Eindrücke aus Burkina Faso: Zu Besuch bei der TDF-Partnerorganisation ABN
Drei Fragen an IZ-Referatsleiterin Birgitta Hahn
Im November 2025 reiste Birgitta Hahn, Referatsleiterin für Internationale Zusammenarbeit bei TDF, für zwei Wochen in die Sahelzone – in eine Region, die derzeit eine der am schnellsten voranschreitenden humanitären Krisen der Welt erlebt. Dabei besuchte sie auch die TDF-Partnerorganisation ABN (Association Bangr Nooma) in Burkina Faso, die sich seit über 25 Jahren unermüdlich gegen weibliche Genitalverstümmelung (engl. FGM) und andere Gewalt an Frauen einsetzt. Im Interview berichtet Birgitta von der Geschichte einer Betroffenen, aber auch von einem Schultheaterprojekt, das beweist: Aufklärung kann Tabus brechen und junge Menschen zu BotschafterInnen des Wandels machen.
Du warst kürzlich zu Besuch bei ABN in Burkina Faso. Gab es etwas Neues, das du bei deinem Besuch gelernt hast – etwas, das dir vorher nicht so bewusst war oder dir besonders in Erinnerung bleiben wird?
Birgitta: Besonders eingeprägt haben sich mir Fälle, in denen patriarchale Muster so stark verinnerlicht waren, dass den Betroffenen dringend benötigte Hilfe verweigert wurde oder sie bedroht wurden, sollten sie sich gegen die Gewalt wehren: ich sprach mit einer Frau, siebenfache Mutter, die 25 Jahre lang häuslicher Gewalt durch ihren Partner ausgesetzt war. Da ihr Mann nicht viel verdiente, trug sie mit Markthandel zum Familieneinkommen bei. Ihr Mann war chronisch eifersüchtig und unterstellte ihr, sich auf dem Markt mit anderen Männern zu treffen. Seine Gewaltausbrüche wurden immer schwerwiegender und schließlich flüchtete die Frau zu ihrer Schwester. Daraufhin lauerte ihr der Mann auf dem Markt auf und griff sie mit einer Steinschleuder an, durch die sie ihr rechtes Auge verlor. Noch mehr als die brutale Tat und die jahrelange vorherige Gewalt hat mich fassungslos gemacht, dass der Frau dringend benötigte Hilfe schlicht verweigert wurde. Nicht nur von Seiten der Schwiegerfamilie, die ihr drohte, sollte sie die Gewalt anzeigen. Sondern auch seitens der Polizei, bei der die Frau schon vor vielen Jahren Anzeige erstattet hatte. Die Polizei hatte die Frau mit der Anzeige wieder nach Hause geschickt - sie könne sie ja persönlich ihrem Mann übergeben. Auf ihren Einwand, er würde sie dann töten, sagte die Polizei, eine Familie gehöre eben zusammen, und rechtliche Schritte zerstörten eine Familie. Solche Fälle machen einem bewusst, wie wichtig Aufklärungsarbeit ist. Gegenüber Behörden wie der Polizei, aber auch in der Gesamtgesellschaft.
Du hast während deines Aufenthalts ein Schultheaterstück besucht, das Teil der Aufklärungsarbeit von ABN ist. Worum ging es in dem Stück, und wie haben die Zuschauer:innen darauf reagiert? Gab es Momente, die besonders einprägsam geblieben sind?
Birgitta: Ich war zu Besuch an einer Schule, an der ABN viel Sensibilisierungsarbeit macht. Jüngst haben die Lehrkräfte dort mit Unterstützung von ABN Theaterstücke mit den SchülerInnen einstudiert. Die Vorschläge zum Thema "Menschenrechte von Mädchen" kommen dabei von den SchülerInnen selbst. In dem Stück, das sie aufführten, ging es um weibliche Genitalverstümmelung (engl. FGM). Die jungen SchauspielerInnen zeigten, wie FGM meist über den Kopf der Betroffenen hinweg von den Eltern entschieden wird und welche schweren Folgen es haben kann - in dem Theaterstück stirbt das betroffene Mädchen. Da ist dann auch das Publikum sehr mitgegangen. Vorher wurde manchmal noch gekichert, weil es sicher lustig ist, MitschülerInnen auf der Bühne zu sehen, am Schluss wurde es aber ganz still. Besonders einprägsam fand ich, dass die SchülerInnen in dem Stück die Schmerzen des betroffenen Mädchens laut wiedergaben - obwohl Mädchen bei dem Eingriff traditionell keinen Laut von sich geben dürfen. Mit diesem Tabu bewusst zu brechen, fand ich bemerkenswert.
Inwieweit hat Aufklärungsarbeit das Potential, das Bewusstsein der Menschen vor Ort, insbesondere bei jüngeren Generationen, zu beeinflussen?
Birgitta: Aufklärungsarbeit ist meiner Erfahrung nach unverzichtbar. Gerade Menschenrechtsverletzungen wie FGM oder sexualisierte Gewalt sind meist stark tabuisiert - darüber zu sprechen ist in den entsprechenden Gemeinschaften streng verboten. Dies zeigt ja, welche Macht das Wort hat bzw. wie groß die Angst davor ist, und welchen Einfluss Informationen auf Einstellungen und Praktiken haben. Hätte nie jemand gewagt, zu sagen, dass FGM Mädchen und Frauen erheblichen körperlichen und seelischen Schaden zufügen kann, gäbe es noch heute kein Gesetz gegen FGM. Junge Menschen sind die Zukunft. Manche Eltern sind ihren Kindern ein starkes Vorbild und erziehen sie z.B. geschlechtergerecht. In anderen Fällen sind es die Kinder, die ihre Eltern zum Nach- und vielleicht auch Umdenken bringen, indem sie zu ihren Überzeugungen stehen und z.B. ihr Veto einlegen. Dafür braucht es immer und in allen Fällen Wissen über die eigenen Rechte und Handlungsmöglichkeiten. ABN vermittelt dies. Aufklärungsarbeit ist manchmal mühsam und fast immer weht auch Gegenwind aus der einen oder anderen Richtung. Aber ohne Aufklärungsarbeit geht es nicht. Sie lohnt sich immer, auch wenn Veränderung einen langen Atem braucht.
Werden Sie Teil des Wandels!
Angesichts der humanitären Krise ist die Arbeit von ABN wichtiger denn je. Während staatliche Einrichtungen in mehreren Regionen des Landes zusammengebrochen sind, erreicht ABN weiterhin Gemeinschaften vor Ort, klärt über Frauenrechte auf und steht Betroffenen zur Seite. Tagen Sie mir Ihrer Spende zum Wandel in Burkina Faso bei – für die Rechte und Sicherheit von Frauen! Wir danken Ihnen von Herzen!