Hass gegen Frauen im Netz

Hass im Internet- BuchtitelDie Kommunikationswissenschaftlerin Anita Sarkeesian wollte in einer mehrteiligen Youtube-Serie der stereotypen Darstellung von Frauen in Computerspielen nachgehen und sammelte 2012 über Crowdfunding Geld für ihr Vorhaben. Ihre Finanzierungskampagne verlief sehr erfolgreich, zog aber auch die Aufmerksamkeit der GamerInnen auf sich, die sie alsbald ihren Zorn fühlen ließen: Sie versuchten ihre Videos auf Youtube zu sperren, „Beat Up Anita Sarkeesian“, ein interaktives Spiel tauchte im Web auf, in dem man Sarkeesians Gesicht per Mausklick zunehmend verunstalten konnte. Blutrünstige Vergewaltigungsdrohungen und die Ankündigung, ihre Eltern zu töten, veranlassten Sarkeesian 2014 ihre Wohnung zu verlassen. Aber aufgegeben hat sie nicht.

Kaum besser erging es der Journalistin Carolin Criado-Perez. Als die Bank of England ankündigte, Elisabeth Frey, die einzige Frau auf einer britischen Pfundnote, durch Winston Churchill zu ersetzen, startete sie 2013 eine Initiative zum Erhalt von Frauen auf Geldscheinen. Criado-Perez wurde prompt mit Hassmails im Minutentakt überschüttet.

Antifeministische Glaubenskrieger

Internetbeiträge, die sich mit feministischen Themen beschäftigen, rufen unweigerlich Maskulinisten auf den Plan. Am 22. April 2015 lud die Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit dem BMFSFJ* zu der Tagung „Wessen Internet? Geschlechterverhältnissen und Gender-Debatten im Netz“ ein. Die Twitter-Timeline zur Veranstaltung unter dem Hashtag #netzgender wurde alsbald mit verunglimpfenden Kommentaren überhäuft.

Die Gruppen der antifeministischen Männerbewegungen sind oft sehr klein, aber im Netz gut verlinkt und in Foren sehr aktiv und ihre „Eingriffe“ daher äußerst wirksam.

Ingrid Brodnig, die sich seit Jahren mit Onlinedebatten befasst, spricht von „antifeministischen Glaubenskriegern“. Für diese herrsche schon „eine Diktatur des Feminismus“. Es gelte, die „alte“ Ordnung wieder herzustellen.     

Hass im Internet kann uns alle treffen

Das Internet mit seinen sozialen Medien ist vielen Menschen, vor allem der jüngeren Generation, zur selbstverständlichen Kommunikationsplattform geworden. Eine Plattform, die allzu leicht gegen ihre UserInnen genutzt werden kann.

2014 führte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte eine Befragung unter 42.000 Frauen aus 28 Mitgliedsstaaten durch, in der Gewalterfahrungen – auch im Internet - festgehalten werden sollten: 11 Prozent der Frauen gaben an, selbst Belästigung im Internet erlebt zu haben, bei den 18 – 29-Jährigen waren es sogar 20 Prozent.

So bringen z.B. abgewiesene Kollegen kompromittierende Gerüchte über sie in Umlauf. Via Twitter und Facebook machen sie schnell die Runde. Exfreunde können Frauen über E-Mails bedrängen, bedrohen, gar mit der Veröffentlichung von intimen Fotos in den sozialen Netzwerken erpressen. Solchen Übergriffen stehen die Betroffenen oft ohnmächtig gegenüber. Sie fühlen sich in die Enge gedrängt, in ihrer Freiheit eingeschränkt.

So genannte Trolle können aus purer Freude an der Situation die Anonymität des Internets nutzen, um Diskussionen zu stören, um andere zu hänseln, zu beschimpfen, zu bedrohen. Für die von ihnen aufs Korn genommenen Mädchen und Frauen hat das gravierende Folgen.

Frauen gehen schon mit Hasskommentaren, die sie nicht selbst betreffen, anders um als Männer. Das zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage: Frauen beschäftigen sich mit Hasskommentaren, die sie im Internet lesen, weil sie Hasskommentare entsetzen. Männer hingegen, weil sie Hasskommentare unterhaltsam finden.

Frauen und Männer werden unterschiedlich „kommentiert“

Gelten Netzkommentare Frauen, so nehmen sie selten sachlich Bezug auf Inhalte, dafür meistens auf die äußere Erscheinung von Frauen. Auch Ingrid Brodnig berichtet von einem User, der sich nach einem im Netz geposteten Interview abfällig über ihr Aussehen äußerte, aber zum Inhalt des Gesprächs nichts zu sagen hatte.

„Atemberaubend frauenfeindlich“ empfindet der Journalist Jon Ronson zu Recht die Beschimpfungen, die auf weibliche Userinnen zielen. In seiner Untersuchung „In Shit-Gewittern“ fragt er eine Netzaktivistin des Portals 4chan warum Frauen im Netz – im Gegensatz zu Männern – mit einer Sprache sexueller Gewalt attackiert würden. Die lapidare Antwort: Vergewaltigungen degradierten die Frau in ihrer Weiblichkeit.

Anita Sarkeesian, die sich auch durch die schlimmsten Drohungen nicht mundtot machen ließ, veröffentlichte Anfang 2015 in ihrem Blog eine Liste mit den Meldungen, die sie innerhalb einer Woche auf Twitter erhalten hatte: Unter den 157 verletzenden Tweets waren etliche Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Ingrid Brodnig hat eine Auswahl in ihrem Buch „Hass im Netz“ veröffentlicht. Wir wollen hier keine dieser inhumanen Äußerungen wiedergeben.

Menschen, die sich Frauen oder anderen diskriminierten Gruppen gegenüber dermaßen verletzend verhalten, wissen sich oft im Einklang mit Gleichgesinnten. Eine anonyme Trollgruppe, die sich an der Wehrlosigkeit der von ihnen Gedemütigten ergötzt.

Was tun?

Was tun angesichts solcher persistenter Bedrohungen? Sollen wir „einfach nicht ins Internet gehen“, wie es vor wenigen Jahren ein Polizist einer sich beschwerenden Frau geraten hat?

Wohl kaum. Wir werden die wunderbaren Möglichkeiten, die das Internet bietet, nicht Trollen und Glaubenskriegern überlassen. Brodnig hält in ihrem Buch einige Tipps bereit. Unter anderem rät sie, auf Beschimpfungen zu verzichten und sachliche Argumente gegen verleumderische Behauptungen setzen. Wir wünschen uns auch, dass die Betreiber der Portale in die Verantwortung genommen werden.

Die Netzaktivistin Nora Fritsche bedauert, dass viele der zermürbenden Schikanen nach jetzigem Recht unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit bleiben. Einen eigenen Straftatbestand für Cybergewalt forderte im August auch die nordrhein-westfälische Emanzipationsministerin Barbara Steffens (Grüne).

Feministische Netzarbeit wirkt nachhaltig

Wir erinnern uns: Das Echo auf die Aufforderung, unter #aufschrei Erfahrungen mit Sexismus zu tweeten, war enorm. Ihr folgten 2013 alleine in den ersten vier Tagen 14.644 Personen. Unter die Schilderungen von Erfahrungen mit Alltagssexismus, die Anfangs im Mittelpunkt standen, mischten sich aber ab der zweiten Woche bereits antifeministische Tweets. Sexistische Hashtags wurden als Gegenreaktion ins Leben gerufen: #gegenschrei und #tittenbonus, aber auch unter #aufschrei selbst wurden zahlreiche antifeministische und sexistische Tweets veröffentlicht.

Ein gescheitertes feministisches Projekt also?

#aufschrei hat das Bewusstsein für das Problem Alltagssexismus geschärft, durch #aufschrei erst erfuhr das Thema ein so großes mediales Interesse. Der Hashtag, so Anne Wizorek, die Mitinitiatorin von #aufschrei, sei schon längst als „Label“ für das Problem Alltagsexismus angenommen worden. Die Interventionen der Störenfriede kamen zu spät. Die Frauen haben das Netz bereits für sich erobert und lassen sich nicht von Trollen und misogynen Glaubenskriegern nicht mehr vertreiben.

 

* Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Kinder

 

Quellen und nützliche Literatur/Links

Brodig, Ingrid: Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Brandstätter Verlag, Wien, 2016

Ronson, Jon: In Shit-Gewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle zur machen. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart, 2016

FrauenRat. Informationen für die Frau. Heft 3/2015 (Schwerpunkt: Total digital. Oder: Wem gehört das Netz?) herausgegeben vom Deutschen Frauenrat – Lobby für Frauen, Berlin 2015

Femina Politica (Hrsg.): Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft. (Scherpunkt: Digitalisierung zwischen Utopie und Kontrolle) Heft 2, 2014, 23. Jg. Verlag Barbara Budrich, Leverkusen, 2014

Dann geh doch nicht ins Internet!? Gewalt gegen Frauen im Netz.
Netzwerktagung am 27. November 2014 in Berlin, veranstaltet von der Bundesarbetisgemeinschaft kommunaler Frauenbüros in Kooperation mit Anne Wizorek

Djahangard, Susan: Hatespeech im Internet.Artikel über die Tagung des Gunda-Werner-Instituts “Gegner*innenaufklärung – Informationen und Analysen zu Anti-Feminismus”

Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM): Ethik im Netz. Hate Speech. Forsa-Untersuchung. Berlin 2016.

Land fordert mehr Schutz für Frauen vor Gewalt im Netz.
Online-Artikel vom 23.08.2016 in der WAZ

Mit Ironie und Humor gegen Attacken im Netz
Website in englischer Sprache: www.zerotrollerance.guru

 

 

Stand: 10/2016

 

Logo Transparenzinitiative