMMES Nähkursteilnehmerinnen. Foto: © TERRE DES FEMMES

Entsprechend dieser Zielsetzungen betreibt APDF Frauenschutzhäuser in Bamako und Mopti. Dort finden von Gewalt und Diskriminierung betroffene Mädchen und Frauen ganzheitliche Hilfs- und Unterstützungsangebote. Damit die Frauen sich ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen können, werden ihnen Schulungen zu einkommensschaffenden Aktivitäten angeboten, wie z.B. Stofffärben, Schneidern, Herstellung von Seifen und Verarbeitung von lokalen Anbauprodukten zu getrockneten Tomaten, Kräutern oder Zwiebeln etc.). Nach den Kursen bekommen die Frauen die benötigten Materialien und Werkzeuge mit nach Hause und können sich so in ihren Dörfern mit Produktion und kleinen Verkaufsständen ein eigenes Einkommen erwirtschaften. Darüber hinaus geben sie ihre neu erlernten Fähigkeiten an andere Dorfbewohnerinnen weiter, wodurch sich der Erfolg der Schulungen vervielfacht.

Die MitarbeiterInnen von APDF sind beteiligt, wenn neue Gesetzestexte beraten werden, sie sensibilisieren Sicherheitspersonal von Polizei, Gendarmerie und Armee. Außerdem führen sie Aufklärungskampagnen, z.B.  gegen FGM, durch. APDF besitzt eine eigene Bibliothek, in der alle Veröffentlichungen zum Thema Frauenrechte dokumentiert werden.

Aktuell steht für die Kooperation APDF-TDF das neue Gewaltschutzzentrum in Gao, Nordmali, im Vordergrund. Der Bedarf einer kompetenten Beratungsstelle im Norden Malis ist immens, denn der Großteil, der bei APDF Zuflucht suchenden Frauen kommt aus dem Norden des Landes. Im Rahmen des TDF-Projektbesuchs 2017 wurden die notwendigen Vorbereitungen und Voraussetzungen geschaffen. Im Januar 2018 wurde die Baugenehmigung erteilt und im Februar 2018 der Bauvertrag unterzeichnet. Im Dezember 2018 konnte der Bau erfolgreich abgeschlossen werden. Aufgrund der Sicherheitslage musste von einer feierlichen Eröffnung abgesehen werden, viel wichtiger ist aber, dass gewaltbetroffene Frauen nun auch in Gao unmittelbaren Schutz und umfassende Unterstützung erhalten. Das Frauenschutzhaus bietet 20 Schlafplätze. Wie in Bamako und Mopti, wird auch in Gao das ganzheitliche Schutz- und Beratungskonzept verwirklicht.

Aufklärung an Schulen

Fortschritte beim Bau des Frauenschutzhauses in Gao/Nordmali. Foto: © Michael DeutschmannFortschritte beim Bau des Frauenschutzhauses in Gao/Nordmali. Foto: © Michael Deutschmann

Seit Ende 2019 kooperieren TDF und APDF im Rahmen eines Projekts zur gesundheitlichen und menschenrechtlichen Aufklärung an Schulen zudem mit Häuser der Hoffnung und der Association Malienne pour le Développement Durable (AMDD). Ziel des Projekts ist die Sensibilisierung von Lehrkräften und SchülerInnen zur Verhinderung von schädlichen traditionellen Praktiken wie FGM und Frühehen. Diese geben ihr Wissen dann auf vielfältige Weise an die eigenen Gemeinden weiter. Auch Informationen über die sexuellen und reproduktiven Rechte der Frau und Möglichkeiten der Familienplanung sind ganz zentral. Im Zuge der Corona-Pandemie nahmen die Schulen Aufklärung über Schutzmaßnahmen in ihr Repertoire auf und verteilten Hygienesets. Vor allem kreative Ansätze wie das Entwickeln und Aufführen von Theaterstücken begeistern die SchülerInnen.

Erfolge der Organisation

BamakoTeilnehmerinnen an der Berufsbildung mit ihrer selbst hergestellten Seife, Bildrecht: APDF Das Zustandekommen der Partnerschaft von APDF und TDF ist auf die großzügige Unterstützung eines Kölner Unternehmers zurückzuführen. Er hat im Jahr 2009/2010 nicht nur die Baumaßnahme zum Aufbau des Gewaltschutzzentrums in Bamako finanziert, sondern immer wieder auch die Projektaktivitäten von APDF unterstützt.

TDF hat diese Zusammenarbeit flankierend begleitet und baut die Kooperation mit APDF seit 2015 weiter aus. Hierbei geht es TDF vor allem darum, die Betreuung der hilfesuchenden Mädchen und Frauen in den Gewaltschutzzentren in Bamako und Mopti sowie in dem neu errichteten, 2019 eröffneten Frauenschutzhaus in Gao in Nordmali zu unterstützen.

  • APDF ist die einzige Organisation in Mali, die im Bereich Gewaltschutz für Frauen sowohl Notunterkunft, als auch umfassende soziale, medizinische, psychologische und juristische Dienste unter einem Dach anbietet.
  • APDF ist mit 47 dezentralisierten Projektbüros in 8 Regionen Malis vertreten.
  • Allein im ersten Halbjahr 2021 fanden rund 40 Mädchen und Frauen in den Gewaltschutzzentren von Bamako und Gao Zuflucht und ein sicheres temporäres Zuhause. Zudem wurden 278 Frauen und Mädchen in den Schutzhäusern versorgt, rechtlich beraten und psychologisch betreut.
  • Im ersten Halbjahr 2021 hatten 208 Frauen und Mädchen in Bamako und Gao die Möglichkeit, Kenntnisse im Schneidern, Nähen, Sticken, in der Verarbeitung lokaler Agrarprodukte, der Herstellung von Seife und im Friseurhandwerk zu erwerben, die ihnen den Einstieg in ein stärker selbstbestimmtes Leben erlauben.
  • Mit den Schulungen zu einkommensschaffenden Aktivitäten werden pro Jahr mehr als 300 Frauen direkt erreicht, durch Wissensweitergabe in den Dörfern sogar noch weitaus mehr.
  • Durch regelmäßige Projekte und Veranstaltungen, wie beispielsweise zum 6. Februar, dem Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung, schafft APDF Bewusstsein in der Bevölkerung Malis für Probleme wie Gewalt an Mädchen und Frauen oder FGM und mobilisiert diese gleichzeitig, sich dagegen einzusetzen.
  • Darüber hinaus ist APDF eine anerkannte Frauenrechtsorganisation in Mali, deren Expertise von vielen Seiten aus Politik und Zivilgesellschaft angefragt wird.

Aktiv werden & Spenden

Verkauf von Stoffen, Nähprodukten und hergestellten Lebensmitteln. Foto: © TERRE DES FEMMES Verkauf von Stoffen, Nähprodukten und hergestellten Lebensmitteln. Foto: © TERRE DES FEMMES Damit APDF ihre Projekte für ein Leben frei von Gewalt weiterhin nachhaltig durchführen kann, ist die Organisation auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Unterstützen Sie APDF mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

Auch über die Spendenplattform betterplace.org können Sie APDF in ihrer Arbeit unterstützen!

Sie können auch mit dem Stichwort "Mali" auf folgendes Konto spenden:

EthikBank
IBAN DE35 8309 4495 0103 1160 00
BIC GENODEF1ETK

 

 

 

Weitere Informationen

Flyer

Jahresberichte

Die ehrenamtliche Projektkoordinatorin Susanne Meister berichtet jährlich zu den Projektentwicklungen:

Reiseberichte

Öffentlichkeitsarbeit

Betterplace

Im Rahmen unserer Spendenaktion auf betterplace.org informieren wir zudem regelmäßig über Neuigkeiten aus unserer Partnerorganisation.

Weitere Informationen erhalten Sie bei

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

 

BHUMIKA Women's Collective, Indien – Anlaufstelle für Frauen in Not

  • Übersicht

  • Hintergrund

  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

Als Frau in Indien gewaltfrei und selbstbestimmt leben können - dafür kämpft BHUMIKA Women's Collective. Foto: © BHUMIKA Women's CollectiveEin selbstbestimmtes und freies Leben – dafür kämpft BHUMIKA Women's Collective.
Foto: © BHUMIKA Women's Collective

Projektgebiet: Hyderabad im Bundesstaat Telangana

Wird von TDF unterstützt seit: 2016

Zielgruppe: Von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffene Mädchen und Frauen

Projektaktivitäten:

  • In Polizeistationen integrierte Beratungsstellen zur rechtlichen und psychologischen Unterstützung von gewaltbetroffenen Mädchen und Frauen
  • Hilfe-Telefon für gewaltbetroffene Mädchen und Frauen
  • Durchführung von Seminaren für PolizistInnen, RichterInnen und AnwältInnen
  • Aufklärungs- und Präventionsarbeit
  • Lobbyarbeit auf politischer Ebene

Projektgründerin: Kondaveeti Satyavati

Kontakt: Ehrenamtliche Projektkoordinatorinnen Patricia Maag und Jessica Espinoza (indien@frauenrechte.org)

Projektflyer: TERRE DES FEMMES-Projektflyer (PDF-Datei)

Factsheet: Komprimierte Fakten zu Frauenrechten in Indien (PDF-Datei)

Testen Sie Ihr Wissen: Ein Quiz zu Frauenrechten in Indien!

Hintergründe und Projektbeschreibung

Die Situation der Frauen in Indien - Zeiten des Umbruchs

Das BHUMIKA Women's Collective macht gegen Gewalt an Frauen mobil. Foto: © Gina Rumsauer.Das BHUMIKA Women's Collective macht gegen Gewalt an Frauen mobil. Foto: © Gina Rumsauer. Das vergangene Jahrzehnt hat Indiens Frauenstimmen in Politik, Wirtschaft und Kultur, im öffentlichen Leben in Städten, aber auch auf dem Land lauter werden lassen. Gleichzeitig sind nur 11,6 Prozent der Sitze im indischen Parlament an Frauen vergeben. Lediglich 39 Prozent der Frauen haben einen Sekundarschulabschluss – versus 63,5 Prozent der Männer (Index für Geschlechterungleichheit, UNDP 2018). 

Ob eine Frau ein selbstbestimmtes und freies Leben führen kann, hängt stark von ihrer Religions- und Kastenzugehörigkeit, ihrer sozialen Schicht, ihrem Bildungsgrad und dem ihres Umfelds ab. Da zwei Drittel der Menschen in Indien Teil der Landbevölkerung sind, die häufig keinen vergleichbaren Zugang zu Bildung haben wie Menschen in der Stadt, ist ein Großteil der Frauen nach wie vor abgeschnitten von emanzipatorischen Bewegungen.

Parallel zur Entwicklung in Indiens Metropolen sind traditionell patriarchalische Strukturen weiterhin fest im Leben und Denken der Menschen verankert. Dazu gehört u.a. die patrilokale Familienordnung. Traditionsgemäß verlässt die Frau nach der Heirat die eigene Familie und gehört fortan zur Familie des Ehemanns. Den eigenen Verwandten ist sie damit von wenig Nutzen. Diese Ordnung hat weitreichende Konsequenzen für den gesellschaftlichen Wert, der Frauen zugeschrieben wird, und trägt zur strukturellen Diskriminierung von Frauen bei:

  • Der Wunsch nach Söhnen führt zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten.
  • Da die Arbeit der Ehefrau „im Haus“ ist, wird bei Mädchen weniger Wert auf Bildung gelegt.
  • Der Brauch der Mitgift führt zu sogenannten Mitgiftmorden durch die Familie des Ehemanns, die durch eine weitere Heirat erneut Geld und/oder Güter erhalten kann.
  • In der Familie des Ehemanns nimmt die Frau zunächst die unterste Stufe in der Familienhierarchie ein und ist gewalttätigen Übergriffen der angetrauten Verwandtschaft daher schutzlos ausgesetzt.

Auch außerhalb der Familie sind Schutzräume für Frauen selten. Ein internationaler Aufschrei, der die prekären Verhältnisse für Frauen in Indien anprangert, erfolgte zuletzt nach der tödlichen Vergewaltigung einer jungen Studentin im Dezember 2012. Auch in Indien sorgte der Vorfall für großes Entsetzen und bewirkte, dass die öffentliche und private Sicherheit von Frauen zunehmend in den Fokus landesweiter Debatten rückte.  

Seitdem eingeführte Schutzmaßnahmen und Reformen zeigen allerdings kaum Wirkung: 2018 wurde Indien von der Thomson Reuters Stiftung wegen des hohen Risikos von sexueller Gewalt noch vor Afghanistan und Syrien, die die Plätze 2 und 3 belegen, als gefährlichstes Land für Frauen weltweit eingestuft.

Diskrepanz: Starkes Strafrecht, schwache Umsetzung

Strukturelle Diskriminierung findet sich in allen Lebensphasen von Frauen wieder. Foto: © TERRE DES FEMMESStrukturelle Diskriminierung findet sich in allen Lebensphasen von Frauen wieder. Foto: © TERRE DES FEMMES2012 richtete die Regierung Schnellgerichte ein, die die Täter rascher und konsequenter bestrafen sollen. Anfang 2013 wurde das indische Sexualstrafrecht verschärft: der Begriff der Vergewaltigung ist seitdem nicht mehr an die Anwendung von Gewalt oder konkrete Drohungen gekoppelt, sondern allein an das fehlende Einverständnis der Frau. Das Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt bietet Frauen ungeachtet ihres Familienstands, also auch außerhalb der Ehe, Rechtssicherheit bei körperlicher oder psychischer Gewalt.

Trotz der Bemühungen von Staat, Zivilgesellschaft und Bevölkerung, Frauen und Mädchen vor gewalttätigen Übergriffen zu schützen, sind die offiziellen Zahlen zu geschlechtsspezifischer Gewalt in ganz Indien nach wie vor hoch.

Nach der letzten landesweiten Umfrage des indischen Gesundheitsministeriums (NHFS-4 2015/16) ist jede dritte Frau zwischen ihrem 15. und 49. Lebensjahr häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Aufklärung über Frauenrechte, hier an einer Schule, spielt eine große Rolle. Foto: © Gina RumsauerAufklärung über Frauenrechte, hier an einer Schule, spielt eine große Rolle. Foto: © Gina Rumsauer

Die Gewaltstatistik der Indischen Frauenkommission von Telangana spricht dieselbe Sprache: von insgesamt 138 Beschwerden, die 2017 bei der Kommission eingingen, waren 91, sprich über 65 Prozent, allein aus Hyderabad, wo der Sitz des BHUMIKA Women’s Collective ist.

Hyderabad ist nach Delhi die zweitgefährlichste Metropole für verheiratete Frauen in Indien. (Nationales Büro für Kriminalitätsstatistik 2016, PDF-Datei) Während 2016 in der fast 19 Millionen-Metropole Delhi 3.645 Fälle von häuslicher Gewalt durch den Ehemann oder seine Verwandten registriert wurden, waren es in Hyderabad mit nur sieben Millionen EinwohnerInnen immerhin 1.311.

Human Rights Watch berichtet, dass Polizeibeamte oft nicht bereit sind, Anzeigen gegen sexuelle Belästigung aufzunehmen. Weder die Betroffenen selbst noch relevante ZeugInnen erhalten zudem ausreichend Schutz bei Gewalt- oder Vergeltungsdrohungen durch den Täter oder sein Umfeld.

Grund für die Diskrepanz zwischen Rechtlage und gelebter Realität ist die nur langsame und oft unzureichende Umsetzung der Gesetze und Ahndung von Gewaltverbrechen gegen Frauen. BehördenvertreterInnen, die Fälle von gewalttätigen Übergriffen aufnehmen, sind oftmals ungeschult und kennen weder die Gesetzestexte noch den rechtlichen Verlauf einer Anzeigeerstattung. Außerdem fehlt es an Anlaufstellen und spezialisierten Einrichtungen, die Frauen und Mädchen bei Gewalterlebnissen unterstützen und medizinische Versorgung bereitstellen.

BHUMIKA Women's Collective – Anlaufstelle für Frauen in Not

Musste selbst für ihr Recht auf Bildung kämpfen: Kondaveeti Satyavati, Gründerin und Koordinatorin von BHUMIKAMusste selbst für ihr Recht auf Bildung kämpfen: Kondaveeti Satyavati, Gründerin und Koordinatorin von BHUMIKA
Foto: © ASW - Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt
Das von TERRE DES FEMMES geförderte Projekt des BHUMIKA Women’s Collective in Telangana unterstützt Mädchen und Frauen, die häuslicher und sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind.

Die Geschichte der Frauenrechtsorganisation BHUMIKA Women's Collective nimmt 1993 ihren Lauf: Damals gab Gründerin Kondaveeti Satyavati zum ersten Mal ein feministisches Frauenmagazin mit dem Titel BHUMIKA heraus. Kondaveeti Satyavati stammt aus einfachen Verhältnissen und musste für ihr Recht auf Bildung kämpfen. Sie schaffte schließlich den Sprung auf die Universität und engagiert sich seit den 1970er Jahren für Frauen und Frauenrechte.

Das BHUMIKA Women’s Collective setzt sich auf mehreren Ebenen für eine bessere Begleitung und die emotionale und rechtliche Stärkung von Mädchen und Frauen ein, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind. Auch Gewaltprävention ist ein wichtiges Anliegen für das BHUMIKA Women’s Collective.

Projektaktivitäten von BHUMIKA

Erstanlaufstelle und Beratung für Frauen in Not

Beratung für Frauen in Not - das A und O für einen gewaltfreien Neuanfang. Foto: © Gina RumsauerBeratung für Frauen in Not - das A und O für einen gewaltfreien Neuanfang. Foto: © Gina RumsauerDie Mitarbeiterinnen des BHUMIKA Women's Collective sind im Bundesstaat Telangana wichtige AnsprechpartnerInnen für gewaltbetroffene Mädchen und Frauen. Seit 2014 betreibt die Organisation in Hyderabad und Karimnagar insgesamt drei Beratungsstellen, die an Polizeistationen angegliedert sind – so genannte Support Centres for Women & Children. Diese Beratungsstellen werden in Städten oder Stadtteilen eingerichtet, in denen Gewaltverbrechen gegen Frauen besonders häufig vorkommen. BeraterInnen bieten dort rechtliche und psychologische Unterstützung an und helfen betroffenen Mädchen und Frauen, Anzeige zu erstatten. TERRE DES FEMMES unterstützt seit Juni 2017 die Beratungsstelle in Karimnagar.

Seit 2006 betreibt das BHUMIKA Women’s Collective zudem ein Hilfe-Telefon für Mädchen und Frauen.

Betreuung von schwerwiegenden Fällen

Bei schwerwiegenden Gewalttaten übernehmen die BeraterInnen der Support Centresfor Women & Children eine längerfristige Betreuung. Die Mitarbeiterinnen des BHUMIKA Women's Collective begleiten die Frauen etwa ins Krankenhaus, in eine Schutzunterkunft oder suchen den Kontakt zur Familie. Zeigen die Gesprächsversuche mit der Familie keinen Erfolg, unterstützt das BHUMIKA Women's Collective bei der Beantragung staatlicher Fördermittel und steht den Betroffenen bei Rechtsfragen zur Seite.

Aufklärungsarbeit und Prävention im Kampf gegen Gewalt an Frauen

BHUMIKA schult Beamte im Umgang mit Fällen von Gewalt an Frauen. Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveBHUMIKA schult Beamte im Umgang mit Fällen von Gewalt an Frauen. © BHUMIKA Women’s Collective

Das BHUMIKA Women's Collective organisiert zudem Seminare für PolizistInnen, RichterInnen und AnwältInnen, um diese für das Thema Frauenrechte und Gewalt gegen Frauen zu sensibilisieren. Trainings werden auch für Krankenhaus-Angestellte angeboten. Damit soll erreicht werden, dass gewaltbetroffene Mädchen und Frauen bei ihrer Suche nach Hilfe optimal begleitet werden und sich erfolgreich aus gewalttätigen oder -fördernden Strukturen lösen können.

Lobbyarbeit auf politischer Ebene soll den Druck auf die Regierung erhöhen, sich gezielter für den Gewaltschutz von Mädchen und Frauen einzusetzen: „Auf dem Papier existieren zwar Gesetze zum Schutz der Frauen, in der Realität werden diese jedoch kaum umgesetzt“, beklagt Gründerin Satyavati. Die Support Centres for Women & Children sind Teil einer Initiative, Regierungsbeamte ganz praktisch und nachhaltig in frauenrechtliche Arbeit einzubinden.

Erfolge des Projekts

Hilfe aus einer Hand – BHUMIKA-Beratungsstelle und Polizei teilen sich ein Gebäude . Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveHilfe aus einer Hand – BHUMIKA-Beratungsstelle und Polizei teilen sich ein Gebäude. Foto: © BHUMIKA Women’s Collective

Seit Juni 2017 unterstützt TERRE DES FEMMES eine Beratungsstelle für Mädchen und Frauen in Not in der Stadt Karimnagar.

Das BHUMIKA Women’s Collective betreibt die Beratungsstelle seit 2016, nachdem Karimnagar 2015 die höchste Gewaltrate gegen Mädchen und Frauen im ganzen Bundesstaat aufgewiesen hatte. Begleitend werden PolizistInnen, AnwältInnen und RichterInnen in Seminaren zu den Hintergründen, Folgen und zum Umgang mit geschlechterspezifischer Gewalt geschult.

BHUMIKA-Beratungsstelle in Karimnagar

Zwischen 2010 und 2018 erhielten rund 2.300 Menschen Unterstützung und Weiterbildungen durch MitarbeiterInnen des Support Centre for Women and Children in Karimnagar und des BHUMIKA Women’s Collective:

  • 1.300 Frauen besuchten die Beratungsstelle in Karimnagar
  • 1.000 StaatsbeamtInnen wurden mit Schulungen zu geschlechtsspezifischer Gewalt erreicht

Bei Hausbesuchen nach Ende der Beratung prüft BHUMIKA, ob es den Frauen weiter gut geht. Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveBei Hausbesuchen nach Ende der Beratung prüft BHUMIKA, ob es den Frauen weiter gut geht. Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveIn der ersten Jahreshälfte 2019 suchten 193 Frauen die Beratungsstelle in Karimnagar auf. Insgesamt fanden 345 Individualgespräche, 214 Partnergespräche und 382 Familiensitzungen statt. 68 Frauen und ihren Partnern konnte auf direktem Weg geholfen werden. Andere Frauen wurden nach den Sitzungen bei der Anzeigestellung oder ihrem Gerichtsprozess unterstützt bzw. in Frauenhäuser begleitet.

Mit einer Spende der eudim - Stiftung für soziale Gerechtigkeit wird die Beratungsstelle in Karimnagar ab November 2018 durch eine zusätzliche Honorarkraft personell aufgestockt. So kann das BHUMIKA Women’s Collective der großen Nachfrage noch besser gerecht werden und auf nachhaltige Veränderungen der Lebenssituation gewaltbetroffener Frauen hinwirken.

Hilfe-Telefon in Hyderabad

Das Hilfe-Telefon des BHUMIKA Women's Collective hat sich in Hyderabad einen Namen gemacht. Foto: © ASW - Aktionsgemeinschaft Solidarische WeltDas Hilfe-Telefon des BHUMIKA Women's Collective hat sich in Hyderabad einen Namen gemacht. Foto: © ASW - Aktionsgemeinschaft Solidarische WeltBis April 2017 hat TERRE DES FEMMES ein Hilfe-Telefon für Mädchen und Frauen in Not in der Stadt Hyderabad in einer Dreieckskooperation mit der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) gefördert. Das Hilfe-Telefon ist seit seiner Gründung 2006 immer bekannter geworden und wird unverändert stark nachgefragt:

  • 52.000 Anrufe gingen zwischen 2006-2014 beim Hilfe-Telefon des BHUMIKA Women’s Collective ein
  • 15 bis 20 Anrufe erhalten die Mitarbeiterinnen des BHUMIKA Women’s Collective pro Tag
  • Die häufigsten Gründe, weshalb Mädchen und Frauen beim Hilfe-Telefon anrufen, sind häusliche und sexualisierte Gewalt, Schikanen durch Ehemann und Schwiegereltern, sowie Frühverheiratungen

Dem BHUMIKA Women’s Collective ist es gelungen, die Finanzierung mit indischen Fördermitteln längerfristig zu decken. Deshalb hat sich TERRE DES FEMMES gemeinsam mit ihrer Partnerorganisation einen neuen Schwerpunkt gesetzt.

 

 

 

Aktiv werden & Spenden

Kämpfen Sie mit uns für ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben von Frauen! Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveSpenden auch Sie, damit mehr Frauen in Indien gewaltfrei und selbstbestimmt leben können. Foto: © Gina RumsauerAuch in Zukunft benötigt BHUMIKA Ihre Unterstützung für:

  • Beratung und Begleitung von gewaltbetroffenen Frauen im Support Centre for Women and Children in Karimnagar
  • Einzelbetreuung von besonders schwerwiegenden Notfällen
  • Seminare zu geschlechtsspezifischer Gewalt für PolizistInnen, RichterInnen und AnwältInnen
  • Bildungsangebote zur Gewaltprävention und kritischen Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Rollenmustern

Unterstützen Sie BHUMIKA mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

 

Sie können auch mit dem Stichwort „Indien“ auf folgendes Konto spenden:

EthikBank
IBAN DE35 8309 4495 0103 1160 00
BIC GENODEF1ETK

 

Weitere Informationen

Projektflyer

Jahresbericht

Jährlich veröffentlicht die ehrenamtliche Projektkoordinatorin einen Bericht für die Mitfrauenversammlung von TERRE DES FEMMES über die Projektaktivitäten des BHUMIKA Women’s Collective:

Interviews

Sonstige Informationen

 

Weitere Informationen erhalten Sie bei 

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

oder bei den

ehrenamtliche Projektkoordinatorinnen Patricia Maag und Jessica Espinoza (indien@frauenrechte.org)

 

MIRIAM, Nicaragua – Für ein Leben frei von Gewalt

  • Übersicht

  • Hintergrund

  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

MIRIAM kämpft für die Rechte von Frauen auf Gewaltfreiheit und Bildung. Foto: © LuceroMIRIAM kämpft für die Rechte von Frauen auf Gewaltfreiheit und Bildung. Foto: © Lucero

Projektgebiete: Regionen Estelí, Managua, Matagalpa in Nicaragua

Wird von TDF unterstützt seit: 2012

Zielgruppe: von Gewalt betroffene Mädchen und Frauen aus finanziell prekären Verhältnissen

Projektaktivitäten:

  • Beratung und Aufklärung über die Rechte der Frau
  • psychologische Betreuung, rechtliche Beratung und anwaltliche Vertretung für Frauen mit Gewalterfahrungen
  • Durchführung von Alphabetisierungs-, Grundschul- und berufsbildenden Kursen
  • Unterstützung bei der Businessplanung und beim Einstieg in die berufliche Selbstständigkeit
  • Bildungsarbeit, Seminare, Workshops
  • Projekte zur Prävention und strafrechtlichen Verfolgung von sexueller Ausbeutung, Menschenhandel und Kinderarbeit
  • politische Lobbyarbeit und Öffentlichkeitsarbeit
  • Vergabe von Stipendien für Universitätsstudien

Projektgründerin/Leiterin: Yolanda Acuña Urbina

Kontakt: Ehrenamtliche Projektkoordinatorin Wencke Loesener (nicaragua@frauenrechte.org) oder
TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit(tl-iz@frauenrechte.de)

Projektflyer: Informationsflyer MIRIAM (PDF-Datei)

Factsheet: Komprimierte Fakten zu Frauenrechten in Nicaragua (PDF-Datei)

Testen Sie Ihr Wissen: Ein Quiz zu Frauenrechten in Nicaragua!

Hintergründe und Projektbeschreibung

„Nos están matando“ – Sie töten uns. Demonstration gegen Frauenmorde in Nicaragua, Foto: © Birgitta Hahn„Nos están matando“ – Sie töten uns. Demonstration gegen Frauenmorde in Nicaragua, Foto: © Birgitta Hahn

Gewalterfahrungen gehören zu den größten Problemen von Frauen in Nicaragua und stellen eine Bedrohung für ihre physische und psychische Gesundheit dar. Die Rate der Femizide, d.h. der Tötungen von Frauen aus geschlechtsspezifischen Gründen, nimmt stetig zu: 2018 wurden 57 Femizide in Nicaragua begangen, 2019 waren es 63 und 2020 sogar 71. Auch 2021 scheint sich diese erschreckende Tendenz fortzusetzen, allein in den ersten acht Monaten wurden bereits 42 Femizide registriert. Gleichzeitig nimmt die Brutalität dieser Verbrechen zu und kann z.B. von Folter und Verstümmelungen begleitet sein. Femizide sind die Spitze des Eisbergs. Alltagsgewalt, in aller Regel innerhalb der Familie verübt, zeugt von der strukturellen Diskriminierung von Frauen.

Laut einer Studie der panamerikanischen Gesundheitsorganisation ist jede dritte Frau in Nicaragua von häuslicher Gewalt betroffen, nach einer Studie der Nationalen Universität Managua bis zu 67 Prozent. In ihrer Partnerschaft muss sich fast jede zweite Frau Beschimpfungen oder Beleidigungen anhören. Von sexualisierter Gewalt sind in Nicaragua v.a. minderjährige Mädchen betroffen: Auswertungen rechtsmedizinischer Gutachten zeigen, dass 82 Prozent aller Sexualdelikte gegen Mädchen unter 18 Jahren verübt werden. Nicaragua ist das Land mit der höchsten Rate an Teenager-Schwangerschaften in ganz Lateinamerika und der Karibik - 42 Prozent der Mädchen werden aufgrund von sexuellem Missbrauch schwanger. Nicaragua ist zudem eines der wenigen Länder weltweit, das per Gesetzgebung Abtreibung unter allen Umständen verbietet, d.h. auch nach einer Vergewaltigung oder bei Gefahr für das Leben der werdenden Mutter (was gerade bei Teenager-Schwangerschaften häufig der Fall ist, da der Körper noch nicht weit genug entwickelt ist).

Der jüngste Polizeibericht über Gewalt an Frauen aus den Jahren 2016/17 legte 1.080 angezeigte Vergewaltigungen offen. Die Dunkelziffer gilt als weit höher. Das Fehlen aktuellerer Polizeiberichte oder Statistiken anderer staatlicher Behörden zeugt vom Umgang der nicaraguanischen Regierung mit diesen Verbrechen – der Verzicht auf die Veröffentlichung und oft bereits Erfassung entsprechender Daten macht Gewalt an Frauen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung unsichtbar und verleugnet sie als systemisches Problem, das nicht zuletzt staatliches Handeln erforderlich machen würde.

„Machismo“ fördert Gewalt

Nicaragua Hintergrund 2Durch Bildung Zukunft schaffen – Frauen in der MIRIAM-Schule , Bildrecht LuceroHintergrund für diese alarmierenden Zahlen ist vor allem der unverändert fest verwurzelte „Machismo“ in Nicaragua, demzufolge Frauen als das „schwache Geschlecht“ und Männern untergeordnet gelten. Die Akzeptanz und beständige Reproduktion patriarchal-konservativer Normen bringt es mit sich, dass den Tätern, oft aber auch den betroffenen Frauen, das Unrechtsbewusstsein fehlt. Verschiedene Formen von Gewalt werden nicht als solche erkannt und Wissen über die Rechte von Mädchen und Frauen ist kaum verbreitet. Viele Mädchen lernen in ihrer Sozialisation traditionelle geschlechtsspezifische und soziale Rollenmodelle als gängig und erstrebenswert kennen. Ein niedriger Selbstwert, die Wiederholung der Spirale von innerfamiliärer Gewalt und psychosomatische Erkrankungen prägen die Realität vieler Mädchen und Frauen.

Bildungsmangel verschärft die Situation: Bildung wird besonders in ländlichen Regionen von vielen Familien nicht als notwendig angesehen, da die Frau ohnehin heiraten und sich um die Familie kümmern soll. Es ist daher häufig üblich, dass Mädchen bereits die Grundschule abbrechen. Sie tragen anstelle dessen zum Einkommen der Familie bei oder übernehmen Arbeiten im Haushalt. Frühe Schwangerschaften führen ebenfalls zum vorzeiten Schulabbruch.

Familienharmonie auf Kosten von Frauenrechten

Das Rollenverständnis der Frau spiegelt sich auch in der Politik wider. Besonders negativ ins Gewicht fällt dabei der Schulterschluss mächtiger Institutionen wie Staat und Kirche, die die „natürliche Ordnung“ der traditionellen Familie und deren Erhalt um jeden Preis propagieren. Bei seiner Wiederwahl im Jahr 2006 war der Spitzenkandidat der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (span. Frente Sandinista de Liberación Nacional bzw. FSLN) und auch 2021 noch amtierende Präsident Daniel Ortega vor allem um Wählerstimmen aus dem einflussreichen Lager der katholischen Kirche bemüht. Im Gegenzug erließ er nach seiner Wahl zum Präsidenten eines der schärfsten Abtreibungsverbote weltweit. Neben Ortega rief auch seine Ehefrau und heutige Vizepräsidentin Rosario Murillo zur „Stärkung der nicaraguanischen Familie durch christliches und solidarisches Handeln“ auf. Dieser Maxime folgend sollen Frauen ihre individuellen Bedürfnisse und Interessen dem vermeintlich höheren Ziel des „Familienschutzes“ opfern. Daraus resultieren die Benachteiligung von Frauen und die Missachtung ihrer Rechte.

Gesetze allein helfen nicht

Nicaragua Hintergrund 3In Workshops bei MIRIAM setzen sich Frauen mit Machismo, Gewalt und ihren Rechten auseinander. Foto: © LuceroIn Nicaragua gibt es zwar Gesetze und Einrichtungen zum Schutz der Frau, es mangelt aber an politischem Willen, diese adäquat umzusetzen bzw. finanziell auszustatten. So wurden in den 1990er-Jahren von der Polizei landesweite Kommissariate für Frauen, Kinder und Jugendliche (span. Comisarías de la Mujer, Niñez y Adolescencia) eingerichtet. Dahinter stand die Idee, dass speziell geschultes Personal Anzeigen gegen innerfamiliäre Gewalt entgegennehmen, die Retraumatisierung betroffener Frauen verhindern und diese an geeignete Stellen zur weiterführenden Betreuung verweisen sollte. Trotz anfänglicher Erfolge wurden die Erwartungen aufgrund fehlender finanzieller Mittel, häufig wechselnden Personals, mangelnder Rechtsdurchsetzung von staatlicher Seite und überwiegender Straffreiheit der Täter nicht erfüllt. Mittlerweile hat die Regierung die meisten spezialisierten Kommissariate geschlossen. Die wenigen, die noch existieren, sind kaum funktionsfähig.

2012 wurde das umfassendes Gesetz 779 zum Schutz von Frauen vor Gewalt erlassen, nur um durch zahlreiche Reformen ab 2013 wieder entkräftet zu werden. Eine der fundamentalen Errungenschaften des neuen Gesetzes war z.B. das Verbot der Mediation zwischen Täter und gewaltbetroffener Frau. Mittlerweile wurde sie für die meisten Fälle wieder eingeführt. Reformbefürwortende vertreten die Auffassung, dass Frauen eine Mitschuld an häuslicher Gewalt tragen und Familien zerstören, wenn sie den Täter anzeigen. Ziel der Mediation ist, dass sich die Frau mit ihrem Aggressor aussöhnt und auf eine Strafanzeige verzichtet. Auch hat sich der Rechtsweg für gewaltbetroffene Frauen geändert: anstelle in ein spezialisiertes Kommissariat zu gehen, muss sich die Frau nun an eine so genannte „Nachbarschaftsberatung“ wenden, in der einflussreiche Personen aus ihrem Wohnviertel sitzen. Wird ihr Fall dort als „schwer“ eingestuft, darf sie zur Polizei und Strafanzeige stellen. Wird er aber als „minder schwer“ eingestuft, muss die Frau zur Mediation. Dort wird ihr Fall weder polizeilich noch statistisch erfasst. Betroffene Frauen werden so nicht nur unter Druck gesetzt, den „Familienzusammenhalt“ über ihre Rechte und Sicherheit zu stellen, sondern auch völlig unzureichend vor (weiterer) Gewalt geschützt.

MIRIAM steht für ein selbstbestimmtes Leben frei von Gewalt

Nicaragua Hintergrund 4Das MIRIAM-Leitungsteam mit Birgitta Hahn vom Referat für Internationale Zusammenarbeit , Bildrecht MIRIAMMIRIAM ist eine anerkannte Frauenrechtsorganisation, die sich für die Menschenrechte und ganzheitliche Förderung von Frauen, Jugendlichen und Kindern einsetzt. Im Mittelpunkt des Engagements stehen das Recht auf ein Leben frei von Gewalt und das Recht auf Bildung. Frauen und Mädchen werden darin unterstützt, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln, ihre Rechte zu kennen und zu vertreten sowie an gesellschaftlichen Veränderungen mitzuwirken.

Entstanden ist MIRIAM durch eine private Initiative, um nicaraguanischen Frauen mittels finanzieller Unterstützung für ein Universitätsstipendium ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Einige der Stipendiatinnen gründeten 1989 die NRO MIRIAM.

1995 wurde die rechtliche Beratung für gewaltbetroffene Frauen ins Leben gerufen. Ein Jahr später kamen Alphabetisierungs-, Grundschul-, und berufsbildende Kurse für Frauen dazu, die aus dem staatlichen Schulsystem ausgeschlossen sind. Weitere Projekte zur Prävention von Kinderarbeit, Menschenhandel und sexueller Ausbeutung folgten.

Projektaktivitäten von MIRIAM

Die Psychologinnen von MIRIAM begleiten und stärken Frauen auf ihrem Weg aus der Gewalt. Foto: © Lucero Die Psychologinnen von MIRIAM begleiten und stärken Frauen auf ihrem Weg aus der Gewalt. Foto: © Lucero

Rechtsberatung durch Anwältinnen

Die Anwältinnen informieren Mädchen und Frauen über ihre Rechte, unterstützen sie bei der Anzeigeerstattung, gerichtlichen Verfahren und begleiten sie zu den jeweils zuständigen Instanzen.

Betreuung durch Psychologinnen

Neben der psychologischen Einzelberatung unterstützt der Austausch in Selbsthilfegruppen die Frauen in der Auseinandersetzung mit und Bewältigung von eigenen Gewalterfahrungen und deren Folgen. Der Austausch in der Gruppe hilft den Frauen, sich neu zu orientieren und sich als aktive Protagonistinnen ihres Lebens zu begreifen.

Workshops und Ausbildung zu Multiplikatorinnen

Workshops und die Arbeit von Multiplikatorinnen bilden eine wichtige Strategie der Gewaltprävention und Unterstützung in Gewaltsituationen. In Workshops informieren sich Frauen und/oder Männer über die Rechte der Frau, reflektieren gemeinsam über Gewaltstrukturen und entwerfen gewaltfreie Lebensperspektiven. Als Multiplikatorinnen ausgebildete Frauen informieren in ihrer Gemeinde zu verschiedenen Themen und bieten Hilfestellung für Mädchen und Frauen mit Gewalterfahrungen.

Arlen, Unternehmerin und Absolventin der Berufsbildung in Kunsthandwerken. Foto: © LuceroArlen, Unternehmerin und Absolventin der Berufsbildung in Kunsthandwerken. Foto: © Lucero

Alphabetisierungs-, Schul- und berufsbildende Kurse

MIRIAM hat eine eigene Schule für Frauen ab 14 Jahren. In Alphabetisierungskursen lernen die Frauen lesen, schreiben und rechnen. Sie können ihren Schulabschluss nachholen und berufsbildende Kurse in Schneiderei/Modedesign, Friseurhandwerk/Kosmetik, Kunsthandwerken/Handarbeiten und PC-basierter Textverarbeitung/Grafikdesign belegen. Die Kurse sind staatlich zertifiziert und ermöglichen den Frauen, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und so finanziell unabhängiger zu werden.

Vergabe von Stipendien für Hochschulstudien

Das Stipendienprogramm von MIRIAM unterstützt Frauen, die aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht studieren können. Mit dem Stipendium können die Frauen die Studiengebühren und -Materialien bezahlen und einen Teil ihres Lebensunterhalts finanzieren. Neben der Stipendienvergabe unterstützt MIRIAM die Frauen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung durch die Auseinandersetzung mit Gender-Themen in Workshops. Die Stipendiatinnen multiplizieren die erhaltene Unterstützung, indem sie sich ehrenamtlich für MIRIAM oder in sozialen Projekten außerhalb engagieren.

Koordination und Öffentlichkeitsarbeit

SelbsthilfeIn Selbsthilfe-Gruppen unterstützen und solidarisieren sich die Frauen miteinander. Foto: © LuceroMIRIAM arbeitet mit Organisationen der Zivilgesellschaft und staatlichen Institutionen für gesellschaftliche Veränderungen in der Wahrnehmung und im Umgang mit Gewalt auf familiärer, kommunaler und nationaler Ebene. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit sensibilisiert MIRIAM zu Themen wie häuslicher und sexualisierter Gewalt: das Schweigen über Gewaltdelikte wird gebrochen und Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem thematisiert. MIRIAM klärt die Menschen über Formen und Folgen von Gewalt und Gesetze zum Schutz der Frau auf. Auch wird über Hilfsangebote und Möglichkeiten der Strafverfolgung informiert.

Unterstützung dringender denn je - politische Krise und Repression

Im April 2018 entbrannten in Nicaragua landesweite Unruhen gegen die zunehmende Autokratie und Korruption der Regierung Ortega, die von staatlicher Seite teils blutig niedergeschlagen wurden. Seitdem geht der Machterhalt immer stärker zu Lasten von Demokratie und Rechtsstaat – KritikerInnen wurden verhaftet, die Medienfreiheit eingeschränkt und die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen immer einschneidender reguliert.

Protestierende Frauen und FrauenrechtsaktivistInnen im April 2018. Foto: © LuceroProtestierende Frauen und FrauenrechtsaktivistInnen im April 2018. Foto: © Lucero

Der Atlas der Zivilgesellschaft, ein von Brot für die Welt und Civicus entwickeltes Messinstrument zur Lage der organisierten Zivilgesellschaft bzw. zum Grad der Demokratie, stuft Nicaragua als unterdrückt ein. Seit Herbst 2018 wird diese Repression zunehmend gesetzlich verankert. Das im Oktober 2020 in Kraft getretene Gesetz 1040 betrifft alle Organisationen und Einzelpersonen, die Geldzahlungen aus dem Ausland erhalten, und verpflichtet sie, sich als „ausländische AgentInnen“ beim Innenministerium zu registrieren. Scheitern sie an den hohen bürokratischen Hürden, müssen sie erhebliche Strafzahlungen oder eine Konfiszierung ihrer Rechtspersönlichkeit und ihres Eigentums befürchten. Jegliche Finanztransaktion muss nun im Voraus gemeldet und bewilligt werden, alle Aktivitäten sind detailliert offenzulegen und werden engmaschig kontrolliert. Das Gesetz soll vorgeblich Destabilisierung durch Einflussnahme aus dem Ausland verhindern, dient jedoch der Verdrängung kritischer Stimmen aus der Öffentlichkeit.

Zudem können AktivistInnen auf Basis des neuen Gesetzes 977 gegen Terrorakte und Geldwäsche weitgehend willkürlich inhaftiert werden. Gerade Frauenrechtsverteidigerinnen sind auf dem Radar, wurden sie im Zuge der Proteste doch wiederholt als „Putschistinnen“ und „Terroristinnen“ verunglimpft. Ähnlich funktioniert das neue Gesetz 1042 zur Verhinderung der Cyberkriminalität und die Reform an Artikel 37 der Verfassung, welcher nun lebenslange Haftstrafen für sogenannte Hassverbrechen ermöglicht. Dem Vorgehen in allen Fällen gemein ist, dass der Handlungsspielraum der organisierten Zivilgesellschaft erheblich beschnitten wird und sie unzulässiger Einflussnahme durch den Staat ausgesetzt sind.

Berufsbildender Kurs in Kosmetik/Friseurhandwerk in Estelí.. Foto: © LuceroBerufsbildender Kurs in Kosmetik/Friseurhandwerk in Estelí. Foto: © Lucero

Erfolge der Organisation

Von 2018 bis 2020 konnten trotz der politisch angespannten Lage in Nicaragua und der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie zahlreiche Frauen und Mädchen in Not ihre Menschenrechte geltend machen, eigene Lebensbedingungen verbessern und v.a. aus dem Zyklus der Gewalt aussteigen. Im Einzelnen wurden die folgenden Ergebnisse mit den bei TERRE DES FEMMES eingegangenen Spenden und der finanziellen Unterstützung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erzielt:

  • Für 665 Frauen rechtliche Beratung (2.578 Einzel- und 27 Gruppensitzungen) und bei Bedarf anwaltliche Vertretung bei häuslicher oder sexualisierter Gewalt, Scheidung, Unterhaltsansprüchen und Anerkennung der Vaterschaft (121 erfolgreiche Gerichtsprozesse, 146 noch laufende Verfahren)
  • Für 254 Frauen psychologische Beratung und bei Bedarf moderierte Selbsthilfegruppen (4 in Managua und 4 in Estelí) zur Auseinandersetzung mit der erlittenen Gewalt und schädigenden Beziehungsmustern, Bewältigung persönlicher Traumata, Solidarisierung mit anderen Betroffenen und Unterstützung beim Ausstieg aus der Gewalt
  • Für 69 Frauen Reflexionstreffen und Workshops zur persönlichen Entwicklung, politischen Bildung und Stärkung des Selbstwertgefühls
  • Für 147 Frauen ab 14 Jahren aus finanziell prekären Verhältnissen Teilnahme an und zertifizierter Abschluss von berufsbildenden Kursen in zwei Ausbildungsbereichen (Schneiderei/Modedesign und Kunsthandwerken/Handarbeiten)
  • Für 101 Absolventinnen der berufsbildenden Kurse erfolgreiche Businessplanung und Gründung von eigenen Kleinunternehmen oder Kooperativen nach Beratung durch MIRIAM
  • 356 Hausbesuche bei Frauen, die die Rechtsberatung ausgesetzt hatten, z.B. weil sie von Familie oder Umfeld unter Druck gesetzt worden waren, ihre Strafanzeige zurückzuziehen, oder im Zuge der politischen Krise und gewaltsamer Ausschreitungen im öffentlichen Raum MIRIAM nicht mehr aufsuchen konnten; die Frauen wurden bei diesen Besuchen über den Bearbeitungsstand ihrer Verfahren informiert und darin bestärkt, die Einforderung ihrer Rechte weiter zu verfolgen.
  • Fortbildungen für 30 Mitarbeiterinnen und ehrenamtlich Aktive von MIRIAM zu den Themen Intervention im Gewaltfall, Selbstschutz, Notfallplanung, Konfliktmediation und kooperatives Wirtschaften

Dem selbstbestimmten Leben näher: Schneiderei-Absolventin Darís in ihrem Modeatelier. Foto: © LuceroDem selbstbestimmten Leben näher: Schneiderei-Absolventin Darís in ihrem Modeatelier. Foto: © Lucero

In den letzten 32 Jahren hat MIRIAM rund 36.200 Mädchen, Jungen, Frauen und Männer unterstützt:

  • 5.300 Frauen ab 14 Jahre nahmen an Alphabetisierungskursen teil, beendeten die Grundschule, erlernten einen Beruf oder erhielten ein Stipendium für ein Universitätsstudium
  • 11.700 von Gewalt betroffene Frauen wurden über ihre Rechte aufgeklärt, psychologisch betreut, von Anwältinnen beraten oder durch die Instanzen des Rechtssystems begleitet
  • 19.200 Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer wurden geschult und aktiv einbezogen zum Schutz vor häuslicher Gewalt, sexueller Ausbeutung oder Ausbeutung durch Kinderarbeit und Menschenhandel.

 

 

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Unternehmerin Urania kann heute selbstbestimmt leben. Helfen Sie auch anderen Frauen, das zu erreichen! Foto: © LuceroUnternehmerin Urania kann heute selbstbestimmt leben. Helfen Sie auch anderen Frauen, das zu erreichen! Foto: © Lucero

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Aktuelle Informationen über MIRIAM erhalten Sie auf dem Blog "Frauenprojekte in Nicaragua".

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Jahresbericht

Jährlich veröffentlicht Wencke Loesener, ehrenamtliche Projektkoordinatorin, einen Bericht für die Mitfrauenversammlung von TERRE DES FEMMES über die MIRIAM-Projektaktivitäten: 

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oder bei der

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Wencke Loesener
E-Mail: nicaragua@frauenrechte.org