Interview mit Taslima Nasrin am 30. Juni auf der Konferenz „Empowering Women Through Secularism 2013“ in Dublin

Taslima Nasrin in Dublin. Foto: © Mary Devery; TERRE DES FEMMESTaslima Nasrin in Dublin.
Foto: © Mary Devery; TERRE DES FEMMES
Vom 29. bis 30. Juni 2013 fand in Dublin die Konferenz „Empowering Women Through Secularism“ statt. Organisiert wurde diese von „Atheist Ireland“. Die Schwerpunktthemen der Konferenz waren Gesetze zur Fortpflanzung (insbesondere das Irische Abtreibungsverbot), säkulare Werte in der Gesellschaft, die Trennung von Kirche und Staat, Menschenreche sowie politische Protestaktionen und Kampagnen. Im Speziellen ging es um die Erörterung von Fragestellungen „inwiefern religiöse Gesetze Frauen diskriminieren“ oder „inwieweit Säkularismus die Gleichberechtigung von Frauen voranbringt“.

Taslima Nasrin berichtete in ihrer Abschlussrede über die Situtation von Frauen in Bangladesch, wo Steinigungen von Frauen legal sind und es gesetzliche Bestimmungen über die Größe der verwendeten Steine gibt. Taslima Nasrin betonte, dass Menschenrechte religiösen und kulturellen Traditionen übergeordnet sein müssen.

Mary Devery, Mitfrau und ehemaliges Vorstandsmitglied von TERRE DES FEMMES, ist es gelungen ein Gespräch mit Taslima Nasrin zu führen. Das Verhältnis von Religion und Staat, die Auswirkungen von Religion auf patriarchale Gesellschaftsverhältnisse, die Situation für Frauen insbesondere in Indien sowie die persönliche Situation von Taslima Nasrin als Frauenrechtlerin in Bangladesch – dies waren die Themen des Interviews.

Taslima Nasrin ist eine mutige Feministin und Menschenrechtsaktivistin: sie hat die Courage, Religionssysteme offen als Bestandteile patriarchaler Gesellschaftsstrukturen zu kritisieren und setzt sich darum für eine Säkularisierung von Staat und Gesellschaft ein. Mit solchen Statements hat sie  schon mehrfach ihr Leben riskiert. Von ihrem Geburtsland Bangladesch wurde die Schriftstellerin ins Exil verwiesen.

Auch bei TERRE DES FEMMES wird das Thema Religion oft debattiert. Gerade in letzter Zeit haben internationale Besucherinnen aus Indien und Pakistan immer wieder auf Religion als Hauptursache für die extrem patriarchalen Strukturen und Diskriminierung von Frauen hingewiesen.

Mit großem Interesse haben wir die Ergebnisse der Konferenz „Empowering Women Through Secularism 2013“ aufgenommen.

Auf der Webseite von Atheist Ireland sind Videos aller Redebeiträge veröffentlicht und auf der Webseite der Konferenz sind weitere Informationen zu finden.

Das Interview

Taslima-Nasrin-Mary-DeveryTaslima Nasrin im Gespräch mit Mary Devery.
Foto: © TERRE DES FEMMES
MD: Frau Nasrin, Sie sind in Dublin, um an der Konferenz "Empowering Women Through Secularism 2013" (Ermächtigung von Frauen über Säkularisierung) mitzuwirken. Bangladesch mussten sie verlassen, weil sie von islamischen Extremisten Todesdrohungen bekommen haben. Wo wohnen Sie zurzeit? Sind Sie noch im Exil?

TN: Ja. Ich wohne zurzeit in Indien. In Bangladesch gibt es drei Fatwas1 gegen mich. Es gibt auch in Indien sogar 5 Fatwas gegen mich.

MD: Und trotzdem wohnen Sie dort?

TN: Ja. In Indien fühle ich mich sicherer. Die Sicherheitslage dort ist einfach besser.

MD: Warum wurden Fatwas gegen Sie ausgesprochen?

TN: Weil ich gesagt habe: "Religion ist nicht gut für Frauen" und "Der Staat und die Gesellschaft müssen säkularisiert werden".

MD: Wie beurteilen Sie die Lage der Frauen in Bangladesch und Indien zurzeit? Hat es auch dort einen Backlash (Rückschlag) gegen die Frauenbewegung gegeben wie in Europa?

TN: Die Lage der Frauen in beiden Ländern ist wirklich nicht gut. Beide Länder sind sehr patriarchalisch und sehr frauenfeindlich. Frauen werden als Menschen zweiter Klasse behandelt. Es gibt keine starke säkulare, feministische Bewegung. Aber einen Backlash hat es nicht gegeben. Denn ein Backlash kann nur dort stattfinden, wo auch Fortschritte erzielt worden sind und das ist dort nicht der Fall. In Bangladesch und Pakistan ist der Fundamentalismus auf dem Vormarsch. Frauenrechte bedrohen das System. Daher ist es nicht erwünscht, dass Frauen ihre Stimme erheben.

MD: Nach der Vergewaltigung und  dem Tod einer 23-jährigen indischen Studentin durch mehrere Männer vor einigen Monaten in Indien, gab es eine große Protestwelle in Indien, wo viele Menschen auf die Straßen gingen, um gegen Gewalt an Frauen zu protestieren. Auch Männer haben protestiert. Gibt es die Bewegung noch oder ist sie schon verschwunden?

TN: Leider ist die Bewegung schon wieder abgeebbt. Das Problem in Indien ist, dass es keine richtige Frauenbewegung gibt. Wie ich sagte, die Gesellschaft ist sehr patriarchalisch und sehr misogyn (frauenfeindlich) Frauen leiden unter unglaublichen Ungerechtigkeiten. Außerdem sind Frauen sich ihrer Rechte nicht bewusst. Sie werden als Kinder-Gebärmaschinen behandelt. Viele der Errungenschaften für Frauen in Indien wurden durch die Kolonialmacht eingeführt. Männer haben für das Bildungsrecht der Frauen gekämpft, nicht die Frauen. Frauen in Indien werden sehr stark unterdrückt. Es waren auch die Engländer, die die alte Tradition der Sati, wo die Witwe sich auf dem brennenden Scheiterhaufen ihres verstorbenen Mannes legen musste, abgeschafft haben. Es war nicht die Errungenschaft einer indischen Frauenbewegung.
Einmal gab es einen "Slutwalk". Neulich gab es sogar eine säkulare Bewegung, die Shabag Bewegung, aber leider wurden einige der Aktivisten ermordet und die Polizei hat dafür gesorgt, dass die Bewegung ein Ende nahm.

MD: Warum ist es so schwer für Frauen in Indien sich zu erheben? Haben sie keine Rechte unter der Verfassung?

TN: Doch, sie sind unter der Verfassung gleichberechtigt, aber die Hindugesetze verleihen den Frauen keine Rechte. Die Opfer der Islamischen Gesetzgebung sind auch Frauen. Gewalt gegen Frauen ist alltäglich in Indien. Vergewaltigungen finden täglich statt, sogar von Kindern. Es ist nur ein paar Tage her, da wurde ein kleines 4-jähriges Mädchen verschleppt, vergewaltigt und mit einer Flasche missbraucht. Sie wurde auch so schwer verletzt, dass sie starb. Das ist Alltag in Indien. Proteste dagegen sind leider relativ rar.

MD: Wenn wir im Westen von den allgemeinen Menschenrechten reden, wird uns oft vorgeworfen, die Menschenrechte seien nur eine westliche Erfindung. Was können wir dagegen vorbringen?

TN: Es stimmt nicht, dass die Menschenrechte eine westliche Erfindung sind. Wer die Geschichte von Indien und China kennt, weiß, dass es in beiden Ländern Philosophen gab, die ähnliche Einstellungen hatten z.B., dass wir Menschen anderen Menschen nur das antun sollten, was wir für uns selbst wünschen würden. Der Islam ist nicht kompatibel mit den Menschenrechten, weil der Islam Frauen als minderwertig behandelt - es heißt "Frauen sind Eure Äcker...". Viele Menschen sehen die Unterdrückung von Frauen nicht als Folter an, sondern einfach als Tradition.

MD: Eine andere Kritik, die wir Frauenrechtlerinnen oft hören ist der Vorwurf, dass wer den Islam kritisiert, rassistisch ist. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

TN: Der Islam ist keine Rasse, sondern eine Religion. Solche Vorwürfe hört man nicht in Indien. Es gibt viele säkulare Menschen, die versuchen die Rechte der Muslime in Indien zu verteidigen, weil sie dort eine Minderheit sind, auch wenn sie mit 250 Millionen Menschen eine große Minderheit sind. Muslime machen 20% der Bevölkerung in Indien aus. Aber ich bin der Meinung, kein Gesetz (der Welt) sollte auf religiösem Recht basieren sein.

MD: Was halten Sie von dem Arabischen Frühling? Hat er die Lage der Frauen in Ihren Augen verbessert, wie einige behaupten, oder hat es eher zu einer Verschlechterung der Lage der Frauen geführt?

TN: Leider hat der Arabische Frühling dazu geführt, dass die islamischen Fundamentalisten an die Macht gekommen sind. Dadurch ist die Lage der Frauen viel schlimmer als unter säkularen Diktatoren wie Saddam Hussein oder anderen. Saddam Hussein war zwar korrupt und ein Monster, aber wenigstens durften die Frauen arbeiten und sich an den Universitäten bilden lassen. Das gilt auch für die Frauen in Ägypten.

MD: Was ist jetzt das wichtigste für Frauen global gesehen? Was sollen sie machen? Wie sollen sie ihren Kampf für gleiche Rechte führen?

TN: Das kann ich natürlich nicht pauschal beantworten, weil der Kampf der Frauen von Land zu Land unterschiedlich ist. Die Frauen in den jeweiligen Ländern müssen für sich nach ihren Möglichkeiten entscheiden, wie sie sich organisieren wollen und können, und wo sie den Schwerpunkt legen, weil die Bedingungen überall anders sind.

MD: Wie können wir ihnen dabei helfen?

TN:  Von außen können wir nur versuchen zu helfen, indem wir aufzeigen, wie sehr sie unterdrückt werden. Ich helfe durch meine schriftstellerische Tätigkeit. Ich habe viele Bücher dazu geschrieben und aufgezeigt wie sehr sie unterdrückt werden und wie viel sie leiden müssen. Aber Demonstrationen sind auch eine Möglichkeit des Protests und heutzutage werden oft die social media eingesetzt – wie z.B. als Unterstützung der jungen Frau in Saudi Arabien, die für das Recht der Frauen, Auto fahren zu dürfen, mit einem öffentlichen Protestfahren, auf sich aufmerksam machte.

MD: Vielen Dank für das Interview.

 

Tipp: Artikel zur Shabag-Bewegung (englisch).


Auswahl deutscher Bücher von Taslima Nasrin:

  • Scham. Lajja (1995, Hoffmann und Campe) – Ein dokumentarischer Roman, der den Leidensweg einer hinduistischen Familie schildert. Dieses Buches wegen wurde Taslima Nasrin von islamischen Fundamentalisten zum Tode verurteilt und schließlich, wie ihre Romanfiguren, aus ihrer Heimat Bangladesch vertrieben.
  • Lied einer traurigen Nacht. Frauen zwischen Religion und Emanzipation. (1999, Hoffmann und Campe) - Es gelingt der Autorin, den Kampf verzweifelter Existenzen um ein menschenwürdiges Leben in einem fernen Land ganz konkret darzustellen und zu unser aller Anliegen zu machen.
  • Das Mädchen, das ich war. Die Autobiografie einer Kindheit. (2000, Rowohlt) – Eine Kindheit im Islam - Taslima Nasrins lebendige Erzählung führt ihre Leser in eine fremde Welt, die bis heute fortbesteht, bevölkert von bösen Geistern, brutalen Patriarchen und gottesfürchtigen Frauen.

 

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1 Eine Fatwa ist ein mit dem islamischen Recht begründeter Schiedsspruch od. Erlass (vgl. Bundeszentrale für Politische Bildung)