Jennifer Münch (Theaterpädagogin) im Interview
Was hat dich persönlich dazu bewegt, an dem Theaterprojekt „Meine Zukunft gehört mir!“ mitzuwirken?
Jennifer: Ich war schon beim letzten Projekt ("Mein Herz gehört mir") dabei und freue mich, die Arbeit fortführen zu können. Theater hat für mich persönlich viel mit positiven Zukunftsvisionen zu tun. Wenn wir spielen, begeben wir uns in Situationen und erschaffen Situationen. Und – auch wenn es nur Fantasie ist – hat man es schon einmal „durchgespielt“ und „durchlebt“. Niemand anderes kann dein Leben schreiben außer dir selbst und Theater kann dir Möglichkeiten aufzeigen, wie es sein könnte. Auch ich lerne mit der Fantasie der anderen, das ist für meine eigene Entwicklung ebenso bereichernd.
Welche Berührungspunkte (privat oder beruflich) hattest du schon zuvor mit Themen wie Gleichberechtigung, traditionellen Rollenbildern oder Zwangsverheiratung?
Jennifer: Gleichberechtigung bzw. fehlende Gleichberechtigung und traditionelle Rollenbilder begegnen mir tagtäglich. Wir sind alle Produkte unserer Sozialisierung und wir sind heute im Jahr 2026 leider immer noch nicht in einer gleichberechtigten Gesellschaft angekommen. Man schaue sich z.B. den Gender Pay Gap an. Durch das vorherige Theaterprojekt „Mein Herz gehört mir!“ habe ich mich intensiv mit dem Thema Zwangsverheiratung auseinandergesetzt.
3. Warum eignet sich Theater aus deiner Sicht besonders, um diese emotionalen und schwierigen Themen zu behandeln und politische Bildungsarbeit zu leisten?
Jennifer: Emotionale und schwierige Themen zu bearbeiten, das ist ganz wichtig. Spielen hat sehr viel mit Regeln und einem festgesetzten Rahmen zu tun, in dem man kreativ agieren kann, ohne dass dies konkrete Konsequenzen für das eigene Leben haben muss. Theater ist da keine Ausnahme. In einem vorgegebenen Setting können wir uns durch das sichere Gefühl des „Ich-darf-und-kann-etwas-ausprobieren“ schwierigen Situationen annähern, neue Perspektiven gewinnen oder bereits gelebte Situationen nachspielen und im besten Falle verarbeiten. Emotionen können ohne Worte ausgedrückt werden. Das gemeinsame Erlebnis kann bestärken! Zweitens, in Bezug auf politische Bildungsarbeit: Theater ist öffentlich, Politik ist es auch. Die Theatermethoden von Augusto Boal (z.B. Standbilderbauen, Forumtheater) machen soziale Spannungen sichtbar („Theater der Unterdrückten“) und bieten die Möglichkeit, Lösungsstrategien spielerisch zu erproben. Durch das Einnehmen einer anderen Rolle kann Empathie erzeugt werden (z.B. für marginalisierte Gruppen). Im Gegensatz zu politischen, verbalen Debatten werden im Theater immer Emotionen vermittelt. Missstände können gleichzeitig aufgezeigt werden und im geschützten Rahmen Wege und Lösungen ausprobiert werden.
4. Welche Herausforderungen siehst du in Bezug auf die Themen und die Methodik des Forumtheaters?
Jennifer: Zur Methodik: Schwimmen lernt man nur, wenn man ins Wasser geht. Um Theater zu spielen, muss man sich auf die Bühne trauen, sich selbst vertrauen und sich in die Situation begeben bzw. sich ihr aussetzen. Theater kann stark emotionalisierend wirken. Das heißt: Die SpielerInnen müssen eine Bereitschaft haben, sich auf die evtl. auch schwierigen Themen einzulassen und mit ihnen zu arbeiten. Falls man selbst negative Erfahrungen mit den Themen gemacht hat, besteht immer die Möglichkeit, dass ungute Emotionen wieder aufleben. Damit umzugehen (als Spielende, aber auch als TheaterpädagogInnen), also einen sicheren, wertschätzenden Rahmen zu bieten, zu empowern und dennoch ernsthaft an den Themen zu arbeiten, könnte herausfordernd sein.
5. Mit welchem Gefühl blickst du auf die anstehenden 20 Aufführungen?
Jennifer: Ich freue mich darauf, mit unserem Team in unterschiedlichen Settings mit Jugendlichen zu ihren Themen arbeiten zu dürfen und dadurch mehr Weitblick zu erlangen.
Danke, Jennifer!