Kartenspiel

100 - Wertvolle Früchte

Die Präferenz männlicher Nachkommen ist ein globales Problem, das seit langem existiert und sich in mehreren Ländern bis heute nicht verändert hat. V. a. in Asien wünschen sich Eltern oft Söhne.

Dies hat in erster Linie mit patriarchalen Strukturen und Überzeugungen zu tun, die Frauen als Männern untergeordnet verorten und ihnen weniger gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Wert zumessen. So kann Land und anderer Besitz meist nur über die männliche Linie vererbt werden. Zudem können einige religiöse und kulturelle Praktiken in Indien, wie z.B. Beerdigungsriten, nur von Söhnen durchgeführt werden, da Reinheitsgebote oder andere kulturspezifische Tabus Töchtern dies verunmöglichen. Auch wird der Familienname und damit das Fortbestehen des Stammbaums ausschließlich durch Männer gesichert. Eltern sind im Alter in Ermangelung funktionierender Sozial- und Rentensysteme auf die Versorgung und Pflege durch ihre Söhne angewiesen, da Töchter den Geschlechternormen und Rollenidealen zufolge in eine andere Familie einheiraten und ab dann als der Familie des Ehemanns zugehörig gelten. Viele Familien sehen Frauen als den Reichtum einer anderen Familie an: die produktiven Kapazitäten einer Frau kommen nicht oder nur für sehr begrenzte Zeit ihrer Herkunftsfamilie zugute, sondern primär ihrer Schwiegerfamilie, also der Familie, in die sie einheiratet. In Indien ist auch das Sprichwort gängig: In eine Tochter zu investieren ist so wie einen fremden Garten wässern.

Daher wird u.a. auf die (Aus-)Bildung der Söhne deutlich größerer Wert gelegt als auf die der Töchter. Außerdem ermöglicht die uneingeschränkte Teilhabe am Arbeitsleben Männern, zum Familieneinkommen beizutragen. Von Frauen wird dagegen i.d.R. erwartet, unentgeltlich den Haushalt zu führen, die Kinder zu versorgen und erziehen sowie alte oder kranke Angehörige der Schwiegerfamilie zu pflegen. Für die Heirat einer Frau muss in Indien außerdem trotz gesetzlichen Verbots immer noch häufig eine Mitgift entrichtet werden. Je nach Kontext können Mitgiftforderungen so hoch ausfallen, dass sie v.a. weniger wohlhabende Familien in den finanziellen Ruin stürzen. Häufig ist die Familie des Bräutigams mit der entrichteten Mitgift auch nicht zufrieden und verlangt sukzessive mehr. Dies kann in Bedrängung, Mobbing und schlimmstenfalls den Mitgiftmord der Braut münden. Bei Neuverheiratung eines Sohnes kann dann eine weitere Mitgift verlangt werden.

Auf dem individuellen und familiären Level bringt die Sohn-Präferenz für Frauen den enormen Druck mit sich, selbst Söhne gebären zu müssen. Erst mit der Geburt eines Sohnes können sie ihren eigenen sozialen Status aufwerten. Problematisch wird dies insbesondere dort, wo politische Maßgaben zur Reduzierung des Bevölkerungswachstums gelten, wie in China. Früher wurden meist so viele Kinder zur Welt gebracht, bis ein Sohn dabei war, wenn aber qua Ein-Kind-Politik nur ein Nachkomme pro Familie erlaubt ist, muss auf andere Weise sichergestellt werden, dass der Nachkomme tatsächlich männlich ist. In der Folge greifen manche Eltern zu drastischen Maßnahmen, wie z.B. Fötizid oder Infantizid von weiblichen Embryos bzw. Kindern. Neuere Technologien wie die Ultraschall-Untersuchung verschlimmern die Situation, da sie häufig zur pränatalen Geschlechtsbestimmung eingesetzt werden und es in der Folge zu geschlechtsselektiver Abtreibung kommt.

Zwischen 1976 und 1977 wurden an einem städtischen Krankenhaus in Indien 96 % der Föten, deren Geschlecht pränatal als weiblich bestimmt worden war, abgetrieben. Dagegen kamen alle 250 Föten, deren Geschlecht als männlich bestimmt worden war, auf die Welt – sogar dann, wenn eine angeborene Fehlbildung diagnostiziert worden war. In einer Mumbaier Klinik waren alle der 15.914 abgetriebenen Föten nach der pränatalen Geschlechtsbestimmung im Jahr 1984/85 weiblich. Der Einsatz der Ultraschall-Technologie zur Geschlechtsbestimmung wurde 1994 in Indien verboten und doch greifen Eltern auch heute noch auf diese Methode zurück (Ritchie und Roser 2019). Geschlechtsselektion findet aber nicht nur pränatal statt, manchmal bringen Eltern neugeborene Mädchen auch postnatal um oder das Kind stirbt im Verlauf der ersten Lebensjahre an schlechter Behandlung oder Vernachlässigung. Jedes 9. Mädchen in Indien stirbt so noch vor dem 5. Geburtstag. Das übliche Geschlechterverhältnis bei Geburt liegt bei 105 Jungen zu 100 Mädchen, in Indien aber bei 111 und in China bei 118 zu 100. Von weltweit 142,6 Mio. fehlenden Frauen kommen 45,8 Mio. auf Indien und 72,3 Mio. auf China (UNFPA 2020).

Der Männerüberschuss führt zu mehr Zwangsheirat und Frauenhandel. 27 % der Frauen in Indien gehen als Kinder in die Ehe. In absoluten Zahlen leben in Indien die meisten frühverheirateten Mädchen weltweit: fast 15,65 Millionen. Am höchsten sind die Frühverheiratungsraten in Zentral- und Westindien. Allein in den Bundesstaaten Rajasthan und Bihar liegt die Kinderehenrate bei 47 % bzw. 51 % (Girls not Brides 2021). Frauen ohne Bildung werden in Indien sechsmal häufiger minderjährig verheiratet als Frauen, die 10 Jahre oder länger zur Schule gegangen sind.

Auch die Rate von sexualisierter Gewalt ist in Indien sehr hoch. 2019 wurden nach Angaben der indischen Kriminalstatistikbehörde NCRB täglich 88 Vergewaltigungen gemeldet. Am höchsten lag die Vergewaltigungsrate im Bundesstaat Rajasthan mit 6.000 Fällen, gefolgt von Uttar Pradesh mit 3.065 Fällen im Jahr 2019. Arme Frauen, Frauen indigener Herkunft und Frauen, die einer sogenannten niederen Kaste angehören, wie z.B. den Dalits, die auch als Unberührbare bezeichnet werden, sind am stärksten betroffen. Wie in einem Artikel von Sudha Ramachandran in The Diplomat vom 5.10.2020 dargestellt, waren die Betroffenen in 11 % der 2019 gemeldeten 32.033 Vergewaltigungsfälle in Indien Dalit-Frauen.

Die Populärkultur in Indien setzt Männlichkeit häufig mit Aggressivität gleich. Männer und Jungen werden dazu angehalten, Frauen und Mädchen sexuell nachzustellen und sie, wenn nötig, gefügig zu machen bzw. ihnen eine Lektion zu erteilen. Die Vergewaltigung einer Dalit-Frau beruht aber nicht nur auf Misogynie und einem schädlichen Verständnis von Männlichkeit. Nicht nur die Betroffene selbst soll bestraft und erniedrigt werden, sondern auch ihre Familie und Gemeinschaft. Die Vergewaltigung soll die Machtlosigkeit der niederen Kaste und v.a. deren männlicher Angehöriger, ihre Frauen zu beschützen, unterstreichen sowie die Omnipotenz und Straflosigkeit der Aggressoren.

Trotz einer Strafrechtsreform 2013 ist die Vergewaltigungsrate in Indien zwischen 2009 und 2019 um 31 % gestiegen. Was diesen alarmierenden Trend eventuell umkehren könnte, wären verlässliche und konsequente Bestrafungen der Taten. 2019 endeten jedoch nur 27 % der Vergewaltigungsprozesse in Indien mit einer Verurteilung.

99 - Speed-Dating

Dating-Plattformen zeigen: Es gibt zig Vorstellungen von der idealen Frau, dem idealen Mann und der idealen Beziehung. Dabei werden oft Merkmale gefiltert, die sich angeblich jede am anderen oder gleichen Geschlecht wünscht. Wie seht ihr das? Kann man solche Merkmale oder Eigenschaften verallgemeinern? Und was ist mit intersexuellen oder Transpersonen?

Welche Eigenschaften und Werte wir an unserer Partnerin lieben, ist individuell. Genau wie das Gestalten einer Beziehung. Eine gleichberechtigte Beziehung kann für verschiedene Menschen bzw. die Beziehungspartnerinnen selbst ganz unterschiedlich aussehen. Für manche beginnt Gleichberechtigung dort, wo sich beide übereinstimmend auf konkrete Rollenmodelle einigen, auch wenn diese ggf. traditionell sind, für andere müssen alle Pflichten des Zusammenlebens genau gleich aufgeteilt sein, wieder andere verbinden Gleichberechtigung stärker mit gegenseitiger Unterstützung bei der persönlichen Entwicklung usw.

Aus Sicht von TERRE DES FEMMES ist v.a. das Bewusstsein wichtig, dass alle die gleichen Rechte haben und keine Ideologie vorgeben darf, wie eine Frau, ein Mann, ein Mensch jenseits der binären Geschlechterordnung oder eine Beziehung sein muss, um als richtig oder normal zu gelten. Die einzige Grenze ist das Recht der anderen. Denn so besagt es auch unser Grundgesetz: jede hat das Recht auf die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit, soweit sie nicht die Rechte anderer verletzt.

Leider kam und kommt es von Seiten (meist männlicher) Machthaberinnen bzw. Regierungen oder einflussreicher Personen aus Religion, Wissenschaft, Wirtschaft und anderen Sektoren jedoch immer wieder zu Eingriffen in das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Dabei hat kein Mann das Recht, über seine oder irgendeine Frau bzw. deren Leben zu bestimmen! Eingriffe dieser Art manifestieren sich gesetzlich, aber auch über soziale Normen und Einstellungen. Eine richtige Frau gilt in einer Gesellschaft oder einem Milieu dann z.B. nur als eine, die verheiratet ist, Kinder (bzw. Söhne) hat, an ihren Genitalien verstümmelt ist oder heterosexuell liebt usw. Diese Kriterien sind dabei je nach kulturellem und zeitlichem Setting variabel. Insbesondere sexuelle und reproduktive Rechte werden vielen Frauen nach wie vor verwehrt oder nur sehr eingeschränkt zuerkannt. Auch über Heirat und Scheidung dürfen viele Frauen qua Gesetz oder traditionellem Recht bzw. Gewohnheitsrecht nicht selbst bestimmen, sondern nur in Abhängigkeit von ihrem oder irgendeinem Mann.

Aus Sicht von TERRE DES FEMMES müssen Frauen selbst darüber entscheiden können, ob und wenn dann, wen und wann sie heiraten wollen. Auch müssen Frauen selbst wählen können, ob und wenn ja, wie viele und wann sie Kinder haben möchten, und mit wem. Dazu gehört auch das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Nicht zuletzt müssen Frauen auch über ihren Körper und ihre Sexualität frei und ohne männliche Bevormundung selbst bestimmen dürfen. Genauso wie Männer seit jeher über all diese Dinge selbst entscheiden dürfen, ohne dass Frauen sie davon abhalten, über sie bestimmen oder über sie richten.

98 - Bevormundung

Eine Vormundschaft im heutigen Deutschland ist laut dem Gabler Wirtschaftslexikon eine gesetzlich geregelte und staatlich beaufsichtigte Fürsorge für die Person und das Vermögen einer Person, die ihre Angelegenheiten nicht selbst erledigen kann und daher schutzbedürftig ist. Der Rechtsbegriff der Geschlechtsvormundschaft hat in Deutschland keine Gültigkeit mehr, existiert aber noch in der Gesetzgebung anderer Länder. Geschlechtsvormundschaft heißt, dass Frauen in einigen Rechtsbereichen einen männlichen Vormund, z. B. ihren Vater oder Ehemann, brauchen.

Das bekannteste Beispiel für die Präsenz und Vielgestaltigkeit von Geschlechtsvormundschaft ist Saudi-Arabien. Erst im August 2019 wurden Reformen zur Abschwächung wirksam, die Geschlechtsvormundschaft hat aber nach wie vor Bestand. Als männlicher Vormund einer Frau tritt in Saudi-Arabien zunächst der eigene Vater und nach der Heirat der Ehemann auf. Sollte der Vater oder Ehemann sterben, kann auch der Bruder oder Sohn der Frau als Vormund fungieren. Bis zu den Reformen im August 2019 wurden Frauen in Saudi-Arabien gesetzlich wie Minderjährige behandelt. Sie durften nur mit Erlaubnis ihres männlichen Vormunds arbeiten gehen, Geburten und Todesfälle behördlich eintragen und beurkunden lassen, das Familienstammbuch einsehen sowie medizinische Entscheidungen über ihren Körper, ihre Schwangerschaften und Kindergeburten treffen.

Zudem war ihnen untersagt, ohne männliche Begleitung ins Ausland zu reisen oder sich dort aufzuhalten.

Dafür hatte die saudische Regierung sogar eine App mit dem Namen Absher geschaffen, die über Google oder Apple bezogen werden konnte und dem männlichen Vormund ermöglichte, seiner Frau, Schwester oder Tochter eine Genehmigung zum Reisen zu erteilen oder zu verweigern.

Nicht zuletzt durften Frauen keine Vormundschaft für ihre Kinder übernehmen. Trotz der Lockerungen ist eine vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter auch heute noch weit entfernt, denn saudische Frauen brauchen nach wie vor die Genehmigung eines männlichen Vormunds, um heiraten oder sich scheiden lassen zu dürfen, aus dem Gefängnis entlassen zu werden oder aus einem Frauenhaus auszuziehen. Unverändert können sie ihre Staatsbürgerschaft nicht an die eigenen Kinder weitergeben und ein männlicher Vormund darf seine Frau weiterhin für Ungehorsam belangen, u.a. wenn sie nicht zu Hause anzutreffen ist. Saudi-Arabien hat zwar die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (engl. CEDAW) unterzeichnet, jedoch nur unter dem Vorbehalt, dass CEDAW nicht eingehalten werden muss, wenn Bestimmungen den Vorgaben des islamischen Rechts, der Scharia, widersprechen.

In Europa gab es Geschlechtsvormundschaft schon in der Antike. Ehevormundschaft endete erst im 20. Jahrhundert. In Deutschland hatte ein Mann bis 1958 das alleinige Bestimmungsrecht über seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder. Eine Frau durfte nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten, und selbst wenn er dies erlaubte, stand die Verwaltung ihres Lohns ihm zu. Er konnte den Anstellungsvertrag seiner Frau zudem nach eigenem Ermessen und ohne ihre Zustimmung fristlos kündigen. Das änderte sich erst 1977! Ohne Zustimmung des Ehemanns durfte eine Frau bis 1962 kein eigenes Bankkonto eröffnen. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig anerkannt. Lehrerinnen mussten bis 1950 zölibatär leben. Heirateten sie, mussten sie ihren Beruf aufgeben. Erst 1957 wurde deutschlandweit die Regel aufgehoben, dass Lehrerinnen nach ihrer Heirat nur dann berufstätig bleiben durften, wenn das Familieneinkommen für ihre Versorgung nicht ausreichte. Der Erwerb des Führerscheins war beiden Geschlechtern ab 1909 möglich. Frauen mussten dafür bis 1958 jedoch die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds einholen und blieben daher eine absolute Ausnahme am Steuer.

Bis 1977 galt außerdem das Schuldprinzip: es war nicht möglich, sich scheiden zu lassen, ohne dass eine der Partnerinnen die Schuld für das Scheitern der Ehe auf sich nahm. Die Schuldige bekam i.d.R. keine Unterhaltszahlungen und nur selten das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder. Frauen wurden damit hochgradig diskriminiert, weil sie finanziell oft vollständig von ihren Ehepartnern abhingen und der Verzicht auf Unterhalt zwangsläufig in Existenznot gemündet hätte. Erst seit 1991 dürfen Frauen nach der Eheschließung ihren Nachnamen beibehalten.

Nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch in vielen anderen Staaten bestehen v.a. die eheliche Geschlechtsvormundschaft oder geschlechtsbasierte Diskriminierungen im Familienrecht mit ähnlicher Stoßrichtung und Wirkung fort. In 40 Ländern der Welt ist heute per Gesetz nur der Mann Haushaltsvorstand (OECD 2019), v.a. im westlichen und mittleren Afrika sowie im westlichen Asien. In 27 Ländern muss eine Ehefrau ihrem Ehemann qua Gesetz gehorchen. Rechtliche Folgen für Frauen, die dies nicht tun, sehen 16 Länder vor. Das Sorgerecht von Frauen für ihre Kinder schränken 34 Länder ein.

97 - Ende ohne Happy

Eine Frühehe bedeutet meist das abrupte Ende der Kindheit. Oft können Mädchen die Schule nicht beenden oder einen Beruf erlernen und haben so auch keine Möglichkeit, sich berufliche Zukunftsperspektiven und finanzielle Unabhängigkeit zu erschließen. Mit jedem Jahr, das ein Mädchen früher in die Ehe geht, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines höheren Schulabschlusses um bis zu 10 % (Weltbank 2017). Sowohl bei den Alphabetisierungsraten als auch in der Grundbildung zeigte eine Überblicksstudie zu 31 Ländern in Afrika südlich der Sahara und fünf asiatischen Ländern ein starkes Ungleichgewicht zwischen jungen Frauen, die minder- oder aber volljährig in die Ehe gegangen waren: Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag in die Ehe gegangen waren, hatten durchschnittlich nur 2,9 (Afrika) bzw. 3,9 (Asien) Jahre Schulbildung genossen, im Vergleich zu 5,3 bzw. 7,7 Jahren bei Mädchen, die nach ihrem 18. Geburtstag geheiratet hatten. Kinderehen münden gerade bei Mädchen oft in ein lebenslanges Abhängigkeitsverhältnis.

Auch wird von jungen Ehefrauen häufig erwartet, rasch ein Kind zu bekommen. Dem Weltbevölkerungsbericht 2020 von UNFPA zufolge erfolgen 90 % der Geburten durch 15- bis 19-Jährige im Globalen Süden in der Ehe (WHO 2008). In Afrika südlich der Sahara haben 96 % der Frauen zwischen 20 und 24 Jahren, die vor dem 18. Geburtstag verheiratet waren, schon mindestens ein Kind geboren. 56 % von ihnen haben im ersten Ehejahr entbunden und 28 % weniger als 24 Monate nach der ersten Geburt ein weiteres Kind zur Welt gebracht. In Lateinamerika und der Karibik hatten 86 % der minderjährig verheirateten Frauen bereits vor ihrem 20. Geburtstag ihr erstes Kind entbunden. Bei Schwangerschaft und Kindergeburt im Alter zwischen 15 und 19 Jahren treten sehr viel häufiger Komplikationen auf als in einem späteren Alter. Häufig ist der Körper einer Minderjährigen noch nicht ausreichend entwickelt, um eine Schwangerschaft auszutragen.

Eines der Hauptrisiken für Mädchen, die zu jung gebären, sind Scheidenfisteln - ein Hohlraum zwischen Scheide und Rektum, Blase und Rektum oder auch Beiden, was zu andauernder Inkontinenz führt. Oft wird eine Frau dafür von Ehemann oder Familie verstoßen und von der Versorgung ausgeschlossen. Mit 90 % ist ein stark verzögerter Geburtsverlauf die Hauptursache für Scheidenfisteln. Ist die Beckenöffnung noch zu klein und der Kopf des Babys bleibt im Geburtskanal hängen, wird das weiche Gewebe der Vagina eingeklemmt und der anhaltende Druck verursacht die Fistel.

Bei minderjährigen Müttern gibt es ein erhöhtes Risiko für Totgeburten, eine höhere Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen, ein niedrigeres Geburtsgewicht sowie mehr Krankheits- und Todesfälle bei Säuglingen und Kindern. Die Wahrscheinlichkeit einer Totgeburt oder des Todes des Neugeborenen liegt bei Gebärenden unter 20 Jahren sogar um 50 % höher als bei jungen Frauen, die später gebären (WHO 2017). Zudem sind Komplikationen während der Schwangerschaft und bei der Geburt weltweit die häufigste Todesursache bei Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Das Risiko der Müttersterblichkeit ist für Mädchen in diesem Alter rund 28 % höher als für Frauen zwischen 20 und 24 Jahren. Schon durch die Hinauszögerung der ersten Geburt bis zum 20. Geburtstag einer Frau kann das Risiko der Müttersterblichkeit also erheblich reduziert werden. Frühverheiratete Frauen, die jung Mutter werden, bekommen zudem im Durchschnitt mehr Kinder als Frauen, die später heiraten.

Auch werden minderjährige Ehefrauen oft von ihren Herkunftsfamilien, Freundinnen und dem weiteren sozialen Umfeld isoliert. Deshalb und aufgrund ihrer schwächeren Position, die sich oft allein aus dem Altersunterschied zum Ehemann ergibt, sind sie häufiger häuslicher Gewalt, sexuell übertragbaren Infektionen wie HIV, und ungewollten Schwangerschaften ausgesetzt. Häufig kennen junge Frauen auch ihre sexuellen und reproduktiven Rechte noch nicht oder können diese gegenüber dem meist älteren Ehemann nicht durchsetzen bzw. zumindest die Verwendung von Verhütungsmitteln verlangen. Kinderehen sind eng mit geschlechtsspezifischer Gewalt verbunden, weil sie durch Altersunterschiede, das Machtungleichgewicht zwischen den Eheleuten, eingeschränkte weibliche Autonomie und Selbstbestimmung, soziale Isolation und geschlechtsspezifische Normen gekennzeichnet sind, welche männliche Kontrolle und Gewalt rechtfertigen oder zumindest dulden.
Junge Ehefrauen tragen sehr früh schon Verantwortung für die Versorgung von Kindern und einen Haushalt, der oft noch weitere Angehörige des Ehemanns einschließt. Die Nachteile können sich auch in die nächste Generation fortsetzen, denn Kinder von jungen Müttern haben schlechtere Überlebens- und Bildungschancen.

Auch frühverheiratete Jungen werden in Rollenmodelle gezwungen, für die sie oft noch nicht bereit sind. So kann ihnen im jugendlichen Alter die Pflicht auferlegt werden, für eine ganze Familie materiell zu sorgen und alle wesentlichen Lebensentscheidungen für jedes einzelne Familienmitglied zu treffen. Ihre eigenen Bildungs- und Entwicklungschancen werden so ebenfalls stark eingeschränkt.

In 20 Ländern weltweit liegt das Mindestalter für eine Heirat ohne besondere elterliche oder gerichtliche Zustimmung für Mädchen und/oder Jungen bei 17 Jahren oder darunter. Gesetze sind ein wichtiger Schritt zur Verhinderung von Frühehen, aber bei weitem nicht der Einzige: Ehe und Familie gelten in etlichen Ländern als Schlüssel für das Überleben und Wohlergehen von Mädchen und Frauen. Gleichzeitig sind sie häufig ein Schauplatz von Diskriminierung und Gewalt, schädliche Praktiken eingeschlossen.

Wo Frauen und Mädchen aufgrund des sozialen und wirtschaftlichen Wandels und sich verändernder Geschlechternormen Alternativen zu einer Heirat und einen stärkeren Einfluss auf Familienplanung bzw. Entscheidungen über Zeitpunkt und Anzahl der Kindergeburten haben, findet fast automatisch ein Umdenken statt. Durch den öffentlichen Diskurs müsste dieses Umdenken aber noch gefördert werden. So sollte eine Frage z.B. lauten, inwieweit die Ehe eine Quelle von Ressourcen und Respekt sein kann, und eine andere, welche anderen Quellen einen gleichberechtigten Zugang zu Land, bezahlter Arbeit, Erbschaft und Bildung für Frauen und Mädchen gewährleisten.

96 - Verquere Familienehre

Manche mögen Stolz und Zugehörigkeit damit verbinden, andere Pflichten und Druck. In stark patriarchalen Kontexten kann der Erhalt der Familienehre Grund für eine (frühe) Zwangsverheiratung sein. Dabei wird mind. eine der Beteiligten durch Gewalt oder Drohungen zum Eingehen einer Ehe gezwungen. Bei einer Zwangsverheiratung im Namen der vermeintlichen Familienehre wollen Eltern oft sicherstellen, dass ihre Tochter als Jungfrau verheiratet wird.

Eine rechtzeitige Verheiratung soll vor einem als schädlich, ggf. auch als zu westlich erlebtem Lebensstil schützen und folglich die Ehre der Familie sichern. Auch wenn Eltern homosexuelle Neigungen bei Tochter oder Sohn vermuten oder sich das eigene Kind geoutet hat, versuchen Eltern dieser oft als nicht akzeptabel oder sündhaft empfundenen sexuellen Orientierung mit einer Zwangsverheiratung entgegenzuwirken. Weitere Motive wie der Erhalt von Geld oder einem Aufenthaltstitel für die Eheschließung können eine Rolle spielen. Meist wird ein Ehemann ausgesucht, der aus dem Familienumfeld oder engen Freundeskreis kommt. Die Vermutung dahinter: so jemand stiehlt sich nicht einfach aus der Verantwortung, sondern wird die Tochter und deren Kinder lebenslang versorgen. 93 % der Betroffenen von Zwangsverheiratung in Deutschland sind weiblich (BMFSFJ 2011). Oft werden sie in den Ferien im Herkunftsland der Eltern gegen ihren Willen verlobt oder verheiratet. Aber: Freie Partnerinnenwahl ist ein Menschenrecht!

In fast allen Ländern der Welt ist eine Zwangsverheiratung gesetzeswidrig. In Deutschland wird Zwangsverheiratung nach § 237 StGB mit bis zu 5 Jahren Haft geahndet. Auch Heiratsverschleppung ins Ausland wird bestraft. Allein der Versuch ist strafbar. Zwangsverheiratungen, die im Ausland vollzogen wurden, sind ebenfalls strafbar, da der Straftatbestand in den Katalog der Auslandstaten aufgenommen wurde. Dementsprechend können Tatpersonen, unabhängig von der jeweiligen Gesetzeslage vor Ort, in Deutschland verurteilt werden, vorausgesetzt, die Betroffenen haben ihren Wohnsitz oder regelmäßigen Aufenthalt in Deutschland.

Die vom BMFSFJ in Auftrag gegebene und von der Hamburger Lawaetz-Stiftung durchgeführte Studie Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen von 2011 untersuchte die Problematik der Zwangsehe erstmals bundesweit. Datengrundlage waren die Angaben von 830 Beratungseinrichtungen aus dem Jahr 2008. Darüber hinaus wurden Untersuchungen u. a. in Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe durchgeführt. 2008 wurden insgesamt 3.443 Personen in den Beratungsstellen registriert. In 40 % der Fälle war bereits eine Zwangsheirat vollzogen worden, 60 % waren von einer Zwangsehe bedroht. Die Dunkelziffer muss schon deshalb als höher angesehen werden, da sich von 1.445 Beratungsstellen nur 830 Einrichtungen zurückgemeldet hatten. Zudem hatten 25 % der Befragten über weitere betroffene Familienmitglieder berichtet. Etwas mehr als die Hälfte der dokumentierten Zwangsverheiratungen (52 %) wurden im Ausland durchgeführt oder dort geplant. 36,2 % der von Zwangsverheiratung Bedrohten befürchteten, dauerhaft gegen ihren Willen im Ausland verbleiben zu müssen.
Zwangsverheiratete oder davon Bedrohte sind fast zur Hälfte (44 %) deutsche Staatsbürgerinnen, die Mehrheit der Beratenen hatte jedoch einen Migrationshintergrund. Die meisten wurden in Deutschland geboren (32 %), gefolgt von der Türkei (23 %), Serbien, Kosovo oder Montenegro (8 %) und dem Irak (6 %). Die Eltern der Betroffenen waren zu 83 % Muslime. Bei ihnen war die Türkei mit 44 % das häufigste Herkunftsland. Knapp zwei Drittel der Betroffenen von Zwangsehen (59,4 %) stammten aus stark religiösen Familien.

Die Studie legte auch den Zusammenhang zwischen Zwangsheirat und familiärer Gewalt offen: zwei Drittel der Betroffenen (67 %) erlebten psychische oder körperliche Gewalt, 27 % erzählten von Bedrohungen mit Waffen und/oder Morddrohungen, 11 % berichteten, sexualisierte Gewalt erlitten zu haben.

95 - Eine Frage der Ehre?

Welche Gefühle verbindet ihr mit dem Begriff Ehre? Was verletzt eure Ehre?

Weltweit werden jährlich 5.000 Ehrenmorde begangen, meist in Südasien – in Indien und Pakistan allein 2.000 – und im Mittleren Osten (UNFPA 2000). Die Dunkelziffer gilt als weit höher. Ehre oder Familienehre wird in kulturellen Kontexten unterschiedlich definiert. In stark patriarchalen Gesellschaften ist die Familienehre abhängig vom richtigen (sexuellen) Verhalten der weiblichen Mitglieder. Werden Verstöße gegen die tradierten Normen bekannt, schädigt das die Ehre und das gesellschaftliche Ansehen der gesamten Familie. Eine Frau muss z.B. jungfräulich in die Ehe gehen und in der Ehe treu sein. Selbst der Verdacht oder ein Gerücht über den Umgang eines weiblichen Familienmitglieds mit einem fremden Mann oder Jungen kann bereits als Ehrverletzung gelten. Auch eine Vergewaltigung kann zum Verlust der Familienehre führen. Zudem kann eine Frau die Familienehre verletzen, wenn sie nicht den gewünschten Partner hat, sich von ihrem Partner trennt oder eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingeht bzw. eingehen will. Auch ein westlicher Lebensstil kann als Ehrverletzung wahrgenommen werden.

Aufgabe der Männer ist es, das Verhalten der Frauen zu kontrollieren und die Ehre zu schützen. Ein Ehrenmord kann in diesem Kontext als notwendige Reaktion auf eine Ehrverletzung gelten. Es findet eine Form der Selbstjustiz statt. Gewalt im Namen der Ehre wird i.d.R. von der ganzen Familie ausgeübt. Als Tatpersonen kommen demnach mehrere Personen in Frage: Vater, Bruder, Onkel, Cousin etc. Auch der Kreis der potenziellen Betroffenen ist dementsprechend größer (Schwester, Tochter, Cousine etc.).

Eine verletzte Familienehre ist erst dann bereinigt, wenn die Beschuldigte umgebracht worden ist. Daher besteht auch viele Jahre, nachdem ein Mädchen oder eine Frau vor ihrer Familie geflohen ist, die Gefahr, von der Familie umgebracht zu werden. Die Frauen müssen sich oft ihr ganzes Leben lang verstecken.

Die Aufklärungsrate von Ehrverbrechen ist in stark patriarchalen Gesellschaften sehr niedrig: häufig wird der Ehrenmord von den Familien als Unfall oder Selbstmord dargestellt oder es wird eine Vermisstenmeldung aufgegeben, um die Behörden zu täuschen. Zudem ist die Bereinigung der Familienehre in stark patriarchalen Kontexten gesellschaftlich legitimiert. Die Polizei wird in vielen Fällen nicht aktiv, um bedrohte Mädchen und Frauen zu schützen. Im Gegenteil: bedrohte Frauen, die bei der Polizei Schutz suchen, werden oft wieder zu ihren Familien zurückgeschickt und kurz darauf ermordet aufgefunden.

In einigen Ländern wie Jordanien existieren spezielle Gesetze, die eine Strafmilderung oder Straffreiheit für Ehrverbrechen ermöglichen. Dann kann z.B. ein mildes Urteil ergehen, wenn ein Angeklagter durch provokantes oder unrechtes Verhalten der Betroffenen gereizt wurde. Die Tatpersonen erhalten oft nur geringe Gefängnisstrafen von ca. 6 Monaten. Häufig werden zudem minderjährige Brüder der Frau vorgeschoben, die Tat zu begehen, um von vornherein eine Strafmilderung oder Straffreiheit zu erwirken. In einigen Ländern, v.a. auf dem südasiatischen Kontinent, ist auch informelle Gerichtsbarkeit gängig und kann Frauen erheblich benachteiligen oder schlimmstenfalls zu ihrem Tod führen. Überall, wo die gesetzliche Strafverfolgung nicht stark genug ist oder arme Menschen sie sich nicht leisten können, wird auf Stammesgerichte oder kastenbasierte Dorfjustizsysteme (Panchayat) zurückgegriffen. Es kann durchaus vorkommen, dass diese im Fall eines Ehrverbrechens die Bestrafung oder den Tod einer Frau verlangen.

94 - Kind bleiben dürfen

Für TERRE DES FEMMES ist Frühverheiratung eine Form der Zwangsverheiratung. Selbst bei Zustimmung können Kinder die Folgen einer Frühehe oft nicht einschätzen. Das Recht auf Selbstbestimmung und freie Partnerinnenwahl bleibt ihnen so verwehrt. Um Frühehen zu verhindern, muss das Mindestheiratsalter weltweit – so wie in Deutschland 2017 – auf ausnahmslos 18 Jahre angehoben werden. Außerdem muss Bildung allen Mädchen und Frauen zugänglich sein: in Schulen können Mädchen über ihre Rechte aufgeklärt und Alternativen zu einer Frühverheiratung aufgezeigt werden.

Schätzungsweise 650 Millionen heute lebende Mädchen und Frauen sowie 115 Millionen Jungen und Männer weltweit wurden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Jährlich werden 12 Millionen Mädchen frühverheiratet (UNICEF 2018).

In Deutschland wurde das Mindestheiratsalter bzw. das Alter der Ehemündigkeit am 22. Juli 2017 auf ausnahmslos 18 Jahre festgelegt. Eheschließungen sind nur noch möglich, wenn beide Eheleute volljährig sind. Bis dahin war eine Heirat zwischen einer Person, die das 16. Lebensjahr vollendet hatte, und einer volljährigen Person erlaubt, wenn das Familiengericht dem zustimmte. Diese Ausnahme gilt nun nicht mehr. Ehen, die unter Verstoß gegen die neue Ehemündigkeitsbestimmung im Alter zwischen 16 und 18 Jahren geschlossen wurden, werden zukünftig durch richterliche Entscheidung aufgehoben. Wenn eine der verheirateten Personen zum Zeitpunkt der Heirat das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, ist die Ehe automatisch und ohne ein gerichtliches Verfahren ungültig. Diese Regelungen greifen auch, wenn eine Frühehe nach ausländischem Recht geschlossen wurde. Bei Aufhebungen von Ehen ist allerdings zu prüfen, ob Kinder nicht zusätzlichen Risiken ausgesetzt werden bzw. das Wohl des Kindes muss Grundlage für jede juristische Entscheidung sein. So kann es etwa sein, dass betroffene Mädchen bei Annullierung der Ehe Unterhalts- und Erbrechtsansprüche verlieren oder gemeinsame Kinder als nichteheliche Kinder angesehen werden. Daher ist immer der Einzelfall zu prüfen.

2016, also vor der Gesetzesänderung, lebten 1.475 minderjährig Verheiratete in Deutschland, 78 % davon weiblich (Statista 2016). Am häufigsten von einer Frühehe in Deutschland betroffen waren Minderjährige aus Syrien (664 bzw. 45 %), Afghanistan (157 bzw. 11 %), dem Irak (100 bzw. 7 %), Bulgarien (65 bzw. 4 %), Polen (41 bzw. 3 %), Rumänien (33 bzw. 2 %) und Griechenland (32 bzw. 2 %). 994 der Jugendlichen (67 %) waren 16 bis unter 18 Jahre alt, 361 (24 %) jünger als 14 Jahre. Von 2017 bis 2019 wurden 813 Kinderehen gemeldet (TDF 2019), jedoch nur 10 davon aufgehoben. Das Problem besteht u.a. im Fehlen einer bundesweit einheitlichen Regelung, welche Behörde für das Thema Frühehen verantwortlich ist. Viele Bundesländer führen auch keine Statistiken über Kinderheirat. Vor diesem Hintergrund werden viele Fälle gar nicht erst gemeldet. Manchmal fällt erst auf, dass ein Mädchen minderjährig ist, wenn die Geburt des ersten Kindes im Standesamt registriert wird.

Die Corona-Krise verschärft das Problem noch weiter. Viele Schulen, Sport- und Freizeiteinrichtungen für Jugendliche und weitere Orte, an denen Frühehen häufig bemerkt werden, Betroffene Unterstützung finden können und Präventionsprojekte durchgeführt werden, wurden geschlossen. Auch die nach rein religiösem oder sozialem Ritus geschlossene Frühehe ist ein Problem. Sie ist genauso bindend, steht aber bisher nicht unter Strafe. Daher bräuchte es den Zusatz eheähnliche Verbindungen im Gesetz.  

93 - Anreize

Trotz eines vielerorts gesetzlich festgelegten Mindestheiratsalters von 18 Jahren finden sogenannte Kinderheiraten nach dem Weltbevölkerungsbericht 2020 von UNFPA weltweit jeden Tag 33.000-mal statt. Eine Kinderheirat liegt dann vor, wenn mindestens eine der Ehepartnerinnen das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Insgesamt sind 765 Mio. Menschen als Kinder verheiratet worden, 650 Mio. davon weiblich (UNICEF 2019). Kinderheirat ist unter den heute noch existenten schädlichen traditionellen Praktiken gegen Frauen und Mädchen, wie weiblicher Genitalverstümmelung, Brustbügeln, Ernährungstabus, Brautpreis oder weiblichen Fötiziden, am weitesten verbreitet. Kinderheiraten kommen weltweit, in allen ethnischen, sozialen und religiösen Kontexten vor, besonders stark sind sie aber in stark hierarchisierten Gesellschaften verbreitet, in denen Männer über Frauen und Ältere über Jüngere Macht haben und Mädchen nicht bei den ihr eigenes Leben betreffenden Entscheidungen mitreden dürfen. Kinderheiraten gehen mit hohen wirtschaftlichen Folgekosten einher. Die Weltbank schätzt den Verlust an Humankapital allein in den 12 Ländern, in denen Frühverheiratungen am weitesten verbreitet sind, von 2017 bis 2030 auf 63 Milliarden US-Dollar - ein Vielfaches dessen, was diese Länder an Entwicklungshilfe beziehen.

Armut, Unsicherheit und fehlende Bildungs- bzw. Berufschancen lassen eine Kinderehe im Kontext von Geschlechterungleichheit oft als die beste Wahl für Mädchen erscheinen. Von den Mädchen, die z.B. in Indien minderjährig verheiratet wurden, gehörten 46 % der untersten Einkommensschicht an. Trotz der Einführung kostenfreier Grundbildung in vielen Ländern stellen die Kosten für Transport, Bücher und Schuluniformen für arme Familien oft Hürden dar. Für die weiterführende Schule fallen in der Regel Gebühren an. In kinderreichen Familien wird häufig Söhnen der Vorzug gegeben, wenn das Geld nicht reicht, um Alle zur Schule zu schicken. Gerade im Globalen Süden haben Mädchen daher kaum Chancen auf berufliche Perspektiven und ein eigenes Einkommen. Von einer Frühverheiratung versprechen sich Eltern dann die Absicherung der Tochter.

Manche Familien möchten durch Kinderehen auch Bündnisse schließen oder festigen, Schulden begleichen oder Streitigkeiten beilegen. Einige hoffen, dass ihre Kinder genug eigene Kinder bekommen, damit sie im Alter versorgt sind. Oder sie müssen für eine jüngere Braut weniger Mitgift zahlen bzw. erhalten einen höheren Brautpreis. Oft soll die Ehe vor sexualisierter Gewalt oder Ehrverlust durch vorehelichen Sex schützen.

Humanitäre Krisen befördern Kinderehen. Die Zahl der Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag, im Jemen heiraten, stieg von 50 % vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges auf über 65 % heute. Vor dem Syrien-Krieg 2011 wurden 13 % der Mädchen dort frühverheiratet, 2018 waren es in Jordanien 36 % und im Libanon 41 % der aus Syrien geflüchteten Mädchen (IBEI 2018).

Wenn Mädchen selbst die Wahl haben, entscheiden sie sich fast immer dafür, später zu heiraten. Daher ist Bildung ein Schlüssel zur Verhinderung von Frühehen: je besser Mädchen befähigt werden, ihre Rechte zu kennen, eigene Entscheidungen zu treffen und ihre Zukunft zu planen, desto seltener werden sie frühverheiratet. Mädchen ohne Schulbildung werden dreimal und Mädchen mit Grundschulabschluss doppelt so häufig frühverheiratet wie Mädchen mit einer Sekundarschul- oder weiterführenden Bildung. In Indien wurden z.B. 51 % der Mädchen ohne Schulbildung im Vergleich zu 29 % der jungen Frauen mit Sekundarschulbildung und lediglich 4 % der jungen Frauen mit weiterführender Bildung vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. In Niger schließen nur 17 % der Mädchen die Sekundarstufe I ab und 76 % der Mädchen – weltweit die meisten – werden minderjährig verheiratet.

92 - Abtrainiert

Nur manche Männer, die Gewalt ausüben, werden gerichtlich zu Anti-Aggressionstrainings verpflichtet. In den Trainings werden sie mit ihrem Verhalten konfrontiert. Viele sehen sich als Opfer der Umstände und nicht für ihre Taten verantwortlich. Im Rahmen der Trainings lernen sie, innere Warnlampen zu erkennen und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Therapeutinnen zufolge üben Männer häufig Gewalt aus, um Gefühle zu kompensieren und damit Konflikte aus ihrer Sicht zu beenden.

Die Folgen häuslicher Gewalt sind sowohl akut als auch langfristig. Sie sind körperlicher, psychischer, finanzieller und sozialer Natur.

Körperliche Folgeschäden häuslicher Gewalt können z.B. Knochenbrüche, die Schädigung innerer Organe, Hirnschädigungen aufgrund von Schlägen auf den Kopf, schlecht verheilte Narben am ganzen Körper, Entstellungen im Gesicht, verminderte Seh- und Hörfähigkeit, Unterleibsverletzungen durch Tritte und Schläge oder erzwungene Abtreibungen sein. Vergewaltigungen bewirken anale und vaginale Verletzungen und Blutungen, Blasenentzündungen, Geschlechtskrankheiten, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten. Schlimmstenfalls kommt die Betroffene durch die Gewalt zu Tode. Außerdem kommt es häufiger zu Krankheiten mit psychosomatischen Aspekten: Magengeschwüre, Thrombosen, Herzschmerzen, ständige Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen etc.

Psychische Folgeschäden häuslicher Gewalt schließen Angstzustände, Schlafstörungen, Misstrauen, Depression, Scham- und Schuldgefühle, Gefühle der Beschmutzung und Stigmatisierung, ein niedriges Selbstwertgefühl, Todeswünsche, Verzweiflung, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Abhängigkeit von Drogen und Medikamenten und Suizid(-versuche) ein. Dauert die Misshandlung über einen längeren Zeitraum an und fehlt gleichzeitig soziale Unterstützung, verliert die Betroffene den Glauben in die eigene Sicherheit und Unverletzlichkeit. Die Folge: Rückzugstendenzen, Veränderungen des Wertesystems, Wahrnehmungsstörungen bis hin zu schweren psychischen Störungen und Erkrankungen wie Borderline und dissoziativen Identitätsstörungen. Auch geringes oder völlig fehlendes Selbstvertrauen, Passivität und Ambivalenz bei Entscheidungen sind schwerwiegende Folgen von häuslicher Gewalt, die sich stark auf das Leben der Betroffenen auswirken. Gerade diese Folgen werden im öffentlichen Bewusstsein meist mit den Ursachen verwechselt. So wird immer wieder angenommen, dass Betroffene nichts zur Veränderung ihrer Situation beitragen wollen, oder dass Betroffene misshandelt werden, weil sie ambivalent oder passiv sind.

Das Verhalten von Betroffenen kann aber auch denselben psychischen Mechanismen folgen, die auch bei Geiselopfern zu finden sind, das heißt: sie passen sich der Tatperson an, um zu überleben (Stockholm-Syndrom). Dadurch wird die Bindung an die Tatperson so stark, dass deren Perspektive häufig vom Opfer übernommen wird.

Es sind auch meist die Betroffenen, die die sozialen und finanziellen Konsequenzen von häuslicher Gewalt tragen. Sie leiden nicht nur unter sozialer Isolation, sondern müssen ihre Wohnung und die gewohnte Umgebung verlassen, wenn sie in ein Frauenhaus fliehen. Sie verzichten auf gemeinsames oder sogar ihr persönliches Eigentum, um in Ruhe gelassen zu werden. Tatpersonen zerstören Gegenstände, die der Partnerin gehören, und ersetzen sie nicht. Viele Betroffene verzichten aus Angst vor weiteren Angriffen auf Unterhalts-, Vermögensausgleichs- oder Schadensersatzzahlungen.
In der Regel besteht kein tragfähiges soziales Netz zur Unterstützung der Betroffenen; ihre Kontakte werden unterbunden oder unterliegen der Kontrolle durch die Tatperson. Von häuslicher Gewalt Betroffene fehlen zudem häufiger am Arbeitsplatz, lassen in der Arbeitsleistung nach, sind weniger belastbar und verlieren deshalb manchmal sogar ihre Stelle. Die Auswirkungen körperlicher oder seelischer Verletzungen können so gravierend sein, dass die Betroffenen nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr erwerbsfähig sind.

Eine der fatalsten Konsequenzen häuslicher Gewalt ist die Tatsache, dass sie an die nachfolgende Generation weitergegeben wird. Kinder aus gewalttätigen Beziehungen sind immer auch Betroffene von häuslicher Gewalt. Kinder werden durch diese Erfahrungen schwersttraumatisiert, darüber hinaus erlernen sie destruktive und negative Verhaltens- und Geschlechterrollenmuster. Oft fühlen sie sich mit verantwortlich, schuldig, hilflos, allein gelassen, ausgeliefert, in vielen Fällen versuchen sie einzugreifen und werden dabei selbst verletzt. Je nach Alter zeigen Kinder verschiedene unspezifische Symptome, sie können sehr unterschiedlich auf die Traumatisierung reagieren. Einige der verbreiteten Folgen sind:

Angstzustände und Depressionen, Schlafstörungen, Flashbacks und Albträume, psychosomatische Beschwerden, Schwierigkeiten in der Schule, Stimmungsschwankungen, Aggressivität, niedriges Selbstwertgefühl, Alkohol- und Drogenkonsum, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen etc.

91 - The future is now!

Bringen solche Erfindungen Veränderung?

Es gibt bereits einige Erfindungen, die Menschen insbesondere vor sexualisierter Gewalt schützen sollen. Pfefferspray und Taschenalarm – ein kleiner Apparat, der Angreifende durch einen lauten Ton vertreiben soll – sind vermutlich besonders bekannt. Entwickelt wurde auch ein Armband namens XantusDrinkcheck: ein Papierstreifen, der am Handgelenk befestigt wird.

Auf dem Testfeld des Streifens können Trägerinnen, die in einem Club oder einer Bar auf ein Getränk eingeladen wurden, ein paar Tropfen desselben träufeln. Nach wenigen Minuten gibt der Papierstreifen darüber Aufschluss, ob K.O.-Tropfen hineingemischt wurden. Oder das Invi Bracelet, das bei Aktivierung des Armbands einen extrem übelriechenden Stoff freisetzt. Das soll Angreifende in die Flucht schlagen und zugleich die Aufmerksamkeit von Passantinnen erregen. Auch Anti-Vergewaltigungshosen sind auf dem Markt: Die sogenannte Safe Shorts ist eine Sporthose, die mit reißfesten Schnüren festgezurrt und abgeschlossen wird. Wenn jemand an den Shorts zerren sollte, lassen sich diese nicht nur nicht ausziehen, sondern es wird auch ein durchdringender Alarmton ausgelöst. Die Erfinderin entwickelte die Idee v.a. für Joggerinnen, die in einsamen Gegenden oder abends bei schlechter Beleuchtung laufen gehen, nachdem sie selbst beim Joggen angegriffen worden war. Mit Rape-aXe können sich Frauen, die bereits einem sexuellen Übergriff ausgesetzt sind, rabiater wehren: dafür muss vorab das Femidom in die Vagina eingeführt worden sein. In dessen Inneren sind Klingen befestigt, die sich im Fall einer Penetration in den Penis einhaken und dann nur noch mit medizinischen Fachkenntnissen entfernt werden können. Rape-aXe soll indirekt präventiv helfen, damit Tatpersonen nicht erneut vergewaltigen. Die WayGuard-App sendet GPS-Daten an zuvor ausgewählte Kontaktpersonen und an eine Leitstelle. So können sich Frauen auch auf Distanz begleiten lassen und im Notfall schnell Hilfe verständigen. Etwas anders funktioniert die Yes to Sex-App: dabei geht es darum, vor dem Sex nochmal kurz innezuhalten und über das Handy explizit die Zustimmung der Beteiligten durch das Setzen einiger Häkchen festzuhalten. U.a. gilt es, sich gemeinsam auf eine Verhütungsmethode zu einigen und ein lautes Ja oder Nein aufzunehmen.

Alle Innovation in Ehren – Erfindungen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt verfestigen auch die Fehlannahme, dass Frauen zu Opfern werden, weil sie sich nicht genug schützen. Suggeriert wird z.B., dass sexuelle Übergriffe meist von Fremden in verlassenen oder dunklen Gassen, Parks oder Wäldern ausgehen. Gewalttätige Beziehungen, Vergewaltigungen durch Bekannte und gewalttätige Übergriffe im Arbeitskontext sind jedoch allein schon statistisch deutlich häufiger, von der Dunkelziffer ganz zu schweigen.

22 % der EU-Bürgerinnen glauben, dass Frauen Vergewaltigungsvorwürfe oft erfinden oder übertreiben. 27 % halten Sex ohne Einwilligung in manchen Situationen für gerechtfertigt (Eurostat 2016). Anstatt gegen solche Auswüchse der Rape Culture und die Objektifizierung von Frauen zu kämpfen, verschiebt der Schütz dich!-Diskurs die Verantwortung zur Verhinderung von sexualisierter Gewalt auf die potentiellen Betroffene. Impliziert wird: Frauen sollen Männer daran hindern, sie zu vergewaltigen, anstatt dass Männer selbst Verantwortung übernehmen und nicht vergewaltigen. Frauen schützende Tools an die Hand zu geben ist aber noch keine effektive Prävention.

Es kann sogar in Frage gestellt werden, ob Anti-Rape-Gadgets Tatpersonen im strafrechtlichen Kontext nicht eher in die Hände spielen. In Australien entschied z.B. vor einiger Zeit ein Richter, dass in einem Vergewaltigungsfall angeblich Konsens über den erfolgten Geschlechtsverkehr vorgelegen haben müsse, da die betroffene Frau enge Jeans trug, die ihr die Tatperson, so die Annahme, ohne Hilfe der Frau nicht hätte ausziehen können. Was also, wenn die Safe Shorts nicht funktionieren und von der Tatperson doch entfernt werden können? Wird frau dann in Zukunft vor Gericht selbst für die Vergewaltigung verantwortlich gemacht? Oder dafür, dass sie keine Safe Shorts getragen hat?

Echte Veränderung hieße, anzuerkennen, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben, und Gewalt konsequent zu bestrafen. Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern muss in der familiären und schulischen Erziehung verankert und im Alltag gelebt werden. Sexualisierung und Objektifizierung von Frauen dürfen nicht toleriert werden. Sexualisierte Gewalt gilt es sozial zu ächten und konsequent zu bestrafen. Nichts rechtfertigt Gewalt. Zudem darf in keinem Kontext infrage gestellt werden, dass die Verantwortung für verübte Gewalt allein die Tatperson trägt.