Der Prozess zu dem mutmaßlichen „Ehren“-Mord an Maryam H. geht weiter

Der Prozess um die ermordete Maryam H. (34) begann am 02. März 2022 und wird nun bis ins neue Jahr 2023 gehen. Angeklagt sind ihre beiden Brüder Mahdi H. (23) und Yousuf H. (27) ihre Schwester aufgrund ihrer „modernen“ Lebensweise ermordet und anschließend die Leiche in einem Koffer nach Bayern gebracht zu haben.

Die am 13. Juli 2021 getötete Maryam H. wurde in Afghanistan mit 16 Jahren zwangsverheiratet und kam zusammen mit dem jüngeren Bruder und ihren zwei Kindern 2015 nach Deutschland. Dort ließ sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann scheiden. Sie fing an engere Kleidung zu tragen, ging eine neue Beziehung ein, schminkte sich leicht. Sie wollte wie eine freie junge Frau leben, doch ihre Familie schien das nicht akzeptieren zu können.

Sie liebte ihre Brüder, trotz Gewalt und Unterdrückung

Seit Beginn der Prozessverhandlung berichten Zeugen und Zeuginnen von der Angst, die Maryam H. vor ihren beiden Brüdern, die ebenfalls in Deutschland lebten, hatte. Die Brüder werden als gewalttätig und kontrollierend geschildert und Maryam hätte versucht ihr neues „modernes“ Leben vor ihnen geheim zu halten. Freundinnen gegenüber habe sie immer wieder geäußert, dass ihre Brüder sie umbringen würden, wenn sie von ihrer neuen Beziehung erführen. Im Zeugenstand sagt der Freund von Maryam aus, die Brüder hätten ihn zusammengeschlagen, als sie von ihm erfuhren und Yousuf habe ihm gedroht: „Halt dich von meiner Schwester fern, sonst bringen wir dich um!“. Auch die beiden Kinder von Maryam wurden als Zeugen vernommen und bestätigten die Kontrolle und Gewalt der Brüder. „Mutter wurde geknechtet. Wir hatten Angst vor ihnen“, wird der Sohn Maryams zitiert. Die Kinder berichteten ebenfalls, dass ihre Mutter ihre Brüder dennoch geliebt und alles für sie getan habe. Das zeigt die besondere Gewaltkonstellation und den inneren Konflikt, dem sich Betroffene von Gewalt im Namen der Ehre häufig ausgesetzt sehen. Viele sind hin- und her gerissen zwischen ihrer festen Familiengemeinschaft, die sie unterdrückt und dem Wunsch frei und selbstbestimmt zu leben.

Von Maryam H. und ihrer Tochter wurde erwartet, dass sie sich den Moralvorstellungen der Familie, sich wie eine „ehrbare“ Frau zu kleiden und zu verhalten, unterwerfen. Als sie das nicht tat, haben die Brüder, so behauptet die Staatsanwaltschaft, ihre Schwester gemeinschaftlich ermordet, um die Familienehre wiederherzustellen. Demzufolge wollten sie sie für ihren westlich orientierten Lebenswandel bestrafen, der nicht ihren archaischen Ehr- und Moralvorstellungen und ihrem Frauenbild entsprach.

Doppelmoral und archaisch-patriarchale Ansichten

War die Urteilsverkündigung ursprünglich für August 2022 geplant, wird sich nun der Prozess weiter bis in den Januar 2023 ziehen. Das zeigt, wie komplex dieser Fall ist. Ursprünglich verweigerten die Angeklagten die Aussage komplett und beriefen sich darauf unschuldig zu sein. Sechs Monate nach Beginn des Prozesses legte der ältere Bruder Yousuf H. ein Geständnis ab. Laut der Erklärung, die sein Anwalt für ihn verlas, hätte es zwischen ihm und Maryam H. einen Streit gegeben, der tödlich geendet sei. Der jüngere Bruder Mahdi sei dabei nicht im Zimmer gewesen und hätte ihm anschließend lediglich geholfen die Leiche wegzubringen. Das Geständnis weise laut der Staatsanwaltschaft allerdings Ungereimtheiten auf und stimme zum Teil nicht mit den Aussagen des jüngeren Bruders Mahdi H. überein.

Das Leben der Familie H. wird nun vor Gericht immer weiter ausgerollt und es verstärkt sich der Eindruck, in welch archaisch-patriarchaler Welt, geprägt von Gewalt und Unterdrückung, Maryam lebte. Noch bevor Yousuf H. als Beschuldigter galt, soll er bei einer Zeugenvernehmung der Polizei gegenüber offen erklärt haben, dass in seinem Kulturkreis Frauen kein Mitspracherecht hätten und Ehebruch mit dem Tod oder Gefängnis bestraft werde. Er wiederum ist selbst seit Jahren mit einer verheirateten Frau liiert, hat mit ihr auch ein gemeinsames Kind. Zuletzt stand nun eine junge verheiratete Frau im Zeugenstand, die eine Affäre mit dem Angeklagten Yousuf H. gehabt haben soll. Er habe sie genötigt Nacktbilder von sich zu machen und sie dann mit diesen erpresst, damit sie sich von ihrem Mann scheiden ließe. Schließlich hätte er ihren Mann und sie bedroht. Ihr Mann erstattete 2018 dann eine Anzeige gegen ihn. Die Folgen für die Frau allerdings waren verheerend. Sie wurde von der Familie ihres Ehemannes verstoßen und musste zu ihrer Familie in die Türkei zurückkehren: „Mir wurden die Kinder weggenommen, ich musste ins Frauenhaus“. Im Laufe des Prozesses wird immer deutlicher, dass das Frauenbild der Beteiligten von tradierten Geschlechterrollen, in denen die Frau dem Mann deutlich untergeordnet wird, geprägt zu sein scheint.

Eine (verletzte) Familienehre als Triebfeder für Gewalt

In stark patriarchal geprägten Gesellschaften ist die Ehre der Familie abhängig vom Verhalten der weiblichen Familienmitglieder. Wenn eine Frau die Ehre der Familie durch vermeintlich „falsches“ Verhalten verletzt, wird das gesellschaftliche Ansehen der gesamten Familie beschädigt. Die Männer agieren als Verteidiger der „Familienehre“. Das Verhalten der Frauen wird daher oft sehr streng kontrolliert. Eine angeblich verletzte Familienehre kann innerhalb dieses Systems oft nur mit Gewalt bis hin zum Mord wiederhergestellt werden. Eine ausführlichere Begriffsdefinition von „Ehren“-Mord finden Sie hier.

Der Fall von Maryam H. ist kein Einzelfall und muss klar als mutmaßlicher „Ehren“-Mord betitelt werden. Allein für die Jahre 2020 und 2021 wurden nach Recherchen von TDF 25 Personen Opfer von versuchten oder vollzogenen „Ehren“-Morden. Die Dunkelziffer schätzen wir auf noch höher, da viele tödliche Ehrverbrechen gar nicht erst ans Licht kommen oder nicht als Gewalttaten im Namen der Ehre bekannt oder benannt werden.

Diese Zahlen belegen wieder einmal, wie wichtig Präventionsarbeit, sowie die Schulung von Fachkräften in öffentlichen Einrichtungen und Behörden zu Gewalt im Namen der Ehre ist. Deswegen hat TDF zusammen mit der Berliner Polizei ein in Zukunft jährlich stattfindendes Schulprojekt, die „Weiße Woche“, ins Leben gerufen, da Mädchen besonders während der Sommerferien gefährdet sind ins Ausland verschleppt und zwangsverheiratet zu werden.

TERRE DES FEMMES verfolgt den Prozess von Maryam H. weiter aufmerksam und ist bei vielen Terminen vor Ort im Gerichtsaal.

Stand: 11/2022

Quellen:

Alle Artikel wurden zuletzt am 23.11.2022 abgerufen.

https://www.spiegel.de/panorama/prozess-um-ermordete-maryam-h-in-einen-koffer-passt-doch-kein-mensch-a-f1e41155-a910-4da3-b906-1a56644ffee4

https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2022/03/ehrenmord-prozess-afghanin-berlin-brueder-maryam-h-.html

https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/crime/ermordete-zweifache-mutter-maryam-h-ihre-familie-schweigt-zu-der-tat-li.236762

https://www.welt.de/politik/deutschland/article238902595/Ehrenmord-Prozess-in-Berlin-Meine-Mutter-wurde-geknechtet.html

https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/crime/wende-im-ehrenmord-prozess-aelterer-bruder-gibt-zu-maryam-h-getoetet-zu-haben-li.264527

https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/prozess-um-ehrenmord-zeugin-fuehrte-polizei-zu-verscharrter-leiche-von-maryam-h-li.239210?pid=true

https://www.tagesspiegel.de/berlin/kinder-von-getoteter-maryam-h-sagen-vor-gericht-aus--auch-sie-erhielten-schlage-4332973.html

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/ein-sogenannter-ehrenmord-der-tod-von-maryam-h--eine-rekon