1. Der Fall Epstein als Spiegel struktureller Gewalt

Der Epstein-Skandal ist einer der bekanntesten Fälle organisierter sexualisierter Gewalt der jüngeren Geschichte. Zwischen den 1990er-Jahren und seiner Verhaftung 2019 baute der US-amerikanische Finanzier Jeffrey Epstein ein internationales Netzwerk auf, das Minderjährige und junge Frauen systematisch sexuell ausbeutete, misshandelte und in Abhängigkeitsverhältnisse zwang. Epstein nutzte seinen finanziellen Reichtum und seine Verbindungen zu einflussreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Adel, um über Jahrzehnte hinweg, sexualisierte Gewalt zu organisieren und zu verüben. Schätzungen zufolge waren dutzende TäterInnen – darunter KomplizInnen, MittäterInnen und ProfiteurInnen – in das System verstrickt, während die Zahl der Betroffenen nach aktuellen Ermittlungen mindestens mehrere Hundert umfasst. Viele der Betroffenen wurden unter falschen Versprechungen (z. B. Modelkarrieren oder Bildungsmöglichkeiten) angeworben, erpresst oder direkt in Epsteins Residenzen in New York, Florida, auf den Jungferninseln und in Paris sexuell ausgebeutet. 

Trotz früher Vorwürfe (erste polizeiliche Meldungen ab 1996) konnte Epstein weiter agieren, bis seine Verhaftung 2019 und sein Tod im Gefängnis im selben Jahr das volle Ausmaß dieses Netzwerkes aufdeckten. Es gab im Jahr 2008 sogar einen ersten Prozess, in dem er sich vor einem Gericht in Florida schuldig bekannte für die Anstiftung zur Prostitution. Eine weitere Anklage wurde jedoch fallen gelassen und Epstein kam mit einer milden Strafe davon.1 Seine langjährige Partnerin Ghislaine Maxwell wurde 2021 wegen MittäterInnenschaft verurteilt, doch viele weitere Beteiligte bleiben bis heute ungestraft. Der Fall Epstein ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für die Verstrickung von patriarchaler Macht, Reichtum und institutionalisiertem Versagen.

 

Männerbünde reproduzieren Gewalt

Der Fall Epstein offenbart nicht nur das mögliche Ausmaß individueller Verbrechen, sondern zeigt plakativ, dass es sich bei sexualisierter Gewalt um ein strukturelles Phänomen handelt. Männerbünde, definiert als informelle oder formelle Netzwerke, die auf Privilegien, Ausschluss von Frauen sowie ökonomischer und politischer Machtkonzentration basieren, reproduzieren Gewalt. Das Epstein-Gewalt-Netzwerk zeigt in aller Deutlichkeit, wie solche Systeme funktionieren: 

  • Schutz durch Komplizenschaft: Die AkteurInnen des Netzwerks, zusammengesetzt aus einflussreichen KomplizInnen aus Politik, Wirtschaft und Justiz, decken sich gegenseitig. Eine Kultur des Schweigens, des gezielten Wegsehens und des organisierten Vertuschens wird systematisch aufgebaut und aufrechterhalten. Das ist kein Versagen, sondern Methode.

  • Missbrauch von Institutionen: Institutionen wie das Justizsystem werden gezielt ausgenutzt und von den TäterInnen als Werkzeuge eingesetzt. Mithilfe von Geld und den richtigen Kontakten werden Verfahren durch Korruption verzerrt, Strafen minimiert und Verantwortung abgewehrt. Die TäterInnen können sich so der Rechenschaft entziehen.

  • Instrumentalisierung von Abhängigkeitsverhältnissen: Die TäterInnen nutzen gezielt ökonomische und soziale Missstände der Betroffenen aus. Sie locken mit Versprechen von Karriere, finanzieller Sicherheit bis hin zu emotionaler Verbundenheit und verwandeln diese in Druckmittel. Was als Chance erscheint, wird zur Falle. Es werden gezielt Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen, in denen Ausbeutung und Gewalt systematisch stattfinden können. 

Die Aufdeckung des Epstein-Netzwerks zeigt, wie strukturelle Ungerechtigkeiten in Bezug auf Vermögens- und Machtverteilung und institutionelles Versagen TäterInnen schützen und Betroffene im Stich lassen. Die TäterInnen und KomplizInnen bleiben meist straflos, während die Betroffenen weiter ausgebeutet werden und mit den körperlichen und psychischen Folgen leben müssen. Das muss sich ändern. Vor diesem Hintergrund fordert TERRE DES FEMMES eine konsequente Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen struktureller und patriarchaler Gewalt auf globaler wie lokaler Ebene. 

Gewaltnetzwerke wie das Epsteins sind ein globales Phänomen.

2. Organisierte, sexualisierte Gewalt in Europa und Deutschland

Das System Epstein ist grenzenlos

Das Netzwerk rund um Epstein reicht weit über die USA hinaus und auch TäterInnen aus Europa waren beteiligt. Epsteins Verbindungen reichen tief in politische Eliten, Königshäuser und Finanzzentren hinein. Von der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit über den ehemaligen französischen Kulturminister Jack Lang bis hin zum britischen Prinz Andrew zeigt sich die enge Vernetzung nach Europa.2 Auch deutsche AkteurInnen nahmen in dem Fall eine zentrale Rolle ein. Nachdem große US-Banken Epstein fallen ließen, öffnete ihm die Deutsche Bank 2013 ihre Türen.3 Warnsignale wurden ignoriert und Vorwürfe relativiert, um sich durch Epstein als Kunden einen Zugang zu Vermögen und Superreiche zu sichern.2 Der Fall Epstein ist damit kein US-amerikanischer Ausreißer. Er legt ein System offen, das auch in Europa funktioniert: Einfluss schützt, Geld entlastet, moralische Verantwortung wird nebensächlich.

Weitere Missbrauchsnetzwerke in Europa 

Auch über die Verbindungen zu Epstein hinaus sind strukturelle Gewalt, organisierte Verbrechen und institutionalisierte Missbrauchsnetzwerke in Europa und Deutschland allgegenwärtig.4 Die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche zeigen, wie tief solche Strukturen reichen. 5 Über Jahrzehnte wurde gezielt über Taten hinweggeschaut, die entweder erst gar nicht gemeldet wurden oder deren Meldungen zwar feinsäuberlich bürokratisch bearbeitet, abgesehen davon aber ignoriert und vertuscht wurden.4 TäterInnen blieben durch solche institutionalisierten Mechanismen straflos. Eine Kultur des Schweigens wurde aufgebaut und durch ein Netz an KomplizInnen aufrechterhalten.4 So entstand ein System, das Gewalt nicht nur duldete, sondern institutionell absicherte. Die Betroffenen waren stets vulnerable Gruppen in unserer patriarchalen Gesellschaft: Kinder, Jugendliche und Frauen.6

Ein weiteres Beispiel patriarchaler Gewaltnetzwerke sind die Vergewaltigungsnetzwerke, die durch Recherchen von strg_F 2024 öffentlich wurden.7 Zehntausende Männer vernetzen sich über Plattformen wie Telegram, um schwerste sexualisierte Gewalt zu planen, zu dokumentieren und zu teilen, darunter zahlreiche Deutsche.7 Sie diskutieren, wie Frauen am besten betäubt werden können, um diese bewusstlos zu vergewaltigen und tauschen Vorschläge aus, was mit der bewusstlosen Frau getan werden könne. In einigen Fällen werden Frauen sogar anderen Nutzern für Sex „angeboten“.7 Das Vorgehen der Täter in den Netzwerken ist sehr ähnlich zu dem des Mannes von Gisèle Pelicot. Dabei handelt es sich um keine abgeschotteten Eliten. Die Täter sind Männer aus der Mitte der Gesellschaft, die ihre Machtfantasien an Frauenkörpern ausleben. Auch hier zeigt sich das bekannte Muster der Komplizenschaft: Täter decken sich gegenseitig, andere konsumieren die Gewalt und schweigen, statt einzugreifen. Auch das institutionelle Versagen wird deutlich: trotz mehrfacher Meldung von strg_F an die Polizei, blieb diese jahrelang untätig.7  

Schweigen wird belohnt, Aufklärung verhindert

Diese Beispiele zeigen neben Epstein exemplarisch das Ausmaß und die Häufigkeit struktureller Gewalt, die in unserem nahen Umfeld stattfindet. Wir können es deshalb nicht oft genug sagen: Die Behauptung „Das sind doch nur Einzelfälle“ hält den Fakten nicht stand. Epstein ist kein Einzelfall. Der Fall Pélicot ist kein Einzelfall. Das Versagen des Vatikans beim Einschreiten in die gemeldeten Missbrauchsfälle ist kein Einzelfall. Trotz unterschiedlicher Kontexte folgen diese Systeme einer gemeinsamen Logik: Zugang zu Macht und sowohl sozialen als auch finanziellen Ressourcen schützt TäterInnen, während Betroffene in Abhängigkeit gehalten werden. Schweigen wird belohnt, Aufklärung verhindert. Institutionen sehen weg, solange eigene Interessen gewahrt bleiben.

Diese Strukturen sind dabei eben nicht zufällig, sondern beruhen auf patriarchaler Gewalt. Es sind Systeme, in denen überwiegend Männer über genannte Ressourcen, exklusive Zugänge zu Netzwerken und Körper verfügen, die diese Art der Gewalt ermöglichen. Die Vulnerabilität der betroffenen Frauen wird gezielt ausgenutzt. Die Fälle machen deutlich: In einer patriarchal geprägten Gesellschaft ist Gewalt gegen Frauen kein Ausrutscher. Sie ist strukturell verankert. 

Quellen:

[1] Die Chronologie des Falls Jeffrey Epstein. (2026, 11. Februar) Spiegel.  
https://www.spiegel.de/ausland/jeffrey-epstein-chronologie-des-missbrauch-skandals-a-08cd393f-ceb4-4bb3-b655-56d785219118

[2] Von Andrew über Mandelson bis Mette-Marit: Die neuen Epstein-Akten und die Spuren nach Europa. (2026, 3. Februar). Tagesspiegel
https://www.tagesspiegel.de/internationales/von-andrew-uber-mandelson-bis-mette-marit-die-neuen-epstein-akten-und-die-spuren-nach-europa-15211853.html 

[3] Von Odarza, V. (2026, 13. Februar). Wie sich die Deutsche Bank um Epstein kümmerte. Tagesschau
https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/epstein-deutsche-bank-100.html 

[4] Krol, Beate. (2026, 24. März). Organisierte Kriminalität in Europa. SWR-Wissen
https://www.swr.de/swrkultur/wissen/organisierte-kriminalitaet-in-europa-die-kriminellen-das-wissen-2026-03-25-100.html 

[5] Kassin, A. & Bensmann, M. (2026, 19. März). Akten des Missbrauchs: Die Geschichte eines organisierten Verbrechens im Vatikan. Correctiv
https://correctiv.org/aktuelles/akten-des-missbrauchs/2026/03/19/akten-des-missbrauchs-3/ 

[6] Quintin, E. & Raimbault, M. (Februar 2017). Gottes missbrauchte Dienerinnen. ARTE
https://www.youtube.com/watch?v=LUQfOIFP1IA 

[7] Beer, I. & Ströh, I. (2024, 17. Dezember). Das Vergewaltigungsnetzwerk auf Telegram. STRG_F.
https://www.zdf.de/video/reportagen/funk-collection-funk-11384-1188/funk-das-vergewaltiger-netzwerk-auf-telegram---strg-f-114 

nach oben
Jetzt spenden