Aktuelle Eindrücke über die Situation von Frauen in Jordanien

Die Bedeutung der Zivilgesellschaft spielt seit den Umbrüchen in der arabischen Welt eine große Rolle. Auch in Jordanien haben sich mittlerweile 2000 NGOs und Initiativen etabliert, die sich zivilgesellschaftlich engagieren. Um die Freundschaft der beiden Länder zu stärken reiste eine Jugenddelegation in einem einwöchigen Austausch nach Jordanien. Mit dabei war auch eine junge TERRE DES FEMMES-Frau, die in einem kurzen Bericht ihre gesammelten Eindrücke über die derzeitige Situation von Frauen in Jordanien schildert.

Berlin, 6. April 2013

Frauen in Jordanien - eine Farce der Gleichberechtigung

Ein einwöchiger Austausch, der von Bürger Europas e.V. mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes organisiert wurde, ermöglichte mir einen kurzen Einblick in die Zivilgesellschaft Jordaniens. Insbesondere galt meine Aufmerksamkeit hierbei dem Thema Frauenrechte.
In Amman angekommen, werden wir ausgesprochen herzlich von den jordanischen TeilnehmerInnen begrüßt. Es ist angenehm warm und in den Straßen riecht es nach Falafel. Unter der Jugenddelegation der jordanischen Gruppe befinden sich viele Frauen jeglicher Nationalitäten - alles Studentinnen und Berufstätige. In offenen Gesprächen unterhalten wir uns über Entwicklungen im Land, Ziele und Visionen. Die TeilnehmerInnen haben Träume, sind selbstbewusst und wirken unabhängig. Doch inwieweit reflektiert diese Gruppe junger Erwachsener die Realität und den wirklichen Alltag jordanischer Frauen?

Die Bevölkerung in Jordanien wird derzeit auf 6,5 Millionen Menschen geschätzt, wovon ca. die Hälfte Frauen sind. Statistiken zufolge sind in Jordanien jedoch nur 16,2% der Frauen berufstätig. Hinter vorgehaltener Hand verrät mir eine jordanische Teilnehmerin: "Ich möchte Auswandern, denn ich halte es hier nicht mehr aus. Ich fühle mich nicht frei und von der Gesellschaft unter Druck gesetzt."
Was für viele auf den ersten Eindruck modern und frei wirken mag, entspricht leider keineswegs der Realität. Die jordanische Gesellschaft beruht auf patriarchalischen Strukturen, die durch Traditionen fortgehend lebendig gehalten werden. Traditionen wandeln sich zu Gewohnheiten und werden schließlich zur Normalität, weshalb die Gesellschaft ein ganz genaues Bild von der Rolle der Frau verinnerlicht hat. Dem traditionellen Rollenverständnis zufolge heiratet die Frau für gewöhnlich nach der Schulausbildung, bleibt dann Zuhause und kümmert sich um Kinder, Mann und Haus. Nur ein geringer Teil der Bevölkerung scheint von dieser Anschauung abzuweichen oder diese Einstellung zu hinterfragen. Aufgrund dieser unterschwelligen jedoch allgemein verbreiteten Erwartungen haben sich transparente Richtlinien gefestigt, die auf alle diejenigen, die diese Normen nicht befolgen oder anerkennen, Druck ausüben.

Auf die Frage, ob jordanische Frauen in ihrer Gesellschaft häufig zu Betroffenen von Diskriminierung werden, antwortet mir ein junger Mann: "Frauen haben die wichtigste Rolle von allen - die Kindererziehung. Viele haben gar nicht den Wunsch zu arbeiten. Außerdem fehlen  Frauen oftmals die Transportmittel, um zur Arbeit zu gelangen, da bereits der Mann mit dem Auto zur Arbeit fährt. Der Mann sorgt für die finanzielle Sicherheit der Familie, das ist hier eben so."

Ich bin etwas verärgert, denn nach diesem Kommentar betrachte ich meine Frage nicht als beantwortet und fühle mich in meiner Ansicht bestätigt. Ein Treffen mit der Frauenrechtsorganisation Sisterhood is Global Institution (SIGI) zeigt unserer Gruppe, wie schwer es das weibliche Geschlecht in Jordanien wirklich hat. Denn tiefgreifende Benachteiligungen sind im Gesetz verankert und bestimmen somit die Realität: Selbst im 21. Jahrhundert bleibt die Polygamie in Jordanien verbreitet, wonach laut Gesetz ein Mann bis zu vier Frauen ehelichen darf. Zudem kann sich ein Mann jederzeit von seiner Frau scheiden lassen, eine Frau hingegen kann dies nur unter großen Schwierigkeiten. Das Heiratsalter liegt derzeit bei 18 Jahren, doch eine Ausnahme besagt, dass im Falle eines persönlichen Vorteils, beispielsweise finanzielle Versorgung, ein Mädchen bereits mit 15 Jahren verheiratet werden darf. Grundsätzlich kann eine Frau gegen ihren Willen verheiratet werden, denn sie braucht einen männlichen Vormund, der den Heiratsvertrag unterzeichnet. Doch dies sind leider nicht die einzigen gesetzlichen Benachteiligungen. Ein Vergewaltiger beispielsweise muss für seine Tat nicht zur Rechenschaft gezogen werden, sofern er die Frau danach heiratet und mindestens fünf Jahre mit ihr verheiratet bleibt. Der Frau steht in solchen Fällen das Recht zu, diese Heirat zu verweigern, jedoch ist der Druck der Familie und der Gesellschaft so hoch, dass Frauen oftmals  keinen anderen Ausweg sehen, als diese Eheschließung unterwürfig zu akzeptieren. Die Frau repräsentiert in der Familie die Ehre. Frauen, die außerehelichen Verkehr mit Männern haben, werden unter Strafe gestellt und sind zudem in der Gesellschaft äußerst verpönt. Da die sogenannte Familienehre als beschmutzt betrachtet wird, werden Frauen häufig zusätzlich von ihren eigenen Familienmitgliedern bedroht. Um die Familienehre aufrecht zu halten, werden Frauen nicht selten von ihren eigenen Familienmitgliedern ermordet. Da es in Jordanien keinerlei Schutzhäuser für bedrohte Frauen gibt, sehen sie sich oftmals gezwungen für längere Zeit ins Gefängnis gehen zu müssen, denn das Gefängnis stellt die einzige administrative Obhut dar. Von einer freiwilligen Entscheidung ins Gefängnis zu gehen kann hier jedoch nicht die Rede sein!

Jeden Montag besuchen die Mitarbeiter von SIGI die Frauen im Gefängnis, beraten diese und bieten ihnen psychische Unterstützung. Weitere wesentliche Aufgaben von SIGI bestehen darin, die Gesellschaft - insbesondere Frauen - über ihre Rechte aufzuklären und ein politisches Bewusstsein zu schaffen. Dies geschieht in Seminaren und Trainingsprojekten. Finanziert wird die Organisation lediglich durch Gelder aus dem Ausland. Unterstützung von Seiten der jordanischen Regierung fällt bis dato aus. Dies wird vor allem im direkten Vergleich sichtbar: So bewohnt beispielsweise Generations for Peace (GFP), eine Organisation, die von Prinz Feisal Al Hussein gegründet wurde und Sport als friedenssicherndes Mittel nutzt, ein hochklimatisiertes und von Sicherheitsleuten umgebenes Areal, wohingegen SIGI ihren Sitz in einem kleinen Büro im 4. Stock eines großen Einkaufgebäudes hat, indem es nicht einmal einen funktionierenden Wasserhahn gibt. Prinzessin Basma Bint Talal bringt sich zwar selbst in die Arbeit und Projekte von SIGI ein, dies unterstreicht jedoch nur die Monopolisierung der zivilgesellschaftlichen Arbeit in Jordanien durch das Königshaus. Dieses unterstützt zwar ausgewählte Organisationen und rühmt somit seinen Ruf, allerdings halten auf diese Weise Regierung und Politik stets die Fäden in der Hand und können den Geldhahn jederzeit regulieren oder sogar zudrehen.

Mich beschleicht im Laufe meiner Reise das Gefühl, als würden alle einen Bogen um das Thema Frauenrechte machen; von Homosexualität ganz zu schweigen. Eine jordanische Teilnehmerin berichtet mir: "Die Leute tun hier so, als existiere keine Homosexualität. Aus diesem Grund wird diese Angelegenheit nicht einmal thematisiert. Als Homosexuelle/r hast du zwei Möglichkeiten: Entweder du versteckst dich oder du wanderst aus."

Auch Gewalt an Frauen ist ein Thema, das totgeschwiegen wird. Demnach liegen für Gewalttaten und sogenannte "Ehren"-Morde an Frauen nur Dunkelziffern vor. Ca. 30 "Ehren"-Morde werden jährlich in Jordanien von der Justizreporterin Rana Husseini dokumentiert. Vor zehn Jahren wurden diese Verbrechen noch nicht einmal unter Strafe gestellt. Mittlerweile werden Schuldige im Schnitt mit sieben Jahren Haft geahndet. Dennoch bin ich schockiert, als ich höre, dass ein "Ehren"-Mörder in manchen Fällen nur sechs Monate Gefängnisstrafe erhält, wohingegen ein Mörder in der Regel zu bis zu 15 Jahren Haft verurteilt wird.

Leider bleibt keine Zeit für weitere Gespräche und ich erhalte nur einen oberflächlichen Eindruck über die tatsächliche Situation von Frauen in Jordanien. Was übrig bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack aufgrund des mangelnden Rechtsstatus des weiblichen Geschlechts, den ich mit mir zurück nach Deutschland trage.

Meiner Ansicht nach müssen dringend Schutzeinrichtungen für gefährdete Frauen eingerichtet werden. Zudem müssen die Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft öffentlich diskutiert und debattiert werden, denn neben dem bislang international ausgeübten Druck muss auch innerhalb der jordanischen Gesellschaft ein grundlegendes Bewusstsein und Bedürfnis nach Gleichberechtigung entstehen. Frauen müssen außerdem in erster Linie von den Männern ihres Landes als vollwertige Mitglieder anerkannt und von der Regierung unterstützt werden - denn es scheint als würde die jordanische Gesellschaft einen Bestandteil seiner Gesetze nicht als Frauendiskriminierung, sondern vielmehr als Element ihrer kulturellen Identität betrachten.