Wolf im Schafspelz? Der AKP-nahe Verein Kadem und sein vermeintlicher Einsatz für „Geschlechtergerechtigkeit“ in der Türkei

Trotz staatlicher Repression: Aktivistinnen von YAKA-KOOP demonstrieren gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Foto: © YAKA-KOOPTrotz staatlicher Repression: Aktivistinnen von YAKA-KOOP demonstrieren gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Foto: © YAKA-KOOPImmer wieder macht die Türkei mit der Verfolgung und Verhaftung politischer AktivistInnen Schlagzeilen. Seit dem vermeintlichen Putschversuch 2016 ist staatliche Repression in dem Land am Bosporus an der Tagesordnung. Viele Menschen- und vor allem Frauenrechtsorganisationen wurden verboten. Eine jedoch wächst laut einem Bericht auf Spiegel Online ungebremst: Kadem. 45 Ableger zählt der regierungsnahe Verein bereits landesweit. Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist regelmäßig Gast auf Veranstaltungen des Vereins, Gründungsmitglied und Vizepräsidentin ist seine Tochter Sümeyye.

 

Reproduktion patriarchaler Strukturen und klassischer Rollen

Zunächst mag Kadem wie andere Frauenrechtsorganisationen wirken, setzt sich der Verein laut eigener Aussagen doch für einen verbesserten gesellschaftlichen Status von Frauen und gegen geschlechtsspezifische Gewalt ein. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Kadem patriarchale Normen, die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und damit Ungleichheiten reproduziert statt auflöst. Richtschnur für die Arbeit des Vereins sind die religiös-konservativen Werte der AKP. Die Folge? "Der Verband lehnt das Konzept der Gleichstellung konsequent ab", so die Politikwissenschaftlerin Ayse Dursun gegenüber Spiegel Online. Kadem setzt ausschließlich auf ein komplementäres Modell, das vorgeblich auf „Geschlechtergerechtigkeit“ ziele: Frauen und Männer seien von Natur aus unterschiedlich, daher könne Gleichheit nicht das Ziel sein. Sie müssten sich ergänzen, sprich ihre geschlechtsspezifischen „Eigenschaften“ sollten geschützt und gefördert werden. Frauenpolitische Themen würden so subsumiert unter Familienpolitik, zieht Dursun Bilanz.

Neoliberaler Marktlogik folgend setzt sich Kadem zwar für die Eingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt ein, durch das gleichzeitige Aufrechterhalten traditioneller Rollen als Mutter und Hausfrau werden Frauen aber einer Doppelbelastung ausgesetzt. Zusätzlich zur Erwerbsarbeit sollen sie unbezahlte Care-Arbeit leisten. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, sind sie (wenn überhaupt) meist in Teilzeit beschäftigt, was sie daran hindert, finanziell unabhängig zu werden und sich aus bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen. So finden sich viele türkische Frauen weiter in einer untergeordneten gesellschaftlichen Position wieder.

AKP macht sich Gender-Diskurs zu eigen

Im gesamtpolitischen Kontext betrachtet steht Kadem für die autoritäre Entwicklung in der Türkei. Kadem gehört zu den sogenannten GONGOs (Government-Organized Non-Governmental Organizations): Der Verein vermittelt den Eindruck einer unabhängigen zivilgesellschaftlichen Organisation, setzt aber geschlechterpolitisch die Ideologie der Regierung um, und übernimmt ihre Rhetorik. Die seit 2002 regierende AKP verfolgt damit die Festigung traditioneller Familienbilder, die Unterdrückung der politischen Opposition und die Machtaneignung des Gender-Diskurses für eigene Zwecke.

Unterstützung gerade jetzt besonders wichtig

Vor diesem Hintergrund wird die Arbeit echter zivilgesellschaftlicher Vereine wie der TDF-Partnerorganisation YAKA-KOOP immer wichtiger. Gewaltbetroffene und in finanzieller Abhängigkeit lebende Mädchen und Frauen erhalten dort unabhängige Beratung, werden in ihrer Selbstbestimmung gestärkt und bei der Schaffung beruflicher Perspektiven und eines eigenen Einkommens unterstützt. Da viele Organisationen vor allem im mehrheitlich kurdisch besiedelten Südosten der Türkei schließen mussten und so das Netz an Unterstützung für Frauen immer dünner wird, muss YAKA-KOOP aktuell doppelte Arbeit leisten.

Gerade jetzt braucht YAKA-KOOP Ihre Hilfe! Unterstützen Sie YAKA-KOOP mit einer Spende, damit gewaltbetroffene Frauen in der Türkei weiter wirksam geschützt und gestärkt werden können!

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