Geflüchtete Frauen – für TERRE DES FEMMES Einzelschicksale, aber keine Privatsache. Von Beginn an.

Ein 14-jähriges Mädchen bekommt von ihrem 17-jährigen Onkel ein Kind. Die Familie versucht, es zu töten, um die Familienehre zu retten. Die Behörden, die davon erfahren, bringen es in ein „Heim für Deliquentinnen“, das Baby in ein Kinderheim. Einige Monate später wird das Mädchen mit einem 70-Jährigen verheiratet.

Sein Schicksal ist eines von vielen, das die Organisation Sentinelles 1981, basierend auf Zeugenaussagen, in einem Band zusammengetragen hatte: Mädchen und Frauen, die aus Sicht der Gesellschaft die Familienehre in Verruf gebracht hatten und dafür all zu oft mit ihrem Leben bezahlen mussten. Die in Lausanne ansässige Organisation hatte die Dokumentation der Fälle unter dem Titel „Princesses Mortes“ dem UN-Hochkommissar für Flüchtlinge überreicht, um ihre Forderung nach einem Flüchtlingsstatus für Mädchen und Frauen zu untermauern. Die UN erteilte ihrer Forderung eine Absage.

Es war ein Artikel über die „Toten Prinzessinnen“ in der Zeitschrift Brigitte, der die Journalistin Ingrid Staehle dazu bringen sollte, einen Frauenrechtsverein zu gründen. Im Oktober 1981 wurde TERRE DES FEMMES (TDF) aus der Taufe gehoben.

In seiner Satzung wurde die Anerkennung geschlechtsspezifischer Verfolgung als Asylgrund als politische Hauptforderung verankert.

Hauptforderung: Anerkennung frauenspespezifischer Fluchtgründe   

Menschen, die wegen ihrer politischen Haltung oder ihrer Religion in ihrem Heimatland Repressionen zu befürchten hatten, konnten sich in ihrem Asylantrag auf die Genfer Flüchtlingskonvention berufen. Frauen, die im Namen der Ehre, im Namen der Tradition von der Familie oder von der Gesellschaft bedroht wurden, blieben ihrem „privaten“ Schicksal überlassen.

Als „konkrete Solidarität mit diesen Frauen“ brachte TDF 1987 eine Übersetzung der Sentinelles-Publikation heraus. In der Ankündigung des Buches heißt es: „Noch immer verhalten sich die zuständigen, gesetzgebenden Instanzen still, wenn es um die Rechte von Frauen geht, noch immer haben diese vom Tod bedrohten Frauen keinen Anspruch auf Asyl.“

Bis zur Anerkennung frauenspezifischer Fluchtgründe in Deutschland - im Januar 2005 trat ein entsprechendes Zuwanderungsgesetz in Kraft - wurde TDF nicht müde, ihrer Forderung durch regelmäßige Aktionen Gehör zu verschaffen und die Dringlichkeit des Themas publik zu machen.

Lobbyarbeit für Frauen auf der Flucht

Bereits 1982 initiierte der noch junge Verein eine Unterschriftenaktion an das Europäische Parlament, mit welcher der entscheidende Passus der Genfer Konvention, in dem der Begriff ‚Flüchtling‘ und die Gründe seiner Schutzwürdigkeit festgelegt wurden, um die Kategorie ‚Geschlecht‘ erweitert werden sollte.  

Vom 4.-6. März 1994 wurde in Bonn gemeinsam mit dem Gustav-Stresemann-Institut und dem 3. Welt-Haus Bielefeld eine Tagung organisiert. Auf der Agenda standen die europäische und deutsche Flüchtlingspolitik, die Fluchtgründe für Frauen aus unterschiedlichen Regionen (z.B. aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Iran, aus Kurdistan, oder aus Ostafrika), aber auch die Bedingungen geflüchteter Frauen – etwa in Sammelunterkünften oder in Abschiebehaft – wurden kritisch beleuchtet.   

Die Juristin und langjährige TDF-Frau Regina Kalthegener prangerte die deutsche Flüchtlingspolitik in der Ausgabe 1/2001 der TDF-Zeitschrift an: „Frauenspezifische Gründe führen in Deutschland selten zur Asylanerkennung. Denn als politische Verfolgung im Sinne des Art. 16a Grundgesetz wird nur staatliche Verfolgung anerkannt. (….) Obwohl seit über zehn Jahren neben Nichtregierungsorganisationen wie TERRE DES FEMMES auch Politikerinnen und Politiker parteiübergreifend eine Anerkennung frauenspezifischer Fluchtursachen als Asylgründe, auch bei nichtstaatlicher Verfolgung, fordern, (…) kam es zu keiner entscheidenden Änderung des Asylrechts.“

Auch auf dem Kongress zum 20-jährigen Bestehen von TDF im Oktober 2001 wurde dem Thema ein eigenes Forum, an dem auch die afghanische Frauenrechtlerin Sima Samar teilnahm, gewidmet. Zeitnah startete TDF eine bundesweite Unterschriftenkampagne, um geflüchteten Frauen das Recht auf Asyl in Deutschland zu garantieren. 10.992 Unterschriften konnten am 23. Januar 2002 von TDF-Frauen dem Bundesinnenministerium übergeben werden.

Gewalt im Namen der Ehre - ein komplexes Arbeitsfeld

Dass für die deutsche Ausgabe der „Princesses mortes“ der Titel „Tod als Ehrensache – Frauenschicksale“ gewählt wurde, zeugt von der Bedeutung, die der traditionsbedingten Gewalt in patriarchalen Gesellschaften bereits damals im Verein eingeräumt wurde. Spätestens seit der Jahreskampagne „Stoppt Zwangsheirat“, die am 25. November 2002 eingeläutet wurde, ist das Thema „Gewalt im Namen der Ehre“ aus unserer Arbeit nicht mehr wegzudenken. Das kompetente und insistente Engagement lässt sich nicht nur an unseren Publikationen, Kampagnen, Projekten und Websites (zwangsheirat.de und stopchildmarriage.de) ablesen, es hat auch auf dem politischen Parkett Früchte getragen. So wird Zwangsheirat seit 2011 als eigener Straftatbestand gewertet.

Stark: Gemeinsam für Gleichberechtigung

Seit 2005 werden frauenspezifischer Fluchtgründe in Deutschland anerkannt. An den Fluchtursachen selbst hat sich nichts geändert. Frauen werden noch immer in ihrer Sexualität kontrolliert, werden in vielen Ländern an ihren Genitalien verstümmelt, zwangsverheiratet, in Konfliktsituationen vergewaltigt; verweigern sie sich den gesellschaftlich auferlegten Normen, müssen sie mit Repressionen, ja sogar mit ihrer Ermordung rechnen.  

Kehren sie ihrer Heimat den Rücken zu, finden sie nach einer oft traumatisierenden Odyssee nicht den erhofften sicheren, schutzbietenden Hafen vor. Auch in Deutschland nicht. Mit Connect hatte TDF 2017 ein preisgekröntes Projekt entwickelt, in dem Patinnen geschult wurden, die betroffenen Migrantinnen zur Seite stehen konnten.

Mit Stark startet TDF dieses Jahr ein dreijähriges Projekt mit einem neuen Ansatz, das auch die Männer miteinbezieht. Das Leitmotiv lautet „Töchter und Väter gemeinsam für Gleichberechtigung.“

 

Quellen und weiterführende Literatur:

Sentinelles: Princesses Mortes. Lausanne 1981

TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. (Hrsg.): Tod als Ehrensache – Frauenschicksale. 2. Auflage, Berlin 1989

TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V.: „Frauen auf der Flucht“. Geschlechtsspezifische Fluchtursachen und europäische Flüchtlingspolitik. 1995

TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. (Hrsg.): „Leben heißt frei sein“. Internationaler Kongress für Frauen- und Menschenrechte. Dokumentation. Tübingen, 2002

TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V., Städtegruppe Köln: Tod als Ehrensache – Frauenschicksale. In: TERRE DES FEMMES-Rundbrief 1/1987, S.5

Regina Kalthegener: Frauenspezifische Verfolgung. Weiterhin kaum Asylgrund. In: Menschenrechte für die Frau 1/2001, S. 21 f.

TERRE DES FEMMES-Rundbrief 2/1992

TERRE DES FEMMES-Rundbrief 1/1994

Menschenrechte für die Frau 3/2001

Menschenrechte für die Frau 4/2001

Menschenrechte für die Frau 2/2002

Inke Jensen: Frauen im Asyl- und Flüchtligsrecht. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2002

Marei Pelzer: Frauenrechte sind Menschenrechte – auch für Flütlingsfrauen? Asyl aufgrund geschlechstsspezifischer Verfolgung. In: Feminia politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft. Verlag Barbara Budrich, Leverkusen. 17. Jg., 1/2008, S. 93ff

Stand: Mai 2020