Portrait von July Cassiani-Hernandéz, Menschenrechtsaktivistin aus Kolumbien, seit März 2021 als Stipendiatin der Elisabeth-Selbert-Initiative in Deutschland

© July Cassiani-Hernandéz, Foto: Aktivistin Cassiani-Hernandéz

July Cassiani-Hernandéz blickt mit ihren 25 Jahren bereits auf 12 Jahre Erfahrungen im humanitären Sektor zurück. Sie setzt sich für die Verteidigung der Menschenrechte in Kolumbien und anderen Ländern der Welt ein und baut Kooperationen mit Unternehmen, BürgerInnen, NGOs und öffentlichen Einrichtungen auf. Geschickt vernetzt sie die verschiedenen AkteurInnen, um gemeinsam eine gerechtere Gesellschaft für Alle zu schaffen.

 

 

Menschenrechtsaktivistin wird July schon als Teenager – ihre Laufbahn startet sie als Freiwillige in der Prävention von Kindesmissbrauch und -Ausbeutung in Cartagena, einer der meistfrequentierten Städte weltweit für sogenannten Sextourismus. Später ist sie für die seit 1984 dort ansässige NGO „COREDUCAR“ tätig und setzt friedensfördernde Initiativen mit Betroffenen, ehemaligen KämpferInnen des bewaffneten Konflikts in Kolumbien und in Armut lebenden Gemeinschaften um.

Parallel organisiert sie Projekte für den Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik. Als regionale Leiterin für die in 36 Ländern tätige NGO „Search for Common Ground“ ist July daran beteiligt, gewaltvolle Konflikte weltweit zu beenden und im Umgang mit diesen Konflikten kooperative Lösungen, statt kontroverse Ansätze zu verfolgen . Als Nachwuchsführungskraft bei der weltweit aktiven NGO „ACDI/VOCA“ gilt ihr Engagement im Anschluss außerdem auch der wirtschaftlichen Förderung von Kooperativen, Kleinunternehmen und Gemeinden. Zudem gehört sie dem weltweiten Netzwerk der „Global Shapers“ („Globalen GestalterInnen“) des Weltwirtschaftsforums an.

Zuletzt tritt July als Fundraiserin und Projektleiterin in das international tätige „South-South Cooperation Council for Sustainable Development“ in Kolumbien ein, hauptsächlich für die Dienststellen in Lateinamerika, der Karibik, Europa und Südasien. Zeitgleich wirkt sie unter kolumbianischer Federführung an Projekten und Gutachten zu Menschenrechten und Armutsbekämpfung mit sowie bei der Entwicklung politischer Richtlinien zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.

Durch diese Erfahrungen reift Julys Leidenschaft für die Verteidigung der Menschenrechte, für Friedenssicherung und eine gerechtere Welt, zu voller Blüte und Professionalität. Seit 2015 wirkt sie ununterbrochen an einem Ausbildungsprogramm mit, das soziale Führungspersönlichkeiten stärken soll. Die Teilnehmenden sind ehemalige jugendliche Bandenmitglieder, Betroffene des bewaffneten Konflikts in Kolumbien, Geiseln der Armee – in erster Linie Kinder, die auf dem Kriegsschauplatz zwischen kolumbianischen Streitkräften, FARC-Guerilla und Nationaler Befreiungsarmee ELN gefangengenommen wurden –, SchülerInnen, Führungspersonen aus der Zivilgesellschaft und venezolanische ImmigrantInnen. Jedes Schulungsprogramm fördert das soziale Führungsvermögen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Schutz der Menschenrechte, Fertigkeiten für das zivile Leben, vor allem für die Kinder der FARC und ELN, gesellschaftliches Engagement und weitere wichtige Themen zugunsten der sozialen Entwicklung.

Der Aufenthalt von July Cassiani-Hernandéz in Deutschland wird durch ein Stipendium im Rahmen der Elisabeth-Selbert-Initiative des Instituts für Auslandsbeziehungen und des Auswärtigen Amts ermöglicht.

TERRE DES FEMMES ist es eine Ehre, July Cassiani-Hernandéz als Gastorganisation während ihres Aufenthaltes in Deutschland zur Seite stehen, mit ihr zusammenarbeiten und sie in allen Belangen unterstützen zu dürfen.

Kolumbien: Wie geht Frieden?

Von July Cassiani-Hernandéz

WhatsApp Image 2021 05 03 at 12.39.37 PM 1© July Cassiani-HernandézDurch unseren Friedensprozess in Kolumbien haben wir verstanden, dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg ist, sondern auch die Anwesenheit bestimmter Prinzipien voraussetzt. Eines der wichtigsten Prinzipien ist die Anerkennung der Grundbedürfnisse eines jeden Menschen, wie Nahrung, Obdach und Gesundheit. Es trägt zum Aufbau einer sozialen Gesellschaft bei.

Mit diesem Bewusstsein begannen wir die Arbeit in der Organisation Constructores de Paz („FriedensstifterInnen“), einer Gruppe von über 40 Menschen verschiedener Herkunft, der auch ich angehöre: Vertriebene, unfreiwillig in den Kampf geratene Jugendliche, DeserteurInnen, politische Gefangene und junge ZivilistInnen aus verschiedenen Teilen der Stadt Cartagena in Kolumbien. Unser größtes Anliegen ist, pädagogisch nachhaltig zu vermitteln, was es bedeutet, ein Mitglied der Zivilgesellschaft zu sein. Dabei geht es uns vor allem um die Rechte von Kindern und Jugendlichen, mit Schwerpunkt auf den besonderen Rechten der von Krieg und Kampfhandlungen Betroffenen, und um das Erlernen grundlegender Fertigkeiten für die Interaktion im Alltag. Wir setzen uns dafür ein, die Grundrechte dieser Menschen wiederherzustellen und die staatlich zugesicherten Garantien auf Wiedergutmachung und Nichtwiederholung einzufordern.

Eine besonders wichtige Erkenntnis unserer Arbeit ist, dass der Wiederaufbau eines Staates oder einer Gesellschaft nach dem Krieg kein Prozess ist, der in weniger als einer Generation abgeschlossen sein kann. Das, was es auf dem Weg zu anhaltendem Frieden unbedingt braucht, ist ein wirksames Zusammenspiel aus staatlichen Maßnahmen zur Wiedergutmachung einerseits und einer starken Zivilgesellschaft, die sich ihrer Rolle als Mitgarantin dieses Prozesses bewusst ist, andererseits.

Geschichte von Maria*

WhatsApp Image 2021 05 03 at 12.39.35 PM 11© July Cassiani-HernandézIch denke oft an den Fall von Maria , der Tochter eines führenden Soldaten der ELN** (Ejército de Liberación Nacional, der Nationalen Befreiungsarmee Kolumbiens) . Sie trat im Alter von acht Jahren in die Guerilla ein , unterhielt bereits seit ihrem elften Lebensjahr sexuelle Beziehungen mit einem 25 Jahre älteren Anführer dieser Gruppe und hatte mit 14 b ereits zwei Abtreibungen überstanden. Maria war kurz vor dem dritten Schwangerschaftsdrittel, als ihre kleine, provisorisch zusammengebaute Hütte im Dschungel (cambuche) b ombardiert wurde . Alle ihre FreundInnen starben , sie überlebte als Einzige .

Nach dem Angriff war ihr Körper übersät mit den Splittern einer explodierten Handgranate. Ihr Bein und ihre Ohren entzündeten sich. Das Personal des Roten Kreuzes vor Ort verfügte nicht über genügend Ausrüstung und so musste Maria wählen zwischen dem Leben ihrer ungeborenen Tochter und der Rettung ihres Beines. In ihren eigenen Worten: „[Ich] könnte ohne mein Baby überleben, aber nicht mit einem abgeschnittenen Bein im Dschungel“. Somit war die Entscheidung getroffen und der Schwangerschaftsabbruch wurde durchgeführt. In der Folge hörte sie fast drei Jahre lang auf zu menstruieren, ohne physischen Grund. In der Psychologie bezeichnet man dies als Unterdrückung und Verdrängung belastender Emotionen.

Durch Geschichten wie die von Maria wird deutlich, dass der kolumbianische Staat trotz des offiziellen Endes der bewaffneten Kämpfe noch weit davon entfernt ist , den lang ersehnten Frieden zu erreichen : Maria wurde dank der medizinischen Versorgung zwar vor dem Tod bewahrt, hatte im Anschluss aber doch mit gravierenden Folgen zu kämpfen. In ihrem Körper stecken Scherben, die tiefe Narben hinterlassen haben, und ihr durch die Explosion geplatztes Trommelfell füllte sich mit Sekret, später sogar mit Würmern. Der Staat ließ den SoldatInnen der ELN Hilfe in Form von temporären Unterkünften zukommen. Andere Grundbedürfnisse hingegen wurden vernachlässigt und die Jugendlichen blieben oft tage- oder wochenlang ohne Betreuung und Nahrung.

Um das Recht der Menschen auf Gesundheit wiederherzustellen , wurden Petitionen u nd verschiedene rechtliche Verfahren an den Staat und entsprechende Kontrollstellen gerichtet. Nach drei Jahren , nur dank der Unterstützung eines Unternehmers und mit Erreichen der Volljährigkeit, konnte Maria endlich operiert werden . Wir begleiteten und unterstützten sie und ihre Entscheidungen die ganze Zeit. Die Geschichte von Maria ist eine endlose Abfolge von Ereignissen , die erzählt werden müssen , um die großen Herausforderungen der kolumbianischen Gesellschaft b eim Aufba u von sozialer Gerechtigkeit u nd Frieden zu verstehen . Sie ist nicht die Einzige , sondern eine von vielen , mit denen ich interagieren konnte .

*Fiktiver Name, um die Identität der Person zu schützen
**Die ELN wurde 1964 von Fabio Vasquez Castaño gegründet und gehört zu den ältesten noch aktiven Guerillaorganisationen Lateinamerikas. Die Gruppe rekrutiert sich vor allem aus dem urbanen und intellektuellen Milieu und soll etwa 3.000 KämpferInnen unter Waffen haben. Im Zuge der Corona-Pandemie kündigte die ELN eine vorübergehende Waffenruhe an. Vorausgegangen war ein Aufruf des UN-Generalsekretärs António Guterres an alle Konfliktparteien weltweit (Quelle: Wikipedia).

Aktuelle Lage

Ebenso wie Maria leiden viele junge Menschen unter den Auswirkungen des Krieges. Meiner Meinung nach ist es der kolumbianischen Regierung nicht gelungen, die Rechte der vielen Betroffenen zu gewährleisten. Doch so beängstigend diese Perspektive auch sein mag, noch erschreckender ist es, an die Eskalation der Interessenskonflikte zu denken, denen das Land derzeit ausgesetzt ist: Hunderte von Menschen werden ermordet, Schwarze, Indigene, jedweder ethnischen Zugehörigkeit und Religion. Außerdem werden ehemalige KämpferInnen systematisch getötet. Das ist das aktuelle Bild eines Landes, welches sich einer schweren globalen Krise gegenübersieht. Die ungerechte, korrupte und opportunistische Regierung beschließt derweil eine Steuerreform, die die durch die Corona-Pandemie bereits gestiegene Zahl armer Menschen, noch größer machen wird.

 05/2021