3. Kapital und sexualisierte Gewalt

Kapital ist in unserer Gesellschaft ungerecht verteilt und diese Ungleichheit ist geschlechtsspezifisch. Frauen verfügen im Durchschnitt über weniger ökonomisches Kapital, also weniger Geld und Vermögen als Männer.[1] In Deutschland haben Frauen im Durchschnitt 18% weniger Einkommen als Männer.[2] Zudem verfügen sie zum Renteneintritt durchschnittlich nur über 76 % des Vermögens von Männern.[3]Dieser Gender Wealth Gap hat strukturelle Wurzeln: Frauen übernehmen mehr unbezahlte Sorgearbeit, Berufe mit einem höheren Frauenanteil sind schlechter bezahlt und Frauen sind in Führungspositionen trotz gleicher Qualifikation unterrepräsentiert.[4] Wer weniger ökonomische Ressourcen hat, hat auch weniger Zugang zu Netzwerken, Einfluss und Schutz. Geld öffnet oft Türen zu Kontakten, z. B. durch Reisen oder durch Eintritt zu teuren Veranstaltungen. Dadurch entsteht wiederum eine geschlechtsspezifische Ungleichverteilung sozialen Kapitals.[5] Reiche Männer vernetzen sich oft in machtvollen Kreisen miteinander, wie im Fall Epstein plakativ beobachtet werden konnte. Geld und Kontakte bilden die Grundlage patriarchaler Macht.

Je größer der Reichtum und das Netzwerk, desto unmoralischer die Handlungen

Mehr Kapital bleibt nicht ohne Folgen für das Handeln. Studien der University of California zeigen, dass sich reichere Personen tendenziell weniger empathisch verhalten, eher ihren eigenen Vorteil suchen und ihr Handeln nicht an dem Wohl anderer orientieren.[6] Zudem zeigt eine Studie der Universität Bonn, dass Menschen in Gruppen tendenziell unmoralischer handeln als auf individueller Ebene.[7] Verantwortung wird geteilt und damit oft verdrängt. In machtvollen Netzwerken verstärken sich diese Effekte. Fehlverhalten bleibt unwidersprochen, Grenzen verschieben sich und Gewalt wird normalisiert.

Kapital ermöglicht systematische Gewalt

Kapital verändert nicht nur Einstellungen, sondern ermöglicht auch ganz praktisch gewaltvolles und kriminelles Verhalten. So nutzen einige AkteurInnen ihre ökonomische Überlegenheit gegenüber den Betroffenen aus und schaffen so Abhängigkeitsverhältnisse. In welchem organisierten Ausmaß diese Strategie Anwendung findet, wird an dem Beispiel britischer Grooming-Gangs deutlich. Jahrelang missbrauchten organisierte Banden Mädchen gezielt sexuell und setzten ihr Geld dabei strategisch ein. Zum einen bauten sie durch Geschenke Vertrauen zu den Betroffenen auf und machten diese so gefügig.[8] Zum anderen bestachen die Groomer PolizeibeamtInnen, sodass die Taten trotz jahrelanger Meldungen nicht verfolgt wurden.

Noch deutlicher zeigt sich die Rolle von ökonomischem Kapital im Menschenhandel. Die TäterInnen nutzen gezielt die schlechte ökonomische Lage der Betroffenen aus, indem sie mit Versprechen von Arbeit und einem besseren Leben im Zielland locken.[9] Die Reisekosten werden von den MenschenhändlerInnen zunächst übernommen.[10] Doch wenn die Betroffenen angekommen sind, platzt der Traum: die Reisekosten werden zu Schulden, die sie abarbeiten müssen, häufig durch sexuelle Ausbeutung. Geld ist dabei nicht nur für die Rekrutierung zentral, sondern hält das gesamte System am Laufen. Geld ermöglicht den Aufbau eines Netzes aus staatlichen und privaten KomplizInnen.[11] Bestechung, gefälschte Dokumente und bezahltes Schweigen sorgen dafür, dass TäterInnen geschützt bleiben. Ohne dieses Korruptionsnetzwerk könnte Menschenhandel nicht funktionieren. Die Betroffenen könnten nicht in andere Länder bewegt werden, die Taten könnten nicht im Verborgenen erfolgen und die Justiz würde nicht bei der Aufdeckung der kriminellen Machenschaften behindert werden.[11]

Sowohl soziales als auch ökonomisches Kapital schützen die TäterInnen davor, dass ihre Taten aufgedeckt werden. Die starke Vernetzung führt dazu, dass TäterInnen sich gegenseitig decken. Und wer dies nicht bereits freiwillig macht, wird dafür eben bezahlt oder aufgrund von MittäterInnenschaft erpresst. AkteurInnen, die für die Aufklärung der Straftaten zuständig sind, werden bestochen. Für die Betroffenen bedeutet das: Sie stehen einem System gegenüber, in dem Macht, Geld und Beziehungen gegen sie arbeiten und in dem ihre Möglichkeiten, sich zu wehren, systematisch eingeschränkt werden.
 

Quellen:

[1] Pal, K., Li, R., Piaget, K., Baller, S. & Zahidi, S. (June 2023). Global Gender Gap Report 2023. World Economic Forum.
https://www3.weforum.org/docs/WEF_GGGR_2023.pdf

[2] Geschlechterungleichheit. (o. D.). Ungleichheit.info.
https://ungleichheit.info/de/deutschland

[3] Stiehle, A. (2022, 25. November). Weltweite Studie: Frauen besitzen zum Renteneintritt nur drei Viertel des Vermögens von Männern. WTW Global Gender Wealth Equity Report. WTW.
https://www.wtwco.com/de-de/news/2022/11/weltweite-studie-frauen-besitzen-zum-renteneintritt-nur-drei-viertel-des-vermoegens-von-maennern

[4] Andrew, A., Bandiera O., Costa Dias, M. & Landais, C. (2024). Women and men at work. Oxford Open Economics, 3(1), 294-322.
https://doi.org/10.1093/ooec/odad034

[5] Collischon, M. & Eberl, A. (2021). Social Capital as partial explanation for gender wage gaps. The British Journal of Sociology, 72(3), 757-773. 
https://doi.org/10.1111/1468-4446.12833

[6] Piff, P. (June 2025). The psychology of wealth, empathy, and entitlement. American Psychological Association
https://www.apa.org/news/podcasts/speaking-of-psychology/wealth-empathy

[7] Falk, A. & Szech, N. (2013). Morals and Markets. Science, 340(6133), 707-711.
https://doi.org/10.1126/science.1231566

[8] Aden, M. (2025, 7. Dezember). Skandalöser Umgang mit Überlebenden sexueller Ausbeutung. Deutschlandfunk.
https://www.deutschlandfunk.de/skandal-um-britische-grooming-gangs-sexuelle-ausbeutung-zaehe-aufarbeitung-100.html

[9] KOK e. V. (2017). Menschenhandel: Sexuelle Ausbeutung.
https://www.kok-gegen-menschenhandel.de/fileadmin/user_upload/medien/Publikationen_KOK/KOK_Broschuere_Sexuelle_Ausbeutung.pdf

[10] Nach Europa gelockt, zur Prostitution gezwungen. (2025, 23. September). ARTE. 
https://www.arte.tv/de/videos/120876-007-A/re-nach-europa-gelockt-zur-prostitution-gezwungen/

[11] United Nations Office on Drugs and Crime. (2025). Hidden Links: Corruption and Human Trafficking. 
https://www.unodc.org/documents/human-trafficking/2025/Publications/Corruption_and_TIP.pdf

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