4. Die digitale Transformation struktureller Gewalt
Der Fall Epstein hätte ohne digitale Tools zur Kommunikation, Vernetzung und Rekrutierung von Betroffenen nicht dieses Ausmaß annehmen können. Das Internet ist in Bezug auf strukturelle Gewalt kein neutraler Raum. Es ist längst ein zentraler Tatort sexualisierter Gewalt geworden und hat die Möglichkeiten krimineller Netzwerke maßgeblich transformiert. Was offline bereits existiert, wird online nicht nur fortgeführt, sondern massiv verstärkt. Frauen und Mädchen sind davon überproportional betroffen.[2] Die Gewalt im digitalen Raum knüpft an bestehende patriarchale Machtverhältnisse an und setzt diese mit neuen Mitteln fort.[1]
Die Anonymität als Schutzmantel für TäterInnen
Die Anonymität des Internets schützt TäterInnen und erleichtert es, strafbares Verhalten zu verschleiern und ungestört auszuüben.[3] Eine Trennung von „realer“ und „digitaler“ Identität wird möglich, sodass die Strafverfolgung maßgeblich erschwert wird. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle für grenzüberschreitendes Verhalten. Bei Hate Speech zeigt sich dies beispielsweise deutlich: Online wird häufiger und drastischer beleidigt als im direkten Kontakt.[4] Eine Entgleisung ist schnell in eine Kommentarspalte getippt, während sie im persönlichen Gespräch eher zurückgehalten werden würde. Die wahrgenommene Anonymität reduziert das Verantwortungsgefühl und begünstigt enthemmtes Verhalten.[3]
Digitale Infrastruktur als Motor für organisierte Gewalt
Das Internet ist jedoch nicht nur ein Raum der Enthemmung, sondern auch ein hoch effizienter Beschleuniger organisierter Kriminalität. Digitale Kommunikation, Vernetzung und Informationsaustausch funktionieren schnell, kostengünstig und über Ländergrenzen hinweg.[5] Kriminelle Netzwerke entstehen so in kürzester Zeit, rekrutieren KomplizInnen weltweit und organisieren sich global mit minimalem Aufwand. Aus einzelnen Kontakten werden hochvernetzte, global agierende Strukturen. Auch die interne Kommunikation wird dadurch einfacher.[4] Distanz verliert an Bedeutung, Kontakte können leichter gehalten werden und sind schwerer nachzuverfolgen.
Besonders gravierend ist, wie gezielt potenzielle Betroffene durch digitale Technologien erreicht werden können.[4] Verbrechen können so in einem ganz neuen Ausmaß stattfinden. Ein Beispiel dafür ist der Rekrutierungsprozess für Betroffene von Menschenhandel.[6] Kontaktaufnahmen werden automatisiert, Nachrichten sprachlich optimiert und mithilfe von Übersetzungstechnologien an jede Zielgruppe angepasst.[5] Täuschung wird dadurch einfacher, professioneller und massentauglich. So ermöglicht die Digitalisierung kriminellen Organisationen globale Reichweite und Effizienz und hebt ihre Aktivitäten auf ein völlig neues Niveau.
Neue digitale Gewaltformen
Die Digitalisierung ermöglicht zudem völlig neue Formen von Kriminalität.[4] Dazu gehören unter anderem:
Sexualisierte Deepfakes und digitaler Identitätsmissbrauch – wie im Fall Collien Fernandez, deren Name und Bild für gefälschte Profile und pornografische Deepfakes jahrelang missbraucht wurden
Hate Speech – gezielte, abwertende und menschenverachtende Äußerungen gegen marginalisierten Gruppen, insbesondere Frauen
Cyberstalking – die unerwünschte Kontaktaufnahme und andauernde Belästigung von Personen durch Überwachung und Kontrolle mit digitalen Mitteln
Cybergrooming – die gezielte Manipulation von und sexuelle Anbahnung gegenüber Minderjährigen im digitalen Raum unter Verwendung falscher Identitäten
Dass Frauen und Mädchen von diesen neuen Gewaltformen besonders betroffen sind, spiegelt die gesellschaftlichen Machtverhältnisse wider.[7] Digitale Gewalt ist patriarchale Gewalt. Es handelt sich um die Fortsetzung alter Muster in neuer Form: in digitalen Räumen, die den TäterInnen einen nahezu allumfassenden Zugriff auf Betroffene ermöglichen.[6]
Quellen:
[1] United Nations Office on Drugs and Crime. (2025). Hidden Links: Corruption and Human Trafficking.
https://www.unodc.org/documents/human-trafficking/2025/Publications/Corruption_and_TIP.pdf
[2] Prasad, N. (06. März 2025). Digitale Gewalt im sozialen Nahraum. Bundeszentrale für politische Bildung.
https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/femizide-und-gewalt-gegen-frauen/560023/digitale-gewalt-im-sozialen-nahraum/
[3] Schönbohm, A. (2013, 12. September). Cybercrime: Lukratives Geschäft für die Organisierte Kriminalität. Bundeszentrale für politische Bildung.
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/168916/cybercrime-lukratives-geschaeft-fuer-die-organisierte-kriminalitaet/#:~:text=W%C3%A4hrend%20Online-Banking%20oder%20-Dating%20zu%20unserem%20Alltag,verschoben%20oder%20Geldw%C3%A4sche%20mittels%20virtueller%20W%C3%A4hrungen%20erleichtert
[4] Hate Speech – Hass im Netz. (2026, 27. Februar). Klicksafe.
https://www.klicksafe.de/hate-speech
[5] Di Nicola, A. (2022). Towards digital organized crime and digital sociology of organized crime. Trends in Organized Crime.
https://doi.org/10.1007/s12117-022-09457-y
[6] Bennett, P. (2024). Policy Brief. New Frontiers: The Use of Generative Artificial Intelligence to Facilitate Trafficking in Persons. Organization for Security and Co-operation in Europe.
[7] Tanrıverdi, M. (2026, 6. März). Digitale Gewalt gegen Frauen gefährdet die Demokratie. Deutsches Institut für Menschenrechte.
https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/im-fokus/digitale-gewalt-gegen-frauen-gefaehrdet-die-demokratie