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In regelmäßigen Abständen finden Sie an dieser Stelle eine Auswahl unserer Neuanschaffungen.

Viel Spaß beim Schmökern!

Neuanschaffungen 2017

Anna Kaminsky
Frauen in der DDRCover Kaminsky Frauen in der DDR

Das Prinzip der Gleichberechtigung sei für die Frauen der DDR bereits Realität gewesen, ganz anders als für die Frauen im Westen. Diese Meinung über das Leben ostdeutscher Frauen hält sich hartnäckig. Doch Anna Kaminsky zeichnet in ihrem Buch ein anderes Bild weiblicher Lebensrealitäten in der DDR.

Gleichberechtigung hieß dort vor allem, dass die Frauen, genau wie die Männer, mehrheitlich Vollzeit arbeiteten. Das Ergreifen von Männerberufen war erwünscht.
Dies befreite die Frauen jedoch nicht von den notwendigen Aufgaben der Alltagsorganisation, wie die Bewältigung von Hausarbeit und die Versorgung der Kinder. Die Leitbilder von Politik und Gesellschaft sahen vor, dass sich alle Lebensbereiche der Arbeit unterzuordnen hatten. An Frauen wurde dementsprechend der Anspruch gestellt, einer Erwerbstätigkeit in Vollzeit nachzugehen und gleichzeitig mehrere Kinder großzuziehen. Die Gleichberechtigung scheiterte deshalb oft schon an den Belastungen des Alltags.

Das Argument, in der DDR habe es doch die Möglichkeit gegeben, Kinder in Krippen und Kindergärten unterzubringen, entkräftet die Autorin durch Beispiele. So führt sie z.B. die langen Wegezeiten zu den Kinderbetreuungsplätzen an, macht darauf aufmerksam, dass nach dem Abholen der Kinder auch noch Einkäufe erledigt werden mussten, die aufgrund der Mangelwirtschaft oft zeitaufwändig waren. So blieb die Doppelbelastung der Frauen, trotz der Möglichkeit die Kinder unterzubringen, hoch.

Insgesamt wurde die Frage der Gleichberechtigung in der DDR auf die Aspekte der Frauenarbeit reduziert. Gleichberechtigte Teilhabe an Politik und Gesellschaft waren niemals Teil des Konzepts. Dieses war ohnehin paternalistisch, weil es Männer waren, die über das Wohl von Frauen entschieden. Nur wenigen Frauen gelang es höhere berufliche Positionen in den Bereichen Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft zu erreichen.

Anna Kaminsky schreibt sachlich und verständlich über das Leben von Frauen in der DDR und greift dabei viele unterschiedliche Aspekte auf. Diese illustriert sie mit Fotos und Auszügen aus Dokumenten der Zeit. So regt sie die LeserInnen dazu an, sich eingehender mit dem Leben ostdeutscher Frauen zu beschäftigen.

Besprechung Johanna Priebs

Ch. Links Verlag, Berlin 2016. 317 Seiten. 25 €

 

Nujeen Mustafa
Mit Christina Lamb
Nujeen - Flucht in die Freiheit
Im Rollstuhl von Aleppo nach DeutschlandCover Nujeen - Flucht in die Freiheit

Die 16-jährige Nujeen ist seit ihrer Geburt auf den Rollstuhl angewiesen, kann die Schule nicht besuchen. Das Lesen und Schreiben auf Arabisch lernt sie von ihrer Schwester. Englisch, bringt sie sich bei, indem sie Fernsehserien schaut und mit einem ihrer Brüder, der die Sprache ebenfalls beherrscht, weiter übt.

Als der IS Aleppo bedrohlich nahe rückt, kehrt sie mit zwei Schwestern, Cousins und Cousinen ihrer Heimat den Rücken zu.

„Ich sah das Meer zum ersten Mal, wie es überhaupt das erste Mal für alles war – die Reise im Flugzeug und im Zug, der Abschied von meinen Eltern, den Aufenthalt im Hotel und jetzt die Fahrt im Boot! In Aleppo hatte ich kaum je die Wohnung im fünften Stock verlassen“.

Eine unwegsame Odyssee führt sie quer durch die Türkei, mit einem überfüllten Schlauchboot gelingt es ihnen, an der griechischen Insel Lesbos anzulegen. Hier trennen sich die Wege der Familienmitglieder:

Nujeen und ihre Schwester Nasrine versuchen tagelang vergeblich Flugtickets nach Deutschland zu bekommen, schließlich müssen sie ihre Reise mit dem Rollstuhl über Land fortsetzen. Immer wieder muss Nujeen von Nasrine geschoben werden.

An der ungarischen Grenze geht die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Flüchtenden vor. Nujeens Traum von Europa erhält Risse. In Slowenien müssen sie sogar für zwei Tage ins Gefängnis. Ihre Angst wächst. Über Österreich gelangen sie doch noch nach Deutschland. In Köln sehen sie dann ihre Familie wieder.

Heute lebt Nujeen dort mit ihrer Familie in einer kleinen rollstuhlgerechten Wohnung und besucht eine Schule für Menschen mit körperlichen Behinderungen in Bonn. Und Nujeen hat immer noch viel vor. Als nächstes möchte sie Physik studieren.

Nujeen Mustafa nimmt uns in ihrem Buch mit auf ihre riskante Reise, sie lässt uns an ihren Träumen teilnehmen, sie denkt aber auch über Baschar al-Assad, Victor Orbán und Angela Merkel nach.
Ihr ist es wichtig, dass Flüchtende nicht wie Zahlen, sondern wie Menschen behandelt werden. Mit ihrem Buch trägt sie dazu bei.

HarperCollins, Hamburg 2016. 299 Seiten. 18 €

 

Nicola Müller; Isabel Rohner (Hrsg.)
Hedwig Dohm
Feuilletons 1877-19032016 Dohm

Sie gilt vielen als eine der scharfsinnigsten und witzigsten Frauenrechtlerinnen der letzten hundert Jahre und auch heute noch als moderne Denkerin. Die in dem vorliegenden Buch, zum ersten Mal in dieser Form, vereinten Artikel liefern dafür den schlagenden Beweis.

Humorvoll, aber immer durchdacht, kritisiert Dohm darin bestehende patriarchale Strukturen in der Gesellschaft, die einer Gleichberechtigung der Geschlechter im Wege stehen. Hedwig Folgerichtig setzt sie sich für gleiche Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten beider Geschlechter ein und forderte das Frauenstimmrecht.
Schon damals vertrat sie die Meinung, dass geschlechtsspezifische Verhaltensweisen kulturell geprägt und nicht biologisch vorherbestimmt sind.

Hedwig Dohm beschäftigte sich auch mit antifeministischen Texten zeitgenössischer Autoren, die sie gekonnt auseinander nimmt. Ihre Kritik gewinnt dadurch an Gewicht, dass sie konkrete Thesen aus den Texten der Autoren herausgreift, sie einander gegenüberstellt und aufzeigt, wie widersprüchlich sie sind. Ein gutes Beispiel für dieses Vorgehen bietet ihr Artikel „Nietzsche und die Frauen“ aus dem Jahr 1898. Hier rechnet sie mit seinen Aussagen über „das Weib an sich“ ab und verwendet am Ende seinen eigenen Text geschickt gegen ihn. So schreibt sie: „Du mein größter Dichter des Jahrhunderts, warum schriebst du über die Frauen so jenseits von Gut? (...). Ach ich weiß es ja: Auch große Geister haben nur ihre fünffingerbreite Erfahrung. Gleich daneben hört ihr Nachdenken auf, und es beginnt ihr unendlicher leerer Raum und ihre Dummheit.“

Dohm greift in ihren Texten immer wieder Frauenrechtsthemen auf, die auch heute noch diskutiert werden. So könnte auch ihr Artikel „Sind Berufstätigkeit und Mutterpflichten vereinbar“ aus dem Jahr 1900 einer aktuellen Debatte entstammen. Mütterlichkeit, so Dohm, könne nicht das Einzige sein, auf das sich der Daseinszweck von Frauen konzentriere. Denn ihr Leben erstrecke sich weit über die Grenze der Zeit hinaus, in der das Kind ihrer Fürsorge bedürfe.

Schließlich macht die Sprachgewandtheit der Autorin das Buch besonders lesenswert, ebenso die Tatsache, dass ihre Themen trotz des dazwischenliegenden Jahrhunderts immer noch relevant sind.

Besprechung: Johanna Priebs

Trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, Berlin, 2016. 296 Seiten. 24,80 €

 

Francesca Sanna
Die Flucht2016 Sanna Die Flucht

Bei ihrem Besuch in einem italienischen Flüchtlingszentrum traf Francesca Sanna 2014 viele Personen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Erde, die alle eins gemeinsam hatten: sie waren geflohen. Die junge Illustratorin war tief beeindruckt von der Stärke und der Entschlossenheit, die sie alle auf ihrem Weg nach Europa bewiesen hatten. Sie beschloss, diesen mutigen Menschen ein Kinderbuch zu widmen.

Unter dem Titel „Die Flucht“ ist dieses Buch nun seit Juli in deutschen Buchläden erhältlich. Sanna erzählt darin die Geschichte einer Familie, die in ihrem Heimatland vom Krieg überrascht wird. Der Vater stirbt und die Mutter beschließt, sich mit ihren beiden Kindern auf den Weg in eine neue, sichere Heimat zu machen. Die beiden Geschwister kennen das Ziel nicht, sie wissen nur, dass sie dort viele Berge und fremde Städte erwarten. Vor allem aber hoffen sie, dort keine Angst mehr haben zu müssen. Auf ihrer Reise muss die Familie viele Grenzen überqueren - mal zu Fuß, mal im Laderaum eines Transporters und einmal sogar in einem kleinen Boot mit sehr vielen anderen Menschen.

Die Autorin hat im Vorfeld mit vielen Geflüchteten gesprochen und die verschiedenen Geschichten schließlich in ihrem Buch verarbeitet. Ihre liebevoll gestalteten Illustrationen und die kurzen, eingängigen Textpassagen bieten einen neuen, spannenden Blick auf das Thema. Sie zeigen, wie Kinder solche Ausnahmesituationen wahrnehmen und verarbeiten können. So erscheint der Krieg nicht etwa in Form von Soldaten, sondern als Dunkelheit, die nach allem greift, was bunt, friedlich und glücklich ist. Die Grenzwächter werden in den Geschichten der Kinder zu angsteinflößenden Riesen, das Meer zur Heimat von Ungeheuern, die ihr Boot zum Kentern bringen wollen und ihr Ziel zum Land von Feen, mit deren Hilfe sie den Krieg wegzaubern werden.

Das Bilderbuch, für das Francesca Sanna mit der Gold-Medaille der Society of Illustrators New York ausgezeichnet wurde, gibt uns einen Einblick in den Alltag der Geflüchteten auf ihrer beschwerlichen Odyssee nach Europa. Vor allem macht es deutlich, wie wichtig es ist, diesen Menschen respektvoll und einfühlsam zu begegnen.

NordSüd Verlag, Zürich 2016, 48 Seiten, 17.99€.

 

 

 

 

 

 

 

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