Sierra Leone: Proteste gegen FGM-Verharmlosung seitens First Lady zeigen Wirkung

Frei, ausgelassen und einfach Teenager sein – eine Realität, die das Schutzhaus möglich macht. Foto: © Uman Deen KamaraFrei, ausgelassen und einfach Teenager sein – eine Realität, die das Schutzhaus möglich macht. Foto: © Uman Deen KamaraFür Betroffene und AktivistInnen war es ein Schlag ins Gesicht, als Fatima Bio, First Lady von Sierra Leone, im Mai 2019 die verheerenden Folgen von FGM öffentlich verharmloste. Sie plädierte dafür, dass die Regierung gegen Vergewaltigung und Frühverheiratung vorgehen müsse, sehe im Falle von FGM (Female Genital Mutilation – weibliche Genitalverstümmelung) aber keinen Handlungsbedarf. Sie sei selbst beschnitten, habe drei Kinder zur Welt gebracht und keinerlei Schäden davongetragen. Dass FGM schädlich sei, müsse erst einmal bewiesen werden.

Beweis folgt auf den Fuß

Die britische Anti-FGM-Aktivistin Sarian Kamara ließ sich nicht lange bitten: Auf der diesjährigen Women Deliver Konferenz in Vancouver hielt Kamara, als Bio auf dem Panel sprach, zwei Schaubilder weiblicher Genitalien nach oben – eines mit unversehrter Klitoris und äußeren Schamlippen, und eines, auf dem beide entfernt worden waren. „So sollten meine Genitalien aussehen“, sagte Kamara mit Blick auf das erste Bild, „und so sehen sie aus“, mit Blick auf das zweite. Sie selbst stelle sich als lebender Beweis für die Grausamkeit von FGM zur Verfügung. Sie sei im Alter von elf Jahren beschnitten worden und leide seither an starken Schmerzen und Komplikationen.

First Lady rudert zurück

Ramatu Bangura war früher selbst Beschneiderin, hat die Praktik aber mittlerweile aufgegeben. Seit ihrer Abkehr von FGM arbeitet sie als Köchin für das Schutzhaus. Foto: © Silvia Maria EngelRamatu Bangura war früher selbst Beschneiderin, hat die Praktik aber mittlerweile aufgegeben. Seit ihrer Abkehr von FGM arbeitet sie als Köchin für das Schutzhaus. Foto: © Silvia Maria EngelFatima Bio ist daraufhin zumindest teilweise zurückgerudert. Sie verneint die Grausamkeit der Praxis nun nicht mehr, indem sie den betroffenen Frauen körperliches und seelisches Leid infolge von FGM abspricht. Sie will den Dialog öffnen und von Frauen wie Sarian Kamara lernen. Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als wolle Bio Zeit gewinnen und sich gleichzeitig weiter die Unterstützung einflussreicher Beschneiderinnen sichern. Trotzdem ist ihr Kurswechsel aus zwei Gründen wichtig: Zum einen fungiert die First Lady als Vorbild für Frauen in ihrem Land. So startete sie die Kampagne „Hands off our Girls“ („Hände weg von unseren Mädchen!“), die sich den Kampf gegen Vergewaltigungen und Frühehen zum Ziel gesetzt hat, FGM aber außen vorlässt. Das könnte sich nun ändern. Außerdem haben die Reaktionen auf Bios Äußerung ganz sicher eines ausgelöst: Eine öffentliche Debatte. Bei einem immer noch stark tabuisierten Thema wie FGM ist das eine grundlegende Voraussetzung für Veränderung.

Öffentliche Debatte über FGM ist längst überfällig

Bis heute sind 90 Prozent der Mädchen zwischen 15 und 49 Jahren in Sierra Leone von FGM betroffen. Erst kürzlich starb ein zehnjähriges Mädchen an den Folgen einer Beschneidung. Die Verharmlosung dieser schädlichen traditionellen Praktik von höchster Ebene zeigt die immer noch breite gesellschaftliche Akzeptanz und traditionelle Verankerung von FGM im Land. Die nun entstandene öffentliche Debatte kann aber dazu beitragen, Bewusstsein für die realen Hintergründe und Folgen von FGM zu schaffen. Trotzdem ist es noch ein weiter Weg, bis FGM in Sierra Leone überwunden werden wird. Gerade deshalb ist es wichtig, den Diskurs über FGM weiterzuführen und Stellung zu beziehen.

Kampf gegen Weibliche Genitalverstümmelung umso wichtiger

Marai* (Name geändert) wurde erst kürzlich zur ersten weiblichen Sprecherin ihrer Schule gewählt. Foto: © Veronika KirschnerMarai* (Name geändert) wurde erst kürzlich zur ersten weiblichen Sprecherin ihrer Schule gewählt. Foto: © Veronika KirschnerKlar Stellung bezieht die TDF-Partnerorganisation AIM. In Lunsar, ca. 80 km von der Hauptstadt Freetown entfernt, betreibt AIM ein Schutzhaus für von geschlechtsbasierter Gewalt und v. a. von FGM bedrohte Mädchen. Zwischen Juli und September 2019 fanden dort dreizehn Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 10 und 21 Jahren Zuflucht und setzten ihre Schulbildung fort. Zur Freude von AIM und TDF schafften es zu Sommerende alle Mädchen das Schuljahr erfolgreich abzuschließen und in die nächst höheren Klassen versetzt zu werden. Sieben weitere Schutzhausbewohnerinnen hielten sich zwischen Juli und September 2019 in Freetown auf, um an zentral durchgeführten Prüfungen zur Zulassung zum Abitur bzw. Universitätsstudium teilnehmen zu können.

Eine der jüngeren Schutzhausbewohnerinnen ist Marai*. Sie geht nun in die sechste Klasse und wurde kürzlich zur ersten weiblichen Schulsprecherin gewählt. Seit der Gründung der Schule ist das noch nie vorgekommen! Bisher war dieses Amt nur von Jungen besetzt. Marai* hat es erstmals geschafft, geschlechtsspezifischen Vorurteilen zu trotzen und zu beweisen, dass Mädchen und Frauen genauso gut Führungspositionen übernehmen können wie Jungen und Männer. Ein toller Erfolg!

Unterstützt jetzt AIM und das Schutzhaus, damit noch viele weitere Mädchen dem Beispiel von Marai* folgen und ihr volles Potential entfalten können!

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Stand: 10/2019

 

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