„Afghanistan zu verlassen war definitiv eine sehr schwere Entscheidung…“

Mariam Heidari, Leiterin des Frauenbildungszentrums Shahrak, im Interview zur aktuellen Lage in Afghanistan (14:00 Minuten)

Mariam HeidariMariam Heidari vor ihrem Bücherregal in Afghanistan © Mariam Heidari Die frauenrechtliche Situation in Afghanistan ist besorgniserregend. Mehr als 100 Tage nach der Machtübernahme der Taliban werden weiterhin besonders die Rechte der Frauen eingeschränkt.

In einem Interview berichtet Mariam Heidari, Leiterin des seit 2004 von TDF unterstützten Frauenbildungszentrums Shahrak in Herat, Afghanistan, über die frauenrechtliche Lage in Afghanistan, über die aktuelle Situation für das Bildungszentrum und über ihre Wünsche für ihr Heimatland.

Mariam Heidari ist 29 Jahre alt und gebürtig aus Bamyan, Zentral-Afghanistan. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Herat. Mariam ist gelernte Chemieingenieurin, engagiert sich jedoch intensiv für die Rechte von Frauen und Mädchen und leitet seit mehreren Jahren das Frauenbildungszentrum in Herat.

Das Frauenbildungszentrum Shahrak in Herat hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen und Mädchen Zugang zu Bildung zu verschaffen und damit zu ihrer Selbstbestimmung beizutragen. Es gibt ein breites Angebot an Bildungskursen, darunter Alphabetisierungs-, Englisch-, IT-, Friseurhandwerks-, Handyreparatur- und Nähkurse. Die Mitarbeiterinnen unterstützen Frauen dabei, ihre eigenen Rechte kennenzulernen und finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Viele Kursabsolventinnen beginnen nach der Ausbildung mit dem Verkauf ihrer eigenen Produkte oder erhalten Zugang zu bessern Arbeitsplätzen auf dem afghanischen Arbeitsmarkt. Das Frauenbildungszentrum Shahrak ist jedoch nicht nur eine Bildungseinrichtung, sondern auch ein Treffpunkt, an dem Frauen sich austauschen und Unterstützung finden. Um das soziale Miteinander zu fördern, wurde ein Café eingerichtet, in dem sich die Frauen treffen und ihre Erfahrungen austauschen können.

Höre Dir das Interview als Audio in englischer Sprache an oder lies im Folgenden die deutsche Übersetzung, wenn du erfahren möchtest, was Mariam über die aktuelle Lage in Afghanistan berichtet!

 

TERRE DES FEMMES (TDF) – Referat für Internationale Zusammenarbeit (IZ): Seit die Taliban nach dem Abzug der NATO-Truppen im Mai 2021 Distrikt für Distrikt zurückerobert haben - inwieweit habt Ihr in Eurer Arbeit im Frauenbildungszentrum Shahrak Veränderungen wahrnehmen können und wann wusstet Ihr, dass Ihr Eure Arbeit niederlegen müsst?

Mariam: Wie Du bereits erwähnt hast, haben wir all die oben aufgeführten Aktivitäten durchgeführt. Wenn wir von dem Bildungszentrum sprechen, haben wir dort wirklich viel getan, und wir glaubten fest daran, dass die afghanische Bevölkerung nicht zulassen würde, dass die Taliban wieder über sie herrschen. Aber es ist passiert! Als das Taliban-Regime die Distrikte attackierte, kam es zu Fluchtbewegungen, und viele Menschen versuchten das Land zu verlassen – somit gab es auch Veränderungen für unser Bildungszentrum. Unsere Schülerinnen kamen nicht mehr. Irgendetwas ging vor sich, sodass wir den Unterricht reduzieren, die Kurs- und Arbeitszeiten ändern und manchmal sogar die Türen schließen mussten. Die Lehrerinnen konnten nur noch telefonisch Kontakt zu ihren Schülerinnen aufnehmen, um den Unterricht nachzubereiten. Aber als die Taliban in die Stadt kamen, als sie die Provinzbehörde angriffen, musste ich sofort die Türen des Bildungszentrums schließen. Ich konnte die Frauen nur bitten, zu Hause zu bleiben, auf sich selbst aufzupassen und zu versuchen, in Sicherheit zu sein. Wir mussten alles verstecken - wir schlossen die Türen und änderten das Erscheinungsbild der Organisation. Auch wir versuchten, sichere Orte zu finden, was wirklich schwierig war. Obwohl wir Angst hatten, waren wir auch hoffnungsvoll, und entschieden, dass wir etwas tun müssen.

TDF - Referat IZ: Du hattest erwähnt, dass die Projektarbeit im Frauenbildungszentrum seit der Machtergreifung der Taliban nicht mehr regelmäßig durchgeführt werden konnte und, wie ich weiß, im Moment auch gar nicht fortgesetzt werden kann – hast Du Ideen, wie die Arbeit im Bildungszentrum weitergeführt werden oder wie sie in Zukunft aussehen könnte?

Mariam: Ja, im Moment können wir keine Aktivitäten durchführen, aber wir treffen uns regelmäßig. Es gibt vor Ort einige Frauenrechtsaktivistinnen, die versuchen, Ideen zu entwickeln, und darüber diskutieren, wie sie den Frauen weiterhelfen können. Sie denken über Wege nach, die die Taliban-Regeln berücksichtigen – wir können jetzt nicht aufhören zu kämpfen. Wir müssen weitermachen, denn wenn wir jetzt aufhören, wissen wir nicht, was in Zukunft mit den Frauen geschehen wird. Zurzeit müssen die Taliban mit den Frauen vorsichtig sein, sie können die Frauen nicht zwingen, sich alles zu versagen, alles aufzuschieben. Wir müssen vorankommen, uns mobilisieren, wir müssen kämpfen! Unsere Treffen sind daher hauptsächlich motivierend und wir arbeiten hart daran, Wege und Lösungen zu finden. Es gibt Frauen, die in das Bildungszentrum kommen und die Kolleginnen bitten, die Kurse wieder aufzunehmen - vor allem in dieser Zeit, in der die Schulen und Universitäten geschlossen sind und die Menschen, insbesondere junge Mädchen, nicht das Recht haben zu studieren. Wir glauben also, dass wir nach einiger Zeit wieder mehr Aktivitäten aufnehmen können, dass wir den Unterricht wieder organisieren und die Frauen davon profitieren können.

TDF - Referat IZ: Aufgrund der akuten Bedrohungen, denen Du wegen Deines frauenrechtlichen Engagements ausgesetzt warst, musstest Du Afghanistan verlassen und bist vor einigen Wochen nach Deutschland gekommen – wie fühlst Du Dich hier?

Mariam: Afghanistan zu verlassen, war definitiv eine sehr schwere Entscheidung für mich, aber ich hatte keine andere Wahl, und dank der Deutschen Regierung konnte ich hierherkommen. Ich fühle mich sicher und sehe hier viele Möglichkeiten, aber ich habe auch Gefühle gegenüber meinen Mitmenschen in Afghanistan und bin traurig um ihrer willen. Ich hoffe, dass die Menschen wieder kämpfen werden. Ich versuche auf jeden Fall mein Bestes, die Menschen von Deutschland aus zu unterstützen. Ich hoffe, dass Afghanistan eines Tages sicher sein wird, und dass die Menschen, die aus Afghanistan ausgewandert sind, das Land nicht vergessen und ihre Landsleute auf verschiedene Art und Weise unterstützen. Dass wir weit weg von unserem Heimatland sind, bedeutet nicht, dass wir es vergessen. Wir müssen aktiv sein und helfen, wo wir können! Ausgehend von diesem Standpunkt fühle ich mich inspiriert und hoffe, dass ich mich nach einiger Zeit an Deutschland gewöhne, und wir anfangen können, den Menschen in Afghanistan zu helfen, vor allem den afghanischen Frauen.

TDF - Referat IZ: Während Du weit weg von zu Hause bist und es mehr als 100 Tage her ist, dass die Taliban wieder an die Macht gekommen sind, kannst Du uns ein bisschen über die aktuelle Situation in Afghanistan erzählen? Wie sieht vor allem die Situation der afghanischen Frauen aus?

Mariam: Wie ihr wisst, wurde alles gestoppt, als die Taliban zurückkamen. Die Menschen in Afghanistan waren schockiert, vor allem die Frauen. Regelmäßig wurden Versuche gestartet, wieder in die Büros zurückzukehren, aber dann verkündeten die Taliban, dass Frauen nicht hineingelangen bzw. nicht arbeiten dürften. Sie durften lediglich anwesend sein und Gebrauch von ihren Anwesenheitslisten nehmen, aber nicht arbeiten. Das hat die Frauen verärgert. Besonders das Thema Bildung...die Taliban sagten, dass Mädchen nach der sechsten Klasse nicht mehr zu Schule gehen dürften, sodass Frauen in Panik gerieten. Also begannen die Menschen für ihre Rechte, insbesondere das Recht auf Bildung, zu kämpfen. Frauenrechtsaktivistinnen arbeiteten wirklich hart, kämpften, demonstrierten auf der Straße und sprachen mehrmals mit dem Taliban-Regime, obwohl deren einzige Antwort Schüsse waren. Jetzt, nach ein paar Monaten, scheint alles in irgendeiner Art und Weise klarer zu werden, was die Taliban den Frauen geben werden, denn eigentlich haben sie den Frauen alles weggenommen. Die Taliban versuchen, ihrer Ideologie entsprechend etwas zu ändern. Zurzeit haben die afghanischen Frauen Angst, aber sie kämpfen trotzdem weiter. Sie glauben, dass sie sich ihre Rechte zurückholen können. Jede Kleinigkeit, die wir von dieser Regierung bekommen können, ist, meiner Meinung nach, eine Chance für die afghanischen Frauen.

Armut ist ein weiteres Thema, das die aktuelle Situation in Afghanistan prägt, und sich direkt auf die Frauen auswirkt. Die afghanische Bevölkerung leidet unter Hunger, und das ist eine wirklich schwierige Situation für sie, denn leider ist die oberste Priorität, die Familie zu retten, danach erst folgen die Mädchen und Frauen an zweiter Stelle. So kommt es dazu, dass Familienväter ihre Mädchen verkaufen, um den Rest der Familie ernähren zu können. Das ist ein großes Problem für die Rechte der Frauen – Frauen haben vermeintlich so viele Rechte, aber es ist doch ein Grundrecht, in einer sicheren und gesunden Familie zu leben, und es ist auch ein Recht, einen eigenen Beruf zu wählen, damit das Leben der Frau nicht ruiniert wird, wenn die Familie sich nicht um sie kümmert.
Die Probleme für Frauen in Afghanistan sind die Taliban, die Regeln der Taliban, die Armut und die Vorstellung, dass Frauen nicht im Büro oder in anderen Bereichen arbeiten können, dass sie nicht in verschiedenen Bereichen tätig sein können. Aber wenn sie auf der Straße betteln, ist das in Ordnung; wenn sie verkauft werden, ist das in Ordnung; wenn sie flüchten müssen, ist das in Ordnung; wenn sie sterben, ist das in Ordnung. Wir müssen also für unsere Rechte kämpfen! Frauenrechtsaktivistinnen und starke Frauen arbeiten hart daran, die von Hunger bedrohten Familien zu schützen und die Menschen darüber zu informieren, dass dies nicht lange so bleiben wird. Wir alle hoffen, dass die Menschen eines Tages zu einer normalen Situation zurückkehren können, und wir müssen die Frauen respektieren und uns um sie kümmern!

TDF - Referat IZ: Danke, Mariam. Wie fühlst Du Dich, wenn Du an Afghanistan denkst?

Mariam: Ich denke, meine Worte machen es deutlich. Ich bedaure, dass wir keine Einheit sind und kein starkes wirtschaftliches Fundament haben. Deshalb befinden wir uns in der aktuellen Situation. Ich bin sehr traurig, aber ich möchte auch an alle Afghaninnen und Afghanen appellieren, dass wir das schaffen können, dass wir diese schweren Zeiten überstehen können. Und noch einmal lade ich alle ein, Afghanistan zu helfen. Auch wenn einige meiner afghanischen Bekannten in verschiedenen Teilen der Welt leben, glaube ich, dass ihr alle für immer ein Teil Afghanistans sein werdet und dass ihr den Menschen dort helfen müsst. Ich denke, dass wir in diesen Tagen mehr Unterstützung leisten müssen.

TDF - Referat IZ: Deine Gefühle und Sorgen sind angesichts der jüngsten Entwicklungen in Afghanistan völlig verständlich, Mariam. Hast Du zurzeit noch Kontakt zu Menschen in Deinem Heimatland?

Mariam: Ja, ich habe Kontakt zu einigen AktivistInnen, einigen früheren KollegInnen und einigen KollegInnen aus dem Bildungszentrum. Sie befinden sich nach wie vor in Afghanistan und kämpfen. Wir versuchen, sie zu unterstützen und für sie zu beten. Sie arbeiten hart, um sich selbst zu schützen und Familien in Afghanistan etwas Gutes zu tun. Ich bete für sie und hoffe, dass sie Erfolg haben werden. Ich glaube, dass sie es schaffen können!

TDF - Referat IZ: Wenn Du über Deine eigene Situation nachdenkst und von Deinem Freundeskreis und Verwandten, die eventuell noch vor Ort sind, von den Lebensbedingungen in Afghanistan hörst – was wünschst du Dir für Dein Land in der Zukunft?

Mariam: Afghanistan braucht viele Dinge. Aber das Wichtigste sind Frieden und Freiheit. Ich dachte, dass wir eines Tages keine Kämpfe mehr haben würden, bis die Taliban kamen – zumindest keine Kämpfe mehr mit ZivilistInnen. Aber auch heute kommt es immer wieder zu Selbstmordattentaten – es gibt keinen Frieden, keine Sicherheit. Mein größter Wunsch ist Frieden, Sicherheit und Freiheit, und ich hoffe, dass die Menschen durch Einheit ein starkes Fundament in der Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, für soziale Aktivitäten und für viele andere Dinge schaffen. Ja, und außerdem werden die Menschenrechte zurzeit nicht beachtet. Ich hoffe, dass wir sie eines Tages beachten werden und dass die Menschenrechte nicht nur für kurze Zeit gelten, sondern für immer.

TDF - Referat IZ: Ich hoffe von ganzem Herzen, dass Deine Wünsche in naher Zukunft in Erfüllung gehen. Liebe Mariam, vielen Dank für dieses Interview und dass Du Dir die Zeit genommen hast! Ich danke Dir!

Mariam: Danke Dir und Danke, TERRE DES FEMMES! Ich bin wirklich glücklich, hier zu sein und mit Euch zu kämpfen. Auch danke ich noch einmal all den Frauen weltweit, die sich gegenseitig helfen. Ich hoffe, dass dieses Gefühl, dass sich Frauen gegenseitig unterstützen und sich stärken, immer weiterwächst und bis zu dem Tag anhält, an dem jede Frau stark genug, unabhängig und eigenständig ist!

TDF kämpft auch weiterhin für die Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan, für die Gleichberechtigung der Geschlechter, für die Stärkung und Unabhängigkeit junger Frauen und Mädchen sowie für ein freies und selbstbestimmtes Leben!

Unterstützen Sie uns gerne mit einer Spende, um mutige Frauen aus und in Afghanistan zu schützen und unterstützen sowie frauenrechtliche Arbeit gemeinsam mit ihnen fortzusetzen!

Stand 12/2021