„Wer soll das bezahlen, wenn nicht ich?“ – Eine Kleinunternehmerin aus Nicaragua erzählt….

Kleinunternehmerin Josefina stellt uns ihr Business vor: Kunsthandwerk. Ihr Haus ist Fabrik und Laden in einem. Foto: © Itzel ChavarríaKleinunternehmerin Josefina stellt uns ihr Business vor: Kunsthandwerk. Ihr Haus ist Fabrik und Laden in einem.
Foto: © Itzel Chavarría
Wir betreten das Haus der frisch gebackenen Kleinunternehmerin Josefina del Socorro-Vallorín in der Stadt Estelí im Norden Nicaraguas. Die geschäftige Frau setzt sich gar nicht erst hin, sofort werden wir an ihren Arbeitstisch zitiert. Hier stellt sie Blumengestecke und anderen Dekor aus Schaumgummi her.

Mit dem Ziel, ihre finanzielle Situation zu verbessern, nahm Josefina an einer zertifizierten Handarbeitsausbildung teil – angeboten von MIRIAM, der Partnerorganisation von TERRE DES FEMMES. Mit 52 Jahren wagte sie einen Neuanfang.

Doch: So soll frau an Geld kommen und ihr Leben verbessern? In Nicaragua, einem Land, in dem die meisten Frauen im so genannten informellen Sektor arbeiten – ohne Arbeitsvertrag, Rechte und soziale Absicherung. Kaum vorstellbar. Josefina del Socorro-Vallorín weiß es besser.  

Der erwärmte Schaumgummi kommt in die Stanzform. Drei Minuten später hat sich das Blumenrelief eingeprägt. Foto: © Itzel ChavarríaDer erwärmte Schaumgummi kommt in die Stanzform. Drei Minuten später hat sich das Blumenrelief eingeprägt.
Foto: © Itzel Chavarría
Vor unseren Augen schneidet sie ein großes Stück babyblauen Schaumgummi klein. Jedes Quadrat hält sie an ein Bügeleisen, um es zu erwärmen. Krümmen sich die Kanten nach außen, ist es Zeit für die Stanzform. Kurz drücken, halten, Deckel hoch, und schon kommt eine Blume zum Vorschein. Ein paar schnelle Schnitte, hier und da nachformen, und fertig. Blumen zu machen sei ihre große Leidenschaft, sagt Josefina. Dabei könne sie entspannen. Mit einer einzelnen Blume verdient sie 25 Córdobas, für ein Gesteck zahlen KundInnen 150 Córdobas. Das sind umgerechnet etwa 70 Cent bzw. 4 Euro. Josefina kann sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen. KundInnen bestellen Bouquets für Beerdigungen oder Tischdekoration für „Quinceañeras“, Feiern anlässlich des 15. Geburtstags junger Frauen, die gesellschaftlich das Ende ihrer Kindheit einläuten.

Was sie vorher gemacht habe? Pfff, sie winkt missbilligend ab, in einer Tabakfabrik gearbeitet, wie die meisten Frauen in Estelí, der „Tabakmetropole“ im Norden Nicaraguas. „Zu ausbeuterischen Konditionen“, fügt Josefina wütend hinzu. Bis sie durch eine Bekannte auf MIRIAM, die Partnerorganisation von TDF, aufmerksam wurde. Das war 2014. Sie hörte, dass MIRIAM günstige Ausbildungskurse für Frauen mit niedrigem Einkommen anbietet, und war Feuer und Flamme. Sie wollte unbedingt etwas lernen und damit Geld verdienen. Ohne von einem Arbeitgeber abzuhängen. Das MIRIAM-Team bestand darauf, dass sie nicht nur den Ausbildungskurs machte, sondern auch ihre Grundbildung fortsetzte. Zur Schule war sie damals nur bis zur zweiten Klasse gegangen. „Eigentlich hatte ich keine Lust mehr auf Schule“, grummelt Josefina, „aber sonst hätten sie mich die Ausbildung nicht machen lassen.“ Also verbrachte sie von da an ihre Sonntage bei MIRIAM – vormittags auf der Schulbank, nachmittags in der Ausbildung. Beides schloss sie erfolgreich ab.

Josefina fotografiert alle Produkte, bevor sie sie verkauft. Hier zeigt sie uns stolz eine Auswahl.Foto: © Itzel ChavarríaJosefina fotografiert alle Produkte, bevor sie sie verkauft. Hier zeigt sie uns stolz eine Auswahl.
Foto: © Itzel Chavarría
Wichtiger als die Kurse selbst seien zu dieser Zeit aber die Seminare gewesen, die MIRIAM zu Frauenrechten und Geschlechtergerechtigkeit angeboten habe. „Ich wusste vorher nicht, dass ich auch Rechte habe. Ich habe meinen Mann immer gefragt, kann ich hierhin gehen, darf ich dies machen, erlaubst du mir jenes… Heute habe ich ein größeres Selbstbewusstsein und frage ich ihn nicht mehr.“ Josefina lächelt wissend. Fragt man die achtfache Mutter, wie sie sich vor der Ausbildung gefühlt hat und wie sie sich heute fühlt, sprudelt es nur so aus ihr heraus: „Ich hatte wenig Vertrauen in mich selbst und dachte, Frauen seien nichts wert. ArbeitskollegInnen haben mir Angst gemacht, dass ich untalentiert sein und die KundInnen meine Handarbeiten nicht mögen könnten. All das hat mich entmutigt.“ Heute fühle sie sich sehr zufrieden. Sie könne ihren Tag nach ihrem Rhythmus gestalten und sei sich ihrer Fähigkeiten und ihres Selbstwerts wohl bewusst.
 

Von ihren ersten Einnahmen hat sie das Dach ihres Hauses reparieren lassen und den Zaun erneuert. Stolz wandert ihr Blick zu den neuen Wellblech-Platten an der Decke. Ketten und Armbänder aus Muscheln, Holz und Plastikperlen hat sie neuerdings auch im Repertoire. Außerdem knallbunt bemalte Papierkörbe aus alten Eierschachteln. Ideen für kreatives Recycling hat sie haufenweise. An AbnehmerInnen mangelt es auch in diesen Fällen nicht, haben sich ihr guter Geschmack und ihr schnelles Tempo beim Handarbeiten doch herumgesprochen. Dass sie jetzt am Ziel angelangt sein könnte, kommt der findigen Josefina aber nicht in den Sinn. Sie steckt voller Pläne und Enthusiasmus: Ihr Business soll wachsen. Seit kurzem nimmt sie an einem zweiten Ausbildungskurs von MIRIAM teil: einem Schneiderkurs. Den ersten Auftrag hat sie schon in der Tasche – 12 Kinderleggins für den Laden eines Bekannten.

Neuerdings schneidert sie auch. Ihr erster Auftrag: Kinderleggins für den Laden eines Bekannten. Foto: © Itzel ChavarríaNeuerdings schneidert sie auch. Ihr erster Auftrag: Kinderleggins für den Laden eines Bekannten. Foto: © Itzel ChavarríaDie Frau bringt das Geld nach Hause. Mit 52 Jahren. In Nicaragua. Josefina hat es geschafft. Sie selbst sieht das ganz pragmatisch: „Ich will mein Haus weiterbauen. Neue Wände aus Stein haben. Wer soll das bezahlen, wenn nicht ich?“

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Stand: 08/2017

 

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