"Die Kritik an patriarchalen Strukturen und der Einsatz gegen antimuslimischen Rassismus widersprechen sich nicht“

Interview mit Elif G. am 25.06.26 - Transkription

"Wir dürfen nicht zulassen, dass das „Kinderkopftuch“ als Mittel zur Kontrolle etabliert wird."

TDF: Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, um mit uns das Interview zu führen. Kannst du dich bitte kurz vorstellen?

Elif G.: Danke für die Einladung zum Gespräch. Ich bin 26 Jahre alt. Ich komme aus einer türkisch-alevitischen Familie. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Kürzlich habe ich mein Masterstudium beendet. Ich beschäftige mich schon seit meiner Jugend mit Themen wie Gleichstellung, Gerechtigkeit, Diskriminierung, Geschlechtergerechtigkeit und freue mich deswegen auch, heute mit euch darüber zu sprechen.

TDF: Vielen Dank für deine Vorstellung. Gerne möchte ich wissen, gab oder gibt es Orte oder Gruppen, in denen du dich vollständig zugehörig gefühlt hast und welche, in denen das nicht so war oder ist.

Elif G.: Das Gefühl von Zugehörigkeit, hat sich für mich über die Jahre laufend geändert und weiterentwickelt. Während meiner Schulzeit, auch bis zum Abitur, dachte ich oft, dass Zugehörigkeit bedeutet, einfach gleich zu sein, dass man in die Masse reinpassen muss. Ich habe in mehreren internationalen Universitätsstädten studiert. Mein Gefühl der Zugehörigkeit hat sich in dieser Zeit weiterentwickelt. Dort habe ich schnell gemerkt, dass Zugehörigkeit für mich auch bedeutet, man wird nicht nur akzeptiert oder toleriert, sondern man wird auch wertgeschätzt, für unterschiedliche Biografien, für unterschiedliche Kulturen und für Identitätsmerkmale. Diese werden wahrgenommen und auch wertgeschätzt. So hat sich mein Zugehörigkeitsgefühl dort am meisten etabliert, wo ich in Gesellschaft bin, mit Menschen, die auch dieses selbe Empfinden haben. Wo man nicht nur toleriert wird, wo man keine Erwartungen oder eine bestimmte Rolle erfüllen muss. Sondern einfach so angenommen wird, wie man ist.

TDF: Gibt es Bilder oder Annahmen, mit denen du persönlich konfrontiert wirst?

Elif G.: Als muslimisch gelesene Frau begegnen mir immer wieder bestimmte Vorstellungen oder Zuschreibungen, die andere Menschen meinen, dass ich sie erfüllen müsste. Und häufig wird man mit dem Bild von einer Muslima konfrontiert, das von strenger Religiosität, bestimmten Kleidungsnormen und von gewissen Vorschriften geprägt ist, obwohl dieses Bild sich aber kaum mehr von meiner Lebensrealität unterscheiden könnte. Deswegen empfinde ich diese auferlegte Zuschreibung aufgrund von vermeintlicher Herkunft oder vermeintlicher Religion, schnell als sehr reduzierend. Für mich war das auch immer ein gewisser Konfliktpunkt in meiner eigenen Identität, weil es überhaupt nicht zu mir gepasst hat, zu meinem Familienverständnis, wie ich aufgewachsen bin oder wie ich mich selbst gesehen habe. Diese Bilder und Annahmen von außen, haben in mir immer die Frage nach dem „warum überhaupt“ ausgelöst. 

TDF: Vielen Dank für deine Ausführungen. Das knüpft auch an meine nächste Frage an. In öffentlichen Debatten wird oft von „den Muslimen“ oder „den Islam“ gesprochen. Und was erlebst Du, wenn Du auf diese Weise angesprochen oder gelesen wirst.

Elif G.: Zuerst ist für mich die Rede von „den Muslimen“ oder „dem Islam“ eine sehr starke Vereinfachung. Auch im Christentum oder im Judentum oder in jeglicher anderer religiösen Auserlegung gibt es immer unterschiedliche Strömungen, Traditionen und Lebensrealitäten. Von daher habe ich mich nie, wenn über „den Islam“ oder „die Muslime“ gesprochen wurde, zugehörig gefühlt. Hinzu kommt, dass ich mich sowieso mit „dem Islam“ nur schwer identifizieren konnte, da ich einer alevitischen Familie entstamme. Es gibt innermuslimische Konflikte, so werden oft Aleviten*innen, nicht als Muslime anerkannt. Teilweise identifizieren sich manche Aleviten*innen auch selbst nicht als Muslime, weil sie sich nicht zugehörig finden. Deswegen ist es wichtig, dass man differenziert, dass man auch weiter schaut als dieses Narrativ, als dieses Bild, was wir kennen und verbreitet haben, sondern wirklich fragt: Okay, wen adressiere ich gerade? Mit wem spreche ich gerade? Über wen möchte ich sprechen? und ist es denn überhaupt richtig? Ich denke, sowohl Medien als auch Politik, als auch bestimmte religiöse Akteur*innen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Weil wenn wir immer wieder dieselben Stimmen sprechen lassen, wenn wir immer wieder denselben Stimmen zuhören, dann marginalisieren wir diese Minderheiten in den Minderheiten noch mehr. So finden die Stimmen von Jesid*innen, Kurd*innen, Alevit*innen oder auch Ex-Muslim*innen kaum Gehör. 

TDF: Vielen Dank. Gab es deiner Schulzeit und danach Ereignisse, die dich besonders geprägt haben?

Elif G. In meiner Schulzeit hatte ich kaum Kontakt zu anderen muslimisch gelesenen Kindern. Ich bin in einem sehr katholisch geprägten, kleinen Dorf in einem mehrheitlich katholischen Bundesland aufgewachsen. Daher bin ich sehr lange Zeit nicht mit Identifikation, mit Religion oder solchen Themen konfrontiert worden. Das erste Mal, als ich gemerkt habe, dass es auch unter Muslimen Unterschiede gibt, dass meine Familie sich von den Nachbarsfamilien vielleicht unterscheiden, war dies für mich so der erste Aha-Moment. Ich merkte „wir sind gar nicht alle gleich“ und das, was über „Die oder Jene“ gesagt wird, das passt vielleicht gar nicht bei mir. Für mich war dies in meiner Schulzeit eine große Erkenntnis. Denn sie war sehr geprägt vom „dazugehören“. 

TDF: Ich knüpfe an das Thema Schule an. Du kennst unsere Forderung zum sogenannten Kinderkopftuch in öffentlichen Bildungseinrichtungen bis 14 Jahren. Wie bewertest du denn diese Forderungen vor dem Hintergrund deiner eigenen Erfahrungen und Beobachtungen?

Elif G.: Basierend auf meiner eigenen Lebensrealität und innerhalb meiner eigenen Familie, habe ich in meiner Schulzeit wenig Kontaktpunkte zum Thema „Kinderkopftuch“ gehabt. Als ich dann allerdings an der Uni war und in den Semesterferien wieder zuhause war, habe ich von aufkommenden Konflikten an meiner ehemaligen Schule gehört, an der ich Abitur gemacht habe. Mädchen haben teilweise schon in der sechsten oder siebten Klasse das „Kinderkopftuch“ getragen und wollten nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen. Was mich besonders stutzig gemacht hat: Kinder ließen sich mit Hilfe einer Entschuldigung der Eltern vom Sexualkundeunterricht befreien, weil es nicht zu ihrer Religionsauslegung passen würde. Das hat mich nachdenklich gestimmt, denn Schule war für mich immer ein Ort zum Lernen, zum Spielen, zum Hinterfragen, aber auch um gewisse Grenzen zu testen, wie man das in der Pubertät so macht. Und deswegen hat es mich beschäftigt, dass Mädchen in diesem Schutzraum in diesem jungen Alter schon bestimmte Verhaltensregeln oder Einschränkungen unterliegen.

Und auch in meiner Familie, und ich glaube, dass ist auch unabhängig von der Religion oder vom eigenen Hintergrund, sind immer wieder Diskussionen ausgebrochen, weil man als 14-, 15-jährige Rebellin eine ganz andere Meinung hat als die Eltern und die Großeltern. Diese Diskussionen sind auch normal, und die sind auch wichtig. Aber keine Auseinandersetzung, keine Diskussion über theologische Erzählungen oder was auch immer, hätten dazu geführt, dass ich nicht am Unterricht teilnehmen kann, und das finde ich, ist der springende Punkt. 

Es ist wichtig, dass wir die Schule als den Schutzraum, die Schule als den Ort, wo Kinder ihre Meinung bilden können, wo Kinder ihre eigenen Werte entdecken können, die sich auch von den Werten der Eltern abgrenzen, schützen. Diese Orte müssen wir schützen, damit geben wir Kindern die Möglichkeit, die Instrumente, die Mittel, damit sie selbstbestimmte Entscheidungen treffen können. Und wenn sie diese haben, dann können wir damit zufrieden sein, wie sie sich in ihrem Erwachsenenalter oder ab einem bestimmten Alter entscheiden.

TDF: Vielen Dank für deine Meinung. Bei der Regelung zum „Kinderkopftuch“ handelt es sich um eine juristische, politische und gesellschaftlich komplexe Forderung. Welche Bedenken hast du, wenn das Thema Kinderkopftuch angesprochen wird?

Elif G.: Meine größten Bedenken beim Thema „Kinderkopftuch“ betreffen die Viktimisierung und Bevormundung der betroffenen Mädchen. Wenn es um gesellschaftliche Teilhabe, faire Bildungschancen und Gleichstellung geht, müssen wir auch die schwierigen Gespräche führen. Aber wir dürfen dabei auch nicht muslimische Mädchen, und wenn das ausgeweitet wird, Frauen auf diese Opferrolle reduzieren, wie es oft in orientalistischen Narrativen geschieht. Gleichzeitig ist es mir jedoch wichtig zu betonen, dass wir eben nicht die patriarchalen Strukturen, in Teilen dieser Gesellschaftsgruppen oder in den Debatten für die eigenen Zwecke instrumentalisieren lassen. Das bedeutet, wir dürfen nicht zulassen, dass das „Kinderkopftuch“ als Mittel zur Kontrolle etabliert wird. Zugleich dürfen wir den Mädchen nicht ihre Handlungsmacht absprechen, indem wir sie pauschal als hilflose Opfer darstellen. Ich komme auf das Thema der Zugehörigkeit zurück. Wenn wir die Zugehörigkeit dieser Mädchen in der Schule und auch in der Gesellschaft stärken wollen, müssen wir mit ihnen sprechen und nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden oder Urteile fällen oder Entscheidungen treffen. Ansonsten können wir dafür sorgen, dass wir Gefühle von Entfremdung auslösen und Ausgrenzung weiter verstärken.

Dies wiederum kann die Zuwendung zur Religion oder zu religiösen Gemeinschaften begünstigen. Nicht, dass Religion an sich etwas Negatives ist. Ich finde jedoch, dass Othering gefährlich ist. Ich meine damit, den Prozess, wenn sich muslimisch gelesene Menschen immer mehr der Religion und religiösen Gemeinschaften zuwenden, weil sie im sozialen Raum abgewertet werden. Sie wenden sich immer mehr vom sozialen Raum ab und diese Gruppensegregation, die man durch Othering fördern kann, finde ich gefährlich.

Wir sollten darauf achten, auch während wir das machen, mit wem führen wir diese Unterhaltung? Welche politische Akteur*innen nehmen wir mit an den Tisch? Wer führt dieses Thema voran? Denn das sind alles Faktoren, die auf beiden Seiten zu mehr Distanz sorgen werden. Wir müssen Kinder-, Mädchen- und Frauenrechte schützen, aber gleichzeitig dürfen keine antimuslimische Ressentiments befördert oder verstärkt werden. Wir müssen muslimisch gelesenen Menschen zeigen, dass wir diese Konversation mit ihnen führen, dass wir die Debatten mit ihnen führen. Und dass wir das zum Wohl der Selbstbestimmung der Mädchen machen und nicht um ein bestimmtes Narrativ oder Ausgrenzung oder was auch immer, damit zu schüren.

TDF: Wenn ich hier bitte kurz nachfragen darf. Als Frauenrechtsorganisation fordern wir, dass Betroffene gehört werden und sich in Diskurse einbringen können. Bei der Regelung zum „Kinderkopftuch“ befürworten wir eine klare und bundesweite Regelung. Damit sich religionsunmündige Mädchen nicht einzeln positionieren müssen, sondern, dass es eine verbindliche Regelung bis zum 14. Lebensjahr gibt. 

Elif G.: Auf jeden Fall. Ich wollte dies noch hinzufügen. Ich kenne eure Meinung. Ich stimme auf jeden Fall zu. Ich denke mir geht es wie vielen. Auch mit 21 Jahren dachte ich, ich wüsste schon alles. Mit 25 dachte ich mir dann, mit 18 war ich doch noch ein Kind und es wird wahrscheinlich auch niemals enden.

Daher bin ich der Meinung, mindestens bis 14 Jahren sollten wir den Kindern die Möglichkeit geben, sich dieser Thematik entziehen zu können. Dass Mädchen einfach zur Schule gehen und in der Klassengemeinschaft lernen können, ohne sich mit Religion, Konflikten zwischen Eltern und Lehrpersonal, mit dem „Kinderkopftuch“ und diese Themen auseinandersetzen zu müssen. Sodass sie einfach auch mal Kind sein dürfen.

TDF: Vielen Dank für deine Einordnung. Wir streifen im Interview viele Themenkomplexe. Wenn wir über diese Themenkomplexe „Kinderkopftuch“, Intersektionalität, Diskriminierung, innerislamische Konfliktlinien, Vielfalt und Offenheit sprechen, welcher Teil deiner eigenen Geschichte formt deine Perspektive da am stärksten?

Elif G.: Die Frage finde ich sehr, sehr schwer zu beantworten. Ich denke, es ist ein Zusammenspiel aus Erfahrungen und aus Wissen. Ich denke, was für mich sehr prägend ist, ist eben das, was ich aus meinem Elternhaus beigebracht bekommen habe. Dieses alevitische Verständnis von Can, was „Seele“ bedeutet. Es besagt, dass wir alle Seelen sind, also Mann und Frau, aber auch Mensch und Tier sowie Mensch und Natur. Dass nichts über dem anderen steht und dass wir allen den gleichen Wert und den gleichen Respekt gegenüber bringen sollen. Das ist das eine, von meiner Kindheit an, als Wert mitgegeben bekommen habe. Später, als ich mich immer mehr von institutionalisierten Religionen abgewendet habe, weil ich mich damit nicht mehr identifizieren konnte, habe ich mich immer mehr der Philosophie und auch feministischen Perspektiven zugewandt. Ich habe mich im Anschluss Kimberlé Crenshaws Werk der Intersektionalität gewidmet sowie Edwvard Saids Analyse zum Orientalismus. Und all diese Perspektiven und Erfahrungen haben mir geholfen, wie ich die Welt, wie ich bestimmte Themen, wie ich bestimmte Machtgefälle betrachte und wie ich mir meine Meinung bilde. Ich finde es wichtig, dass wir versuchen gesellschaftliche Debatten immer aus mehreren Perspektiven zu führen und Machtkritik einschließen. Und dass wir uns nicht auf die eine Annahme oder den einen Blickpunkt beschränken sollten. Dies versuche ich fortlaufend zu machen und zu verbessern.

TDF: Wenn ich an dieser Stelle bitte nochmal eine Nachfrage stellen kann. Also du analysierst machtkritisch patriarchale Strukturen. Du hast vorher angesprochen, dass aber in Deutschland oft nur wenige, aber dafür laute muslimische Stimmen gehört werden. Hast du den Eindruck, dass Machtkritik und Nachfragen nach patriarchalen Strukturen in der Mehrheitsgesellschaft überhaupt wahrgenommen werden?

Elif G. Kaum. Ich finde das bezieht sich auch auf die Fragen zurück: „Was sind die Muslime? Was ist der Islam? Was ist das Verständnis von Menschen in Deutschland, von diesen Gruppen?“ Ich finde, dass einfach ein klassisches Bild und Antwortstruktur erwartet wird, wenn man X, Y oder Z fragt. Ich als alevitische Frau, habe eine ganz andere Lebensrealität und Empfindung. Jesidische Frauen, kurdische Frauen, Ex-Musliminnen, das sind die Stimmen, die fast nie gehört werden. Es sind eher die großen Verbände in Deutschland wie zum Beispiel Ditib, die angehört werden. Zu einem gewissen Prozentsatz macht das auch Sinn. Denn in Deutschland sind, soweit ich weiß, 70% der Muslime sunnitisch und dann 30 oder bisschen weniger, sind alevitisch oder schiitisch. Aber andererseits wird zwischen den verschiedenen Gruppen in politischen oder medialen Debatten kaum differenziert. Auch die Belange der unterschiedlichen Minderheiten in diesen Gruppen werden kaum gehört. Es ist immer diese eine Antwort: „Ah, die Muslime denken so“, und das ist so und das wird dann angenommen und nicht mehr hinterfragt.

TDF: Es fiel auch das Stichwort „Minderheiten in der Minderheit“. Kannst du das vielleicht an dieser Stelle nochmal ausführen?

Elif G.: Ja, gerne. Aleviten wie Schiiten sind eine Minderheit im Islam. Sie haben schon immer viel Ausgrenzung erlebt. Ich bin heute Morgen wieder mit einer Nachricht aufgewacht. In Kiel wurden Gräber von Aleviten mit roter Farbe markiert. Was auch bei dem Sivas Massaker, wenn ich mich nicht irre, gemacht wurde. Also heute noch in Deutschland, findet diese Einschüchterung, immer noch statt. Ich gehe davon aus, dass die Schändung von Gräbern zu heutiger Zeit (Ende Juni 2026) ganz bewusst gewählt wurde. Die Aleviten feiern zurzeit das religiöse Fest Aschura und der Jahrestag des Sivas Massaker jährt sich in wenigen Tagen. Vielen Aleviten, also einer Minderheit in der Minderheit der Muslime, wird auch „das Muslimsein“ abgesprochen. Es gibt eine Mehrheit der sunnitischen Muslime, die die Meinung vertreten: „Sie gehen nicht in die Moschee, sie fasten den Ramadan nicht. Sie machen dies und jenes nicht. Sie tragen vielleicht eher weniger eine Kopfbedeckung, dann sind es keine Muslime“. Das hört man sehr oft. Als Alevit*in in Deutschland ist man daher nicht nur eine Minderheit, weil man muslimisch gelesen wird, sondern man wird in dieser Minderheit nochmal von der Mehrheit in der Minderheit marginalisiert und teilweise bedroht. 

TDF: Was würdest du dir denn wünschen, von der Gesellschaft, von Institutionen, von Politikerinnen oder auch von Mitmenschen?

Elif G.: Ich wünsche mir zuerst Mal eine Gesellschaft, in der Gleichstellung und Selbstbestimmung für alle Mädchen und Frauen selbstverständlich sind. Unabhängig von ihrem religiösen, kulturellen und familiären Hintergrund. Gleichzeitig wünsche ich mir aber auch mehr Wissen und mehr Neugier nach Wissen. Viele muslimisch gelesene Menschen leben in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland. Ich wünsche mir mehr Begegnung zwischen den Menschen und ein ehrliches Interesse andere Lebensrealitäten kennenzulernen. Vorurteile, die unter Umständen angelernt wurden, sollen abtrainiert und dadurch die eigene Zugehörigkeit gestärkt werdenen. Zum anderen wünsche ich mir jedoch von Politik, von Institutionen, auch von Medien, dass die Vielfalt innerhalb der muslimischen Gemeinschaft stärker sichtbar gemacht wird. Folglich wird die Annahme nach „der muslimischen Perspektive“ dekonstruiert. Denn, wie ich schon zuvor gesagt habe, Alevit*innen, Jesid*innen, Kurd*innen, säkulare Muslim*innen, Ex-Musliminnen und feministische Muslim*innen verdienen es – wie viele anderen Stimmen auch- in den Debatten gehört zu werden. 

Und wir sollten davon wegkommen, nur diese von der Mehrheitsgesellschaft, die hier sunnitisch ist, immer nur diese als Antwort zu sehen. Gleichzeitig wünsche ich mir aber auch, dass wir es vermeiden, muslimisch gelesene Gemeinschaften als das einzige oder zentrale Risiko für Gleichstellung darzustellen, denn antimuslimischer Rassismus ist in Deutschland weiterhin hoch und steigt. Und gleichzeitig beobachten wir weltweit, aber auch in Deutschland wieder ein Erstarken von antifeministischen und anti-gender-Bewegungen. Kein Land der Welt hat eine Gleichstellung zwischen den Geschlechtern erreicht, egal ob es mehrheitlich christlich, muslimisch oder auch jüdisch ist. Auch christlicher Fundamentalismus steigt wieder, rechtsextreme Akteur*innen sind wieder zunehmend sichtbar und sehr gut vernetzt.

Deswegen denke ich, wenn wir wirklich Gleichstellung und Gleichberechtigung stärken wollen und nachhaltig schützen wollen, dann müssen wir diese patriarchalen Strukturen überall benennen. Wir müssen sie überall benennen, wo sie auftreten. Wir müssen gegen sie vorgehen, und wir müssen gleichzeitig aber auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern und ein Miteinander schaffen, statt weitere Trennlinien zwischen uns aufzubauen.

TDF: Vielen Dank für deine Ausführungen. Darf ich Dich mal nach einer Einschätzung fragen? Es stehen noch mehrere Landtagswahlen im September 2026 in Deutschland an. Wir kennen die Prognosen… Wie geht es dir denn damit?

Elif G.: Sehr schlecht. Ich denke, alles wofür sich Deutschland früher auf die Schultern geklopft hat wie zum Beispiel das Narrativ „Deutschland hat seine Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg so gut aufgearbeitet und daraus gelernt“, gerät ins Wanken. Ich habe im Fach Geschichte Abitur gemacht und wir haben uns viel mit der Aufarbeitung in Deutschland beschäftigt. Ich hatte damals den Eindruck, dass dieses Narrativ auch stimmt, aber ich sehe aktuell momentan zu viele Parallelen zum Erstarken der Nationalsozialisten in den 1920er und 30ern. Ich habe Angst, dass wir Deutschen wieder in eine Zeit abrutschen und Menschenfeindlichkeit normalisieren. Ich sehe auch eine weitergehende Polarisierung, wie wir miteinander und übereinander reden.  Für mich ist es äußerts besorgniserregend, wenn ich die Wahlumfragen sehe. 

TDF: Gibt es denn zum Thema „Kinderkopftuch“ oder zu den anderen Themen, die wir heute angesprochen haben, noch etwas, was du sagen möchtest? 

Elif G.: Es ist mir nochmal wichtig zu betonen, dass sich die Kritik an patriarchalen Strukturen und der Einsatz gegen antimuslimischen Rassismus nicht widersprechen.Beide Anliegen gehören zusammen. Ich wünsche mir eine Debatte, die Mädchen und Frauen stärkt und in den Fokus stellt, ohne sie zu bevormunden und ohne weitere Stereotypen zu schaffen und die Vielfalt sichtbar zu machen, ohne die Unterschiede zu problematisieren. Zudem müssen wir es schaffen, über diese Themen reden zu können, ohne davor zurückzuschrecken, dass man als islamophob gelabelt wird und gleichzeitig muss es uns gelingen, die Debatten so differenziert zu führen, dass man Mädchen- und Frauenrechte in den Vordergrund stellt. 

TDF: Herzlichen Dank liebe Elif G., dass du dir die Zeit für das Interview genommen und uns einen sehr wertvollen Einblick in deine Erfahrungen und deine Perspektive gegeben hast. 

  1. ^

    Othering (Anmerkung von TDF): Aus dem Englischen übernommener Begriff, der den Prozess der „Anders-“ oder „Fremdmachung“ beschreibt. Dabei wird die eigene Person oder Gruppe meist auf- und die andere abgewertet. Ihr werden bestimmte Merkmale oder Eigenschaften zugesprochen, die sich von den eigenen unterscheiden. Diese Abgrenzung ist häufig Teil der Identitätsbildung (Quelle: gemeinsam-gegen-sexismus.de/glossar-posts/othering/)

  2. ^

     Anmerkung von TDF: Begonnen hat die religiöse Verfolgung von AlevitInnen lange vor dem osmanischen Reich. In der jüngeren Geschichte kam es vor allem in der Türkei zu schwersten Menschenrechtsverletzungen, wo das Alevitentum mit circa 21-25% der Bevölkerung die größte Minderheit ausmacht. Das Alevitentum wird in der Türkei staatlich nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt. Alevitische Gebetshäuser (Cemevleri) erhalten keine staatliche finanzielle Förderung, und der türkische Staat stuft das Alevitentum stattdessen als eine Form des sunnitischen Islams ein. Die fehlende Anerkennung führt zu struktureller Diskriminierung und Benachteiligung der Aleviten in der Türkei.  Es gab unter anderem das Massaker von Dersim (1937–1938), der Pogrom von Maraş (1978), der Pogrom von Çorum (1980) sowie das Sivas Massaker (1993). In der ostanatolischen Region Dersim (türkisch: Tunceli) wurden im Rahmen der von Ankara beschlossenen zwangsweisen Türkisierung nichttürkischer Bevölkerungsgruppen von der türkischen Armee ermordet, in andere Landesteile deportiert oder vertrieben. Quellen gehen von bis zu 70.000 Toten aus. Bei den Pogromen in Maraş und Çorum wurde rote Farbe eingesetzt, um die Häuser von Alevit*innen zu kennzeichnen. Diese wurden gezielt angegriffen, geplündert und teilweise niedergebrannt. Menschen, darunter auch Minderjährige, wurden bei den Pogromen getötet. Sexualisierte Gewalt vor allem gegenüber Mädchen und Frauen, wurde systematisch eingesetzt. Am 2. Juli 1993 versammelten sich alevitische Intellektuelle und Künstler*innen zu einem Kulturfestival in der zentralanatolischen Stadt Sivas zusammen. Das Hotel wurde von einer islamistisch-rechtsextremen Menschenmengein Brand gesetzt. 37 Menschen starben. Die türkischen Behörden griffen nicht ein. Bis heute klagen Verbände wie zum Beispiel die Kurdische Gemeine Deutschland sowie die Alevitische Gemeinde Deutschland, dass es von Seiten des türkischen Staates weder eine umfassende Aufklärung noch eine Übernahme von Verantwortung sowie eine juristische Aufarbeitung gab. 

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