Huschke Mau: Entmenschlicht

Warum wir Prostitution abschaffen müssen

Edel Books, Hamburg, 2. Auflage 2022, 430 Seiten, 19,95 €2022 Mau Entmenschlicht

Huschke Mau berichtet in ihrem Buch „Entmenschlicht“ von ihrem persönlichen Weg in das Rotlichtmilieu und wie sie es wieder heraus schaffte. Dabei nutzt sie umfangreich recherchierte Daten und Fakten, um aufzuzeigen wie das System Prostitution funktioniert und warum sie sich für die prostituierten Frauen und die Einführung des nordischen Modells in Deutschland einsetzt.

Bereits als Kind erlebt Mau extreme Gewalt durch ihren Stiefvater, erlebt, wie die Menschen um sie herum weg schauen, statt zu helfen. Als hilflose Minderjährige bekommt sie vermittelt, selbst das Problem zu sein und beginnt die Wut und Enttäuschung mit selbstverletzendem Verhalten gegen ihren Körper zu richten. Mit 17 gelingt es ihr aus dem Elternhaus in eine Mädchenunterkunft zu fliehen. Doch auch hier versagt das Sozialsystem. Mau bewältigt zwar das Abitur, aber die Finanzierung ihres Studiums erweist sich als schwierig. Ihre Eltern weigern sich Auskunft für das Bafög-Amt zu geben und die junge Frau rutscht mittellos und ohne Unterstützung in die Prostitution. Ein Polizist, den sie über eine Zeitungsanzeige kennen lernt, sorgt für ihren Einstieg. Damit durchlebt sie all die, auch durch Studien bestätigten, typischen Stationen für den Weg in die Prostitution: Gewalterfahrungen in der Kindheit, die Abwertungserfahrung als Frau, Armut; selbst der „Einstiegshelfer“ fehlt nicht.

In ihrem Buch gewährt Huschke Mau uns Einblicke in ihre Erlebnisse als Prostituierte und schildert die Gewalt und Abwertung, die sie und all die anderen Frauen durch Freier und Zuhälter erfahren. Sie analysiert aber auch die Gründe, die die Betroffenen in dem System halten: „Für viele Frauen, die Missbrauch erlebt haben und zusätzlich wissen, was Armut ist, kann sich Prostitution anfangs anfühlen wie eine Selbstermächtigung. Denn statt zu warten, nimmt man sein Schicksal selbst in die Hand. Man handelt, man ist nicht ausgeliefert, so die Annahme. Dass die Handlung darin besteht, sich selbst auszuliefern, merkt man zunächst nicht.“Gefühle von Schuld und Scham verhindern das Erkennen des Unrechts, das diesen Menschen widerfährt und lässt sie in dem Glauben sich „freiwillig“ zu prostituieren. Auch Mau hätte früher von sich gesagt, aus eigenem Willen tätig zu sein. Dass sie nach deutschen Gesetzen selbst Opfer von Menschenhandel wurde, weil ihr Zuhälter ihre Notlage ausnutzte und sie als unter 21-jährige in die Prostitution dirigierte, erfuhr sie erst viele Jahre später.

Mau deckt auf, wer eigentlich vom System Prostitution profitiert: die Bordellbesitzer, Zuhälter und Freier. „Freier sind die Männer, für die das System Prostitution existiert. Sie begründen die Nachfrage.“
Mit Hilfe von Studien, Einblicken in ihre eigenen Erfahrungen und Zitaten aus Freierforen entkräftet sie die herrschenden verharmlosenden Mythen rund um die Beweggründe von Sexkauf. Die Freier entmenschlichen die Frauen in der Prostitution und behandeln sie wie Objekte, die man sich für einen gewissen Zeitraum mieten kann, und die den eigenen Vorstellungen entsprechend zu funktionieren haben. Dabei versuchen sie möglichst viel für möglichst wenig Geld zu bekommen oder gehen sogar soweit sich als „Retter“ zu inszenieren – laut Mau nur ein Versuch sich eine „kostenlose Privatprostituierte zuzulegen“.

Welch enorme Gewalt, Grenzüberschreitungen und Erniedrigungen die Welt der Prostitution beherrschen, wird in diesem Buch ausführlich dargestellt und belegt. Dabei macht Huschke Mau deutlich, dass gewaltvolle Praktiken aus Pornos nachgespielt, Gesetze wie die Kondompflicht missachtet und die Zwangsverhältnisse in Bezug auf Zuhälter und/oder BordellbesitzerInnen bewusst ausgenutzt werden.

Die Betroffenen müssen oft Drogen nehmen, um ihre Situation weiter aushalten zu können. Mau berichtet, wie sie in finanzielle Abhängigkeitsverhältnisse gebracht und ein Ausstieg damit erschwert wurde.

Der ausführliche Teil des Buches über Morde durch Freier, Zuhälter und Menschenhändler zeigt zusätzlich, dass wir es hier nicht mit einem „Job wie jeder andere“ zu tun haben.
Dass Mau am Ende ihres Buches das Nordische Modell erläutert und dessen Einführung in Deutschland fordert, verwundert nicht.

Unser Fazit: Ein eingängiges, aufwühlendes Buch aus Perspektive einer Betroffenen, die aufklären und die Situation in Deutschland verändern will. Mit „Entmenschlicht“ legt Huschke Mau einen wichtigen Stein für den Weg zu einer breiten Diskussion um Prostitution in Deutschland. Viele Fakten werden hier mit der persönlichen Erfahrung verwoben und nachvollziehbar analysiert.