Rugiatu Turay im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Sierra Leone

Rugiatu Turay bei der Sensibilisierungsarbeit in einem Dorf. Foto: © Dörte RompelRugiatu Turay bei der Sensibilisierungsarbeit in einem Dorf.
Foto: © Dörte Rompel
Im westafrikanischen Sierra Leone sind 90% der Frauen, die älter sind als 15 Jahre genitalverstümmelt. Rugiatu Turay hat am eigenen Leib erfahren, wie schrecklich Beschneidungen sind. Nun kämpft sie dagegen an – und setzt sich so in Sierra Leone Gefahren aus.

Rugiatu Turay, Gründerin der „Amazonian Initiative Movement“ ist eine Amazone. In der griechischen Mythologie ist dies ein Volk kämpferischer Frauen, das „männergleich“ in den Krieg zieht. Auch Rugiatu kämpft, allerdings nicht mit Waffen sondern mit Worten. Ihr Gegner: die genitale Verstümmelung von Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland Sierra Leone.

Rugiatu Turay weiß wovon sie spricht, wenn sie sagt, dass Mädchen und Frauen ihr Leben lang unter den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung leiden. Nach dem Tod ihrer Mutter wurde sie im Alter von 12 Jahren selbst beschnitten und wäre fast verblutet. Erst nach einer Woche konnte sie wieder gehen. Zur selben Zeit wurde ihre Kusine beschnitten – und starb. Damals wurde die junge Frau zur Aktivistin gegen Genitalverstümmelung: „Es ist meine persönliche Erfahrung, die mich antreibt.“ Seitdem engagiert sie sich gegen diese Tradition – zuerst in Guinea, wohin sie 1997 aufgrund des Bürgerkriegs in Sierra Leone floh, später auch in ihrer Heimat. Hier gründete sie im Jahr 2003 die Menschenrechtsorganisation Amazonian Initiative Movement, kurz AIM.

AIMs erklärtes Ziel ist es, das allgemeine Schweigen über die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung zu durchbrechen. Dazu organisieren die MitarbeiterInnen Aufklärungsveranstaltungen. Außerdem wenden sie sich an die lokalen Politiker und an die Beschneiderinnen selbst.

Bislang gibt es in Sierra Leone kein Gesetz, das weibliche Genitalverstümmelung verbietet. So kommt es, dass in Sierra Leone über 90% der Mädchen und Frauen beschnitten sind.

Als AIM seine Arbeit aufnahm, brach der Verein mit der öffentlichen Thematisierung von Genitalverstümmelung ein Tabu. Rugiatu Turay selbst wurde mehrfach bedroht, bekam sogar Morddrohungen. Ans Aufhören hat sie jedoch nie gedacht: „Ich bin entschlossen, meinen Kampf fortzusetzen.“

Für ihr Engagement wurde sie 2010 mit dem Alice-Salomon-Award ausgezeichnet. Damit ehrt die Alice Salomon Hochschule Berlin Personen, die sich für die Emanzipation der Frauen einsetzen.

Ein weiterer Teil der Arbeit von AIM ist die Begleitung und Unterstützung so genannter Run-Away-Girls. So werden Mädchen genannt, die vor der Beschneidung geflohen sind. Für diese Mädchen hat AIM mit der Unterstützung von TERRE DES FEMMES ein Schutzhaus gebaut. Hier werden die Mädchen von einer Sozialarbeiterin betreut und bekommen den Schulbesuch oder eine Ausbildung ermöglicht.

Bevor es das Schutzhaus gab, hat Rugiatu Turay die Mädchen in ihrer Privatwohnung in Lunsar aufgenommen. In Lunsar, einer Stadt im Norden Sierra Leones, befindet sich auch das Büro von AIM. Von hier aus organisieren die Gründerin und ihre MitarbeiterInnen zahlreiche Aktivitäten.

Rugiatu Turays Tage sind voll. Morgens klärt sie Schülerinnen und Schüler über Menschen- und Kinderrechte auf, mittags trifft sie sich mit Geistlichen, Politikern und Beschneiderinnen, um über die Stellung der Frau, deren Rechte und die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung zu diskutieren. Denn, so Rugiatu Turay, „Menschen bilden heißt sie stärken. Nur über ihre Denkweise können wir das Handeln der Menschen verändern.“

Bis heute hat die Frauenrechtsaktivistin etwa 60 Beschneiderinnen in Sierra Leone davon überzeugt, ihr Handwerk aufzugeben. Im Gegenzug bietet AIM den ehemaligen Beschneiderinnen nicht nur Unterricht im Lesen und Schreiben, sondern auch den Besuch von Kursen in Landwirtschaft und Viehwirtschaft an. So stellt AIM sicher, dass die Frauen nicht aus wirtschaftlicher Not wieder als Beschneiderinnen tätig werden.

Zufrieden ist Rugiatu Turay aber noch lange nicht. „Eines Tages möchte ich mit dem Wissen aufwachen, dass Mädchen keine Angst mehr vor weiblicher Genitalverstümmelung haben müssen. Ich möchte sehen, wie junge Männer unbeschnittene Frauen heiraten, Eltern die Entscheidungen ihrer Kinder respektieren und die Regierung denen Schutz gewährt, die ihn benötigen. Ich möchte sehen, wie Frauen in Sierra Leone Führungspositionen übernehmen. Dafür kämpfe ich.“

Und so bleibt der Name „Amazonen“ auch weiterhin aktuell. Rugiatu Turay wird weiterkämpfen, wenn nötig – wie sie sagt: „Till my last drop of blood.“

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