Risiken für Zwangsverheiratung und „Ehren“-Mord steigen – Standesamtliche Trauung muss wieder Vorrang vor der religiösen haben! (25.10.2012)

Berlin, 25.10.2012. Heute erschien die erweiterten Taschenbuchausgabe "Richter ohne Gesetz" von Joachim Wagner. Der Ullstein Taschenbuch Verlag und TERRE DES FEMMES hatten dafür zur Pressekonferenz eingeladen. Die Auswirkungen des praktizierten islamischen Ehe- und Familienrechts werden in dem Buch anhand zahlreicher Einzelfälle der TERRE DES FEMMES-Beratungsstelle anschaulich beschrieben. Auf der Pressekonferenz sprachen der Autor Joachim Wagner, die TERRE-DES-FEMMES-Referentin Rahel Volz und Brigitte Zypries, SPD.

Migrantinnen der dritten Generation in Deutschland leben in kulturellen Spannungswelten. Nach Ansicht des Psychologieprofessors Kizilhan wird die Zahl der sogenannten Ehrenmorde in den nächsten Jahren noch ansteigen. Diese Prognose lässt sich auf Zwangsverheiratungen übertragen.

Auch wenn die Elterngeneration ein vergleichsweise liberales Leben führt, gelten diese Regeln nicht immer für die Erziehung und Lebensweise ihrer Kinder. Einige Eltern verbieten ihren Töchtern sich auf Nicht-Muslime einzulassen. Zugleich kennen diese Töchter die Lebensweisen ihrer gleichaltrigen MitschülerInnen. Diese fungieren vielfach als Vorbilder eines freieren Lebens.

Beide Faktoren führen dazu, dass sich immer mehr Jugendliche mit Migrationsgeschichte gegen die von den Eltern zugedachte Rolle auflehnen. Wir müssen damit rechnen, dass sich zukünftig immer mehr junge Frauen gegen eine erzwungene Ehe wehren. So suchten 2011 in der Beratungsstelle von TERRE DES FEMMES über 90 Mädchen und Frauen Hilfe wegen einer Zwangsheirat und die Zahlen steigen: Bis Ende September 2012 meldeten sich bereits soviele junge Frauen bei TERRE DES FEMMES wie im gesamten Jahr zuvor. Es ist höchste Zeit, dass die Finanzierung der Beratungs- und Kriseneinrichtungen dem tatsächlichen Bedarf angepasst wird!

Personenstandsrecht muss geändert werden, auch um Zwangsehen zu verhindern!

Am 1. Januar 2009 trat das neue Personenstandsgesetz in Kraft. Es fielen die Paragrafen weg, die eine kirchliche Eheschließung ohne vorausgehende standesamtliche Trauung verbieten. Durch unsere Beratungstätigkeit sind TERRE DES FEMMES Fälle bekannt geworden, in denen junge Frauen mit 14 Jahren religiös verheiratet wurden und mit Erreichen der Volljährigkeit die zivile Ehe „nachgeschoben“ wurde.

Nach Schätzungen von ExpertInnen werden 10 bis 20 Prozent aller muslimischen Ehen in Deutschland nur religiös geschlossen sogenannte Imam-Ehen. Rein religiöse Eheschließungen können eine verstärkte Abhängigkeit der Ehepartnerin fördern: Die betroffenen Frauen haben keinen Anspruch auf Unterhalt, es gibt keine Schutzvorschriften für die finanziell Schwächeren beim Scheitern einer Ehe. Mehrfach-Ehen werden durch das Gesetz quasi "legalisiert", eine rein religiöse Zwangsverheiratungen lässt sich strafrechtlich nicht verfolgen.

Joachim Wagners Buch "Richter ohne Gesetz" macht deutlich, dass es sich bei der religiösen Voraustrauung nicht um „harmlose Folklore“ handelt. Die religiöse Ehe wird in fundamentalistisch ausgerichteten Religionsgemeinschaften als verbindlich angesehen und leistet der Entrechtung betroffener Frauen und Mädchen Vorschub.

Joachim Wagner fragt sich in seinem Buch, was noch alles passieren muss, bis die deutsche Strafjustiz ein Zeichen setzt gegen Gewalt und Demütigungen an diesen Frauen. Deshalb fordert TERRE DES FEMMES die Zurücknahme des 2009 in Kraft getretenen Gesetzes. Zudem muss dieser Gesetzesbruch nicht wie zuvor als Ordnungswidrigkeit gelten, sondern mit echten Sanktionen geahndet werden.

Für Nachfragen und Interviews stehen wir gerne zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich an TERRE DES FEMMES, Rahel Volz, Referentin GNE, Tel. 030/40504699-25 oder per E-Mail an: presse@frauenrechte.de.

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