Witwen: Stigmatisiert und marginalisiert

Women 2000 Witwen„Im Südosten Nigerias, im Staat Anabra, übernehmen die Brüder des Ehemanns sein Erbe, wenn die Witwe ihrem Ehemann nur Töchter geschenkt hat. Während der siebentägigen Bestattungsphase ist es der Witwe nicht erlaubt, ihre Zähne zu zeigen. Während dieser Zeit muss sie auf einer Matte sitzen und ihren Mann beweinen“. Eine brennende Substanz, die ihr in die Augen gerieben wird, verhindert, dass sie einschläft. Dies berichtete die Gründerin der nigerianischen Organisation Women Empowerment Network, Prinzessin Gloria Okojie, 2005 bei ihrem Besuch in der TERRE DES FEMMES-Geschäftsstelle und fügte hinzu, dass es in anderen Staaten Nigerias ähnlich sei.

Obwohl solche Praktiken in Nigeria inzwischen als diskriminierend und verfassungswidrig gelten, werden vielerorts dank der Dominanz patriarchaler Weltsichten weiterhin Jungen den Mädchen vorgezogen, Mädchen früh verheiratet und Witwen auch heute noch entwürdigenden und schmerzhaften Behandlungen ausgesetzt, enteignet und der Armut preisgegeben, so der jüngste Schattenbericht nigerianischer Frauenrechtsorganisationen vor der Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen.

Nicht allein in Nigeria werden Witwen menschenunwürdig behandelt. In vielen Ländern, quer durch unterschiedliche Religionen und Ethnien, werden Witwen psychischer und  physischer Gewalt ausgesetzt, wird ihnen ihr Erbe, entgegen gesetzlicher Bestimmungen, streitig gemacht, werden sie aus der Gesellschaft verstoßen.

Vor allem in Regionen, in denen neben staatlichem Recht auch Gewohnheitsrecht oder religiöse und traditionelle Regeln in der Gemeinschaft gelten, werden Frauen, deren Männer gestorben sind, stigmatisiert. Oft haftet ihnen ein schlechter Leumund an. In Ländern, wie in Indien, Nepal, Papua Neuguinea und im Afrika südlich der Sahara, wird ihnen die Schuld am Tod des Ehemannes zugeschrieben. So werden sie etwa bezichtigt, HIV/AIDS an ihren verstorbenen Mann übertragen zu haben.

38 Millionen Witwen leben in bitterster Not

Die Loomba Foundation schätzt in ihrem 2016 erschienenen „World Widows Report“, dass weltweit 258 Millionen Witwen mit 585 Millionen Kindern lebten, 38 Millionen davon in bitterster Armut und Not.

Extreme Diskriminierungen würden vor allem diejenigen erfahren, die lediglich Töchter und keine Söhne entbunden hätten, aber auch Mädchen, die schon im frühen Alter von zehn bis 17 Jahren ihren Mann verloren hätten.

Um den Fokus auf diese, von der Gesellschaft kaum beachteten Frauen zu lenken, haben die Vereinten Nationen (VN) 2010 den 23. Juni zum Internationalen Tag der Witwen erklärt. Die Misshandlung von Witwen und ihren Kindern stufen die VN als eine der gravierendsten Menschenrechtsverletzungen ein.

Indien: Personenstatus „Witwe“

Laut VN waren in Indien 10% (33 Millionen) der weiblichen Bevölkerung im Jahr 2000 verwitwet. Damit hat Indien den weltweit höchsten Anteil an Witwen in der Bevölkerung.
Eine Wiederheirat bleibt auch heute die Ausnahme. Traut sich die Frau dennoch wieder, wird erwartet, dass sie ihre Kinder aufgibt.

Wie in vielen patriarchal geprägten Gesellschaften wird das Ansehen der Frauen über den Mann – oder dessen Abwesenheit – definiert.

Indien ist vermutlich das einzige Land, das offiziell den Personenstatus „Witwe“ kennt.

Die hinduistische Tradition schreibt ihnen Restriktionen in Kleidung, Ernährung und im gesellschaftlichen Umgang vor.

Wie in Bangladesch oder mancher afrikanischen Region wird ihnen der „Böse Blick“ nachgesagt, sie werden als Hexen oder Huren beschimpft.

Tausende werden nach dem Tod ihres Mannes enteignet und aus ihrem Heim geworfen. Ihre Aussichten sind schlecht: Dank mangelnder Bildung werden sie ausgebeutet, oft fristen sie ihr Leben als Haussklavinnen in der Familie des Verstorbenen. Viele enden als Bettlerinnen, verdingen ihre Körper als Prostituierte.

Tausende der Verstoßenen finden Unterschlupf in Tempelstädten wie Mathura, Varanasi und Tirupati, wo sie sich durch stundenlanges Singen von Gebeten – auch für Touristen – Unterkunft und Essen verdienen. Nicht wenige wurden vor Jahrzehnten als Kinderwitwen an diesen Stätten abgeliefert.

Teufelskreis: Frühwitwen – Menschenhandel

In den ländlichen Gebieten von Bangladesch, wo Frühehen noch geschlossen werden und Polygamie üblich ist, trifft vor allem junge Mädchen ein besonders hartes Los.

Die Heirat mit einem deutlich älteren Mann birgt die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau beim Tod des Mannes sehr jung sein wird.

Töchter armer Witwen sind ihren Müttern eine ökonomische Bürde und werden oft als Zweitfrauen an wesentlich ältere Männer weggegeben. Nur um sich bald selbst als junge Witwe in feindseliger Umgebung wiederzufinden: Jung, Analphabetinnen, der Willkür anderer ausgesetzt, werden sie wieder an ältere Männer weitergereicht – und womöglich erneut verwitwet, um erneut heiraten zu müssen, oder als Prostituierte zu enden.

Bangladesch und Nepal gelten als die größten „Zulieferer“ für die Bordelle Indiens: Junge Witwentöchter, die keine Schule besuchen, werden ohne männlichen Schutz leichte Beute für Menschenhändler.

Reinigungsrituale: Sühne am Tod des Ehemannes

Sowohl in den frankophonen als auch anglophonen Ländern Afrikas hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass die Ehe mit dem Tod nicht endet. Für die Witwe mit drastischen Folgen: Ihr werden  – wie am Beispiel Nigerias bereits eingangs beschrieben –  grausame Trauer- und Beerdigungsrituale auferlegt, die für sie sogar lebensbedrohend sein können.

Noch immer werden Witwen gezwungen, das Wasser zu trinken, mit dem die Leiche ihres Mannes gewaschen wurde. Noch immer müssen sie sich von der Schuld am Tod ihres Mannes durch ungeschützten Sex mit einem fremden Mann "säubern" (‚cleansing’) lassen. Ein Ritual, das z.B. auch in den von der Ebola-Epidemie betroffenen Landstrichen praktiziert wird.

In manchen Gegenden wird sie als Teil des Erbes ihres toten Mannes an ein Familienmitglied, z.B. dem Bruder des Verstorbenen verheiratet.

Krisen, Konflikte und Katastrophen tragen zu einer steigenden Zahl von Frauen bei, die sich mit ihren Kindern alleingelassen, aus ihrer Heimat vertrieben, den unwägbaren Gefahren einer Flucht ausgesetzt sehen.

Das Schicksal der Witwen ins Licht rücken

Dass die Vereinten Nationen 2010 den Internationalen Tag der Witwen ausgerufen haben, ist sicher auch einem Verbund von Organisationen zu verdanken, die seit ihrem ersten Treffen 1995 anlässlich der Weltfrauenkonferenz in Peking, die Belange der Witwen zunehmend in die Öffentlichkeit tragen.

Dieser Verbund hat im August 2016 vor der Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen die Menschenrechtsverletzungen an Witwen angeprangert und darauf hingewiesen, dass diese in den Statistiken vieler Ländern des globalen Südens gänzlich fehlen, worin sich das Desinteresse am Schicksal der Witwen wiederspiegele.

Um eine Politik zur Ermächtigung der Witwen erarbeiten zu können, müssen adäquate Daten gesammelt werden, die das Ausmaß ihrer Marginalisierung und ihrer ökonomischen Notlage wiedergeben und den niedrigen sozialen Status reflektieren.

Neben dem unerlässlichen Zugang zu Bildung, zu ökonomischen Ressourcen und rechtlichem Beistand bedarf es weltweit vor allem eines Bewusstseinswandels: Frauen sind vollwertige Menschen. Sie definieren sich natürlich über sich selbst und nicht über einen Mann.

 

Stand: 08/2017

 

 

Quellen und weiterführende Informationen

Prinzessin Gloria Okijie / Sandra Göhl:
Witwen in Nigeria. In: Menschenrechte für die Frau 3/2005, Seite 15. Tübingen 2005

Cynthtia Gorney (Text)/ Amy Toensing:
Leben ohne ihn. In: National Geographic, Februar 2017, S. 80 – 103. Hamburg 2007

Women Advocates’ Research & Documentation Centre (WARDC) (Koordination):
NGO Coalition Shadow Report to the 7th & 8th Periodic Report of Nigeria on Convention on the Elimination of all forms of Discrimination against Women (CEDAW). Submitted to UN CEDAW Committee, Geneva, Switzerland, June 2017

The Global Fund for Widows et al.:
Widowhood a Sysematic Violation of Human Rights and an Economic, Social, and Humanitarian Crisis. Communication to the Commission on the Status of Women – 61st Session. August 1, 2016

United Nations Division fort he Advancement of Women:
Widowhood: invisible women, secluded or excluded. December 2001

World Widows Report + Discrimination & Oppression of Africa Widows. July 2016

HRW - Human Rights Watch:
„You Will Get Nothing“. Violations of Property and Inheritance of Widows in Zimbabwe. Januar 2017

Links

The Loomba Foundation

The Global Fund For Widows

Widows Rights international

Widows for Peace through Democracy

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