Anne Hoffmann (Theaterpädagogin) im Interview

Was hat dich persönlich dazu bewegt, an dem Theaterprojekt „Meine Zukunft gehört mir!“ mitzuwirken?

Anne: Als ich die Ausschreibung gelesen habe, dachte ich sofort: „Was für ein spannendes Projekt!“ Kurz zuvor hatte ich die Methode des Forumtheaters erprobt und war begeistert, welche empowernde Wirkung sie entfalten kann. Auch hatte ich kurz zuvor einige sehr bewegende und erhellende Begegnungen innerhalb eines Workshops für junge Menschen mit Fluchterfahrung zu Körpersprache und Konfliktbewältigung. Die Idee, mit der Forumtheatermethode in Unterkünften für Geflüchtete zu arbeiten, hat mich also sofort sehr neugierig gemacht. 

Welche Berührungspunkte (privat oder beruflich) hattest du schon zuvor mit Themen wie Gleichberechtigung, traditionellen Rollenbildern oder Zwangsverheiratung? 

Anne: Mit Fragen der Gleichberechtigung habe ich natürlich als Frau und auch als Schauspielerin eigentlich jeden Tag zu tun; in den vielen kleinen und großen Dingen des Alltags: der Aushandlung der Verteilung von Care-Arbeit & Mental Load, internalisierten geschlechterspezifischen Erwartungen, Grenzüberschreitungen, Belästigungen, Gender-Pay-Gap, …. Mit traditionellen Rollenbildern habe ich natürlich auch ständig in der klassischen Theaterliteratur und der Interpretation und Inszenierung zu tun. Hier geht es mir immer darum, tradierte Frauenbilder kritisch zu beleuchten, sie aufzubrechen und als Spielerin den weiblichen Figuren Handlungsmacht zu verleihen. 

Das Thema Zwangsheirat kannte ich bisher über den Austausch mit einer befreundeten Lehrerin und über Filme. 

Warum eignet sich Theater aus deiner Sicht besonders, um diese emotionalen und schwierigen Themen zu behandeln und politische Bildungsarbeit zu leisten?

Anne: Über persönliche Geschichten, in denen ich die Not oder Ohnmacht einer ProtagonistIn spüren und mitfühlen kann, werde ich eingeladen, in eine bisher vielleicht unbekannte Perspektive zu schlüpfen. Dieser Perspektivwechsel kann es ermöglichen, Gewissheiten und vielleicht auch Wertevorstellungen zu hinterfragen. 

Welche Herausforderungen siehst du in Bezug auf die Themen und die Mehtodik des Forumtheaters?

Anne: In unserem Projekt besteht die Herausforderung in der Sprachbarriere und darin, dass wir wenig Zeit haben, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Wenn die Sprachbarriere groß ist, erfordert es natürlich besonders viel Mut und Anstrengung sich zu äußern oder gar auf eine Bühne zu gehen. Da muss ich spüren, dass dies in einem geschützten, respektvollen Raum stattfindet und dass das Interesse für einen Austausch ernst gemeint ist. 

Mit welchem Gefühl blickst du auf die anstehenden 20 Aufführungen?

Anne: Ich hoffe sehr darauf, dass wir mit kreativen Workshopmethoden trotz Sprachbarriere in einen lebendigen Austausch kommen. Ich freue mich auch darauf, die ein oder andere Gewissheit über Rollenbilder ins Wanken zu bringen. Ich hoffe, dass wir die jungen Menschen in ihren selbstbestimmten Wegen bestärken können. Besonders wichtig ist mir dabei auch, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem auch heftige Erlebnisse und Ängste aufgefangen werden können.

Danke, Anne! 

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