Serpil Sargin im Interview

Was hat dich persönlich dazu bewegt, an dem Theaterprojekt „Meine Zukunft gehört mir!“ mitzuwirken?

Serpil: In meiner Arbeit mit geflüchteten Frauen begegne ich jeden Tag Geschichten, die mich berühren und oft auch beschäftigen. Viele der Themen aus dem Theaterprojekt sind mir deshalb sehr nah. Ich beobachte immer, wie viel Mut es braucht, darüber zu sprechen und wie viel unausgesprochen bleibt. Als ich von dem Projekt gehört habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass ich ein Teil davon sein möchte. Es hat sich für mich richtig angefühlt, diesen Themen Raum zu geben, nicht nur im Gespräch, sondern auch auf der Bühne. Außerdem liebe ich Theater schon lange und die Vorstellung, meine Erfahrungen mit dieser Leidenschaft zu verbinden, hat mich sofort begeistert.

Welche Berührungspunkte (privat oder beruflich) hattest du schon zuvor mit Themen wie Gleichberechtigung, traditionellen Rollenbildern oder Zwangsverheiratung? 

Serpil: In meiner Arbeit als Bildungsberaterin in einem Frauenverein für Frauen mit Flucht- und Migrationsgeschichte in Berlin begegne ich diesen Themen täglich und sie lassen mich oft auch persönlich nicht los. Fragen von Gleichberechtigung, traditionellen Rollenbildern und auch Zwangsverheiratung sind keine abstrakten Begriffe, sondern stehen hinter ganz konkreten Lebensgeschichten, Ängsten und Entscheidungen der Frauen, mit denen ich spreche. Viele dieser Gespräche berühren mich sehr, weil ich spüre, wie viel Mut es braucht, überhaupt darüber zu sprechen, und wie schwer es oft ist, eigene Wege zu gehen. Diese Begegnungen haben mir noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig es ist, diesen Themen Raum zu geben und Frauen darin zu stärken, ihre Stimme zu finden und ernst genommen zu werden.

Warum eignet sich Theater aus deiner Sicht besonders, um diese emotionalen und schwierigen Themen zu behandeln und politische Bildungsarbeit zu leisten?

Serpil: Ich glaube, dass Kunst allgemein eine sehr gute Möglichkeit ist, schwierige und oft schmerzhafte Themen anzusprechen. Theater hat dabei eine besondere Kraft, weil es nicht nur über etwas spricht, sondern es erlebbar macht. Durch das Spiel entsteht ein geschützter Raum, in dem Menschen, besonders auch junge Menschen, leichteren Zugang zu ihren eigenen Gedanken und Gefühlen finden und sich eher trauen, auch ungewohnte oder unterdrückte Meinungen auszusprechen. Gleichzeitig ermöglicht Theater eine Form der Begegnung, die direkt und persönlich ist. Es können Brücken zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten gebaut werden und oft lassen sich so auch Vorurteile hinterfragen oder abbauen. Für mich ist Theater deshalb eine sehr kraftvolle Form der politischen Bildungsarbeit.

Welche Herausforderungen siehst du in Bezug auf die Themen und die Mehtodik des Forumtheaters?

Serpil: Ich sehe die Herausforderung vor allem im sensiblen Umgang mit sehr persönlichen Themen wie Zwangsverheiratung und Rollenbildern. Beim Forumtheater braucht es Zeit und Vertrauen, damit sich die Jugendlichen öffnen. Nicht alle fühlen sich sofort wohl, sich auf der Bühne zu zeigen. Wichtig ist daher, einen sicheren Raum ohne Druck zu schaffen.

Mit welchem Gefühl blickst du auf die anstehenden 20 Aufführungen?

Serpil: Ich blicke mit großer Vorfreude und auch viel Spannung auf die anstehenden 20 Aufführungen. Besonders neugierig bin ich auf die unterschiedlichen Szenen, Perspektiven und Herangehensweisen der Jugendlichen an die Themen und an das Theater selbst. Es interessiert mich sehr zu sehen, wie individuell sie sich ausdrücken und welche Gedanken und Erfahrungen dabei sichtbar werden. Am meisten freue ich mich darauf, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und mitzuerleben, wie sie im Laufe der Aufführung und Workshops mehr aus sich herauskommen. Diese Entwicklung zu sehen, wie sich Vertrauen und Ausdruckskraft entfalten, ist für mich etwas sehr Besonderes. Insgesamt bin ich aufgeregt und dankbar, Teil dieses Projekts zu sein.

Danke Serpil!

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